Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 15 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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€>etie 2. atio jede persönliche Note und versetze mich in Ihren. Gedankengang: — Das Judentum, behaupten Sic, habe der niodernen Bildung gegenüber aber gar keine Existenzberechtigung. Was verstehen Sie unter: Judentum? und was nennen Sic: modern eBildung? Sic erklären es: „Das orthodoxe Judentum, das in jcincrvollenStrengc bei uns imGrundenirgendsmehrbesteht, hat in sich einen festen Halt, aber sobald die Juden moderne Kultur a n n e h m c n und volle bürgerliche Gleichberechtigung verlangen, haben sie kein Recht auf Fortführung ihrer Sondcrcxistenz." Jetzt wissen wir cs: Judentum ist für Sie mir die jüdische Religion; moderne Bildung wird als Freisinn gedacht. Mithin bedeutet sie hier nicht einen spezifischen Gegensatz zu Judentum als j ü d i - scher Religion, sondern den allgemeinen Gegensatz zur R e l i g i o n — milder gesprochen: zur Kirche — überhaupt. Warum aber spielen Sic die „moderne Bildung" nur gegen das Judentum aus? Müssen Sie doch konscqucntcrwcise auch dem Christentum jede Existenzberechtigung absprccheu., Doch das verschlägt nichts. Ich will Ihrem Gedankengange weiter folgen: Sic fassen das Judeiituni ausschließlich als K i r ch e auf; die Inden der m o d e r n c n Bildung, das heißt: die freisinnigen Juden hätten also keinen Platz in ihm. Das ist wohl der Sinn Ihrer Worte: „Sobald die Juden moderne Kultur annehmen und volle bürgerliche Gleichberechtigung verlangen, haben sie kein Recht auf Fortführung ihrer Sondcrcxistenz." Hier muß ich Halt machen. Ich möchte erfahren: worin Sie diese Sondcrexistcnz erblicken? Ist das Judentum blos eine Religion, so kann es nur eine jüdisch - religiöse Soudercxistenz geben. Sic sprechen aber von Juden der modernen Bildung, von freisinnigen Juden, die also eine jüdisch-religiöse Sonderexistenz nicht führen — worin mag dennoch ihre Sonder cxistcnz bestehen? Sie merken nicht, sehr geehrter Herr Professor, das; Sie in Ihrer Beurteilung des Judentums als Religio n gegenüber der nrodernen Bildung als Freis inn eine jüdische Sonderexistenz auch außerhalb der jüdischen Religion zugebcn. Ohne zu wollen jagen Sic, daß auch die nichtorthodoxeil Juden ein jüdisches Spezifikum haben, das sich als Sonderexistenz kundgibt. Sic haben somit jenes Moment, das Sic anfangs geflissentlich ignorierten, endlich in den Begriff des Judentums stillschweigend aufgenommen. Es ist nämlich — horribile dictu — das nationale Moment. Sie verwickeln sich also in einen logischen Widers p r u ch. Und er verfolgt Sic erbarmungslos bis zur m o r a l i s ch c n Verirrung. Denn Sie mußten nun schließlich zu der Forderung gelangen: „Daß der gebildete Jude wenigstens seine Kinder durch die Taufe aus der Gemeinschaft, der er geistig nicht mehr angchört, in die große Gesamtheit hi ne i n b r i n g e n s o l l." Hier hat der Widerspruch seinen Höhepunkt erreicht: Sie wenden sich an den niodernen Juden,-sprechen ihm im Namen der modernen Bildung, die Sie als Gegensatz zur Kirche verstauen wissen ivollen, jede Existenzberechtigung als Jude, >veil nänckich Judentum blos Kirche sei, ab, und — und empfehlen ihm den kirchlichzerentoniellen Akt, die Taufe. —- Die Achtung, die ich Ihnen als Mann der Wissenschaft zolle, verbietet mir, diese logische Schwäche zu qualifizieren. Und. „die Moral von der Geschichte"? Sagen wir es offen: Sic empfehlen dem modernen Juden — in seinem praktischen Interesse — eine Fälschung seiner prolession de foi. Die Taufe ist ja eine gewisse Aussage, ein Bekenntnis — was wollte sie denn sonst sein? Umsomehr, als sie doch dieMacht besitzen soll — die unberechtigteSon- Arankfurter Israelitisches KamlÜenölaÜ. der cxistcnz des modernen Juden ansz n h e b e n. Ja, Sic legen der Taufe eine gar große Bedeutung bei; Sie erheben sie zu einer politischen Instanz, und zwar — zum höchsten Forum der Menschenrechte: „. . . . Sobald die Juden moderne Kultur anuchmen und volle bürgerliche Gleichberechtigung verlangen, haben sic kein Recht auf Fortführung ihrer Sondcrcxistenz" — heißt es in Ihrem oben zitierten Satze. Die-politische Gleichberechtigung der Juden wird —nebenbei'. — vom moralischen Recht auf Fortführung ihrer Sonderexistcnz abhängig gemacht; dieses Recht wird ihnen nun bestritten, mit ihm also auch das Recht auf „Verlangen" einer vollen, bürgerlichere Gleichberechtigung. Erst die Aufhebung ihrer Souderexistenz durch die Taufe soll sie zu gleichberechtigte» Bürgern machen. Aus welchem Gesichtspunkte >vird nun dieses Urteil verhängt? Sind die Juden der Gleichberechtigung nicht würdig, sind sie. mindcrivertigc Bürger — warum soll dann die Taufe an der Sache ändern? Oder soll die Taufe ein Rechtsakt sein, durch welchen man erst znm eigentlichen Bürger werde? Wie ivollen Sie Ihre» Standpunkt logisch — sein moralischer Wert mag hier undiskutiert bleiben — motivieren? Ich begreife den Antisemiten, der sagt: die Juden lönnen keine» Anspruch ans bürgerliche Gleichberechtgiung erheben, iveil sie eine andere, oder gar eine minderwertige — Nation bilden; weil sie eine andere oder gar eine minderwertige — Rasse sind; weil sie eine andere, oder gar eine minderwertige — Religion haben. Wie wollen S i e aber Ihren Standpunkt motivieren? Sic sehen im Judentum blos eine Religion oder Kirche, Ihre Beurteilung oder Verurteilung der Juden kann demnach blos von einem religiösen Urteil ausgehen. Sie berufen sich aber auf das Gegenteil von ihm, auf die „moderne Bildung". Sic entziehen sich selbst jede Basis. Was soll cs heißen: Sie sprechen den „gebildeten Juden" an, der, da er moderne Bildung „annahm" und also freisinnig ist, dem Judentunl, da cs blos Kirche sei, „doch geistig nicht mehr angchörte" — und raten ihm, daß er „wenigstens seine Kinder durch die Taufe . . . .in die g r o ß c G e s a m t h c i t hineinbringeu soll". Wo ist hier die logische Direktive von moderner Bildung zur Taufe? Es gibt doch nur ein Entweder-Oder: entweder stellen Sie den Juden vor das Forum der modernen Bildung oder vor das der Taufe. Aber wie soll da ein So wohl -Als gedacht werden können. Warum genügt es Ihnen nicht, wenn der Jude moderne Bildung,annahm — warum soll er noch das Christentum annehmen müssen? Warum genügt es Ihnen nicht, wenn der Jude der jüdischen Gemeinschaft geistig nicht mehr angchört — warum soll ihn erst die Tanfc in die „große Gemeinschaft" hineinbringen? Müßten Sie denn nicht folgerichtig sagen: die moderne Bildung, die der Jude annahm, brachte ihn eo ipso in die große Gesamtheit hinein. Sic behaupten: „daß das Judentum der nwderneir Bildung gegenüber aber gar keine Existenzberechtigung hat" — welche Existenzberechtigung der modernen Bildung gegenüber hat die Taufe? Ist sic etwa die berechtigte Legitimatioil über die Annahme moderner Bildung? Der „Satzdes Widerspruchs" scheint seine Geltung verloren zu haben. Ich muß sagen: Ihr Auffatz ist auch für mich eine Ueberraschnng. Aber nicht etwa, weil ich jo naiv wie die jüdischen Liberalen wäre, die einem Freisinnigen keinen Antisemitismus zutrauen; sondern, weil ich in Ihrem Urteil über Judentum und Judenheit eine besser situierte M ct h o d i k vorzufinden glaubte. — * Und wie verhält es sich, sehr geehrter Herr Professor, mit der praktischen Einsicht in Ihrem Aufsatze? Sic erteilen dem modernen Juden den Rat, sich oder, wenigstens seine Kinder, taufen zu lassen. Sieraten es ihm in seinem eigenen Jnter- Slt. 1ö esse: damit er die vollen Rechte der „großen Gesamtheit" genieße. Sehr löblich; ich will Ihnen diese Freundschaft schon verzeihen — aber Sic dürfe» keineswegs die Inden für Narre» halten, die ihr egiencs Interesse elementarster Art nicht verständen. Ihr Rat ist ja zu einfach, zu „auf der Hand liegend", als daß er erst von einer solchen Ivisscnschaftlichcn Kapazität, lote Sie es sind, empfohlen werden müßte. Sie hätten sich also die psychologische Frage vorlegcn sollen: Wie ist es zu erklären, daß der moderne Jude, der, wie Sie jagen, dem Judentum geistig nicht mehr augehöre, sich dennoch nicht taufen läßt? Das wäre ja für ihn von großem praktischen Vorteil. Warum fällt cs ihm so schwer? Sie berufen sich zwar auf „die meisten" Ihrer jüdischen Freunde, die es „schon getan haben"; die meisten Ihrer jüdischen Freunde sind aber nicht die meisten der modernen Jude». Gleichviel, Sie wenden sich immerhin an eine Kategorie von Juden, die es noch nicht,.getan" hat. Es müßte sich Ihnen die Frage aufdrängen: Wie kommt es, daß cs derartige Juden gibt, welche trotz ihrer Annahme moderner Bildung und also — Ihr: also — trotz geistigem Ausheben aus dem Judentum, von dem ihnen immer angebotcnen Taujwasser keinen Gebrauch machen wollen? Wie kommt es, daß sie eine» solchen harmlosen Akt, der eine solche praktisch große Wirkung hat, nicht benutzen wollen? Warum sollen sie sich sozial und politisch wie minderwertige Menschen mißhandeln lassen, wenn ihnen die Türe zu der privilegierten, legitimen Gesamtheit offen steht; sie brauchen nur ihren Eintritt anzumelden. Warum bleiben sie lieber in ihrer kleinen Gemeinschaft und teilen deren bitteres Los — während sie mit ihr geistig doch nicht verbunden seien?! Welcher Mensch in aller Welt ist so dumm, umsonst leiden zu wollen?! „ Diese Fragen müßten Sie'sich vorlegen, che Sie uns Ihren liebenswürdigen Rat erteilen sollten. Sie können doch nicht die nichtgetauften modernen Juden für solche Ignoranten halten, die nicht wüßten, daß die Taufe -sehr einträglich ist; oder für geisteskranke Menschen, die an ihrem Wohlergehen kein Interesse hätten. Wie also, sehr geehrter Herr Professor, erklären Sie dieses psychologische Phänomen? Was hält eigentlich den modernen Juden , der — in Ihrem Sinne — kein Jude mehr ist, von der Taufe zurück? Hätten Sie sich diese Frage vorgelegt, so niüßten Sic sich um eine Antwort umsehen und müßten dann nolens voleus zum Schluffe gelangen: daß auch der moderne Jude, d. h. der nicht orthodoxe Jude, mit dem Judentum geistig verbunden sein muß, ja tief verbunden, wenn er auf die großen'praktischen Vorteile des Austritts aus dem Judentum verzichtet; daß er bewußt oderunbewußt, jene geistige Sonderexistcnz eines 'Juden fortführt, welche, ihrer Aufhebung in der Taufe stets Widerstand leistete. Sie müßten nun weiter fragen: worin besteht diese jüdische Individualität, die auch im nichtorthodoxen Juden eine solche Widerstandskraft besitzt? Sic würden dann sagen müssen: das Spezifisch-Jüdische, gleichsam die Substanz des Judentums, erhält sich auch nach Abzug des Attributs: jüdische Religion. Sie dürften sich vielleicht alsdann für das Zugeständnis der Existenz (die Bestreitung der Existenzberechtigung bliebe Ihnen freilich Vorbehalten) auch einer jüdischen Nationalität entscheiden, oder, wie cs andere wollen, einer jüd. Kult» r, reete: Sittlichkeit — auf diese Frage kommt es uns hier nicht an, gleichwohl, Sie würden immerhin der psychologischen Frage gerecht werden: warum der moderne Jude sich oder seine Kinder nicht in die „große Gesamtheit" — offenherziger: in die christliche Gemeinschaft — „hincinbringt"? Sic würden begreifen, daß selbst der e i f r i g st e Assimilationsjude „g e i st i g" und „leibhaft" dem Judentum a n gehör t, ob er es will oder nicht; in seinen Adern fließt das jüdische Märtyrerblut, das nach Rache schreit und sein Fühlen und Denken ist von einer sittlichen Kultur durchtränkt, die nicht so leicht zu der „großen Gesamtheit" herabsinken kann.