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Neue jüdische Presse · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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*—--— -1-——— > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei brr Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband dezogm: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,80, sonstige Länder Mk. 2.— ___ KedaLtio« und chefchäftsff-rle: Frankfurt s. m.. Llerchstraße 2, Scke vilbelerstraße V-r-f-« 10507.; Jnsertionspreis«: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 ,. Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunst. 1 5. Jahrgang. Freitag, den 5. ljsr 5667 <19. April 1997). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Ein offener Brief an Herrn Professor -Theodor Nöldele. — Die Woche. — Aus aller ' Welt. — Feuilleton: Ost und West — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Ein offener Brief an Herrn Profeffor Theodor Nöldele. , (Bergt. „Straßburger Post", Nr. 19. d. I.) Sehr geehrter Herr Professor! Sie klagen das jüdische Volk an. Sie klagen es. — seiner Existenz an. Sie wünschen, die Juden mögen in die „große Gesamtheit" aufgehen; ja. Sie fordern cs. Ich weiß nicht, an wen dieser Appell gerichtet ist: an die M acht der großen Gesamtheit oder an den guten Willen unserer kleinen Gesamtheit. Ich bin aber nicht geneigt z» denken, daß Sie die politische und soziale Exklusivität der Juden innerhalb der „großen Gesamtheit" als berechtigte Behandlung einer „unberechtigten Existenz" billigen oder gar empfehlen. Ihre liberale Gesinnung dürfte wohl über einen solchen Verdacht erhaben sein. Auch schützt Sie schon Ihr intimes Verhältnis zur Wissenschaft vor dem Vorwurf etwaiger Jnquisitionstendenzen einer Zivilisationsmission. Es sind also reine Motive, die Sie zur Verurteilung des Judentums und' seiner Träger führen. Sie meinen es gut mit uns. Sie möchten uns Heil bringen in unserem langen Leiden. Es ist der Rat eines Freundes, der zu uns teilnahmsvoll spricht: Wozu umsonst ein entrechtetes Dasein fristen — lasset „wenigstens" euere Kinder taufen! .... Die Stimme eines Freundes — das ist uns wichtig. Es ist ein weiteres Zeichen für die erfreuliche Entwicklung des Antisemitismus der „großen Gesamtheit": es ist die Etappe des ehrlichen Antisemitismus. Antisemitismus?! Ich weiß, Sie werden diese Bezeichnung mit der Entrüstung eines Liberalen zurückweisen. Und wahrlich! ich würde Ihnen nicht gerecht werden, wollte ich dieses alte und nie alternde Wort in seinem banalen Sinne hier anwenden. Möchten Sie doch die Judenfrage lösen: die Auflösung der Juden soll die Lösung der Frage sein. Die politischen Antisemiten aber möchten keineswegs ihre Juden verlieren; gäbe es keine Juden — sie würden sie schassen. . . . Freilich, Sie sind liberal, ergo unser Freund. Aber Sie sind uns als Menschen — Freund, uns als Juden — Feind. Das ist eben der ehrliche Kulturantisemitismus, der tiefer, weil inniger und feiner als der politische Judenhaß ist. Er macht den Juden nur Ähre: die jüdische Kultur ist eine Macht, eine mächtige Individualität, die von anderen Knltnrwelten nicht geduldet werden kann. Traurig müßte es um das Judentum stehen, wenn es nicht ehrliche Feinde haben sollte. Ich begrüße daher mit Freude n das offenherzige Auftreten gegen das Judentum, dasSie — als Liberaler! — wagte n. * Es ist ein Vorurteil der westeuropäischen Judenheit, wenn sie den Antisemitismus als Reliquie des mittelalterlichen Fanatisnius abtun zu dürfen glaubt. Es ist eine ungerechte Geringschätzung gar vielen Kultnrstaaten und K i, l t u r st r ö m u n g e n gegenüber, ivenn man den Antisemitismus als finstere Reaktion verschreit. Es ist dies auch eine Ignorierung der menschlichen Affekte im Reiche des konfliktvollen Lebens Nur eine asketische Moral kann dem Antisemitismus schlechthin jede Berechtigung absprechen: Askesie ist aber unjüdisch. Ja, mau nivelliert die Kultur, ivenn man sie als Gegensatz zum „Kampf Aller gegen Alle" postuliert. Als ob das kosmopolitische Ideal des „ewigen Friedens" das Verschwinden der nationalkulturellen Differenzierungen bedeuten dürfte: als ob nicht vielmehr mit der Entwicklung der Menschheit die Konflikte tiefer, weil feiner nürden, nnd den Reichtum der Kultur vergrößern. Und wenn man Konflikte abtötet, so hat man keineswegs das Problem gelöst, sondern seine Schönheit vereitelt. — Nur der starre Liberalismus eines Rational i s m u s konnte die Kultur so engherzig verstehen, als habe sie den Menschen von seiner Natur zu emanzipieren. Es entstand so die verhängnisvolle Kluft zwischen dein Natürlichen und Gekünstelten, an der jetzt die Menschheit so erbärmlich leidet: Prinzipien wurdeir ihr anfgebürdet, für die sie nicht reif war. Dogmen waren sie ihr, Dognien im Namen der Aufklärung; Dogmen — weil sie ihr nicht innere Imperative waren, sondern grausame Konsequenzen eines rationalen Prinzips; notwendige Uebel, die man geduldig ertragen zu müssen glaubte. Und nun begann die vergewaltigte Menschheit, der Zurückhaltung müde, den Ballast der „verdammten Kulturpflichten" abzuschütteln und sich natürlicher zu zeigen: . . . Blutmärchen .... Politischer, nationaler, kultureller Antisemitismus.Judenkrawalle. . . . Ei.ne v orübergehende Reaktion! — tröstet sich der im Sterben liegende Liberalismus. Er sieht nicht und versteht nicht, daß es ein Progreß ist, ein Progreß der Wahrhaftigkeit: die Menschen befreien sich von den schönen Vernunstresolutioncn, die sie zu Verrätern an ihrem Empfinden machten; sie befreien sich vom Joche des totere Buchstaben, das der grausame Rationalismus ihrem vollblütigen Leben aufgelegt hatte; sie befreien sich von den Geboten jener löblichen Prinzipien, die sie innerlich nie erlebten. — No. 15. Denn der Antisemitismus war nicht überwunden, als Westeuropa die Gleichberechtigung der Juden proklaniierte. Er wurde nur vertusch t. Man verleugnetc ihn, oa man keinen rationalen Grund für ihn fand. Er lebte aber im. Geist und Leib wie zuvor. Man sagte ihn tot, da er in die Theorie nicht hineinpaßte. Nun erwachte der Scheintote — und er rächt sich. ... So entwickelt sich der moderne Antisemitismus in all seinen kulturellen Nuancierungen. Man wird ehrlicher, aufrichtiger: man faßt schon Mut, den in Verruf der Reaktion gekommenen Antisemikisntus öffentlich einzugestehen. Die Selbstheuchelei schwindet: man wagt allmählich die judenfeindliche Gesinnung ohne Rücksichtn a h m e aus das 19. oder 20. Jahrhundert unverhohlen zu bekunden — wenn man sich auch noch in der Kultur zu legitimieren sucht. . . Das ist ein Fortschritt des Freimuts. Und so kam es, daß Sie in ehrwürdigem Alter mm Ihre liberalen Sünden zu beichten das Bedürfnis verspürten. . . . Ihr Auftreten gegen das Judentum hat freilich viele Ihrer politischen Gesinungsgenossen im Lager deS Liberalismus überrascht und in Verlegenheit versetzt, da es ihre Toleranzlehre in Mißkredit zu bringen geeignet ist. . . . Von einen: Liberalen, sagen auch die jüdischen Liberalen, hätte man es nicht erwarten können. Sie verstehen nicht, die Naiven, daß ein in Leib mtö Seele wurzelnder Antagonismus sich nicht so leicht durch rationalistische Theorien ersticke» läßt: daß er Hervorbrechen muß, so oft man das Bedürfnis hat — so zu sein, wie man ist: frei von den kostspieligen Modeidealen, die die armseligen Menschen belasteten; frei von dem Freisein - M ü s s e n. . . Nnd so oft dieses ehrliche Bedürfnis erwacht, muß der Jude bluten. — Doch kann er das Wachsen dieser freimütigen Ehrlichkeit nur willkommen heißen. Und darum begrüße ich Sie, sehr geehrter Herr Professor, mit Freuden! * * * Soviel zur Psychologie Ihres Aufsatzes. Nun möchte ich seine logische Solidität sachlich prüfen. Sie klagen das Judentum — seiner Existenz an. Und Ihr Urteil lautet auf — Taufe. Welche Gesichtspunkte werden geltend gemacht? Etwa die moralische Ueberlegenheit des Christentums? Nein; der Freisinn ist ja über religiöse Dispute erhaben. Aber die „moderne Bildung". — Sie meinen: „daß das Judentum der modernen Bildung gegenüber aber gar keine Existenzberechtigung mehr hat." Ich will Sie von Ihrem Standpunkte aus zu begreifen suchen. Keineswegs aber beabsichtige ich hier eine Verteidigung des Judentums: das würde uns zu weit führen, da Sie es gar an elementarem Verständnis für die jüdische Kulturindividualität haben fehlen lassen. Ich unterdrücke

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