Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu M. 16 des FrmlksMter Jsmelttischm FamilieudlMes. Inhalt der Vellage: Artikel: vorotb bsrisobooim. — Der Beruf der Krankenschwester. — Aus aller Welt. — Aus der Lehrerwelt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Vereins-Kalender. Doroth liarisclionim. Die früheren Geschlechter. Eine Geschichte der Juden, von Isaak Halevy, Hamburg. Unter diesem Titel erschien gleichzeitig mit der Jewish Encyklopedy, die über ein Kapital voll Millionen Dollars verfügt, aus der Feder eines jüdischen Gelehrten, der außer seiner Feder nur noch über ein Tintenfaß verfügte, ein Werk, das, was wissenschaftlichen Wert anbelangt, nicht nur jenem die Wage hält, sondern eine Umgestaltung desselben in seinen wichtigsten Teilen zur Notwendigkeit macht. Non multa, sedmultum. Nicht vielerlei, sondern viel, sagt das alte Sprüchwort etwas unbeholfen, denn nicht die Quantität entscheidet den Wert, sondern die Qualität. Auch nicht die glänzenden Namen des Aussichtsrates. aus den Spitzen der Gelehrten des alten und neuen Kontinents zusammengesetzt, die über die jüdische Wissenschaft wachen. Darunter rabbinische Koryphäen wie Anatole France und Stephan Wise. Das Programm der Encyclovedy wird von Halevy arg durchkreuzt. Dort heißt cs: Ausfüllung der Kluft, die das Judentum von den Ariern trennt, durch die Forschungen von Geiger, Frankel, Graetz, Rapaport, Neubauer Was Jnauisition und Reform nicht vermocht, soll auf denl Wege einer papierncrnen Brücke vollsnhrt werden. Amerika macht sonst Lokomotivräder aus Papiermache — aber nicht aus Makulatur! Und Halevy macht Makulatur für die Käsekeller uns den Werken dieser „umvissenschaftlichen Zeiten" angehörenden Forscher. Er steht dabei nicht vereinzelt da. Denn der weit mehr moderne, berühmte Harkavy hat, wenn auch in anderer Richtung, den Standpunkt Jener als verfehlt und überwunden gezeigt. Halevy weist jedem Einzelnen mindestens 1000 Fehler nach, darunter so schwere, tragikomische, daß ein Einziger genügt haben würde, auf einem anderen Felde, als dem der vogelfreien jüdischen Wissenschaft, den Niinbus eines ernst zu nehmenden Gelehrten zu zerstören. Und das nicht blos auf dem ihnen relativ ftemden Gebiete des Talmud Babli und Jeruschalmi, sondern selbst in der Auslegung des griechischen Josephns, der Makkabäerbücher, ja auf dem Gebiete der Geographie und der professionellen Historik. Das Verdienst, dieses epochemachende Werk auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft veröffentlicht zu haben, gebührt der „Jüdisch-literarischen Gesellschaft" Frankfurt a. M., die damit belviesen hat, daß das Geistesniveau moderner jüdischer Forschung sich noch weit höher erheben kann als über die Geschichte der Sulzbacher Druckerei und ihrer verheirateten und unverheirateten Setzer. Denn, wenn auch das Werk hebräisch geschrieben, nur gründlichen Kennern der einschlägigen Literatur zugänglich ist, so ist dennoch in den Jahrbüchern dem Verfasser Gelegenheit geboten worden, die schwächlichen .Verteidigungsversuche des Prof. Bacher in interessanten deutschen Abhandlungen gründlich abzuführen. Daß den erstaunlichen Leistungen eines einzelnen Wilnaer Privatgelehrten auf einem Felde der namenlosesten Verwüstung technische Fehler anhaften müssen, ist so selbstverständlich, daß daraus kein Vorwurf konstruiert werden kann. Die tendenziös-destruktive Arbeit der Assimilationsapostel' hatte das ganze Gebäude der Tradition in Trümmer gelegt, bis in . die Fundamente zerstört. Da galt es, den Schutt wegzuräumen, die kostbaren Stücke, die wirr durcheinander geschmettert üiaren, zu sichten und bis zum Wiederaufbau ist gesonderte Platze zu bringen. Und da es sich um einen durch Jahrtausende fortgeführten Bau handelt, kann bei einem solchen Unternehmen vorläufig von einer chronologischen Ordnung nicht die Rede sein. Darum verdient das Werk den zweiten Titel: „Geschichte der Juden" noch nicht. Derselbe kann daraus erst neu und richtig konstruiert werden. Was die Polemik anbetrifst, so hat der Verfasser Europens übertünchte Höflichkeit zu hoch angeschlagen und zu ängstlich behütet. Er zitiert den Angegriffenen nie anders als den Chochem Graetz, den Chochem Neubauer, den Chochem Weiß, tausendmal, so daß man immer zuerst glaubt, der Chochem Weiß wunder was, ehe es sich herausstellt, daß er gar nichts weiß. Wenn er dagegen seinem Unmutc über die Entstellungen und Verdrehungen Luft macht und die freilich immer wiederkehrende Gelegenheit entsprechend markiert, so ist das zwar um so begreiflicher, als der -weit fortschrittlichere Harkavy die ganze Gesellschaft, namentlich den frechen Hechaluz, mit allermodernsten Knutenhieben regaliert; was aber will er von den Chachnie Aschkenas, den deutschen Gelehrteil und ihrer Manier haben? Wahre deutsche Gelehrte, wie Rabbiner Hirsch s. A , Jacob Bernays, Dr. Auerbach, Prof. Levy haben doch auf dieseni Gebiete herrlich gebaut. Die Destrukteure hingegen sind durch die Bank germanisierte Ostjudcn, die noch dazu der Leitung des Brodyer Krochnial, eines Nachzügler der überaus judenfeindlichen Frankistensekte, folgen. Nun ein Beispiel von den Leistungen Halevy's. Die uralte Tradition lehrt uns im Einklänge mit der heiligen Schrift, daß die lebendige Gesetzcsüberliefcrung bei Zerstörring des ersten Teinpels in den Prophetenschulen Jecheskeels, Daniels, Chaggas, Secharjas, Maleachi's, Esra's und den Tosse hatorah, den Besitzern der Lehre, lvie sie Jeremia nennt, mitsamt seinem Schüler Baruch in ungetrübter Lebenskraft nach Babylonien übertragen lvurde, wo sie, gestützt durch den auch ini Exil voir Babels Königen und den Persern hochgeachteten und hochgestellten Königshof Jechonia's und seinen Nachkommen, den Exilarchen, und ihren großen jüdischen Reichen, festen Boden fassen konnte, den sie durch anderthalb Jahrtausende bis zu N. Hai Gaon nie mehr verlor. Der berühmte R. Mose von Coucy im 12. Jahrhundert in seiner Einleitung zu dem großen Sefer hamizwot bezeichnet Nehardea als den festen Sitz jüdischer Wissenschaft seit Beginn des Exils. Diese Voraussetzung raubt allen Angriffen gegen die Mischnah und der erbärmlichen Pjeudowissenschaft, die sich Bibelkritik nennt, jede Grundlage. Hier mußte die destruktive Tendenz also einsetzen, um diaMischnah als etwas ganz neu und willkürlich nach der Zerstörung des zweiten Tempels Erfundenes darzustellen. Und da der Talmud, in welchem 500 Gelehrte aus dem Zeitraum eines Jahrtausends redend und erzählend mit vereinzelten biographischen Ereignissen auftreten, Gelegenheit bietet, eine Anekdote herauszugreifen, so war bald eine solche gefunden, um zu beweisen, daß die Tradition in Babel vor Rab, d. h. bis 170 Jahre nach Zerstörung des' zweiten Tempels, völlig unbekannt war. Da heißt es Chullin 108: Rab kam nach dein Orte Tetlefusch und hörte, wie eine Frau die andere fragte, wie viel Milch sie zum Kochen eines Pfundes Fleisch verwende. Daraufhin erließ er nun entsprechende Kundmachungen. Ein unbefangener Beobachter würde daraus ebensowenig auf die Zustände eines Riesenreiches wie Babylonien und auf retrospektive Zustände von mindestens sieben Jahrhunderten schließen, wie ein heutiger Beobachter, der nach Dresden kommt und dort einen jüdischen Friseur antrifst, dessen Kenntnisse des Schulchan Aruch auf derselben Höhe stehen, wie die der Frau von Tetlefusch, darauf nicht die Behauptung gründen wird, daß es in Deutschland seit 1000 Jahren keine jüdische Tradition gegeben habe. Aber Jndaica sind vogelfrei. Und da ist es immer der Talmud, der so naiv ist, feine eigenen, überall verbreiteten Angaben durch eine einzige Erzählung für diese sonderbaren Gläubigen ad absurdum zu führen. Halevy führt die Klinge breit und wuchtig. Seine Hiebe sitzen fest. Was sind das doch für Wichte gegenüber diesen russischen Gedächtnisriesen Halevy, Harkavy, Maskileisson, vor denen das ganze schier. unübersehbare Gebiet der rabbinifchen Literatur wie ein einziges Blatt ausgeschlagen liegt. Da kommt der Simson, packt die Füchse, bindet'fein säuberlich Schwanz zu Schwanz und, steckt Fackeln hinein. ... (Fortsetzung folgt.) Der Beruf der Krankenschwester. Von Dr. Gustav Löffler, Frankfurt a. M. Wir leben augenblicklich in einer Zeit, da Probleme zur Lösung stehen, wie sie wichtiger kauni je zuvor die Welt bewegt haben dürsten. Fragen der Diätetik und Erziehung der Kinder beispielsweise bilden auf Kongressen den Gegenstand lebhaftester Erörterungen. Im Mittelpunkte des öffentlicher: Interesses aber steht zweifelsohne — die „Frauenfrage". Die Forderungen der Frauen, die darauf hinanskommen, daß mau ihnen die Möglichkeit nicht länger verschließen solle, den Kampf um's Dasein selbständig, mit eigener Kraft und ohne Bevormundung durch den Mann auf» zunehmen, — muß man billiger Weise als berechtigt anerkennen. Jnfolgedej'scn muß man aber auch der Frau eine ganz andere Stellnng in der Ocssentlichkeit einräumen, als bisher üblich war. Daß Steuerungen sich nicht ohne Kampf eiuführen lassen, ist ja eine fast alltägliche Erfahrungstatsache, zumal wenn sie in gewisser. Hinsicht eine Umwälzung bestehender Verhältnisse im Gefolge haben. In diesen Kampf für und wider die Frauen und ihre modernen Forderungen hat man in letzter Zeit auch das Judentum zu verstricken gesucht. Es wurde nämlich die Behauptung aufgestellt, die jüdische Frau habe von Gesetzes wegen seit den ältesten Zeiten eine rechtlich minderwertige Stellrmg eingenommen. Dieser, den Tatsachen widersprechende Angriff aus den sozialen Geist des Judentnms wurde in einer jüdischen Zeitung (Hamburger Familienblatt) gebührend pariert. Es wurde darin dargctan, daß sich die Wirksamkeit der jüdischen Frau keineswegs immer nur auf das Haus beschränkt habe, sondern daß bei wichtigen Akten in der Geschichte unseres Volkes gar nicht selten Frauen eine Rolle spielten. Auch heute wieder sehen wir unter den Kämpferinnen für die Rechte der Frauen Jüdinnen in erster Reihe, und der unlängst erfolgte Zusammenschluß zahlreicher jüdischer Frauenvereine zum „Jüdischen Frauenbünde" beweist am klarsten, wie auch die jüd. Frauen den Ruf der Zeit verstanden haben. Und sie begnügen sich nicht nur damit, in Reden und Schriften ihr Verständnis für die Fragen des Lebens zu bekunden, sondern — was viel wichtiger ist — sie halten die weibliche Jugend an, zeitig einen Beruf zu erlernen, mit dem sie allenfalls aus eigener Kraft ihr Dasein fristen oder, wenn sie, der vornehmsten Bestimmung des Weibes folgend, eine Ehe schließen, zu der Bestreitung des Haushalts-Etats ihr Scherflein beitragen können. So sehen wir heutzutage die Töchter aller Schichten der jüd. Gesellschaft als Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, in kaufmännischen Berufen, als Stützen der Hausftau und sogar als Aerztinnen sich eifrig und erfolgreich betätigen. Um so verwunderlicher muß es da erscheinen, daß ein Beruf, für den die jüd. Frau prädestiniert erscheint, bisher von ihr all zu wenig beachtet und geübt wurde — ich meine den Beruf der Krankenpflege. Als vor etwa Ity Jahrzehnten zuerst in Frankfurt a. M., weiterhin in Berlin, Breslau, Hamburg usw. „Vereine Mischer Krankenpflegerinnen" in's Leben gerufen wurden, da herrschte zuerst in den weitesten Kreisen eitel Begeisterung, und das Verständnis für diesen edelsten Frauenberuf bekundete sich deullich in der allmählich sich steigernden Zahl der „Schwestern- Schülerinnen" in den einzelnen Verein«!. Seit