Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 17 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. tion ablehnt, da er sie als Rabbiner, als Fahnenträger des Judentums, als Kommandant einer ihm anvertrauten jüdischen Burg ablehnen muß. — Der liberale Herr Direktor, Wie gesagt, teilte de» Inhalt der privaten Unterredung einem jüdischen Oberlehrer und dadurch indirekt dem Vorstande der jüdischen Gemeinde mit — und es erbebten die feigen Golusjuden. . . Weh! dachten die Knechte ihrer ewigen Mschusangst: Der geistige Vorsteher der Gemeinde lehnt die Assimilation inr Angesicht eines h och ge» stellten Christen ab, dann ist doch die ganze Mühe um das Einreden des echten jüdischen Deutschtums vergebens, dann erscheint doch das ewige Machen in der Assimilation als ein purer Schwindel. Was also anfangen, wo die Rettung? — „Die Ansichten" des geistigen Oberhauptes kann man nicht gut zurückweisen, wenn man ihn selbst nicht zurücktveist, d e r R a b b i n e r m u ß ä l s o aus Angst v o r R i s ch u s g e h c n . . . Pässen solche feigen Ncbbichjudcn als Führer eines auf seine Tatkraft angewiesene» Volkes? Sind solche Fahnenstüchtigen, kriechende Verräter als Hüter des Judentums würdig? — Doch uns gehen die Sklaven des „Geschlechts der Wüste" jetzt nichts an. Die Stunde ihres Abzuges — wenn noch nicht geschlagen — wird kommen, — sie werden abziehen. . . Uns geht vielmehr das Los unserer Rabbinen an, die soviel Charakter besitzen, sür ihre Ueberzeugung, für ihr Judentum einzutreten. Was soll mit diesen Märtyrern werden? Kann die öffentliche jüdische Meinung, kann die jüd. Masse solches Unrecht, das seitens einer sich selbst wählenden Repräsentanz unfern Rabbinen zugefügt wird, ruhig hinnchmen? Das ganze Mittelalter hindurch standen unsere Rabbinen ü der den Gemeinden, auch die noch so hochmögenden Geldprotzen mußten sich vor deni Wissen und der Wahrhaftigkeit des Rabbinen beuge». Jetzt ist der Rabbiner zum willenlosen Diener einer kleinen Geldsackkligue herabgewürdigt worden; findet jemand in sich den Mut, eine eigene, eine echt jüdische Ansicht zu vertreten, so wird er >vie ein Fetzen zum Fenster hiuausgeworfen. Ein solcher Zustand muß anfhörcn, so geht es nicht weiter! Mau hört beständig sagen: die Reichen brauchen wir, die Masse kann die Last 'der Gemeinde selbst 'unmöglich tragen, Allein ist es nicht viel richtiger, alles zu vereinfachen, damit die Ausgaben kleiner werden, als den goldncn Götzen bei großem Pomp zu dienen . . . Es müssen Massenversammlungen allerorts veranstaltet werden, um feurigen Protest gegen ein solches Gebühren, wie das der jüdischen Gemeinde Berlins, einzulegen. „Es müssen!" Traurig genug, daß alles, auch das Ungeheuerlichste, ruhig hingenommen wird; selbst eine so scheußliche Denunzation, wie die des famosen Repräsentanten Albert Bier in Köln, ist 'mit Stillschweigen Hingenomnien worden. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. DasZentralbureau sür jüd. Answanderungsangelegenheiten erhielt folgende Zuschrift: Bon einer „Auskunftstelle für jüdische Auswanderer nach Südamerika und den Südstaaten der Union" Berlin, NW., Unter den Linden 53, unterzeichnet A. Mcyerowitz erhalten wir soeben ein Zirkular, worin von einem Briefe Kenntnis gegeben wird, den ein Rabbiner „Dr. Hoffmann" namens der „Union Israelita Argcntina" an den Norddeutschen Lloyd gerichtet hat. In diesem Brief wird von der Errichtung eines israelitischen Einwanderungs-Auskunsts- und Arbeitsnachweisbureaus „Kosmos Calle Caiigallo 2560" in B. Ayres Mitteilung gemacht, dein der genannte Rabbiner -Dr. Hossmann vorsteht. Im Interesse der Sicherheit und unbedingt notwendiger Zuverläßlichkeit solcher Bureaus erlauben!vir uns, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß uns bekannt ist, daß ein aus Ungarn stammender A. hoffmann, der sich vor einigen Jahren in Straßburg i. E., Basel, Zürich, Luzern re. heruintrieb und eine Menge Schwindeleien beging, sich jetzt in Buenos Ayres als „Rabbiner Dr. Hoffmann" aufhält. Vermutlich ist er mit dem Schreiber des obigen Briefes identisch Es wäre sehr bedenklich, das Schicksal unserer jüdischen Emigranten einem solchen Manne zu vertrauen. Aus'Grund dieses Briefes wandte sich das Zenlralbureau für jüdische Auswanderungsangelegen- Frankfurter Israelitisches FamilieMatt. heiten telegraphisch an die Direktion der Jka in Buenos Ayres, um über die Zuverlässigkeit des Dr. Hossmann Erkundigungen einzuziehen. Die telegraphische Antwoit lautet, daß Dr. Hoffmann nicht empfohlen werden kann und die Unioir Israelita Argcntina, ans die er sich beruft, ohne jede Bedeutung ist. Dies sei im Interesse der jüdischen Auswanderer einstweilen mitgeteilt. Berlin. Heine — endlich auf deutscher S ch olle ein Denkm a l! Ter Kaiser hat das Achilleion auf der Insel 'Korfu, 'den Lieblingsaufenthalt der Kaiserin Elisabeth von -Oesterreich, in dem diese ihrem Lieblingsdichter Heinrich Heine von dem deutschen Bildhauer Hasselrieß ein Denkmal errichten ließ, angekauft, und auf diese Weise hat Heine endlich ans deutscher Scholle ein Denkmal erhalten. Nürnberg. Der Nationalsoziale Verein beschloß in seiner letzten Versammlung, im Wahlkreis Nürnberg 6 mit Unterstützung des liberaldemokratischen B l o ck s, den Rechtsanwalt Dr. Wilhelm U h l f e l d e r als Kandidaten zur bevorstehenden L a n d t a g s w a h l aufznstellen. Breslau. Genehmigung von Schenkungen. Im l. Vierteljahr 1907 sind nachstehende Schenkungen landesherrlich genehmigt worden: An die israelitische KrankenverpfleguugS-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft in Breslau seitens folgender Personen: Simon Pfeffer 20000 ,lk, Wilhelm Falk 12 000 ,11., verw. Rcntnerin Selma Lisser und ihre Kinder in Breslau, Kfm. Bruno Fuchs in Dresden, Reutueriu Paula Hirschel geb. Raivack in Breslau, Juwelier Ad. «amelso», Salo Cassierer in Berlin, Louis Janvwer je 6000 Jk, »erst. Landgerichtsrat a. D. Viktor Lion-Berlin 12 000 Jk, an die israelitische Waisenverpflegungsanstalt vom verst. Fabrik- und Riktergutsbesitzer Osk. Heymann mit 6000 Jk, v. Irrst. Kfm. Louis Guttentag mit 15 000 Jk, an die Synagogengemeinde Breslau vom verst. Landgerichtsrat a. D. Viktor Lion aus Berlin mit 7000 Jk An die Robert und Hermine Caro-Stistiing i» Breslau seitens des Gey. Kommerzienrats Dr. jur. Georg v. Caro in Berlin mit 100000 Jk Oesterreich-Ungarn. Wien. Wie das „Neue Wiener Tageblatt" berichtet, hat der Wiener Archäologe Prof. E. Sellin bei Jericho in Palästina in einer Tiefe von 1—2 Metern interessante IIeberreste alten, fast ausschließlich k a n a a n i t i s ch e n Kulturlebens: Mauern, Häuser, Krüge, Straßen, Waffen usw. gefunden. Besonderes Interesse erregt ein Gebäude, das eine Bauweise aufweist, wie solche bislang in Palästina ganz unbekannt war. Prof. Sellin hofft, eine reiche Ausbeute an Funden aus Altjericho zu gewinnen. Budapest. Auf die leider sehr wenig erbaulichen Zn stün d c in der imgarländischen Judenhcit wirft der folgende Fall, den die „Allg. Jüd. Ztg." erzählt, ein Helles Licht: In der orthodoxen Gemeinde zu I. ist die Rabbinerstelle seit einigen Jahren vakant. Natürlich nicht aus Mangel än Kandidaten, denn bekanntlich herrscht hierzulande ans keinem einzigen Gebiete ein solch' riesiger lleberflnß an Reflektanten, als auf dem Tummelplatz des Strebens, ein Rabbinat zu ergattern. Ursache der langen Vakanz ist vielmehr die Knauserei der Gemeinde, die das Rabbinergehalt ersparen möchte. Eine in religiösen Fragen entscheidende Persönlichkeit muß sic aber doch haben, und da machte sich einer ihrer beiden Schächter, obgleich kr ein ziemlich großer Amhoorez ist, erbötig, sich das Rabbinatsdiplom zu verschossen. Gesagt, getan! Er klopfte zuerst hei einem der angesehensten und gelehrtesten Rabbiner an, der ihn zuerst zurückwies, ihm aber, als er mit Protektion erschien, eine Empfehlnng an einen Kollegen gab. Nun bekam er gleich von zwei Rabbinen die Erlaubnis, zu paskencn. Es wäre dabei geblieben, wenn nicht einige Gemcindemitglieder protestiert hätten. Das Ende vom Liede war, daß die beiden Rabbinen das Diplom zurückzogen, da es ans Grund von „Vorairssetzungen" and „Informationen" gegeben worden sei, die sich nicht als richtig erwiesen haben. Lemberg. Der Gewaltige der isr. Gemeinde, Edler v. Horowitz, und seine Getreuen fürchten für seine Wahl in den Reichs!at, und man veranlaßte deshalb auf vergangenen Mittwoch eine Konferenz mit den C h a s s i d i m. Die Verhandlungen verliefen jedoch erfolglos, da der Gemeindcdespot sich nicht zu den Forderungen der Chassid'.m (Einführung des allgemeinen gleichen und geheimen Wahlrechts in der israel. Gemeinde, Berücksichtigung verschiedener Forderungen für das Interesse des konservative» Judentums) zu verstehen geruhte. Lemberg. Mazzesbacken ein freies Gewerbe. Die Sprößlinge der hiesigen Familie B a r d a ch befassen sich seit Menschengedenken damit, allsährlich die Mazzes zu erzeugen, wofür sie auch besteuert sind; diese Tätigkeit vererbte^ sich Generationen hindurch vom Vater auf de» Sohn. Im vorigen Jahre kam nun dem dermaligen Senior der Familie. Abraham Barbach, ein llkas des Lemberger Magistrates zu, wonach ihm das Mazzesbacken unter Strafandrohung verboten wurde, da dasselbe in das Bäckergewerbe fällt, ihm aber der hiezu erforderliche Befähigungsnachweis fehle. Vergebens Seite 3 rekurrierte Abraham Bardach an die Statthalterei und ans Handelsministerium — beide Behörden teilten die Ansicht, Mazzesbacken sei eine Tätigkeit des Bäckers, also ein nach dem Gesetze den Befähigungsnachweis voraussetzendes Gewerbe. Er brachte nun die Beschwerde beim Verwaltnngsgerichtshofc ein, die vor einem Senate von Dr. Karl Lisczis vertreten wurde. Dr. Lisczis bestritt, daß es sich vorliegend um eine gewerbliche Unternehmung handle, denn das Mazzesbacken nehme nur einige Tage im Jahre in 'Anspruch, setze keinerlei Fertigkeiten oder Kenntnisse voraus, sondern sei als reine Betätigung einer religiös-zeremoniellen Vorschrift zu betrachten. Der Verwaltungsgerichtshof erkannte in Stattgebung der Beschwerde cm; Anshebnn fl des Verbotes. Krakau, 22. April. In Chrzanow hat gestern eine von 1500 Personen besuchte Versammlung der jüdischen Wähler 'des Landgemeinde-Wahlkreises Jaworzno-Chrzanow stattgefunden, in welcher einstimmig beschlossen wurde, als Reichsratskaudidaten der gesamten jüdischen Wählerschaft des Kreis.s Dr. A r thnr M a h l e r, Prioatdozenten in Prag zu nominieren. Ezernowitz. 29. April. Exzesse gegen die Juden? Im Putillner Bezirk macht sich innerhalb der ruthenischeil bäuerlichen Bevölkerung eine jndenfeindliche Bewegung bemerkbar, die immer bedrohlicher anschivillt und umso ernstere Gefahren in sich birgt, da die griechischen Ostern vor der Tür stehen. Landespräsident Bley leben hat dem bei ihm namens der Kultusgemeindc vorsprechenden Dr- Straucher versichert, daß die nötigen Maßregeln ergriffen werden, die Bewegung im Keime zu ersticken. Frankreich. Paris. Das Kriegsministerium hat dem Präsidenten des Zentralkonsistoriums in Paris auf eine dicsbezügkiche 'Anfrage den Bescheid erteilt, daß es in Zukunft Sache der französischen Militärpersonen sei, um Befreiung vom Dienste wegen jüdischer Feiertage bei den Behörden einzukommen. Bis jetzt war eine derartige Maßregel' dicht nötig gewesen, da ein Zirkular vom 10. Dez. -1888 die. Befreiung vom Dienste vorschrieb. Rrrßlau-. Warschau. Glos Zylowski schreibt: D „Warschauer Anarchisten - Kommunisten" haben eine Bekanntmachung herausgegeben, in der sie zugeben, daß der lieber fall, den sie ans das Bureau der jüd. Gemeinde verübten, von ihnen am Tage der Auszahlung organisiert worden ist zu dem Zwecke einer „Expropriation". Ferner schreiben sie: Statt der 2 Leute, die sie anzutreffen hofften, trafen sie in der Kanzlei 11 an. Der Vize - Direktor Mußkat versuchte aus der Tasche einen Revolver zu ziehen, worauf sie schossen und wegliefen. Mußkat, der sie verfolgte, erfaßte einen von ihnen und versuchte, ihn zu erwürge». Da warf ein anderer die Bombe. Von den Anarchisten ist Herschel Sitbergeld getötet worden. Militopol. Ein russischer Musterbeamterl Kürzlich wurden einige Mitglieder des „Echtrussiichen Vereins" wegen M o r d a n f ä l l e auf Juden arretiert. Die Arretierten inachten nun an den Gouverneur eine Eingabe, in der sie erklärten, daß sie diese Anfälle auf Befehl des Polizeimcisters gemacht Hütten. Auf der Eingabe war seitens des Vorstandes des „Echtrussischcn Vereins" bestätigt, daß der Polizeimeister sie vor den Wahlen zu fick geladen und aufgefordert hat, eine Gruppe Schläger, die eine gute Belohnung erhalten würden, zu organisieren. Woloschin. Die berühmte Woloschiner befindet sichinderGefahr, einzugehen! Jetzt, kurz vor dem 100jährigen Jubiläum der Jeichiwob und in einer Zeit, in der die Erhaltung der Jugend ftir das Thorastudium schon sehr schwierig ist, hal die Leitung der Jeschiwoh eine Verordnung herausgeben müssen, die den Jüngern das Lesen von Zeitungen und das Lernen von Sprachen untersagt. Die Folge war natürlich die, daß die jungen Leute den Besuch der Jeschiwoh sofort einstellten; ein großer Teil ist bereits weggefahren. Personalien. Frankfurt a. M. Die^Freiherruwürde ist vom Kaiser dem österreichisch-ungarischen Generalkonsul Maximilian Benedict v. Goldschmidt- Rothschild in Frankfurt a. M., Besitzer des Fideikommisses Wroniawy im Kreise Bomst, verliehen worden. Berlin. Kommerzienrat Siegmund Aschrott erhielt den Charakter eines Geheimen Kommerzienrats. Dem Landesbauinspektor Hans T r e u e n f e l s in Flensburg, der s. Zt. in Breslau die Bauausfiihrnng des neuen Staatsarchivs geleitet hat, und dem Kursmakler Gustav Franck in Berlin ist der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen worden. Karlsruhe. Julius Katz. Cheftedakteur der Karlsruher Zeitung, erhielt das Ritterkreuz 1. Kl. vom Zähringer Löwen.