Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. ^^Seite 3 dergesetzt, die eZ sich zur Aufgabe machen wirb, die jüdischen Gemeinden bei der Neuordnung und deni Ausbau ihrer Schulvcrhältnisse auf Grund des neuen Gesetzes zu beraten. Während es - sich, soweit die Förderung bestehender jüdischer Volksschulen und die Neuerrichtung jüdischer Volksschulen auf Grund des Gesetzes in Frage kommt, zunächst nur um vorbereitende Schritte bei den Kommunen handeln kann, gilt es vor allem die wirksaine Ausführung der auf Anregung der „Freien Bereinigung" vom Abgcordnetenhause beschlossenen Resolution hinsichtlich, des Religionsunterrichtes zu sichern.'Die Resolution hat bekanntlich folgenden Wortlaut: „Die Kgl. Staatsregierung wird aufgefordert, Mittel in den Staatshaushalt einzustellen,' um da. wo für den jüdischen Religionsunterricht nicht durch jüdische öffentliche Schulen oder seitens der jüdischen Gemeinden durch Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den öffentlichen "Volksschulen oder in anderer Weise gesorgt ist, den Synagogen-Gemeinden die Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichts zu erleichtern " (Bericht A. §. S. 311, 321, 614). Es sollen diese Religionslehrer angemessen besoldet "sein. (Sten. Bericht A. H. 5196, 5197). "Zur Ausführung dieser Resolution ist es notwendig, der Königlichen Staarsregierung ausreichendes Material über die llnterstühnngsbedürstigkeit der in Betracht kommenden jüdischen Gemeinde» z>t unterbreiten. Zit diesem Zwecke hat die „Freie Vereinigung" bei den preußischen Geincinden eine Umfrage in Form einer ausführlichen Spezialenqucte veranstaltet und ist zur Zeit mit der Bearbeitung des eingelaufenen Materials beschäftigt. Diejenigen Geincinden, die den versandten Fragebogen noch nicht beantwortet haben sollten, werden im e i g e n st en In t e re s se geb e t e n, d i e s schl eun i g st n a ch z u h o l e n, da die für den Etat 1908/09 bestimmte» Forderungeil der einzelnen Ressorts bereits in der nächsten Zeit dein Finanzlninister vorgelegt werden müssen. Hinsichtlich der Neuerrichtiing jüdischer Volksschulen und her finanziellen Unterstützung bereits bestehender Schulverbände tragen die Änsführungsbeflimmnngen den Wünschen der gesetzestreuen jüdischen Gemeinden in weitgehendsten! Maße Rechnung Die Schulkommission der „Freien Vereinigung" wird die Beteiligten demnächst in besonderem Rundschreiben ans die in dieser Beziehung jetzt zu ergreifenden Maßnahmen Hinweisen und ist im übrigen schon heute gern bereit, Einzelanfragen sorgfältig zu beraten und zu beantworten." Sämtliche Anfragen sind an den Vorstand der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" zu richten. Frankfurt a. M. Sonntag, den 38. Avril nachmittags von 4—7 Uhr, wird im R.-P. Beis- Hamidrasch (Rechneigrabenstr. 12 II) der Schluß einer neuen „Sefer Tauroh" geschrieben. Herren, die sich an der heiligen Mizwoh, an einer „Sefer Tauroh" zu schreiben, beteiligen wollen, sind vom Vorstande des R.-P. Beis-Hamidrasch hierzu eingeladen. Frankfurt a. M.» 24. April. Der Vorstand der israel. "Gemeinde hat nunmehr definitiv beschlossen, daß bei dem N e n b a u d e r S y n a g o g c am Sabbath die Bautätigkeit unterbleibt. Soden i. Taunus. Herr Restaurateur Ne uh o f- Frankfurt a. M. hat das Haus Rheinfels übernommen und wird in demselben am 15. Mai ein Hotel eröffnen. Berlin. Die Erschwerung der Patentanwaltschaft für Jude n. Es existieren gegenwärtig in Deutschland etwa 250 Patentanwälte, von denen höchstens 10<yb Juden sind. Es ist da doch sicher ein eigenartiger Zufall, daß bei "den 225 christlichen Anwälte» auch kein einziger jüdischer Angestellter ist, weder als Ingenieur noch als Chemiker noch in irgend einer anderen Stellung. Nun verlangt aber das seit st Jahren in Kraft stehende Gesetz betreffs der Patentanwälte, daß jeder, der zur Prüfung als Patentanwalt zugelassen werden will, eine zweijährige praktische Tätigkeit aus dem Gebiete des gewerblichen Rechtsschutzes nachweist. Diese Tätigkeit kann regulär nur in dem Bureau eines Patentanwaltes ausgeübt werden.-Durch das eben geschilderte Verhalten wird demnach jüdischen Ingenieuren der Zugang zur Patentanwaltschaft sehr erschwert, denn die jüdischen Patentanwälte haben fast durchweg nur kleine Bureaus, während cs in Berlin christliche Patentanwälte gibt, die bis zu 60 Angestellte haben. Berlin. Eine unglaubliche Nachricht die leider wahr Ist: Die j ü d i s ch e G e m e i n d c hat ihren Prediger, "den Rabbiner D r. Emil E o h n, vom Amte suspendiert, weil er in einem Gespräch mit dem Direktor des Mommsengymnasiums zu Charlottenburg, Dr. Przygode, z i o n i st i s ch e Anschauungen geäußert habe. Herr Dr) Cohn soll auf die Frage des Direktors, ob er nicht das vollständige Aufgehen der Juden für wünschenswert halte, sich geäußert haben, daß die Juden weder verschwinden wollten, noch könnten, daß die Mischehe und Taufe zu verwerfen, das Stammestum dagegen und damit das Solidaritätsgefühl zwischen den Juden verschiedener Länder zu erhalten, ja zu pflegen sei. Er soll sogar gesagt haben, daß die armen östlichen Juden ihm heute mehr Mitgefühl erweckten, als die christliche Armut in Deutschland, weil kein Christ etwas für sie übrig habe. In der Tat werde auch das Stammestum rein instinktiv gepflegt, wie die Verwerfung der Mischehe beweise. Wer das "leugne, befinde sich in der Selbsttäuschung. Außerdem soll Dr. Cohn den Antisemitismus, wenn auch in seinen Formen verwerflich, so doch im Grunde durch die stammliche Verschiedenheit und Erkennbarkeit der Juden erklärlich gesunden haben Die Anzeige erfolgte "durch j ü d i s ch c O b c r l e h r er,pDk sich durch, diese Aeußcruiigew in ihrer deuts.chnationalen Gesinnung beleidigt und bedroht fühlten. Berlin. Ein ungewöbnlia.er Ausstellungsraum zur Vorführung seiner "Gemälde ist dem Berliner Maler Lesser-llry zur Verfügung gestellt worden Mehrere Mitglieder der natio nallibe raten Par r"e i die öfter im Ury-Melier waren, sind nämlich soeben damit beschätigt, eine Anzahl von Werken des Malers in ihrem Fraktionszimm e r im Mgeordnetenhause unterbringen zu lassen, als eine Art privater Kunstausstellung für die Parteimitglieder und "ihre Freunde. Stuttgart. Die hiesige, 1878 gegründete Israel. Rcligionsgesellschaft überreicht znm ersten Male der Oeffentlichkeit eine» gedruckten Jahresbericht. Der Jahresabschluß verzeichnet Jk 4852.— an Einnahmen ans Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Platziniete und Geschenken, denen Jk 3259.— Ausgaben gegenüber stehen. Erwägt man, daß die Religionsgesellschaft nur aus 23 Mitgliedern besteht, so muß man die Opferfreudigkeit der kleinen Schar, die Synagoge, Religionsschule, Schechitah und Mikwah unterhält, hohe Anerkennung zollen. Nürnberg. In der sozialdemokratischen .Fränk Tagespost" lesen wir: „Das Tagesgespräch in der Nürnberger „besseren" Gesellschaft bildet, daß ein hiesiger j"ü bischer Anwalt, Mitglied einer bekannten Familie, seinen Sohn hat taufen lassen Nicht etwa au§ Ueberzeugiiiig, sondern lediglich um ihm die bei der Geburt a b g e s ch n i t t e n e?, ukuiift zu verbessern. Der Junge hat dadurch Aussicht, eiunial Reserveoffizier, ja sogar Mitglied des „Museums" zu werden, eine Ehre, die feine jüdischen Großeltern nie erreichen würden. Derartige Fälle nehmen in letzter Zeit überhand, ohne daß seitens der Geistlichen gefragt wird, ob es mehr als bloße C'h a - rakterlosigkeit, Geldgier, Streberei und Kriecherei ist, die zum llebertritt veranlaßt. Da ist z B. in Fürth ein praktischer Arzt, ein wütender Sozialistenfresser und Reichsverbändler. Sein Solm mußte getauft werden. Vielleicht bringt er es dadurch zum Kolonialministcr ä la Dernburg. Die füdi sch e ii Banguiers geben für hohen Profit der bankrotten russischen Regierung Geld für neue Jiideiimctzeleicn. der Freisinn unterstützt mit jüdischem Geld die antisemitischen Kandidaten, religionslose Juden lassen sich und ihre Kinder aus Charakterlosigkeit taufen, heucheln christliche Religion und betteln schließlich hochstehende Personen an, die P a t e n st e l l e zu übernehmen." H—g. Hannover. D i e freie Fleischer- I nn nng z u Hannover und der Vorstand d c r S Y n a g o g e n g e in e i n d e Hannover. In der letzten sehr zahlreich besuchten Mitgliederversammlung der genannten Jmiinig nahni nian sehr scharf und energisch Stellung gegen den oben benannten Vorstand und zwar aus folgendem Grunde: Der Vorstand der Synagogengemeinde sucht von Jahr zu Jahr, die Mgaben der jüdischen Schlachter in Hannover zu steigern. Die jüdischen Schlachter fühlten sich hierdurch in ihrer Existenz bedroht und verweigerten die enorm hohe Abgabe. Nun hatte der Vorstand der synagogengemeinde ein Inserat in auswärtiaen Blättern erlassen und sucht für Hannover einen jüdischen Schlachter zur Einrichtung einer neuen Fleischerei, lvas wohl aus dem Grunde geschah, damit die jüdischen ansässigen Schlachter durch "diese angedrohte Konkurrenz gefügig gemacht würden. Es wurde allgemein das Vorgehen des Synagogenvorstandes sehr scharf kritisiert; man betonte, es wäre kaum zu verstehen, daß der Synagoaenvorstand auf solche unerhörte Weise seine eigenen Mitglieder zu schädigen suche. Es wurde schließlich einstimmig beschlossen, sich mit den jüdischen Jnnnngsmitgliedern solidarisch zu erklären und mit einem solchen Schlachter, der durch lliiterstirhiing des Synagogenvorstandes als Konkurrenz für die jüdischen Kollegen herangezogen werde, weder irgendwelche Gemeinschaft zu haben, noch, was für einen solchen Schlachter die Hauptsache sei, mit ihm gemeinsam zu schlachten, sowie ferner ihm jede erdenkliche gesetzlich zulässige Schwierigkeit zn bereiten: außerdem werde ihm kein Kommissionär Vieh verkaufen.*) Dessau. Die Baronin von C n b Oppenheim-Stiftung der Israel. Kultus g e m e i n d e Hai im letzten Jahre 1180 Gesuche erhalten, von denen 790 berücksichtigt wurden. Der Dessauer .Kultusgemeinde wurden zur /Förderung des sittlich - religiösen Lebens in der Gemeinde sowie "als Beihilfe zur Pflege der Juaenderziehiing und zur llnterstützung von Fürsorge-Vereinen, wie auch in früheren Jahren, 30 000 Jk überwiesen. Aus diesen Mitteln wird eine iieue Synagoge und ein Gemeindehaus errichtet. Andere anhaltische Kultusgemeinden wurden mit ca. 15 000 Jk bedacht. Zur Unterstützung Armer und Hilfsbedürftiger ohne *) Siehe Annonce in heutiger Stummer, die diesen Bericht widerlegt. D. Redakt. Unterschied des Glaubensbekenntnisses sowie zur Förderung von Vereinen und Veranstaltungen, die der moralischen, sozialen und wirtschaftlichen Hebung der "Armen, sowie sonstigen Werken der Nächstenliebe dienen, wurden fast 70 000 Jk 'aufgehmnbt. Bedacht wurden u. a. der Unterstütziingsverein für isr. Studenten am Polytechnikum in Coethen, der Verein für die Errichtung eines rituellen Speisehauses für die Besucher dieser Anstalt und die Unterstützungskasse jüdischer Kantoren in Berlin. — Ferner wurden Zwecken der Krankenpflege ungefähr 22000 Mark gewidmet, die sowohl jüdischen wie nichtkonfessionellen Institutionen zu gute kamen, u. a. für Walderholungsstätten, Heilstätten für Lungenkranke und Ferienkolonien usw. — Für die Förderung der Wissenschaft des" Judentums sowie zur Unterstützung solcher Vereine und Anstalten, welche der Erforschung und Pflege dieser Wissenschaft, sowie der sozialen und moralischen Hebung des Judentums dienen, wurden 15 000 Jk bewilligt. — Sodann sind der nenerrichtcten Städtischen Handelsrealschule zu Dessau 20000 Jk gewährt worden. — Ferner wurden 10 000 M. als Stipendien an begabte Schüler und würdige junge Leute verteilt. Schließlich wurden je 2500 Jk der Herzogin Marie und der Herzogin- Mutter von Anhalt zur Verfügung gestellt. Insgesamt sind 226 000 Jk (225 000 im Vorjahres zur Ausgabe gelangt. Die Einnahmen betrugen 229 000 Jk (wie im Vorjahr). Hingegen hat sich das Vermögen der Stiftung infolge Kursrückgangs der Effekten um 30000 Jf. verringert und betrug am 31. Dezember v. I. 5 282 346 Jk Kberswalüe. Stiftung. Der vor einigen Monaten verstorbene Inhaber der Berliner Bankfirma Jaqnier n. Securius, Bankdirektor Siegmund Samuel, ein Eberswalder Kind,, hat seiner Vaterstadt Eberswalde ein Kapital von 200 000 Jk letztwillig vermacht mit der Bestimmung, daß die Zinsen dieses Kapitals alljährrlich an bedürftige Waisen der Stadt ohne Unterschied der Konfession verteilt werden sollen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Ck>esiednkt>"ur Dr. Al-xander von 97 a y d a, einer der bedeutendsten Wortführer der nichtmagyarischen Nationalitäten im ungarischen Reichstage, sprach gelegentlich seines hiesigen Aufenthaltes einem Redakteur der „Neuen Nationalztg." gegenüber sein Bedauern darüber aus, daß es in Ungarn keine jüdisch-nationale Bew e g n n g gibt und daß die dortigen Juden sich dem magyarischen Chauvinisinns dienstbar machen. Er sagte u. a. ferner: „Der Antisemitismus ist im magyarischen Volke latent, während die nichtmagvarischcn Nationalitäten infolge der bisherigen Politik der ungarisckien Inden, die sich stets auf Seite der Förderer der Magvarisierungstendcnzcn stellten, offene Gegner der Juden sind. , Die Juden Händeln äußerst unklug, weil die Verhältnisse in Ungarn sich dorthin entwickeln, daß auch die Magyaren offene Antisemiten werden und sich voraussichtlich dann mit den Nichtmagharcn ans antisemitischer Basis einigen dürften. Die bisherige Politik der Juden Ungarns ist unbegreiflich und umso unverständlicher, da die Juden von der magyarischen öffentlichen Meinung als m i ii d e r w e r t i g e Magyaren angesehen werden." Wien. Eine Stiftung von 6"0 00"» Kr. hat Frau Philipp T h o r s ch Witwe zur Errichtung von 40 Betten im Israel. Altersversorgu n g s h a ii s e gemacht. Budapest, 20. April. Ein Opfer seines Namens. In der Erzherzog Josef-Kaserne hat sich gestern .der Husar Heinrich Kohn erhängt. Er war wegen seines Namens und seines A e ii ß c r n häufigen Verfolgungen ausgesetzt: man nannte ihn den „kleinen Kohn" und chikanierte ihn, wo es nur möglich war. Vorgestern kam Kohn' aus dem Spital, wo er einige Tage zugebracht hatte. Der Wachtmeiüer zwang ihn sofort auf das Pferd zu steigen, trotzdem er erklärte, den ganzen Körper voller Wunden zu haben, die ihm seine Kameraden zugefügt hatten. Gestern verübte Kohn den 'L-elbstmord. Sein Leichnam wurde entdeckt und der Eskadronskommandant wollte ihn gerade wegräumen lassen, als der Erzherzog Josef, der zufällig zur Inspektion in der Kaserne weilte, ins Zimmer trat. Als der Erzherzog sah, um was es sich handelte» ordnete er sofort eine Untersuchung an. ließ die Mannschaft der Eskadron antreten und richtete an sie eine A n s p r a ch e, in welcher er zum Schluß diejenigen von der Mannschaft, die über die Motive des Selbstmordes Anfklärirng geben könnten, aufforderte, vorzutreten. Es meldeten sich ein Korporal und drei Gemeine, welche die Vorfälle protokollarisch bekundeten. Der Erzherzog unterbrach die Schilderungen der Soldaten wiederholt mit den Rufen: „Unerhört, unglaublich!" Die Untersuchung wurde sofort eingeleitet. An d'em Leichenbegängnis, das morgen stattfinden wird, hat der Erzherzog teilnehmen zu wollen erklärt. Schweiz. Bade«. Der Z Jahresbericht des Altersasyls in Lengnau ist erschienen. Wir entnehmen demselben folgende Angaben: Es sind gegenwärtig 22