Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 17 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Ich habe unterschrieben. Damit war mein Schicksal besiegelt. Ich war zu anständig, meine Gesinnung zu verleugnen. Ich unterschrieb im Vertrauen daraus, daß die Herren Jacoby und Lilicnthal die Sätze des Direktors nicht in ihrer nackten, verletzenden Kraßheit, sondern mit dem von mir mündlich hinzugesügten ausführlichen Kommentar weitergeben würden. Hätte ich im Entferntesten bedacht, was man aus dieser Unterschrift herauslcsen könnte, wenn nian wollte, wie man cs ja auch herausgelcscn hat, ich hätte sie nie gegeben. Der Vorstand übergab die Angelegenheit nunmehr der Repräsentanz mit dem Antrag auf sofortige Entlassung. Gleichzeitig machte er sie durch Rundschreiben an die Synagogenvorstcher publik. Wie ist die Angelegenheit überhaupt in die Hände des Gemeindcvorstands gelangt? Das erfuhr ich schon am nächsten Tage, dem 1. Februar, von dem Direktor selbst. Man denke sich mein Erstaunen, als er mir bei meinem Eintreten mitteilte, daß er bereits seitens der Gemeinde dieNachricht vonmein er Amtsentsetzung erhalten habe: Man hatte also aus Furcht vor dem Gymnasialdirektor und allein um ihn zu beruhigen, einfach mich geopfert. Nun erzählte mir der Herr Direktor, wie sich die Sache entwickelt habe. Er habe schlaflose Nächte gehabt. Ich hätte seine Hoffnungen, daß die Inden ausaehen würden, gänzlich zerstört. Da habe er sich einen jüdischen Oberlehrer seines Gymnasiums geholt und diesen gefragt, ob er auch solche Anschauungen hätte wie ich. Der aber hätte das mit entrüsteten Worten abgelehnt. Darauf nahm der betreffende Oberlehrer die Niederschrift des Direktors, und durch ihn gelangte sic in die Hände dreier anderer jüdischer Oberlehrer, welche nun ihrerseits, mit welchem Rechte und ob mit Ermächtigung des Direktors, weiß ich nicht, die Niederschrift dem Gemeindevorstand einreichten und „Remedur" verlangten. Ich will hier nicht von dem namenlosen Unrecht reden, das mir persönlich widerfahren ist: daß man mich gehört hat mit dem fertigen Urteil in der Tasche, daß man nichts Schleunigeres zu tun hatte, als von diesem Urteil sofort den Herrn Direktor zu verständigen, obgleich ihn die Sache gar nichts auging, da er es ja nicht einmal war, der der Gemeinde Mitteilung gemacht hatte; daß man mir das wichtigste Mittel zu meiner Verteidigung, die Niederschrift des Direktors, verweigert hat;, daß die Repräsentanz mich verurteilt hat, ohne mich anzuhören; und schließlich: daß man eine Sache, die in derselben Nacht noch hätte beraten werden müssen, da sie nicht blos an die Existenz, sondern an die Ehre und den guten Ruf eines Mannes ging, durch fast drei Monate hindurchgezerrt hat; dies alles mag heute' hingehen, weil cs nur meine Person betrifft. Für mich hat diese Geschichte aber einen Kern, der tiefer liegt: Ich bin hier gemaßregelt worden, u m m e i n e r G e s i n n u n g w i l l e u. Es ist eine Gesinnung, die ich noch heute aufrecht erhalte. Und ich verlange, daß sich die Oeffentlichkeit mit dieser Gesinnung beschäftige. Ja, sie muß und wird sich mit der Frage beschäftigen, ob ein Rabbiner Ansichten äußern darf, wie ich sie geäußert habe, oder ob er sich mit ihnen „der Achtung, des Ansehens und des Vertrauens unwürdig zeigt, welche sein Amt erfordert". Und sie wird ihr Urteil fällen müssen, ob es wirklich wahr ist, daß man mit solchen Anschauungen das Judentum und die Rechte seiner Bekenner gefährde. Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. (Sollen wir uns taufen?) Von S. B c n - D a u w. Der Erhaltungstrieb ist der Träger aller Lebewesen, ihm dienen die gesamten Kräfte alles Lebens, und alle Gefühle sind ihm untertan. Wenn imn der Einzelne dort, wo es gilt, die Ehre und den Bestand der Nation zu wahren. Frankfurter Israelitisches FamRenblaÜ. freudig in Tod und Gefahr geht, so ist es wohl daruin, lvcil der Erhaltungstrieb der Arten mächtiger ist, als der des Individuums. Sehen wir daher ein Volk, das die Hände sinken läßt, gleichsam sagend: ich kann nicht mehr, ich muß in die Gesamtheit nutertauchen, und vom Schauplatz der Geschichte verschwinden; so dürfen wir im Vorhinein davon überzeugt sein, daß dessen Leiden weit größer haben sein müssen, wie sie bei dem Einzclindividuum nötig sind, damit seine Lebensfreude im Leide erstickt werde. Ist aber gar dieses Volk, bei dem wir diese traurigen Zeichen der Schwäche und der Sclbstaufgabe beobachten müssen, das jüdische, das wie kein anderes eine ausgeprägte Individualität ist, und das bis jetzt allen Stürmen hat Trotz bieten können, so mag auch demjenigen, den: unsere Leidensgeschichte der letzten 2 Jahrtausende, wie sic uns unsere liebevolle Tochter, das Christentum, geschrieben, unbekannt ist, eine Ahnung aufstcigen von dem llebermaß der Qual, der wir ausgesetzt waren — und sind! Dieser Erwägungen waren wir stets eingedenk, wenn wir gegen unsere jüdischen Feinde, die die Existenz des jüd. Volkes leugnen, d. h. seinen Untergang herbeizuführen streben, zu Felde ziehen mußten. Mit mancher ihrer Erbärmlichkeiten konnten wir darum Erbarmen haben, manche moralische Untat, als ob sic nicht getan Ivorden wäre, schonend verschweigen; denn dem aufwallenden Zorne stellte sich inimer die Erinnerung an die übermenschlichen Leiden unseres Volkes eirtgegen, und ihnen gegenüber schwand der Zorn, nur die Scham und der Schmerz blieb. Mag nun darüber gestrittten werden, ob diese Taktik des Verschweigens die richtige ist. Man wird cs iinmerhin begreifen, wenn cs einem Sohne widerstrebt, von der Schmach der Mutter, die ihr von ihren eigenen Kindern angetan ivird. öffentlich zu reden und es vorzichen mag, darüber schweigend zu trauern. Diesmal aber bleibt uns keine Wahl: es muß und soll laut in der jüdischen Ocssentlichkeit darüber geredet werden, was unsere hochweisen Stadtväter der jüdischen Gemeinde zu Berlin an sonderbarer Weisheit zu Tage gefördert haben! Die edlen Häupter der jüdischen Gemeinde haben nämlich, wie schon kurz berichtet, den Rabbiner und Prediger Dr. Emil Cohn seines Amtes enthoben, weil er ein bewußter Jude ist und als solcher selbst ungetanst zu bleiben gedenkt und aujch die ihm anv er traute jüdisch c Jugend i m Religionsunterricht nicht z u m C h r i st e n t u m v o r b c r e i t e n wollte! — Dies ist der reine, nackte Tatbestand, in kurzen Worten ausgcdrückt. Es ist somit keine lokale Angelegenheit der jüdischen Gemeinde zu Berlin, sondern alle Inden, die es auch zu bleiben wünschen, sind daran ineressiert, und nicht nur die Juden Deutschlands, sondern mittelbar auch die Juden aller Länder! Denn die angeführte Tatsache bedeutet nichts mehr und nichts weniger, alsdaßdie offizielle Juden gemein de der Haupt st adt dem Todesurteile uns erer grimmigsten Feinde über Juden und Judentum sich offenkundig an geschlossen hat, indem sie denjenigen Rabbiner, der sich dagegen verwahrt hat, dahin zu wirken, daß dieses Urteil schnell st ens vollstreckt werde, zur Tür hinausgeworfen! Dies ist eine positive Wahrheit, die alle unsere Beschwichtigungshofräte nicht werden verdunkeln können, und alle Sophistik nicht wird aus der Welt schaffen können!! Ferner bedeutet, logisch ausgedacht, diese erhebende Tatsache, daß diejenigen Rabbiner der Hauptstadt, welche von dem herben Schicksale des Rabbiners Dr. Emil Cohn nicht ereilt wurden und im Amte verbleiben, „die Anschauungen des Vorstandes vertreten, bei dem sie in Brot und Lohn stehen", in Gemäßheit der Forderung des Vorstandes, Dr. Cohn gegenüber. _Nr. 17. Wir sind gespannt zu erfahren, in welcher Weise die Lehrer Israels zu Berlin diese ihnen zugcfügte unsagbare Schmach abzuwaschen und abzuwehren werden wissen! Es erscheint uns undenkbar, daß sie sich dieses cirtchrende Brandmal ruhig auf ihre von jüdischen Gedanken gefurchte Stirn werden drücken lassen! Es ist undenkbar, daß ihr jüdisches Herz, in der von Empfindungen der Liebe und Treue zu Juden und Judentum geschwellten Brust seinen gleichmäßigen Schlag beibehalte» kann, bei dein ungeheuerlichen Gedanken, daß sie als „Missionsrabbincr" in dem übelsten Sinne dieses Wortes werden darstehen müssen! Ihr Lehrer Israels, als wir von Euch forderten, Ihr möget Euch an die Spitze der national-jüdischen Bewegung stellen, die dahin strebt, dem gemarterten jüdischen Geiste und seinem gefolterten Körper eine öffentlich-rechtlich gesicherte Zuflucht-Heimstätte im Lande unserer großen Ahnen zu schaffen, da habt Ihr uns Vieles und auch Schönes über die Mission des jüdischen Volkes und des Judentums vorgepredigt. Wir haben es abgelehnt, die von Euch aus dieser Missionsidee gezogenen Konsequenzen, die zur Untätigkeit führen, anzuerkennen und zu den unscrigcn zu machen. Dies tun wir auch jetzt noch. Aber nicht etwa darum, iveil wir an die Mission Israels nicht glaubten. Umgekehrt, keiner ist mehr als der überzeugte Nationaljude von diesem Gedanken durchdrungen und getragen. Eben weil wir wissen, daß Israel der Träger derjenigen Wahrheit ist, an der die kranke Menschheit einst gesunden soll, darum ist unsere natürliche Sehnsucht nach mehr Licht und Luft für unser Volk so unbezwingbar; darum ist unser Verlangen nach Menschenrechte und Menschenwürde so stürmisch. Es könnte ivahrlich unserer Mission nicht schaden, wenn wir weniger verachtet und weniger gehaßt wären: weniger der Gefahr preisgegeben! (Schluß im Beiblatt.) Die Woche. Dr. Emil Cohn, Prediger bei der Großgemeiude Berlin, ist plötzlich seines Nintes entsetzt worden. — Sicherlich müssen da schwerwiegende Gründe — ‘alt* zuschwece Vergehungen gegen das Judentum oder das jüdische Volk oder gar gegen die Sittlichkeit Vorgelegen haben. Zwar ist eine derartige Maßregelung eine sehr harte; auch ist die Maßregelung eines Rabbiners, eines Fahnenträgers des Judentums, eine sehr bedenkliche Sache: „allein die Ehre des Judentums steht über der Ehre seiner Träger" — so oder ähnlich wird jeder unbefangene Hörer urteilen. Doch weit gefehlt! Herr Dr. Cohn gehört nicht zu denjenigen, die die Ehre des Judentums gering einschätzen, auch nicht zu denen, die Vergehungen irgend welcher Art zu begehen befähigt sind. Und was denn? Herrn Dr. Cohn haftet die Eigentümlichkeit an, die Ehre seines Volkes und des Judentums hoch, sehr hoch eiuzuschätzen: Herr Dr. Cohn hatte den Mut, das Jndentiini zu verteidigen und dessen Existenzberechtigung beweisen zu wollen. Aber noch nicht genug damit! Herr Dr. Cohn ging noch weiter; er brachte es fertig, die freundliche Einladung eines hochgestellten C h r i st e n, des christlichen Direktors eines christlichen Gymnasiums Zur völligen Assimilatiou zurückzuweisen! Die Sache war so: Der Herr Direktor war im Begriff, Herrn Dr. Cohn als Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin den jüdische» Religionsunterricht in seiner Schule zu übertragen, und als der Herr Direktor den anznstellenden Lehrer um seine jüdische Anschauung befragte, da stellte sich zum Entsetzen des Herrn Direktors heraus — er hat deswegen nebbich, wie er der jüdischen Gemeinde mitzuteilen geruht hat, eine schlaflose Nacht zugebracht, denn er ist liberal und als Liberaler für die Auflösungen der Konsessionen und Nationalitäten (natürlich nur bis auf die christliche Konfession und deutsche Nationalität) —, daß der angehende Lehrer die zu Ende gedachte völlige Assimila-