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Neue jüdische Presse · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. „ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 15. ZentralfriebhoseS ein größeres Terrain zu sichern. Ein umfangreiches Gelände ist der jüdischen Gemeinde in Stahnsdorf bereits zur Verfügung gestellt worden; die Entscheidung über die Annahme der Offerte soll bis zum 1. Juli zu erfolgen haben. Berlin. In der letzten Zeit begann wiederum der vor ungefähr zwei Jahren hier gegründete „I ü - dische Volksverein" (Vors.: Dr. Mühsam; Bureau: Berlin C. 25, Dirksenstr. 46) sich rege zu zeigen. Er ist eine Bereinigung in- und auslälldifcher Juden von — wie es in seinen Statuten heißt — bewußt jüdischer Gesinnung, die sich zur Aufgabe stellt, durch praktische Hilfsarbeit auf sozialem Gebiete den hier ansässigen und durchwandernden Juden brüderlich bcizustehen. Zu diesem Zwecke unterhält der Verein eine wirtschaftliche und kulturelle Wteilung. Die Tätigkeit dieser zwei Abteilungen erstreckt sich auf folgende Punkte: 1. Bahnhossw ach e. Die Emigranten werden auf vier Bahnhöfen von ca. 50 Damen und Herren, die durch Vereinsabzeichen und Legitimation zu erkennen, sowie mit genügenden Informationen versehen sind, empfangen. 2. Reiseangelegenheit. Durchreisende erhalten im Bureau genaue Auskunft über Weiterreise, Abfahrzeit, Reisekosten, beste und billigste Reiseroute, Auswanderungsbestimmungen, Lebens- und Arbeitsbedingungen in verschiedenen Ländern usw. 3. Logisnachweis. Es untersteht dem Verein die Kontrolle über 17 Hotels und Herbergen, in denen die Emigranten untergebracht werden. 4. Arbeitsnachweis. Ungelernten Arbeiter» wird "bie Möglichkeit gegeben, schnell ein Handwerk zu erlernen. 5. S t u d i e n a n g e l e g e n h e i t e n. Es wird Auskunft erteilt über Aufnahmebedingungen und Studiergang an Hoch-, Fach- und Mittelschulen in Berlin, außerhalb und im Auslande. 6. Juristische Hilfe. Mit Hilfe einiger Rechtsanwälte werden im Bureau in einer wöchentlichen Sprechstunde juristische Auskünfte gegeben. 7. Aerztliche Hilfe. Mehrere Aerzte behandeln durchreisende Kranke und untersuchen die Emigranten aus ihre körperliche Qualifikation zur Einwanderung. 8. W o h l f a h r t s e i n r i ch t u n g e n. Durch Nachweis von Wohlfahrtseinrichtungen soll vermieden werden, daß die Emigranten sich zwecklos hier aufhalten. 3. S p r a ch e n k u r s e u. Den sich hier vorübergehend aufhaltenden ausländischen Juden wird Unterricht in deutscher, französischer und englischer Sprache erteilt. 10. K r a n k e u f ü r s o r g e. Alleinstehende ausländische kranke Juden werden in hiesigen Kranken- und Privathäusern sowie in den Kliniken besucht. 11. Ausbildung von Mitarbeitern. Zwecks Ausbildung von Mitarbeitern an diesen Ausgaben finden Vortrags-Zyklen über Wohlfahrtspflege, Exkursionen usw. statt. Der Verein gibt über die Tätigkeit seiner einzelnen Unterabteilungen — Monatsberichte heraus, die auch wertvolle Auskünfte über Emigrationsangelegciiheiten enthalten. Wir entnehmen ihnen hier manche Mitteilungen, die auch die Leser dieses Blattes interessieren dürften: Die Bahnhofswache des „Jüd. Volksvereins" erzählt von vielen Fällen der M i ß h a n d l u u g e n von Rückwanderern auf englischen Ochsenschiffen, deren Folgen sogar nach achttägiger Frist von den Aerzten dieses Vereins noch konstatiert werden konnten. Interessant ist, was in dieser Angelegenheit Herr Go mp er, ehemaliger Leiter des jüdischen Asyls für Obdachlose und jetzt bekannter Schiffsagent in East End, einem Vertreter des „Jewish World" sagte: „Ich muß offen gestehen, daß ich schon seit einiger Zeit von diesen Dingen gewußt habe, sie sind in Schiffahrtskreisen bekannt. Bei einer großen Anzahl der Menschen habe ich selbst bemerkt, daß sic über und über mit Beulen und Wunden bedeckt waren." Er meint, das ganze System sei an diesen Uebelständeu schuldig: Der Kapitän des Schiffes hat eine bestimmte Ladung Vieh oder Menschen aufzunehmen und erhält so und soviel für die Aufsicht über das Vieh und füx Essen und Futter. Das Geld kann er verwenden, wie er will, und infolgedessen ist, die Versuchung für ihn sehr groß, recht billig dabei wegzukommen, billig arbeiten zu lassen und billiges Essen zu liefern. Die jüdischen Emigranten werden diirch die Aussicht auf eine kostenlose Rückreise verlockt. Viele von ihnen denken, daß die Fahrkarten übertragbar sind und daß sie über diese werden verfügen können, wenn sie hier ankommen. In Wirklichkeit aber enthält jedes Billet die genaue Beschreibung des Inhabers, sodaß es nahezu unmöglich ist, das Billet an einen änderen weiterzugebcn. Die Leute auf den Ochsenschifscn sind in der Gewalt der Matrosen, welche sie sehr schlecht behandeln, da nach Meinnng der Matrosen die Juden die englischen Arbeiter schädigen. Bei dem Kapitän sich zu beklagen, ist unmöglich, da er unnahbar ist. Auf ein Gesuch des Herrn Kyams, Liverpool, erklärte sich das Mariucministerium bereit, eine Untersuchung betreffs der Mißhandlung der Juden auf den Ochsenschiffen einzuleiten, sobald genügendes Material in seinen Händen sein wird.. Berlin. Aus Rum ä n i-e n - erhielt das deutsche Bureau der Alliance Jsraslite Universelle folgende Berichte: Ploesti, 14. April. Ich überreiche Ihnen hiermit das Original eines Ausweisungsformulars, das au alle Juden der ländlichen Gemeinde des Bezirks von Vaslui gerichtet worden ist: „Gemäß dem Befehl des Herrn Präfekten dir. 1521/907 habe ich die Ehre, Ihnen davon Kenntnis zu geben, daß es Ihnen fortan nicht mehr gestattet ist, sich in der Gemeinde niederzulassen, weil Sie bei Beginn der Ausstaudsbeweguiig mit Ihrer gesamten Familie die Gemeinde verlassen haben. Hiernach haben Sie sich binnen 24 Stunden zu richten. Hochachtungsvoll Der Maire: K. Lupu. Der Sekretär (unleserlich)." Ein Konrrat utar ist üicht' n o tig. Ich erfahre aus Vaslui, daß gegen, 100 Familien verhindert werden,' ihre - Wohnungen wieder aufzusuchen. Buzeu, 15. April. Der Aufstand ist noch nicht überall niedergeschlagen; an einzelnen Orten kommen immer wieder Versuche vor, die Unruhen zu erneuern, und wiederholt ist dabei das Bestreben ersichtlich, die Zerstörungswut hauptsächlich gegen das Eigentum von Juden zu lenken. Hier wurde dieser Tage von mehreren Reservisten und Urlaubern, die mit Knütteln bewaffnet und von Bauern begleitet waren, eine Kundgebung gegen die Juden in der Straße Tirgului veranstaltet. Die Polizei verhaftete einen der Friedenstörcr, der aber bald von der Menge befreit wurde. Von diesem Augenblicke an leistete die Polizei keinen Widerstand mehr, und die Manifestanten begannen im Verein mit den aus Semilcasca herbeigeeilten Zigeunern das Zerstörungswerk. Zunächst wurde ein jüdisches Casohaus, dann ein Warenlager in der Straße Banului verwüstet, darnach die jüdische Schule, ei» kürzlich mit Hilfe der Jewish Colonizatiou Association errichtetes prächtiges Gebäude. Nachdem diese Großtat verrichtet war, eilte die Menge auf den Markt, ebenso in die Straßen Apeducului, Grivitsa, Dacia, alles verwüstend und plündernd. In Nimnicu-Sarat, in der Nähe von Buzeu, wurden zunächst die Auslagen der jüdischen Läden beschädigt, doch' die christlichen Magazine wurden gleichfalls nicht verschont. In Pancin beträgt die Zahl der derwüstctcu Häuser 58; 20 davon gehören Juden. In Jvesti, Bezirk Tecuci, sind 22 jüdische Familien heimgesucht worden. In Pomarla haben die Bauern alle Juden des Orts vertrieben und ihre Läden einfach in Besitz genommen. Hier setzen die Bauern den Verkauf der Waren fort. In Trivesti verteidigte sich Jtsic Aron, ein naturalisierter Jude, von seinem Sohne unterstützt, in heldenhafter Weise. Er hielt einer ganze» Bauernbande stand und verwundete einige der Angreifer. In Bara sind alle Einwohner, die christlichen lute die jüdischen, geflohen. Sie haben sich nach Roman begeben. Wo immer die Verwüstung bei dem jüdische» Eigentum beginnt, da wendet sie sich sehr schnell auch gegen das Eigentum der christlichen Bewohner, und in 'den meisten Fällen ivird von vornherein kein Unterschied gemacht. Breslau. Die Zurücksetzung der jüdischen Lehrkräfte in der Schulverwaltung kam in der letzte» Stadtverordiietenversammlung durch Jnstizrat O l l e n d o r f zur Debatte. Es sei hier die Antwort des Oberbürgermeisters Dr. Bender angeführt. Die Antwort lautete: Ich kann nicht recht verstehen, was der Stadtverordnete Ollcndorf eigentlich vom Magistrat verlangt. Es klingt wie ' ein Vorwurf, daß au den Volksschulen nicht jüdische Lehrkräfte angestellt werden. So wie es undenkbar ist, an einer katholischen Schule eine evangelische Lehrkraft, und umgekehrt, anznstellen, so kann doch auch nicht da, Ivo die überwiegende Mehrheit katholisch oder evangelisch ist, ein jüdischer Lehrer angestellt werden. Das wird nicht genehnrigt werden. Wenn die jüdischen Mitbürger eine jüdische Volksschiile haben wollen — und dies Verlangen ist ihr gutes Recht — dann soll doch der Interpellant einen derartigen Antrag stellen, die genügende Unterstützung. wird er sicher finden. Ich halte den Wunsch subjektiv für vollkommen begründet, aber man soU doch nicht glauben, daß die Durchführung bei der geltenden Observanz in Breslau so ohne weiteres möglich ist. In Berlin, worauf der Interpellant exemplifiziert hat, liegen die Verhältnisse anders, da gibt cs interkonfessionelle und Simultanschulen. Das; die Augustaschule zum großen Teil von jüdischen Schülerinnen besucht wird, ist richtig, aber wenn cs den Herren, nicht paßt, daß christliche Lehrer dort angeflellt sind, dann muß eben eine jüdische Schule gegründet werden. Ich persönlich halte auch die Simnltaiischiilc für die bessere, aber durchsetzen läßt sich diese Forderung nicht. Etwas anderes wäre cs, wenn wir ein neues Gymnasium errichten wollten, dann könnte man den Bau von einer derartigen Bedingung abhängig machen und bekäme dann auch die Genehmigung. Der Magistrat kamt aber an der Sache selbst nichts ändern. Ich 7-rhebe aber Einspruch, daß mau behauptet, die hiesige städtische Schulverwaltung hat es in dieser Sache an gutem Willen fehlen lassem Ich stelle fest, daß, als im Herren h a u se d a sSchulunter, h a l t u n g's g e s e tz b m tarn wurde, - g e r a b c die jüdischen Gemeinden eine vollständig widerspruchsvolle«tellung dazu eingenommen , haben. Ich muß den Beteiligten anheimstellen, selber die durchaus nötigen ersten Schritte zu tun, die ihnen vom Stadtschulrat angedeutet sind, damit werden sic wohl Erfolg haben. Oldenburg. Anläßlich der am 14. April stattgehabteu Tagung des Jüdischen Landesgemeinderates für das Grotzhcrzogtum Oldenburg, wo die Frage der Feuerbestattung verhandelt wurde, hielt der Vorsitzende Herr Landrabbtner Dr. Mannheimer eine Rede, die einen überwältigenden Eindruck auf die Äersainmluug machte, und die es verdient, hier in ihren Hauptstellen wiedergegeben zu werden: Auf allen Rabbinerversammlungen, die sich bis jetzt mit der Feüerhestattungsfrage beschäftigten,' ist der gleiche, ablehnende Standpunkt eingenommen worden. Es ist also keine Intoleranz von mir, wenn ich erkläre, daß bei Leichen, die zur Verbrennung b e st i m in t sind, ich w e d e r v o r - her, noch nachher irgendwie mich amtlich zu beteiligen in der Lage bin. Zuletzt waren am 8. April d. I. eine Anzahl norddeutscher Rabbiner in Bremen zusaiiimengetreteii, wo, trotz der sonst so verschiedenen religiösen Nichtungeii, doch einstimmig folgende Resolutionen gefaßt wurden: 1. Wir sind in Ucbereiustiminung mit sämtlichen Rabbinern der v ersch jede u st e u Richtungen darin einig, daß eine Einäscherung j ü d r s ch e r L e i ch e n der denkbar größte B e r st o ß gegen das jüdische Religiousgesetz ist. 2. Z ii Ehren einer zur Einäscherung bestimmten Leiche irgend eine rabb i n i s ch e Funktion v o r z u n e h m e n, i st mit der Pflicht und dem A m t e des R a b b i n e r s u n v e r e i n b a r. 3. W i r halten eine Beschäftigung der „C h e w r o h K a d i s ch o h" mit einer zur Einäscherung b e st i m m t e u Leiche als unvereinbar mit d e n A u f g a b e n und T c u d e u z e n der C h e w r v h K a d i s ch o h. Was iiuu die Beerdigung der llriien auf dem jüdischen Friedhofe betrifft, so kann ich erklären, daß eine solche Beisetzung ans einer besonderen Abteilung des Friedhofes ohnereligiöseZcrem o n i c erfolgen darf, d a, wie wir durch eine Kommission feststellen ließen, nicht Asche,, sondern vollstäiidige Knochen der Leiche z u r ü ck b l c i b c n , welche sich alsdann in der zugclötetcn Urne befinden. Eine wissenschaftliche Auseiiiandersetzniig, aus welchen Gründen die jüdische Religion diesen ablehnenden Standpunkt einiiimmt, würde uns zu weit führen. Aber Eines kann ich nicht übergehen. Es gibt viele Juden, die manches tun, was die jüdische Religion verbietet, aber sie haben sich alle doch noch Ein Gefühl bewahrt — ein echt jüdisches Gefühl, das auch im Herzen" des freiesten Juden noch glimmt, und das ein starkes Band gewoben hat um die zerstreuten Glieder Israels auf deni weiten Erdenrunde, — das i st die Pietät —! SOIit der Leichenverbr e u n u n g aber wird dieser letzte Funke a n s g e l ö s ch t, die Pietät wird vernichtet. Welche pietätvollen Vorschriften hat das jüdische Glaubciisgcsetz bei der Behandlung der Leichen-erlassen! Eine Leiche ist für uns ei» Heiligtum, dessen geringste Verletzung eine schwere Sünde ist, wie vorsichtlich wird bei der ,,T a h a r o h" und bei allen Beschästigungcii mit der Leiche verfahren, um sie nicht 'zu beschänien, nicht ein Glied zu brechen, — weil tu ihr eilt Geschöpf Gottes wir erblicken, das wir Gott so rein und so. unverletzt zurückzugebeii uns anfchickcii, wie es Gott uns dereinst gespendet, eine Verletzung durch Menschenhand wird als Eingriff in Gottes Rechte betrachtet. Wie pietätlos aber geht eine Verbrennung vor sich, man muß einmal eine Leiche beobachten, während dieses Prozesses, und inan wird anderer Meinung darüber werden. Unsere Kommission hat eine solche.Verbrennung, welche 4Ye Stunden dauerte, genau mit angesehen. Ich will unterlassen, hier die Einzelheiten zu schildern, aber nicht unterlassen will ich zu erklären, daß es bei mehreren Verbrennungen an demselben Tage absolut unmöglich ist, die zurückblcibende» Knochenreste der einzelnen Leichen aiiseiiiaiiderziihalteii, sodaß 'es nur .Einbildung ist, die uns die Reste unserer Angehörigen in der Urne vermuten läßt. Diese Vermutung wurde uns von dem betr. Beamten des Krematoriums offen bestätigt. ■' Man spricht oft von dem unästhetischen Anblick der Verwesung, aber ich bin überzeugt, daß, wer einmal eine Leiche während des Vcrbreiiiiungs-Prvzesses beobachtet hat, viel lieber der Natur ihren natürlichen Lauf lassen und lieber der Verwesung auheimfalleii wird, zumal wir Menschen gar kein Recht haben, in den Gang der Natur gewaltsam ein» zugreifen und einen Menschenkörper eigenmächtig zu. vernichten. Das ist eine Rückkehr zum Heidentum. Wenn das Verbrennen irgend welchen sanitären oder kulturellen Vorteil brächte, wäre es in Preußen und Bayern nicht bis heute verboten, worden. ‘ '

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