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Neue jüdische Presse · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Frankfurter Israelitisches FanrilienblaÜ. Seite 3 Sie würden nun vielleicht begreifen: daß man daraus stolz sein kann, der jüdischen Minorität anzugehören, die kein barbarisches Mittelalter, keine Inquisition, keine Hooligans hatte — und nicht der christlichen Majorität, die so erbärmlich ivenig wahre Christen zählt; die auch in unserem Zeitalter der Zivilisation sich nicht schämt, ein ganzes Volk brutal zu schänden; die sich nicht schämt, öffentlich und alltäglich einer ganzen Gemeinschaft gegenüber versassungseidbrnchig zu werden; die von moderner Bildung faselt und durch Vorenthaltung der im Reichsgejetz gelegenen Gleichberechtigung die Juden indirekt zur Taufe zwingt. * * * Ter große Meister der wahren modernen Bildung, H e r m a n n C o h e n, hat Ihren Aufsatz von s eine m Standpunkte aus beleuchtet. („Allgemeine Zeitung der Judenheit", Nr. 5.) Ich versuchte hingegen, Sie von I h r e m Standpunkte aus zu verstehen. Jede Berührung der Frage über das „Wesen des Judentums", wie auch jede Verteidigung der von Ihnen bestrittenen Existcnzberechtginng des Judentums wäre daher eine Ablenkung von meinem Thema und seiner Ausgabe. Ich mag auch nicht mit Ihnen rechten, tvemt Sie es an Pietät und Noblesse der Gesinnung so sehr haben fehlen lassen, indem Sie den Juden Untreue gegen ihr Volk predigen. Ich habe es auch vermieden. Sie durch die naheliegende Frage in Verlegenheit zu bringen: ob Sie denn nicht wüßten, daß gerade unter den Judeil der modernen Bildung das jüdische Selbstbewußtscin im Wachsen begriffen sei, ob Sie wirklich nie von einer Betvegung vernahmen, die man „Zionismus" nennt? Weder aber wollte ich die objektive Haltbarkeit der Grundlagen Ihres Aussatzes untersuchen, noch ihn auf seinen in o r a l i s ch e n Wert prüfen; ich wollte nur die innere Solidität seiner Gedanken von jener Grundlage aus begreifen; ob sie ivcnigstens in sich konsequent wären. Und wir müssen es entsch ieden verneinen. * Doch muß ich für Sie ni i l d e r n d e U m - st ä n d e gelten lassen. Die Jnkonseacnz in Ihrer Beurteilung der modernen Juden dürfte tvohl durch die Inkonsequenz eines gewissen Teils der modernen Inden — nämlich der Assimilationsjuden — mitverschuldet worden sein. „Der Grundfehler" sagt Cohen von Ihrem Aufsätze — „ist hier die Skepsis gegenüber dem liberalen Judentum." Ist denn wirklich diese Skepsis gegenüber den a s s i m i l a t i o n s s ü ch t i g e n liberalen Juden ganz unbegründet? Haben doch schon gar Manche aus ihrer Mitte den schändlichen Verrat an ihrem Selbst begangen. Und begehen sic denn nicht diesen Verrat, wenn sie auch in der jüdischen Gemeinschaft bleiben, aber ihre jüdische Eigenart, die doch den Grund für ihr Verbleiben im Judentum bildet, zu vertuschen suchen? Sic waren wohl die Veranlassung für Ihre Tauf-Offerte, sehr geehrter Herr Professor! Immerhin bedeutet Ihr Rat einen Schlag in's Gesicht der Assimilationsjnden. Und in seiner Verbindung mit dem „Verlangen" bürgerlicher Gleichberechtigung ist er auch eine Kompromittierung des sclbsthenchlerischen, koketten Liberalismus, weil ein antisemitisches Bekenntnis eines ehrwürdigen Liberalen. — Und darum begrüße ich Sie n v ch - nt als, sehr geehrterHerrProfessor! Berlin. D r. I. K l a tz k i n (Jacob b. Elijah). Die Woche. Die Wahlen zum österreichische!: Reichstag auf Grund des neuen, demokratische» Wahlmodus rücken immer mehr heran, die Vorbereitungen zur. Wahlschlacht sind im Gange. Es ist 'schwer voransznsagen, was die neuen Wahlen dem Lande bringen werden; kommt doch der neue Wahlmodus ' junt e r st e n Mal zur Anwendung, und stehen doch den priviligierten Ständen, sowie den Antisemiten mit all ihrem Anhang noch viele Mittel zur Verfügung, um die unaufgeklärte Masse irre führen zu können. Die Volksausbcuter werden von ihrer alten Macht zehren, solange die breiten Massen dank ihrer Dummheit sich zum Narren machen lassen. Auch die Juden Oesterreichs treffen Vorbereitungen zur Wahl. Ein harter Kamps wird zwischen Demokratie und n a t i o n a l e m I u d e n t u m einerseits und A u t o k r a t i e und A s s i m i l a n - t e n t u »i andererseits geführt, es ist dasselbe Schauspiel wie Hei den christlichen Parteien, nur in noch viel krasserer Form: Die Assimilation hat bis dato das Heft in Händen, die Gemcindestnben gehören vorläufig ihr, und mithin verfügt sie über genügend Mittel, um Stimmuug für sich machen zu können. Und dabei scheuen sich diese Demagogen vor keiner Vergewaltigung: so erzählen viele Berichte von Versammlungen, in denen die oppositionellen Redner, kaum machten sie Miene Kritik zu üben, mit Schlägen traktiert ivurden u. dgl. Man muß auch dessen eingedenk sein, daß cs uns an Lakaien im Golns niemals gefehlt hat, besonders im Lande der Schlachte, wo das Lakaientum großgezogen wird. Doch darf andererseits nicht vergessen werden, daß das knechtische „Hansjudentum" in seinem Äroßeiser für die fremden „Herren" und in seinem Verrate am eigenen Volke zu weit gegangen ist; es hat fast alles Eigne an den Fremden verschenkt, ohne dabei dem angestammten Volke auch nur den kleinsten materiellen Nutzen gebracht zu haben, also — selbst ein armseliges „Linsengericht" ist ausgeblieben . . . und für Männer, die so stark int Judentum wurzeln, wie die Nationaljuden, wäre es ein Leichtes, diesen verräterischen, bodciientbehrenden Hausjnden niedcrzuringen. Allein, wer vermag es zu sagen, ob die dortige Orthodoxie den Nationaljuden die nötige Unterstützung gewähren wird; bis jetzt hat leider unsere Orthodoxie in der Not stets versagt, sei es durch Denkfaulheit oder sei es durch politische Sophisterei. Zwar ist die Lage der Inden eine äußerst verzweifelte, sodaß auch der noch so vernagelte Mensch zum. Nachdenken veranlaßt werden muß; doch Leute, die stets, wo cs sich um das Wohl der Gesamtheit handelt, nur ein einziges zu tun wissen: die Augen gegen den Himmel zu verdrehen und ans „Wunder" zu warten, lassen sich von keinem, noch so zwingenden Umstande bestimmen, man schläft solange, bis es kein Erivachen mehr gibt ... Vor kurzem kursierten Gerüchte von einer Abdankung des Zaren. Es liegt uns sern, auf diese Gerüchte des nähern einzngehen: doch eins muß bemerkt werden, nämlich, daß der russische Zar bei allen seinen Unternehninngen nur Mißerfolg gehabt hat: Er verkündete der Welt den Frieden — und gleich darauf mußte er Krieg führen. Er unternahm einen Krieg der so blamabel wie noch kein anderer geendet hat. Er gab seinem Volke eine Verfassung — und wie kläglich sieht diese aus! Die erste Duma erschien auf der Oberfläche mit einer total unfähige» Regierung zur Seite, und Monate verstrichen in Vorhaltungen und fortwährendem HerauSjagen der Regierung aus der Duma, bis die Duma aufgelöst wurde. Der Zar ließ dann den ganzen Fälschungs- und Verdrehungs-Apparat der Bnrcaukratie in Bewegung setzen, um eine gefügige Duma zu bekommen; doch alles war vergeblich: die neue Volksvertretung ist noch radikaler als die erste, und die wenigen Lieblinge, die „echt russischen Männer" — Holiganen —, die Dank grober Fälschungen in die Duma gekommen sind, machen dem gequälten Vater keine Freude; sie begehen solche lächerliche Narreteien, daß sogar das Gesicht eines Hooliganen dabei erröten muß. Auch der große Staatsmann Ttolypin macht bei all seiner Verschlagenheit die größten Dummheiten: Eines der Gesetze der Hausordnung lautet, daß die Duma-Kommissionen bei ihren Beratungen Experten und Sachverständige von Außen zuziehen dürfen; dies paßte Herrn Ttolypin nicht, er fürchtete, daß die nackte Wahrheit der traurigen Zustände Rußlands, die übrigens zur Genüge bekannt Md, dabei heranskonimen werde, und so fragte er den Dumapräsidenten in einem Schreiben an, weshalb er diese Experten zuziehen ließe; darauf erwiderte ihm Golovin, so viel ihm bekannt sei, habe die Duma das Recht, die Regierung zu interpellieren, aber ilicht umgekehrt — und Ttolypin gab klein bei. Ein zweiter Fall! Der zweite Vorsitzende der russischen Zuchthäusler, Purischkewitsch, rief einen närrischen, provokatorischen Skandal in der Duma hervor und wurde infolgedessen herausgeworfen: — darauf verließen einige Hooliganen und die Minister den Saal. Das beweist, daß die Regierung sich mit den Hooliganen identifiziert. Die Welt wußte es auch zwar zuvor, doch die Regierung bestritt es energisch. Was ist von der Duma, die ein Dorn in den Augen der Regierung ist, zu erwarten? Die „schwarzen Hunderte" machen mobil, man schickt Hunderte von Telegrammen an den. Zaren, er möge die'Duma auseinanderjagen. Das ist ein schlechtes Snmptoin! Doch von dieser Seite droht keine' ernste Gefahr; sind doch die schwarzen Hunderte ein Institut der Regierung ebenso wie Polizei und Geheimpolizei: — die Regierung sieht also über ihnen! Eine wirkliche Gefahr jedoch droht der Duma von einer anderen Seite: nämlich von den Priviligierten des Landes, dem „Vereinigten Adel", der ü b e r der Regierung steht und ans dessen Veranlassung die erste Duma aufgelöst und die Feldgerichte eingerichtet worden sind. Dieser, der „Bereinigte Adel" nämlich, hat sich zur Aufgabe gemacht, entweder die Verfassung gänzlich zu suspendieren oder sie gründlich zu ändern. In der zweiten Jahreskonferenz, die der Adel dieser Tage in Petersburg hielt, faßte er dahingehende Beschlüsse. — Die Frage ist nur, wo die Regierung Geld bekommen wird. Der „Vereinigte Adel" hat zwar beschlossen, die Regierung mit Geld zu stützen; allein die Priviligierten sind von jeher gewöhnt, zu nehmen, nicht a b e r z u geben . . . Rur die Geldfrage kann den 'Zaren vor einem Staatsstreich äbhalten. Aus <Mer Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Dieser Tage wird im Schwesternhaus Königswarterstraße 20 eine Säugl i >t g s - M i l ch k ü ch e f ü r a r in c j ü d i s ch e K i n - der eröffnet, welche Säuglingsnahrung in sterilen trinkfertigen Einzelportionen »ach spezieller ärztlicher Verordnung abgeben ivird. Berücksichtigt werden grundsätzlich nur solche Kinder, die laut ärztlichem Attest nicht oder nicht ausschließlich gestillt werden können. Die Anstalt ivird von einer dafür vorgebildeten Schwester geführt, steht unter ständiger ärztlicher Leitung, sowie unter regelmäßiger chemischer und bakteriologischer Kontrolle. Verarbeitet wird ausschließlich die keimarme Kurmilch aus dem Betrieb von F. Gottschalk, für deren Lieferung bestimmte Earantieen vereinbart sind. Die Mischniigen werden im strömenden Dampf 5 Minuten bei 100 Grad sterilisiert, sofort tief gekühlt und dauernd unter Rieselkühlung gehalten. Vorgesehen ist bis jetzt die Herstellung von: 1. Milchmischlingei! mit Milchzuckerlösungei! »ach Heubner; Milchmischnngen mit Nährzuckerlösungen nach Soxhlet; Milchmischnngen mit Schlei»,abkochungen; Milchmischnngen mit Theinhardt's Kindernahrung. 2. Malzsnppe nach Kctler'schrr Vorschrift, in schwacher und starker Konzentration. 3. Holländische Säuglingsiiahrung (Buttermilchmischungen nach Teixeirn und de Jager;. Die Ueberweisnng der Kinder kann durch Vermittlung und auf Kosten der von Rothschild'schen Milchstistnng (Frau Rosenheim, Königswarterstr. 11) erfolgen. Auch verfügt die Anstalt selbst über einige Freistellen. In einzelnen besonderen Fällen kann auf ärztlichen Antrag auch au Zahlungsfähige gegen Entgelt, an Minderbemittelte zu ermäßigtem Preis abgegeben werden. Von Seiten des einweisenden Arztes wird vorausgesetzt: Attest über Stillunfähigkeit der Mutter und spezialisierte Verordnung über Art, Konzentration, Menge und Portionzahl der Kindernahrnng. Regelmäßige Kontrolle des Körpergewichts ist erwünscht. Ans Wunsch übernimmt auch die Anstalt die Wägung und benachrichtigl den behandelnden 'Arzt. Berlin. Nachdem das Projekt der jüdischen Gemeinde, in der Nähe von Lankwitz ein größeres Gelände für die Anlage eines neuen Friedhofes anzukauseii, gescheitert ist, hat man mit der Gemeinde Stahnsdorf Verhandlungen angeknüpft, um sich dort in der Nähe des Berliner

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