Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-05-10 · Heft 18 (10.5.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 18 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692529--03195-2697864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

,2-^CKwr.erji»w»Tw ^tanüfntfet ftttlitislhes JFamilirnblatt Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (rin» schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen.- Deutschland und Oesterreich-Ungarn M. 1,5V, sonstige Ander M. 2.— Redaktion und ^efchäftsftel Srrmltturt a. M., Lleichßraße 2, Lcke vilbtlrrstraße P-r-fo» 10507. Keransg-Ser: Kaks cheis. . Jnsertionspreife: Di« viergespaltene Petitzeile. «PK- Die Rellmnezeile. m .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. »eilagen: Preis nach Ueberevckunst. 5. Jahrgang. Freitag, den 26. Ijar 5667 (1V. Mai 1907). No. 18. Inhalt des HauptblatteS. Artikel: Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. — Die Emigrationssrage in Rumänien. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ost und West. — Wochen- Kalender. — Familien-Nachrichten. Religion, Nationalität und Staatsbürgertnm. (Warum wir uns nicht taufen.) Von S. Ben-Dauw. Es war uns von jeher bekannt, daß unsere Tochter die Eigenheit der meisten 19jährigcn junge» Damen besitzt: sie nröchte von allen gehuldigt und angebetet sein; niemand darf sich dem Zauber ihrer Reize entziehen — bei Strafe ewiger Ungnade. . . . Ja, sie geht darin so weit, daß sie sogar auf ihre eigene Mutter eifersüchtig ist. und es sehr ungern sieht, wenn die kleine Zahl ihrer alter Verehrer ihr die Treue wahrt. Dies wäre ein sehr unschöner und unkindlicher Charakterzug, der manche äußere Schönheit aufwiegen und verdunkeln könnte. Alleich man muß bedenken, daß diese Eigenheit nicht ausschließlich in einfacher Gefallsucht und gewöhnlicher Rechthaberei seinen Grund hat. Vielmehr beruht sie zum Teil auch in einer irrigen Annahme, der nämlich, daß alle Töchter schöner sein müssen als ihre Mutter, und daß ihre Schönheit erst die Vollendung der ihrer Mutter darstellt, welche sie nur eingeschränkt und für ihre Zeit gelten läßt. . . . Somit sind alle diejenigen, die der Mutter - Treue halten und ihr huldigen, des Urteils schuldig und für alle Elvigkeiten zu verdammen, weil sie einen so schlechten Geschmack bekunden. Aber trotz dieser verhängnisvollen Schwäche hätte das Verhältnis zwischen Mutter und Kind ein erträgliches sein könne, denn, was eine rechte Mutter ist, neidet nicht so leicht ihrem Kinde die errungenen Erfolge, zumal bei dem jungen Volke, das erst ausreifen muß, bis es Verständnis erlangt für alte Weisheit und die Weisheit des Alters, von denen es ihr nur Freude machen kann, wenn sie recht treue und aufrichtige Verehrer ihrer Tochter sind. Ein Mutterherz hofft auch bei denr minder gut geratenen Kinde, daß es mit den Jahren an Einsicht erstarken und an Tugenden zunehmen wird; daß es einst, am Ende der Zeiten, ins Mutterhaus zurückkehren wird. . . . Einen Beweis dafür, daß die Mutter, von der wir reden, nicht die schlechteste der Mütter ist, liefert ihr Verhältnis zu ihrem zweiten Kinde, ihrem ritterlicheren Sprößling, dem „Jsmael", der doch ebenfalls sie verlassen hat . . .! Mit _ stolzer Freude genoß sie seine glänzenden Taten, ohne jedweden Neid und jede Miß-, gunst! Auch bedauert es niemand so aufrichtig wie sie, daß es ihm nicht mehr so wohl ergeht, wie früher; in erster Reihe, weil er es nicht verstanden hat, mit der Zeit fortzuschreiten: Aber auch hier ist seine Schwester nicht ganz ohne Schuld. . . Dieses Kind hat eben die Gegnerschaft zur Mutter niemals zur maßlosen Feindschaft werden lassen, wie seine Schwester es in unkluger Verblendung tat: wodurch, sie nichts anderes erreichen konnte, als daß ihre eigenen Anhänger, sobald der Paroxisums des Hasses wich, sie nicht mehr in alter Weise lieben und verehren konnten: oder, wo der Haß seinc Wurzcln unausrottbarschlug, begannen sie sie s e l b st z u h a s s e n, w e i l s i e d i e T o ch t e r einer solchen Mutter ist. . . . Wer Wind säet, kann nur Sturm ernten. . . . Daß es keine leichte Aufgabe ist, eine solche Tochter zu lieben, wird wohl jeder einsehen. Mit andern Worten: Wir waren nicht im Geringsten überrascht, zu erfahren, daß Herr Prof. Röldeke uns im Rainen „der nroderncn Bildung" auffordert, wir möchten uns, oder „wenigstens unsere Kinder taufen". Wir waren ebensowenig dadurch, irgendwie beunruhigt; denn jedermann weiß, daß das Christentum nicht gerade ein Produkt der modernen Bildung ist; vielmehr ist es, so weit uns bekannt, im grauen Altertum, vor 1900 Jahren entstanden: zur Zeit, als „Finsternis die Erde bedeckte und Dunkel die Rationen, da fiel ein Strahl des göttlichen Lichtes, das über Israel leuchtete", in das Dunkel der irrenden Völker) Er hat das Dunkel erhellt, verniochte aber nicht, es ganz zu bannen. . . . Auch weiß jedermann, daß dasjenige, was wir mit „moderner Bildung" bezeichnen, erst im harten Ringen und schweren Kampfe mit dem Christentum hat entstehen können: und der Kampf mit der Kirche dauert noch an! Ruch hätte es nicht besonders unsere Gcuiütsruhe gestört, wenn die Lorbeeren des Herrn Prof. Röldeke einen Gymnasial-Direktor zu Charlottcnburg nicht schlafen ließen, sodaß er den abgewiesenen Angriff seinerseits im Namen des Patriotismus zu erneuern sich gedrungen fühlte. Denn es ist ebenfalls jedermann bekannt, daß Christentum und Deutsch-national nicht identische Begriffe sind; so wollen z. B. die Engländer und Franzosen, die sicherlich nicht deutsch-national gesinnt sind, als gute Christen gelten. Auch wareir die alten Germanen, noch bevor sie das Christentum angenommen, Deutsche. . . . Damit wären „die moderne Bildung" und der schwungvolle „Patriotismus" des Herrn Direktors leicht als das erkannt worden, was sie in Wirklichkeit sind: die alte, uns so wohl bekannte Bekehrungssucht der Anhänger der „alleinseligmachenden Kirche", die ihre Gestalt nach Bedarf ändert, aber nicht ihr Wesen! Jetzt, im Zeitalter da man sich so viel auf moderne Bildung zu Gute tut, und der Patriotismus blüht — d. h., die Völker stehen einander bis an die Zähne gewafsnet gegenüber und sind jeden Augenblick bereit, sich auf einander zu stürzen und sich zu zerfleischen — da gedachte unsere alte Bekannte unter diesen „modernen" Verkleidungen sich leichter einschleichen zu können. Sobald sie erkannt und entlarvt war, war die Gefahr vorüber und „der Friede waltete über Israel!" . . Einer ganz anderen Situation gegenüber befinden wir uns angesichts der „Entscheidung" des Gemeinde-Vorstandes zu Berlin! Hier dürfen wir uns mit der Erkenntnis der Gefahr nicht begnügen: hier muß Remcdur geschaffen Iverden! Entweder die Herren „Väter Israels" bequemen sich dazu, ihren skandalösen Beschluß als übereilt zurückzunehmen, oder sic müssen allesamt aus der Amtsstube verschwinden! <Kn Drittes gibt es hier nicht! Tenn andern Falles wäre es für uns weniger schimpflich, wenn wir gleich den Herrn Gymnasialdirektor zu Charlottenburg als unfern Knltusvorsteher wählen sollten und Herrn Hofprediger a. D. Stöcker zu unserem Rabbiner ernennen möchten. Doch wir sehen voraus, daß es dem verehelichen Vorstande nicht leicht werden wird, sein Urteil gegen Dr. Cohn zurückzunehmen, wodurch er das Zugeständnis machen müßte, daß er sich heillos verrannt hat, so mag denn im folgenden einiges Material gesammelt werden, dessen sich die Berliner Judeuschast bedienen möchte, wenn sie daran geht, von ihrem Vorstand die Gleichberechtigung zu erbitten. . . . Notabene, wenn sie es nicht vorziehen — was, nach unserer unmaßgeblichen Meinung, viel gescheiter wäre — statt diesen all und brüchig gewordenen Vorstand erst mit vieler Mühe und Kosten auszubessern, lieber gleich einen neuen sich anzuschaffen. . . Natürlich wird es unser Bestreben sein, nieniand in seinen Gefühlen zu verletzen, auch die heiligen Gefühle des Berliner Vorstandes sollen geschont werden, wie wenig er sonst auch der Schonung wert ist. Diese Bestrebung wird uns um so leichter fallen, als wir tatsächlich vieles im Christentum finden, was uns sympathisch berühren muß, denn es ist „Bein von unserem Beine und Fleisch von unserem Fleische"! Ueberall, wo wir das neue Testament auf's Geratewohl auffchlagen, dürfen wir sicher sein, alte Bekannte zu treffen: unsere Propheten und heiligen Bücher sind da fleißig verwertet worden. Und gerade diese Stellen sind auch die schönsten des „neuen Bundes"! Allerdings finden sich auch da viele Stellen, die uns sonderbar fremd anmuten; Stellen wiederunr, die in offenbarer Unkenntnis des Hebräischen und Unwissenheit in jüdischen Anschauungen ihre einzige Erklärung haben: aber wir dürfen nicht vergessen, daß diese Schriften erst nachdem das Heiden-Christentum über das Urchristentum oder Juden-Christentum den Sieg davongetragen hatte, verfaßt worden sind, wodurch TX

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.