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Neue jüdische Presse · 1907-05-03 · Heft 17 (3.5.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 17 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^tanüfutUt Ifioditifdits familirnlilntt. <— i - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In« und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Österreich - Ungarn Mk. 1,80, sonstige Länder Mk. 2 — ... ■— .. - Md ch-schLftsfkette: Srsnkrurl s. M.» Lleichftraße 2, Scke vilbelerstraße v-r-fon 10507. He*»«sgsVn: Haltz chels. JnsertionSpreise: Li« viergespaltene Petitzeile. «Ptz. Lie Reklamezeile. 100 ,, Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: PreiS nach Uebereircknnst. 5. Jahrgang. Freitag» den 19. Ijsr 5667 (3. Mai 1997). No. 17. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Geschichte meiner Suspension. — Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Ost und West. — Wochen- Ka.lender. — Familiennachrichten. Die Geschichte meiner Suspension.*) Von Rabbiner Dr. Emil Cohn, Prediger der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Am 7. Januar 1907 hatte ich mit meinem langjährigen Lehrer, dem jetzigen Direktor eines städtischen Gymnasiums in Charlottenburg, ein drcieinhalbstündiges Gespräch über meine Anschauungen von Judentum und Judenfragc. Es ist die Ursache und der Grund meiner Amtssnspension geworden. Ich führe es deni Leser in kurzen Umrissen vor. Mein ehemaliger Lehrer fragte niich nach meinem jüdischen Standpunkt. Als ich mich anfangs abwartend verhielt, entwickelte er mir zunächst seine eigenen Anschauungen. Ich teile sie mit, weil sie von der ivesentlichsten Bedeutung für den ganzen Verlauf des Gespräches geworden sind: — Der Herr nennt sich einen Philosemitcii. Er steht ans dem Standpunkte Bismarcks: Ein arischer Hengst und eine semitische Stute ergeben eine gute Mischung. Er ersehnt das völlige Aufgehen der Juden im Deutschtum. Er ist für die Mischehe, kann auch in der Taufe nichts Ehrenrühriges sehen, selbst wenn sie '■ nicht ans lieber» zeugung erfolgt. Er fragte mich, ob ich nicht auch ein solches Anfgehen ersehne. Er jedenfalls freue sich über jeden jüdischen Vater, der seine Kinder in den christlichen Religionsunterricht schicke, und sei stolz, daß derer auch an seiner Schule nicht wenige seien. — — Ich sagte dem Herrn Direktor rund heraus, daß es durchaus nicht meine und ebenso wenig meiner jüdischen Brüder Ansicht sei, daß wir aufgehen müßten; ich für meinen Teil müßte die Mischehe absolut verwerfen, auch an den jüd. Kindern in: christlichen Religionsunterricht könnte ich keinen Gefallen finden, ebenso wenig an der Taufe ohne innere Ueberzeugung. Wir Inden wollen aber nicht nur, wir können auch gar nicht aufgehen. Schon wegen unserer Religion nicht. Denn sie ist untrennbar niit nnsereni Stammestum verknüpft. Ich wies ihm das an der Hand des Auserwählungsgedankens historisch nach, kam auch in: Anschluß daran aus meinen Zionismus zu sprechen, der für mich eine Folge meiner Wertschätzung des jüdischen Stamnicstnms ist, dem ich noch eine große Zukunft zuschreibe. Ich erklärte ihn: übrigens ausdrücklich, daß ich mit meinem *) Wir geben nachstehend einen Auszug der soeben erschienenen Broschüre Dr. Cohn's, die in ihrer Sachlichkeit und in ihrem ruhigen Tone wie ein Faustschlag auf das Rechtsgefühl der Leser wirkt. D. Redakt. Zionismus gegenüber dem antizionistischen Gros der deutschen Inden, speziell der Berliner Gemeinde, einen schweren Stand hätte. Aber auch bei den Juden, die dem Stammestnm keinen Wert beimcssen, sei es tatsächlich lebendig. Es gäbe keinen Antisemitismus, wenn es anders wäre. Man haßt uns nicht, weil wir schlechter, sondern Iveil wir anders, d. h. stammlich erkennbar sind. Ich kann so die Abneigung gegen uns an sich als eine gewisse Reaktion wohl begreifen, wenn ich auch den Antisemitismus selbst aufs heftigste bekämpfe und in seinen verschiedenen Formen als unmoralisch verwerfen muß. Diese Abneigung wird bestehen, solange >oir Juden nicht unser Stammestum auflösen. Wir dächten fürs erste nicht daran, wie die Verwerfung der Mischehe selbst in den Kreisen, die gar nichts vom Stammestum halten, belveise. Der Stammesinstinkt sei sehr stark. Das zeige auch die innige Liebe, die uns an unsere östlichen Stammesbrüder knüpft, obwohl sie geistig und kulturell himmelweit von uns verschieden sind. Ja, die armen russischen Juden müßten meinem Herzen heute näher stehen als die Christen meines deutschen Vaterlandes, iveil außer uns Juden niemand da sei, der sich dieser Unglücklichen erbarme. Kein Christ habe sich ihrer bei den letzten Verfolgungen augenommc». Zwar gebe es Juden, die jenes Stammesgefühl leugnen. Sie sind entweder in Selbsttäuschung begriffen, oder suchen in unbegründeter Furcht die Sachlage zu vertuschen. Der Direktor schien entsetzt über diese Anschauungen: „Ich habe einen jüdischen Oberlehrer, ich kann ihm ja danach iiidji mehr trauen, wenn er mir versichert, ein guter deutscher Staatsbürger zu sein. Ich muß ihn doch für einen Heuchler halten?" „Keineswegs," antwortete ich. „Ich halte mich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger; ich liebe die deutsche Kultur über alles, ich kann und will Schiller und Goethe nicht in niir ausstreichen. Trotzdem pflege ich mein jüdisches Stanimestuni, das mit einem guten deutschen Staatsbürgertum sich wohl verträgt." Das wollte der Direktor nicht wahr haben. Er nreinte, daß wir dann einen Staat im Staate bildeten. Ich erwiderte, daß ein gutes Staatsbürgertum unabhängig von der Stammeszugehörigkeit sei. Er lehnte auch dies ab. Schule und Erziehung forderten die Pflege nur eines Stammestums, des deutschen. Ich sei verpflichtet, die Kinder im Religionsunterricht zu deutsch-nationalen Männern zu erziehen. Ich antwortete, daß ich ihnen, wie ich es stets tue, die Pflichten der innigen Liebe und Treue zu Staat und Vaterland ans Herz legen würde. Das sei jüdisches Gebot. Die spezielle Aufgabe der Verbreitung deutschnationaler Gesinnung aber sei höchstens Sache des Geschichtslehrers. Das sind in ganz kurzen Umrissen die Grundzüge des mehr als dreistündigen Gespräches. Es war privat, wie der Herr Direktor später in gewissen Grenzen selbst zugegeben hat, und verlief in den freundschaftlichsten'Formen. Am 31. Januar wurde ich zur Rücksprache auf das Gcmeindeburean gerufen. Ich gehe ahnungslos hin Ich finde den Vorsteher, Herrn Jul. Jacoby, und den Syndikus Lilienthal vor. Man verlangt erregt, ich solle mich über das Gespräch mit den: Direktor äußern. Ich weigere unch, da es privat gewesen sei. Man legt mir eine Niederschrift des Direktors vor, die er nach meinem Fortgange in sein Amtsjournal eingetragen haben soll. Das Gespräch sei also doch offiziell gewesen. Diese Niederschrift ist mir trotz mehrfacher Anträge nicht übergeben worden. So muß ich sie aus dem Gedächtnis zitieren. In den Hauptpunkten ist das Zitat sicher wörtlich: „Herr Dr. Cohn führt aus: Seiner Ueberzeugung nach müsse jeder Jude sich zunächst als Mitglied des auserwählten Volkes Gottes fühlen, vor: dem er noch große Leistungen für die Zukunfr erwartet. Als solcher muß er mit seinem armen russischen Bruder mehr Mitgefühl haben als mit einem deutschen Christen und eine vollständige Assimilation verwerfen. Wer anders denkt, lügt bewußt oder unbewußt. Herr Dr. Cohn hält eine vollständige Assimilation geradezu für unmöglich. Er sieht im Zionismus die einzige Lösung der Judenfrage. Er kann den Antisemitismus als natürliche Reaktion verstehen." Als mir diese zehn Sätze vorgelegt waren, fühlte ich unch verpflichtet, mich dennoch zu äußern. Mein erstes Wort war: >,Dieses habe ich gesagt und doch nicht gesagt." Ich habe es gesagt, insofern ich die Gedanken wiedererkenne, an die sich die Sätze des Direktors geknüpft haben und die zu verleugnen ich keinen Grund habe. Ich habe es aber weder in dieser Form, noch in dieser Kraßheit gesagt. Das Wort von der Lüge der Andersineinenden ist nie über meinen Mund gekommen. Manches, was ich betonte, ist in der Niederschrift unbetont geblieben und umgekehrt. Diese zehn Zeilen sind ein willkürlicher Auszug aus einen: mehr als dreistündigen intensiven Gespräch. Alle Zwischenglieder, sämtliche Begriindungen fehlen. Den Herren Jacoby und Lilienthal gab ich darauf Satz für Satz die Begründungen; so wie sie oben aus meinem kurz wiedergegebenen Gespräch mit meinem ehemaligen Lehrer wohl hinreichend ersichtlich sind Sie versicherten mir daraus, daß sie meinen guten Glauben nicht anzweifelten, sonst Übermächten sie mir keine Komplimente. Herr Lilienthal sagte: „Sie sind ein Fanatiker, der sich in verrückten Ideen verrannt hat." Herr Jacoby sagte: „Sie sind bei uns in Lohn und Brot', Sie haben unsere Anschauungen zu vertreten!" Dann wurde mir mit einem Male mitgeteilt, daß der Vorstand bereits beschlossen habe, mich bis auf weiteres vom Amte zu suspendieren. Bereits, d. h. ehe man mich gehörthatte. Schließlich wurde mir ein Protokoll vorgelegt, das ich sofort unter dem Eindruck der schweren Nachricht unterschreiben sollte.

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