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Neue jüdische Presse · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Ost und West. Sittenbilder aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Jacob Levy. . (Fortsetzung.) 3, Kapitel. Die wohlbeleibte Gattin des galizischen Hausierers Jtzig Strohsessel war in ihrer Küche eifrig beschäftigt, ein fettes Huhn zu rupfen. Aus dein Nebenzimmer ertönte — es war die elfte Morgenstunde — lautes Gähne«. ' „Gitel, weshalb bist Du nicht in die Fabrik gegangen?" zeterte die Frau. „Ich bin zu spät nach Hause.gekommen, deshalb schlief ich fo lange." „Passe auf. Du wirst entlassen." „Ich werde von selbst fortbleibeu. Er ivill nicht, daß ich den ganzen Tag arbeite, denn er gibt mir Geld - genug." „Er gibt Dir solange Geld, bis er Deiner überdrüssig ist. Dann gehst Du doch wieder in die Fabrik und hast Dir vielleicht eine Last aufgebürdet, deren Du Dich schämen mußt." Gitel hatte sich inzwischen angekleidet und gab ihrer Mutter, die die Türe versperrte, einen Puff, sodaß sie zur Seite ruckte. Das Mädchen trat in die Küche. Es war von einer bizarren Schöicheit. Der jugendliche Körper in üppigem Ebenmaß, das Gesicht blaß mit funkelnden Augen und blutroten Lippen. Es sagte ruhig: „Sorge nicht, Mutter. Ich bin keine Närrin, die sich zur Seite schieben läßt. Ich mache mit dem Jungen, was ich will — und so wird's bleiben. Vielleicht heirate ich ihn." Die Mutter brach in schallendes Gelächter aus. „Du" heiratest ihn vielleicht? den Karl Werner! Seine Eltern würden ihn umbringen. Er ist: doch 31t ängstlich, zu uns zu kommen." „Mutter, lass' mich zufrieden. Du nimmst doch gerne die Goldstücke, die ich von ihm heimbringe. Wenn Dir mich quälst, ziehe ich von Euch weg." Draußen ertönten Schritte, der Vater trat ein. Eine untersetzte Gestalt mit Silbersädcu im dunklen Bart und einem Körbchen iin Arm. Das enthielt Dleististe, Federhalter, Zündhölzer und derartigen Kleinkram mehr. „Schlechte Geschäfte. Ein S'rore hat mir ganze zehn Pfennig für einen Bleistift gegeben. Verschwarzt soll er sein." Die Frau sagte: „Bon Deinem Verdienst könnten wir keine Hühner essen." Jtzig Strohsessel schmunzelte. „Als frommer Mann brauche ich auch nicht zu arbeiten, Gott gibt es ja doch, wenn ich auch nichts verdiene." Dann berichtete er weiter. „Der Löwenseld, der reiche Man», hat jedenr von uns Minjanlenten nur zwei Mark gegeben. Nicht gedacht soll der Geizhals werden. — Aha. heute sagte mir Reb Brandes in der Schul', ich solle ihn einmal besuchen." Die Mutter fragte beunruhigt: „Was will er von Dir?" „Weiß ich cs? vielleicht eppes zu lernen, oder will er mir sonst etwas geben. Morgen erfahre ich es. Aber verstecke das Geflügel vor den Borstandsfranen vom Unterstützungsverein. Vorige Woche haben sie bei Chajim Wohlgemuth gesehen, daß sie etlvaS gut leben, und jetzt ist er auf der Liste gestrichen." Die Frau rief erbost: „Ein schwarz Jahr auf sie! Aus Müßiggang spionieren sie «ns arme Leute aus und entziehen uns das Brot. Ich muß doch aus Schabbos mein Huhn und meinen Fisch haben!" ,/8is hundertzwanzig Jahr, omcin." 4. Kapitel. Andern Tags fand sich Strohsessel pünktlich bei Rabbi Brandes ein. Der Greis saß in seinem Zimmer über einen Folianten gebeugt. Er bewohnte in einem ruhigen Hause das Parterre, das sein Sohn schön und behaglich eingerichtet hätte. Aber die Ausstattung seines Zimmers hatte der (Rabbi selbst bestimmt. Die Wände mit Büchergxs!eKes:,-Ked^t,.„.als .einziger Zimmerschmuck ein Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. kunstvoll gemaltes MiSrach. Ein Tisch mit dunkler Decke, der Sessel des Rabbi und sechs einfaches Stühle. Hier empfing er seine Besuche, erteilte Rat, bestimmte Unterstützungen, gab Urteil in rabbinischen Fragen, erteilte Auskunft über rituelle Angelegenheiten, um die der Gcmeinderabbiner von den Ausländern niemals angegangen wurde. Kurz, Rabbi Brandes war sehr in Anspruch genommen, aber er wußte seine» Anordnungen auch Geltung zu verschaffen. Der Hausierer wußte dies, und demütig gebückt 'land er da. „Der Rabbi hat mich ans heute bestellt. Hat der Rabbi ein Geschäft für mich?" Der Angeredete blickte auf und nickte. „Setzt Euch, Strohsessel. Womit ernährt Ihr Euch?" „Ach, es geht schlecht. Ich hausiere, es ist aber nichts zu verdienen. Ich bin auch Minjangeiher. Meine Frau ist schwach und krank, meine Tochter verdient auch nicht viel." „Werdet Ihr nicht unterstützt?" „Ach, es ist nicht der Rede wert, die paar Groschen. . . ." „Ihr seid Schuhmacher, weshalb arbeitet Ihr nicht?" „Rabbi, ich kann das viele Sitzen nicht gut vertragen und dann, — ich bin ein Levi, ein Lamdon, ich lerne viel, da kommt mir doch gewöhnliche Arbeit nicht zu." Der Rabbi richtete sich ans. Sein sonst so mildes Auge sah den Hausierer mit durchbohrendem Blicke an. „Du willst ein Gelehrter sein? Weißt Du nicht, was in Pcsachim steht? Ziehe einem Aase auf üssentlicher Straße die Haut ab, wenn Du Dich mit dieser Arbeit ernährst, und sage nicht, ich bin ein Priester, ich bin ein Gelehrter, für mich schickt sich dies nicht." „Ich sing mit meinem .Handwerk an, sie bezahlten mich so schlecht." „Was steht in Sanhcdrin? Sieben Jahre währte die Hungersnot, aber in das Haus des Handwerkers kanc sie nicht. — Nun höre, was ich sage! Du fängst Dein Handwerk Ivieder an, ich besorge Dir Arbeit. Du nimmst von den Kassen keine Unterstützungen mehr, ich werde Dir aber den vollen Betrag noch ei» ganzes Jahr lang anszahlen, damit Du Dich, ohne Mangel zu leiden, wieder an die Arbeit gewöhnen kannst. Dein Weib ist nicht krank — schweige — lüge nicht. Deine Tochter will nicht arbeiten, ich werde mit ihr reden." „Meine Tochter hat einen reichen Bräutigam, der läßt sie nicht arbeiten." „Ich hörte bereits davon. Schämt Ihr Euch nicht? Und dies Geld, das Deine Tochter Dir gibt, brennt nicht in Deiner Hand wie Feuer? Also achte genau auf das, was ich Dir gesagt habe. Dein Hausieren ist Betteln. Ich will aber das Betteln bei Euch allen ansrotten und Menschen aus Euch machen, die zu etwas zu gebrauchen sind. Wenn Dcc inir nicht gehorchst, beantrage ich Deine Ausweisung aus Anderstadt und ans Deutschland — Du bist nicht der Erste. Nun geh, Dein Geld liegt iminer am Erstell bereit, Arbeit kannst Du schon morgen holeir." Es klopfte an. Eine Frau mit zwei gewaltigen Körben trat herein, und Jtzig Strohsessel schlich heraus. Der Rabbi erhob sich und hals der Frau die schweren Körbe absctzcii, die vergeblich verlegen abwehrtc. „Setzen Sie sich Frau Schreiner, wie geht es Ihnen?" ,/Danke Rabbi, ich bin zufrieden, in der letzten Zeit habe ich. ziemlich verdient. Ich hailsiere auf dem Land und darf überall wiederkommen. Ich wollte Ihnen die Mark bringen; damit wäre meine Schuld ganz getilgt. Auch vielen herzlichen Dank, was wären wir ohne Ihre Hülse?" „Lassen Sie gut sein, ich unterstütze fleißige Leute gerne. Wenn Sie wieder Geld zum Wareneinkauf nötig haben, koinmen Sie zu mir, die Vereine sind zu sehr in Anspruch genominen. — Kennen Sie die Strohsessels?" „Gewiß, wir ivohnen in derselben Straße. Eine Schnorrerfamilie." ,Zst die Tochter leichtsinnig?" „Ich glaube nicht. — Aber rnffiniert ist sie. Sie hat ein Verhältnis mit einem jungen Mann, den sie ansbeutet und den sie ganz närrisch gemacht hat. Gitel erzählte mir, wie er sie anbetet und wie er um einen Kuß betteln inuß." „Also sie wird ihn unglücklich machen und sich in Schande bringen." „Das Letztere wohl nicht, dazu ist sie zu klug, aber sie wird ihn gehörig rupfen, daS ist sicher," sagte die Frau lachend, sich entfernend. Dir Rabbi konnte heute nicht zum ungestörten Studium kommen. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht and Rheumatismus bewährt. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Lunch.) Samstag, den 20. April (= 6. Ijar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 55 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 15 Min., in Berlin 8 Uhr. Wochenabschnitte SaSria uns Mezanro. Einleitend die Reinheitsvorschristen für eine Wöchnerin, die ein männliches oder weibliches Kind gebar. Alsdann folgen die Gesetze über Aussatz oder Ausschlag, der an Menschen, Kleidern oder an Häusern sich zeigt. Nur der Priester hatte das Urteil zu sprechen und zu bestimmeir, ob der betr. Aussatz als „reiner" oder „unreiner" anzusche» sei. Dazu war oft eine Quarantäne von einer, zwei oder drei Wochen nötig, um die Symptome, die gleichfalls angegeben werden zu beobachten. Der Unreine mußte außerhalb des Lagers weilen bis zur Reinheitserlangung. Ein „unreine? Haus macht den Eintreteuden und die Geräte dortselbst „tome" (unrein). Bei der „Reinigung" mußten bestimmte Opfer gebracht werden, wobei Zedernholz, Asop und Karmesinfaden Verwendung fanden, ähnlich wie beim Bereiten des Opfers der „roten Kuh." Tauben wurden über lebendigem Ouellwasser geschlachtet, Blut und Oel an Daumen, große Zehe und Ohrläppchen gestrichen. Wir wissen Grund und Bedeutung dieser Verordnungen nicht zu erklären! Fest steht, "daß wir sie nicht als sanitäre Gesetze etwa gegen Lepra und die Priester als „Sanitätsbehörden" anznsehen haben, (er. Hirsch's Komment./ In der Tradition wird der Zinssatz als Strafe für Verleumdung hingestellt. — Am Ende des Wochenabschnitts Mezanro "sind jene Reinheitsgesetzc mitgeteilt, die es mit leidenden Zuständen des menschlichen Körpers — bei männlichen und weiblichen Personen — zu tun haben. Alle diese Verordnungen sollen zur Heiligkeit führen. Lie sind charakteristisch für Israels Welt- und Lebensanschauung. Die „Sefiro"- oder Zählzeit, in der wir jetzt leben, hat einen traurigen Anstrich erhalten durch verschiedene Ereignisse. Zur Zeit Rabbi Akkibas wütete unter dessen Schülern eine pestartige Krankheit und rasste die stolzesten Stützen der Thora, die Hoffnung Israels dahin. Zur Zeit der Kreuzzüge fanden Tausende unserer Brüder und Schwestern in Deutschland und andern Ländern den Märtyrertod durch sanatisierte Massen. Darum nimmt man sich „im Omer" nicht die Haare ab, hält keine Hochzeitsseste und beschränkt auch sonst die Lebensfreuden. Mit Beziehung hierauf werden in manchen Gemeinden vom heutigen Schabbos an im Schachrisgebct „Sultans" eingeschaltet. Es werden an gegenwärtigem Sabbat die Fasttage „Schein - chamischi-wescheni" in besonderem „Mi - scheberach" angeknndigt, d. h. man fastet Montag, Donnerstag und wieder Montag, also am 22., 25. und '29. April dieses Jahres. Es sind freiwillige, nicht offizielle Gemeinde-Fasttage. Bei uns faster ,man gewöhnlich Halbtagc. Doch werden bei der lauten Wiederholung der Sch'mono-ESrei „Sekchaus eingeschaltet. (Gleiches geschieht' nach den Herbstfeicrtagen, im Monat Marcheschwan.) Doppeljter Grund: 1. wegen der Sünden, die wir an den länger andauernden Festen getan haben könnten, besonders durch Entweihung der Chanl-hamaund- Tage. (Daher diese Fasttage auch nicht nach Schowuans, das nur 2 Tage währt!» 2. wegen der Krankheiten, die gewöhnlich in den Ucbergangsjahreszeiten häufiger anftreten. (Herbst und Frühling.) Man lieft den 2. Perek. Dbstlullg. Hasselbach. L drfifactnnAt**e Schreinerei und Polieranstalt, WWUl«dllil|lsl> ö Musikantenweg 35 Telephon 8911. Gonditorei Seligmann, Rechnelgraben*tnasse 15. Tel. 3451. 8 Caf6 Constabler, «UL,«- .4: 1 ywacM«««

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