Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ilrartkfrtrter 4 4 4 4 ---—— Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ' KedaLti-rr rrrrd HefchLftsst-lle: < . . JnfertionSPreife: Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank» Frankfurt a. m.. , Die viergespaltene Petitzeile... . . W Pf«. furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post Lleichstraße 2, Lcke vrlbelerstraße Die Reklamezeile.. . . . 100 .. abonniert im In» und Ausland MI. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, v-r-f-« 10 507. —> »•< ,— Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: sonstige Länder Mk. 2.— La- > Herausgeber: Hals 4 eis. , Preis naq ueveremrunsr. ' L. Jahrgang. Freirag, den 12. Ijar Stzv7 (26. April 1867). Inhalt -es Hauptblattes. Artikel: Briese aus der Schweiz. — Juden und Araber in Palästina. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Ost und West. — Sp rech s aal. — Bunte Chronik. — Briefkasten. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. --- Barmizwohs. Briefe aus der Schweiz. . Die „russischen Kolonien" in den schweizerischen Universitätsstädten haben schon jetzt alle ihre Vergangenheit, denn sie können bereits auf viele wort- und phrasenreiche Semester zurückblicken. — Seitdem die russische Knutenherrschaft sich zu europäisieren begann, — sind die „besten Kräfte" und größten Schreier nach dem Land der wilden Soldateska gezogen, um dort die schwarze Herrschaft in eine rote umzuwandeln. Aus diesen! Grunde ist es jetzt hier still, mansestill. Wohl taucht noch hier und da ein roter Politiker aus Berditschew auf und verheißt eine purpur- und blutrote Zukunft, aber er schreit in die 'Wüste. Sein Auditorium ist taub, seine Zuhörer schlafen. Der Bund, dessen Kopf und Intelligenz in der Schweiz lebte, läßt hier noch kaum etwas von sich hören. Ein Teil seiner Getreuen hat sich für politisch invalid erklärt — nach einem achtjährigen Dienste; ein anderer Teil ist in andere gemäßigtere Parteien, wie in SS. und Wosroschdenic' (Renaissance) übergegangen, und ein kleiner Rest schläft — für alle Zeiten. Aber die Ruhe herrscht auf der ganzen Linie. Zionisten und Territorialisten haben einen Waffenstillstand angenommen; elftere sind vernünftiger und letztere bescheidener geworden. Diese eingetretene Bescheidenheit und eingekehrte Vernunft haben die Streiter zur Raison gebracht und sie den: Studium zurückgeführt. Mit d er p o l i - tischen Acra ist es in Bern ans. Jeder will jetzt seinen Aufenthalt in der Schweiz zweckmäßig ausnützen. '-Man lernt jetzt fest. Der eine will Cheiniker, der andere- Arzt, der dritte Philosoph werden. Oft kann man zwar nicht werden, was man nicht ist, aber das Streben ist löblich. — — Es ist aber zu bezweifeln, ob dieses wissenschaftliche Streben und diese- Begeisterung für die Wissenschaft große Früchte tragen wird. Die vier Gerichte: Brot und Tee, Tee und Brot — das ist das tägliche Brot unserer jüdischen akademischen Jünger — werden schwerlich die nervenzerrütteten jungen Menschen stärken, ihre Energie stählen und ihren Charakter bilden. Wenn man sich vier bis fünf Jahre mit Brot „mästet" und mit Tee „berauscht", ist man körperlich. ein Krüppel, und geistig impotent. Nur so ist das Rätsel zu erklären,- daß die seit Jahrzehnten an den westeuropäischen Hochschulen studierende jüdische Jugend .der. Wissenschaft und der Literatur" keinen bedeutenden Mann gegeben hat. Die wohlhabenden jüdischen jungen Leute, haben die. Möglichkeit, in Rußland ihren Studien zu. obliegen, die wenig Beniittelten können es nicht und sind auf's Ausland angewiesen. Hier studieren und politisieren und hungern sie bis zum Examen, — und nach dem Examen sind sie geistig tot und körperlich noch nicht gestorben. Ein lebensfroher, geistig geweckter Mensch ist vor dem Examen Jndisferentist, nach dem Examen ein Getreuer des n:etaphysischen Giftmischers Schopenhauer, ein Verneiner, ein Skeptiker ohne Amt und ohne Hoffnung. Bis zum Examen hatte er ein Ziel — eben das Examen — und nach dem Examen? Der instinktive Wille zum Leben treibt ihn in die große, bunte Welt, die er gar nicht kennt. Er sieht' plötzlich das Gegenteil von dem, was ihn die Bücher über die Welt gelehrt, er ist jetzt der Welt gegenüber eiic großes, unbeholfeneslKind. Zn dieser Unbeholfenheit gesellen sich Mutlosigkeit, Nörgelei, Skeptizismus und noch allerhand seelische Miasmen, die den letzten Rest in ihm lebender Kraft lähmen. Und was nützen Daten und Zahlen und Formeln und teilweise auch geschultes Denken und reiches Wissen, wenn keine Energie sie beleben und zu Fruchtbarmachung antreiben? Das ist der Fluch, der auf unserer Jugend lastet. Sie muß von der Luft leben und kann nachher nun noch Wind ausatmen. Man wird vielleicht einwenden: Das sind kleine oder kleinliche Naturen; wahrhaft große und starke Seelen lassen sich nicht so bald vom Sturmwetter des Schicksals knicken und brechen! Leicht gesagt. Wenn man vier bis fünf Jahre in einer Zeit der besten Charakterbildung in eineni Laude lebt, von dem mau nur weiß, daß es eine Republik ist, aber eine Republik nur für ihre Bürger und mit Land und Leuten nie in Berührung konrnit, wenn man vier bis fünf Jahre ununterbrochen von Pogromen und Bundismus hört (und ist der Bund keine Berkijchenewung des Judentums!), Ivenn man in der Blüte des Lebens Arbeiten verrichten muß, die unter normalen Verhältnissen von in Jahren gereiften Bürgern besorgt werden — Politik — und schließlich, wenn matt in dieser, des Lebens bester Zeit, jahrelang den Magen beschwindelt und sich mit Brot und Tee, Tee und Brot zufrieden geben muß, ist man trotz aller Energie und Charakterstärke nach Ablauf dieser akademisch-politischen Hungerkur ein toter Mann, der noch nicht gestorben ist. klnd wer hat an allem Schuld? Mancher Freih eiten-Philister wird sagen: die russischen Zustände: ein anderer wird dem allzu großen Studieneifer unserer russischen jüdischen Jugend den Mißerfolg und Kraftverlust zuschreiben. Nein! Nur Narren und Krämer reden so. Die russischen Zustände sind nicht der letzte Grund für dieses Unglück. Der letzte zureichende Grund für diese traurige Erscheinung ist in dem Gebrechen des Exillebens zu suchen, in unserer Heimatlosigkeit, in unserem hin und her Gezerrtwerden durch unsere Umwelt. Nur in der. Pein des Golus ist unser Tag verödet, noch öder das stumme Dunkel unserer Nächte.' Das Golus ist der letzte und der bodenlose Abgrund unserer Leiden. Wo wir unseren Blick No. 16. hinwenden, nur Unglück und Verderben. Unsere beste Jugend dorrt und verwelkt, noch bevor sie geblüht, unsere Lenze grünen nicht: , sie . sind rot. Einst durch das Blutmärchen, heute durch die Blutwirklichkeit der Pogrome.. Inzwischen fällt mir etwas ein. Ich schreibe doch einen Brief aus der Schweiz. In Briefen, soll man nicht klagen, sondern berichten; es fei denn, — man ist unglücklich verliebt. Und so will ich wieder auf die jüdischen Zustände in der Schweiz zurückkommcn. — Die Wogen der russischen Revolution haben viele russischen Juden bis an die Alpen geworfen.' Viele jüdische Familien aus Rußland haben sich in letzter Zeit in der Schweiz niedergelassen. In den schweizerischen Zentren sieht man jetzt viele Gesichter, die uns in der Sprache des Schweigens beredt von den Schrecken der russischen Bartholo-" mäustagr erzählen. Sie haben sich noch kaum vom Schrecken erholt. Die hier eingcwanderten Juden aus Rußland werden dem in Verkäsung begriffenem schweizerischeil. Judentum neues frisches Blut. zusührcn. Ihre Anwesenheit hierzulande ist schon zu: verspüren. In den Städten, wo sie sich in grö-. ßerer Zahl niederlassen, gründen sie hebräisches Sprachvereine, Talnmd-Thora-Vercine, man trifft sie in jüdischen Versammlungen usw. So haben sie jetzt in Genf und tu Bern Talmud-Thora-Vereine gegründet und die ein-' heimische Gemeinde cingeladen, ihnen bei diesem Werke zu Helsen. Willig oder nicht, die einheimi-' scheu Gemeinden müssen mitmachen. Der Berner Talmud-Thora-Berein, der seine Entstehung der Initiative der Herren Herrmann Häuser und Schermann (letzterer aus Tiflis) verdankt, beginnt mit dem 1. Mai seine Tätigkeit. Bemittelte wie Unbemittelte können ihre Kinder gleich in hebräischer Sprache, jüdischer Geschichte und Religionsunterricht unterweisen lassen. Dasselbe gilt von Genf, wo der greife hebräische Dichter Mendeli Mocher Sphorim (Abrahmowitz) sich an diesem Werk eifrig beteiligt. In Zürich besteht schon seit längerer Zeit ein solcher Verein, der segensreich wirkt. lieber die nähere Tätigkeit und Erfolge dieser Vereine ein anderes Mal. Bern. M a x i m e L e M a i t r e. Juden und Araber in Palästina. ii. Farid Kässab hat soeben seine Kritik auf Azuri's Buch in französischer Sprache herausgegeben unter dem Titel: „Le nonvel Empire Arabe, la Curie Romaine et le pretendu peril juif. (Das neue arabische Reich, die römische Kurie und die sogenannte jüdische.Gefahr.)" Scharfsinnig, obwohl etwas zu pathetisch, erklärt Kassab seinen Landleuten, sowie der ösfentlichen Meinung, daß Azuri Bey nur einer derjenigen katholischen Agenten sei, welche mit Hilfe der Jesuiten das Heilige Land von den Türken wegnehmen wollen, um darin ein Nest für die von