Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 16. Europa verjagten Kongregationen zu bauen. Nie denken — so schreibt er — diese Leute, das Land wieder erben zu dürfen, nie möchten sie etwas für das Wohl der Eingeborenen leisten; gerade umgekehrt: da das Land nach dem christlichen Glauben von Christus verflucht wurde, so soll cs für immer als ein Mönchenkloster-Land öde und verwüstet bleiben. ... Und Kassab fährt fort: „Als der menschenfreundliche Agent der Jesuiten, Herr Azuri, die Rückkehr armer jüdischer Familien, die trotz Jahrtausende! Verfolgungen ihre Treue für unser Land bewahrt haben, sah, da suchte er sie in ihrer friedlichen Arbeit zu stören. Als fanatischer Christ will er nicht einsehen, daß diese Leute mit Herz und Seele dem alten Vaterland ergeben sind, das; sie öde Wüsten kaufen und bebauen; daß sie menschenfreundliche Anstalten gründen und das; sie die Wiederbelebung des Landes und der Eingeborenen fördern. Denn was geht das Azuri an: genug, daß die Juden für ihn Gottesnwrder und Palästina ein verfluchtes Land ist. In der Tat ist dieser vermeintliche arabische Patriot ein Muselmanenfresser, wie er ein Judenfresser ist. Denn die Juden sind keine Fremdlinge in Syrien: es war ja ihr Vaterland; ihr Vaterland soll es wieder werden. . . . Sie sind ja dort zu Hause. Sie kommen in das Land mit der einzigen Abjicht,. es zu bebauen und darin auf ewig zu bleiben. . . . Sie exploitieren nicht den Aberglauben und die Faulheit der Eingeborenen, wie cs die Ajsomptioniflcn und andere heiligen Brüder tun. Letztere behandeln die arabischen Christen als ihre Beute, besetzen ihre Güter und Habe, denn sie betrachten sie als ihre natürlichen, von Gott geschenkten Knechte. Nicht einmal lehren sie die Araber, Erdbau oder Industrie zu treiben, Kultur in Syrien zu entwickeln, sondern predigen eine . Denationalisation, eine vermeinte Einheit der -Christen, welche Propaganda die Levantiner von ihrem Boden reißt, sie zu Verrätern ihres Vaterlandes macht, als Feinde der jüdischen und muselmanischen Landsleute. . „Ganz anders sind die Juden. Diese haben ungesunden und öden Boden in ein Eden nmgewandclt; sie entwickeln im Heiligen Lande Industrie, Arbeit, Leben und Zivilisation. Sie dienen den Arabern als ein Beispiel des Fleißes, der Tätigkeit und der Duldsamkeit. . . . Und sie sind diejenigen, die Palästina, das vom Katholizismus verseuchte Land, mit Hilfe der Türkei seinen alten Glänz zurückbringen werden, so daß es wiedcrmals das Land des Ruhmes und der Fruchtbarkeit werden wird. .... Schon heute verdienen die Juden dafür den Dank der Eingeborenen, der Geschichte und der zukünftigen Generationen. Es soll einnial für immer gesagt werden, daß die Juden nie Feinde der Araber werden können. Erstens sind sie politisch und quantitativ zu schwach dazu; zweitens sind sie Semiten wie die Araber, Kinder ein und derselben Rasse, eines Vaterlands. . . So sprach Herr Kassab, ein junger, begeisterter Patriot, der Syrien, sein Vaterland, über alles liebt. Und er ist nicht die einzige Schwalbe unter den Arabern, die dem jüdischen Volke einen neuen Frühling bringen möchte. Es ist die Annäherung des jüdischen Elements an das arabische Element, cs ist die friedliche Eroberung der jüdischen Kultur, die uns bei der Zurückgewinnung Palästinas viel nützen kann. Die Gründung einer „Semitischen Liga" wäre deshalb sehr wünschenswert. Es wäre aber dazu nicht weniger nötig, in Palästina den Bodenankanf und die Kolonisierung der einheimischen Juden zu fördern. Denn nur, wenn das jüdische Element durch Landleute, Kolonisten und Bodenbesitzer, stark repräsentiert wird, kann es den einheimischen Bewohnern Palästinas durch seine Kiil- 'tur und seinen Patriotismus imponieren. D r. N. S l o u s ch z. Die Woche. Eine Botschaft zieht durch alle Lande, daß die Völker den Frieden wünschen. Frankfurter JsraelittsHeS FamikkenblaÜ. Endlich'! Des tausendjährigen Bruderstreites und Brudermordes müde, wollen die Pölker Frieden schließen. Eine befreiende Botschaft! Haag soll unter den Völkern richten und zwischen den Nationen entscheide», und „cs schmiede» die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen, ihre Spieße zu Winzermessern um, denn nicht heben wird Volk gegen Volk das Schwert, und nicht üben sie ferner die Kriegskunst." Beinahe möchte man meinen, daß die messianische Zeit, da Wolf und Lamm friedlich beisammen weilen, im Anzuge ist. Die Völker Frieden schließen?! Und die grausamen Unterdrückungen, Entrechtungen und Verfolgungen, die täglich geschehen? Und die Einzel- und Massenmorde, und die kleinen und großen Pogrome, — wie sind diese mit der Fricdenslust in Einklang zu bringen? „Die Hunde verspüren noch kaum den Friedenszng. . ." Doch s o reden die Fuchs c^. . . Weder die Völker noch die Negierungen wollen den Frieden haben, — doch was denn? Der eine hat eine zu minderwertige Flotte, der andere dagegen — eine sehr gute, der zweite hat eine minderwertige Landarmee, der andere eine gute; ein dritter wiederum besitzt keines von den beiden in gehörigem Zustande; — so will ein jeder den Frieden haben, aber ausschließlich für den andern . . . Wäre dem nicht so, dann müßte notwendiger Weise dem äußeren Frieden der innere Friede vorangehen; ein blutgetränktes Land wie Rußland könnte unmöglich auf einem Friedenskongreß vertreten sein, geschweige denn, daß der Herrscher eines solchen Landes gar als Einberufer und 'Friede ns Wecker fungiere. Ein ernstznnehmender Friedenskongreß müßte scharfen Protest gegen Massenmorde von Greisen und Jünglingen aus bloßen politischen Motivenheraus erlassen . . . Man komme nicht mit der faulen Ausrede des „Nichteinmischendürfens in innere Angelegenheiten"! Einem internationalen Weltkongreß steht eine berechtigte Einmischung zu; ein solcher Schritt kann gemacht werden, nur setzt er einen guten Willen voraus . . . Ist dieser Wille vorhanden? Die Antwort ist'überflüssig . . . Doch ist ein Friedenskongreß, wie er auch immer sei, zu begrüßen. Ein edles Werk, wenn cs auch einen noch so eigennützigen Hintergrund hat, wirkt doch veredelnd. Und noch ein Umstand ist in Betracht zu ziehen: Der Zar als Einberufer des Friedenskongresses kann nicht, während Veranstaltungen zum Kongreß getroffen werden, seine Volksvertretung nach Hause schicken, er kann es nicht, lveil damit ein Signal zum Verfassungsbruch gegeben wäre. Solange die Duma besteht, sind Massenpogrome undenkbar. Deshalb ist zu hoffen, daß diesmal russische Ostern ohne Judennretzclcien vorübergehe» wird; — und deshalb sei der Haager Friedenskongreß bewillkommnet. $ *' * „Pogrome gegen die Juden werden sich bei uns nicht wiederholen", versicherte Herrn Dr. P. Nathan der liberale Ministerpräsident Rumäniens, Herr Sturdza — und der liberale Premier hält sein Versprechen: Er läßt die Juden aus Rnmänieu austreiben . . . und zwar ans diese kluge Weise: Die angegriffenen Juden sind während der Pogrome geflohen, sie haben mithin Rumänien verlassen, und da neuzugewanderte Juden in Rumänien keinen Einlaß finden, so werden die Rückkehrenden einfach des Landes verwiesen. Echt staatsmännisch gedacht! ... Es ist nur jammerschade, daß der erlauchte Staatsmann seine große Staatskunst in einem so jämmerlich winzigen Staat wie Rumänien verbrauchen muß, zu mindesten gebührt es Herrn Sturdza, als Premier nach Rußland versetzt zu werden! . . . Wie unglaublich das oben Erzählte auch scheinen mag, so ist' es doch eine Tatsache. Gleich nach Wiederherstellung der äußeren Ruhe — die innere wird noch lange ausbleiben — wurde ein Erlaß der Negierung publiziert, wonach die Juden, die auf dem Lande wohnen, sofort entfernt werden sollen. Man berief sich dabei wie immer — ganz nach der russischen Methode — auf ein Gesetz: „Fremden ist der Aufenthalt auf dem flachen Lande verboten." Unter Fremden verstehen, wie bekannt. die rumänischen Staatsmänner auch ^die in Rumänien geborenen, jn Runiänien ihrer Militärpflicht genügenden Und keinein anderen Staatsverbande angehörenden Juden.- Und man geht noch weiter: die rumänischen Minister sind keine beschränkten Leute, sie denken bisweilen Begriffe zu Ende, — und so entdeckten sic bei ihrer übergroßen Weisheit,, daß unter „flachen Lande" auch Marktflecken und kleine Städte zu verstehen _ sind. Und so sollen die Juden auch ans den kleinen Städten der Moldau vertrieben werden, und laut den letzten Berichten ist mit der Austreibung aus' den kleinen Ortschaften bereits begonnen worden. Karmen Silva kann jetzt neue Lieder singen; die Konsequenz, die Klugheit, die große Liebe für den. Landmann, von deKen die rumänischen Staatsmänner jept Zeugnis ablegen, müsse» besungen werden. . . Und die jüdischen Börsenkönige, welches Lied werden die von Rumänien singen? Werden sie die ungeheuere Schmach, die Rumänien dem jüdischen Volke antut, glcichgiltig hinnehmen? Man sagt, das Geld ist i n t e r n a t i o n a l, es kennt keine anderen Motive als den Gewinn. — Allein, diese Behauptung trifft nicht zu, denn die Regierungen aller Länder nehmen sich ja das Recht, bei Anleihen nach dem Ausland mitreden zu dürfen; keine Regierung wird es je ihren Geldmännern gestatten, eine Anleihe nach auswärts zu machen, wenn es ihrer Politik und ihren Interessen zuwiderläuft; so hat die jetzige französische Regierung eine Anleihe an Rußland ver-- hindert. Doch nicht nur die Negierungen erheben Einspruch dagegen, auch die Völker selbst sind nicht geneigt, Geld dem Feind vorzustrccken, so z. B. ist das französische Kapital nach Deutschland in den ersten Dezennien nach dem Krieg so gut wie gar nicht geflossen, und erst jetzt, da die feindselige Stimmung gegen Deutschland im Abnehmen begriffen ist, fängt das französische Kapital allmähliche an, nach Deutschland zrr wandern. Also das Geld der Völker, bei denen nationales Leben pulsiert, ist bei weitenr nicht international. Warum könnte dasselbe nicht mit jüdischem Kapital sein? In seinem vor kurzem erschienenen Buche „Aus seinem Diplomatenleben" sagt der amerikanische Botschafter 'in Berlin White: Wenn ein jüdischer F i n a n z m a n n, ein Rothschild, Rußland Geld vor st reckt, so muß dies als eine antisemitische Tat angesehen werden. So denkt ein Christ, und wir Juden? Wir Inden nehmen den verrücktesten Verrat unserer Söhne glcichgiltig hin, wir scheuen uns sogar iiicht, unfern Verrätern Ehrenämter zuzuweisen. und sie womöglich zu unfern Führern zu machen. Ein solches versklavtes Volk kann niemand resfektieren; einem solchem Vovke gegenüber giebt es nichts Unerlaubtes! Allein so geht es nicht weiter, es muß eine jübt Tribüne geschaffen werden, die die Sache in die Hand nimmt; es müssen da die angesehensten Männer von allen Richtungen und Korporationen sich zu Rate setzen, so z. B. Oskar Straus, Schiss, Paul Nathan, Wolfsohn, Zangwill u. d. m., und dieser Rat müßte einen moralischen Druck auf die jüdischen Finanziers nusüben, sich bon Anleihen an Länder, wo die Inden getreten und gemartert werden, fern zu halten, sowohl ihr Geld, wie auch ihre Vermittlung. diesen Ländern zu entziehen. Schon das Bekanntwerden vom der Konstituierung eines solchen Rates wird auf Länder wie Rumänien Eindruck machen. Die Sache ist schwierig, allein will das jüdische Volk auf Existenzberechtigung A n s p r uK m a ch e n, s o m u ß e s geschehen; die Ehre unseres Volkes gebietet es! Aus aller Wett. Teittsches Reich. Frankfurt a. M., 22. April. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: ' „Nachdem die erste Ausführungsanweisung zum neuen Volks schul -Unterhaltnngsgesetz nunmehr erschienen ist, hat die „Freie Vereinigung" eine aus pädagogischen und juristischen Sachverständigen bestehende SonderkommiffIon nie-