Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 10. Frankfurter Jfraeltt-sche« FamürmdlaN. einiger Zeit aber wird allenthalben und speziell auch im hiesigen Vereine ein Nachlassen geeigneter Bewerbungen um die vakanten Schülerinnrn- Stellen unangenehm vermerkt. Es mag sein, daß für diese betrübende Erscheinung die Erklärung in den Fortschritten der Frauenbewegung selbst zu suchen ist, nämlich in der Mehrung der Berufsarten, die den Frauen, rejp. jungen Mädchen zugänglich werden. In dieser Ansicht werde ich durch einen Aufsatz des Straßburger Pädiaters Dr. Klose bestärkt, der unlängst den gleichen Mißstond bei den nichtjüdischen Kranken pflegerinn cn- Vereinen beklagte. Angesichts dieser Erscheinung ist es sicherlich angebracht, darauf hinzuweisen, daß die Frauen ihr ureigenstes Arbeitsfeld brach liegen lassen. Es kann doch wohl kauin einem Zweifel unterliegen, daß die Hauptstärke der Frau ihrem Gemüte, ihrem Herzen entspringt. Und was für die Frauen im allgemeinen gilt, das trifft für die jüdische Frau ganz besonders zu, wie ja das „jüdische Herz" einen der herrlichsten Eigenwerte unseres Volkes ausmacht. Wo, in welchem Berufe aber könnte sich die Frau von den zarten Regungen ihres Gemütes mehr leiten lassen als gerade bei der Pflege der Kranken? Wie dankbar ist dann aber auch solch' ein hilfloser Patient j für eine Handreichung der Schwester, die freudig und liebevoll geschieht; in dem leuchtenden Blick des schwer Leidenden beim Anblicke „seiner Schwester", in der Ruhe, die ihn bei deren Gegenwart überkommt, liegt dann ein wahrer Himmelslohn, ein unersetzlicher Wert für < die ihren Beruf begeistert ausübende Pflegerin. — Schon allein dieses stolze Bewußtsein, zu der Erhaltung und Pflege erhabener jüdischer Eigenwerte beizutragen, müßte manche jüdischen Eltern bestimmen, ihre Töchter — wenn auch nur für einige Jahre — in den Dienst der Kranken zu stellen, wie andererseits jede ideal denkende und warnr fühlende Tochter Judas den Beruf der Krankenpflegerin allen anderen vorziehcn müßte. Freilich müssen — abgesehen davon, daß nur wahre Begeisterung für die Wahl dieses Berufes bestimmend gewesen sein darf — noch einige Bedingungen erfüllt sein, wenn ein junges Mädchen zur Krankenpflege geeignet sein und als Schwestern-Schülerin in den Verein ausgenommen werden soll. Die hauptsächlichsten dieser unerläßlichen Vorbedingungen möchte ich hier kurz anführen, um Beiverbungen zu erübrigen, die von vornherein aussichtslos sind und nur den Bewerberinnen Enttäuschung, den Vereinen aber . unnötige Schreibereien und Kosten verursachen. Wer Krankenschwester werden will, muß sich zunächst zu einer Schülerinnen- (Lehr-) Zeit verstehen, die jetzt von allen jüd. Vereinen auf mindestens 1 Jahr festgesetzt worden ist. Ausbildung, Verköstigung, Wohnung unb Kleidung erhält die Kandidatin in dieser Zeit kostenlos. Als ein kleines Entgelt verlangt der Verein aber, das; sic sich verpflichte, als ordentliche „Schwester" wenigstens noch 3 Jahre im* Vereine zu bleiben/ Es ist selbstverständlich, daß selbst völlig gesund sein und über ein hinreichendes Maß von körperlicher Kraft und Widerstandsfähigkeit verfügen muß, wer den an Strapazen oft recht reichen Beruf der Krankenpflege ergreifen will. Ebenso unerläßlich aber ist es auch, daß jede Schwester eine bessere Schulbildung besitzen muß. Dadurch allein wird sie imstande sein, geistig hochstehenden Kranken die Unterhaltung zu bieten, die diesen angemessen ist, und die zur Schnelligkeit der Rckonvalescenz nicht unwesentlich beitragen kann. Damit ausreichende körperliche und geistige Reife der Schwester einigermaßen gewährleistet sei, wurde im Vorjahre von allen jüd. Schwesternvereincn beschlossen, keine Bewerberin aufzunehmen, die noch nicht das 20. Lebensjahr erreicht hat. — Die junge Dame, bei der alle genannten Voraussetzungen zutreffen, darf ohne Bedenken ihr Anfnahmcgesuch einreichen. Sic braucht nicht zu fürchten, daß Scheu vor Krankheit oder Blut ein unüberwindliches Hindernis abgeben werde. Mit starkem, gutem Hillen überwindet man noch viel schwierigere Dinge als die Angst vor Blut. Einen Zweifel möchte ich noch als unangebracht zurückweisen, den zu beschwichtigen ich schon öfters Gelegenheit hatte, den nämlich, ob die Ausübung der Krankenpflege das Einhalten der religiösen Vorschriften nicht unmöglich mache. Vonl hiesigen Schwcsternvereine lveiß ich cs bestimmt, daß man der religiösen Ueberzeugung jeder Schwester die weitcstgehcndc Rechnung trägt, — und bei anderen Vereinen wird man sich diesbezüglich ivohl ebenso verhalten. Hier ist nicht der Ort. auf weitere Details des Schlvestcrn-Reglemcnts cinzugehen; sie sind ja genau aus den Statuten der Vereine ersichtlich. Auch beschränke ich mich auf die bloße Erwähnung des Momentes, daß die Stellung der Schwester auch in materieller Hinsicht eine gesicherte ist. Mir kam es darauf an, die hervorragende ideale Bedeutung dieses Berufes wieder einmal zu betonen und in diesem Sinne für ihn die Werbetrommel zu rühren. Es wäre niir eine freudige Genugtuung, ivenn ich es vermocht hätte, den Funken echter und anhaltender Begeisterung für den Beruf der Krankenpflege in die Brust der einen oder anderen Leserin dieser Zeilen getragen und sie zur künftigen Ausübung dieses hehren Berufes mitbestimmt zu haben. — Aus aller Welt. Italien. Rom- Die jüdische Bevölkerung Italiens. Nach der neuesten statistischen Aufnahme zählt man in Italien 44 855 Juden, und zwar besindet sich die größte Gemeinde in Nom mit 10 000 Seelen, dann folgen Turin mit 5100, Livorno mit 4200, Mailand mit 3600, Venedig mit 2850, Florenz mit 2000. Ferrara mit 1730, dann Genua, Bologna, Neave: 'mir wenig mehr als 4000 jüdischen Einwohnern. Bezeichnend ist, daß südlicher wie Neapel keine Juden mehr angetroffen werden. 70 Rabbiner und Vizerabbiner wirken an 57 Schulen oder Synagogen, worin in 20 nach italienischem, in 16 nach deutschem, und in 12 nach spanischem Ritus unterrichtet wird." Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Der .Ausschuß des Verba n d e s d e r D e u t f cf; c n 3 u b c n" teilt uns mit: „Wie schon vor einiger Zeit mitgeteilt worden war, sind ganze Provinzen Preußens, auch solche, welche eine beträchtliche jüdische Bevölkerung zählen, ohne jüdische Oberlehrer. Zn diesen Provinze» gehören Westfalen und die Rheinprovinz. Bisher war es in der Rheinprovinz für einen jüdischen Lehramtskandidaten nicht einmal möglich, eine Anstalt zu finden, an der er s e i n P r o b e j a h r absolvieren koimte. Wir hören, daß jetzt am Realgymnasium in Cöln dem Seminar auch ein jüdischer Lehramtskandidat überwiesen worden ist. Die erste Anweisung des Preußischen Kultusministers zur Ausführung des Volksschnlunterhaltnngsgesetzes ist im Asirilheft des Centralblatts der Unterrichtsverwaltung erschienen. Sic behandelt unter VI auch das jüdische Schulwesen. Hiernach sind die jüdischen Schulverbände hinsichtlich der Ansammlung e i n e s B a u f o n d s, der staatlichen Beiträge und der Ergänzungsznschüsse des Staats allen übrigen öffentlichen S ch nlv er b än d e n gleichg e st e l l t.! Der Verband der Deutschen Juden und der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, beide in Berlin, werden in Zweifelssällen bereit sein, Anfragen der Beteiligten über die mit der Ueberleitung zusammenhängenden Verhältnisse zu beantworten." Wachenbuchen. Nach 40 jähriger Amtstätigkeit ist Herr Lehrer Jakob Emmerich in den Ruhesta n d getreten. , Personalien. Frankfurt a. M. Im Mter von 58 Jahren verschied das Mitglied des Ausschusses der isr. Gemeinde, Herr Ludwig Kanffmann. Seitdem Ludwig Kanffmann sich vom Geschäfte zurückgezogen hatte, widmete er sich mit Eifer der Allgemeinheit; besonders dem Isr. Almosenlasten hat er mit Energie vorgestanden. Am Grabe sprachen: Rabbiner Dr. Seligmann, Justizrat Dr. Hecht (für Vorstand und Ausschuß der Israel. Gemeinde), Bankier Kahn (für den israel. Almosenkasten), Dr. Brüll (für die Loge zur ausgehenden Morgenröte) und Dr. Baerwald (für den Freisinnigen Verein für jüdisches Gemeindelebcn). Frankfurt a. M. Dem Konsul Adolph Baer- Goldfchmidt wurde vom Grotzherzog von Hessen das Ritterkreuz erster Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.' fl! 16 Frankfurt a. M. Ein Jude alten Schlages, ein echter Jehnd«, ist dahingegangen. Herr Hugo B e n d i war ein Jude, in dem die echten jüdischen Midaus (Eigenschaften) zum vollsten Ausdruck gelangte» : gutherzig, genügsam, sroh, arbcitsfreudig, wohltätig und äußerst bescheiden, ward er von jedem, der ihm nahetrat, geliebt und geachtet. Er war ein frommer Mann und ,,'iiedakdek bemizwans" und von den „Srisin makdimin" im besten Sinne des Wortes Er hat nie, auch nicht im hohen Mter — der Dahingegangene ist 80 Jahre alt geworden — die „Haschkomoh" verfehlt, und als „kauwea itini latauroh" hat er niemals seine täglichen Gemoro- und Mischna-Schiurim ausgelassen. In seiner frühesten Jugend, als er 'seinem Kaufmannsberuf nachgehend in Halberstadt weilte, lernte er Tauroh aus dem Munde verschiedener „Gedaulim" wie Rabbi Gerschcm Josafa. Lange, Josef Hirsch, Hildesheimer, und als 'er nachher in seiner Heimatstadt Mainz lebte, verkehrte er eng mit Dr. Lehmann s. A. Sowohl in Mainz, als auch hier in unserer Genieinde genoß er sehr hohe Achtung. Bis zu seinem Ableben erfreute er sich einer guten Rüstigkeit und versäumte auch nicht in den letzten Jahren, Scheni-Wachamischi zu fasten. Sein Andenken wird daher ewiglich ein gesegnetes sein. Wien. Bankier Salo Landau, ein Enke des Prager Rabbiners Nappaport s. A., ist gestorben. Landau war Präsident des polnisch-jüdischen Synagogenvereins und gehörte dem Vorstande der Wiener israel. Kultusgemeinde an. Der Advokat Dr. Ludwig Bendicner in Prag erhielt in Anerkennung seiner Tätigkeit im böhmischen Landesschulrate das Komturkreuz des Franz Joseph-Ordens. Generalstabs-Jngenieur Siegfried Popper, oberster Leiter der Kriegsschiffsbau-Abteilung der österr.-ungar. Marine, ist auf sein Ersuchen in den Ruhestand versetzt worden. In Kapolnok-Monastor (Siebenbürgen) starb der Gründer und Präsident der dortigen isr. Gemeinde Abraham Roth. Roth, der 49 Jahre lang das Amt als Kreis-Notar und Postmeister bekleidete, war streng religiös und ein Ben-Tauroh. Haag. Zum Rittei des Orange-Nassau- Ordens wurde Dr. med. S. Diamant in Hook von Holland ernannt in Anerkennung seiner Verdienste, die er sich bei der hingebenden ärztliche» Behandlung der Ueberlebenden des gescheiterten Dampfers „Berlin" erworben hat. Aus de« Vereine«. Fraukfurt a. M., 25 April. Das Thema .Die F a l a s ch a s", über das der Forschungsreisende Dr. Jacques Faitlovitsch im Aufträge des hiesigen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur gestern Abend sprach, hätte ein großes Publikum nach der Frankfurt-Loge gelockt. Wir geben hier den Vortrag in kurzen Zügen wieder: Im 18. Jahrhundert brachten Forschungsreisende zum ersten Male die Mchricht, daß es in Abessvuicn schwarze Inden, Falaschas genannt, gebe. Diese Nachricht hatte nur den einen Erfolg, daß sich "christliche Missionare nach dem unzugänglichen Lande begaben, und da die Falaschas seit vielen Jahrhunderten in dem Glauben lebten, daß sie der Rest des einst so großen jüdischen Volkes seien, so erreichten die Missionare durch ihre Einführung als jüdische Brüder mit der Zeit bei diesen vollkommen weltfremden Menschen, daß sie zahlreiche von ihnen — vielleicht 40,000 Seelen — trotz des energischsten Widerstandes eines großen Teiles der Taufe zuführten. Der erste Jude, der mit den Falaschas in Berührung kam, war der greife orientalische Professor Halövy in Paris, der Lehrer des Redners. Leider wütete zur Zeit seiner Expedition, die er mit Unterstützung der Alliance Jsraölite unternommen hatte, in Wessynien ein Bürgerkrieg und so mußte er bald znrückkehren. Eine Expedition wurde dann nicht wieder ausgerüstet, denn die europäischen Juden meinten, daß die zahlreichen Bürgerkriege und die Verfolgungen des fanatischen Königs Johannis' die Falaschas aufgerieben oder dem Christentum in die Arme geworfen hätte. Nur in Professor tzalövy war das Interesse für die Falaschas lebhaft wach geblieben und er, der Redner in die äthiopische Sprache und Literatur eingeführt hatte, war die Veranlassung, daß Redner im März 1904 auf Kosten des Barons Edmund von Rothschild nach Abessynien abreiste. In Asmara, der Hauptstadt der italienischen Kolonie Erythräa, brachte Redner die Expedition zusammen, und am 8. Juni 1904 brach er mit 15 bewaffneten Abessiniern und .5 Maultieren, dem einzigen Beförderungsmittel in dem unkultivierten und gebirgigen Abessinien, auf. Die Falaschas wohnen hauptsächlich in der Landschaft Tigre, nördlich des Flusses Tecazze, und Amhara, südlich dieses Flusses. Ihre Zahl dürfte noch etwa 100000 betragen. Die Falaschas wohnen in besonderen Dörfern. Die meisten Familien haben 3 kleine Hütten (je eine zum Wohnen,.zur häuslichen Arbeit und zur Aufnahme von Fremden). Jede Familie hält einige Kühe oder Ziegen. Abessinier, auch getaufte Falaschas wohnen nicht in ihren Dörfern. Bon den Abessiniern unterscheiden sie. sich weder in Kleidung noch in Sprache. Die Falqschas gehen barfüßig und barhäuptig — auch im Gottes-