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Neue jüdische Presse · 1907-04-12 · Heft 14 (12.4.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 14 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Serie 4. Frankfurter Israelitisches Famllienblatt. SK- 14. „Gegen den Ansspruch 'des Herrn Geh. Oberregierungsratcs Dr. Mayer, daß bei den gcsetzestreuen Juden Badens .Männer von genügender Vorbildung, sozialer Stellung und verträglicher Gesinnung schwer zu finden seien," protestieren wir aufs Energischste und weisen derartige Anwürfe init Entrüstung zurück. Wir protestieren aufs Entschiedenste gegen den Versuch des Obcrrats, uns zu Menschen zweiter Gattung zu degradieren; wir protestieren gegen diesen neuesten Ausfluß des besonderen Wohlwollens gegen die Orthodoxie, das immer und immer wieder zu betonen, der Oberrat für notwendig erachtet. Diese Kampsesweise des Obcrrats, den "Gegner persönlich zu verkleinern, statt seine Prinzipien und Anschauungen zu würdigen, ist uns nicht neu. Schon als wir im Jahre 1903 zum ersten Male auf den Plan traten, um gemeinsam unsere heiligsten Interessen zu schützen, uni gegen das oberrätlichc 'Resornigebetbuch Front zu machen, das Grundanschauungen und Lehren des Judentums streicht und verleugnet, da wußte der Oberrat in Stadt und Land zu verkünden, daß „wenig bekannte Persönlichkeiten" sich zusammengctan hätten, da wußte der Oberrat die Männer, die mit Mut und Offenheit für ihre Ueberzeugung eintraten, des „Angriffes auf die Landessynagoge und ihre geordneten Behörden" zu bezichtigen. Mr protestieren gegen diese Verkennung unserer reinsten Motive, wir sind empört über diese Verunglinipfung unserer Person und unserer Absichten. Wir haben die Gründe und Ziele unserer Bewegung immer klar und prinzipiell auseinandergesctzt; mögen der Obcrrat und seine Freunde die ihrigen, die auf ganz anderen religiösen Voraussetzungen fußen und als Blüte ein Geschlecht der Untreue und des Wfalls vom Glauben der Väter zeitigen müssen, ebenso offen bekennen; mögen sie inhaltsleere Synodaltagungen benutzen, um Klarheit in die Situation zu bringen. Statt dessen brachten die Stunden der Nachmittagssitzung des 18. März stürmische rein persönliche Angrisse auf den orthodoxen Gegner und seine Organe, was bei Vielen — und nicht bei den Schlechtesten — den Eindruck erweckte, als sollte hier mit Rücksicht auf die kommcndeu Synodalwahlen in f ü n s st ü n d i g c r Sitzung Stimmung gemacht werden gegen die „schwarze" Seele dieser ^unverträglichen" Orthodoxen. Wir beneiden die Freunde des Oberrats, die diese Interpellation einbrachien und begründete», nicht um die Art, in der sie Gelegenheit nahmen, ihrer Menschenfreundlichkeit, Verträglichkeit und allumfassenden Friedensliebe Ausdruck zu verleihe». Wir bedauern cs Um des Ansehens der badischen Gesamtjudenheit willen auf das Tiefste, daß man Männer, die nicht anwesend waren, und Richtungen, die in jener Sitzung keine Vertreter und Wortführer hatten, in einer solchen Weise angreifen und u»gehört verurteilen konnte. An unsre Gesinnungsgenossen in den badischen Landen aber lasse» wir angesichts dieser ungerechten Angriffe den Ruf ergehen: Scharet Euch mutig um unser Banner, tretet opferfreudig und mannhaft ein für unsere llebcrzeugungen!" Frankfurt a. M. Am Montag, den 8. d. Mts., hielt Herr Schriftsteller S. B e r l o w i tz in der Loge Adler seinen zweiten Vortrag über jüdische Religionsphilosophie mit dem Thema „Gottesbegriff und W e l t s ch ö p f u n g." Redner knüpfte an den vorigen Vortrag an, in dem nachgewiescn wurde, daß im Judentum der Grundsatz vieler Kirchenväter: crcdo, quia absurdum est (ich glaube cs, weil es absurd ist) keine Geltung habe. Wohl ist man sich auch im Kreise der jüdischen Denker darüber im Klaren, daß der menschliche Verstand seine Grenzen-habc, die er niemals wird überschreiten können. So lehrt Maimonides: „Das Ziel unseres Wissens ist, — daß wir nicht wissen"." Ferner, um Gott seinem Wesen iiach zu erkennen, müßte ich — er selbst sein. Aber darum sind wir noch keine unvernünftige Wesen; umgekehrt spricht die Tatsache unserer Einsicht in die Unzulänglichkeit unseres Vcr- - standes dafür, daß uns vernünftiges Denken nicht versagt ist, indem wir auch in dieser Beschränkung den Meister erkennen dürfen. Vom Wesen Gottes ist uns kein Begriff gegeben, nur die Gewißheit seiner notwendigen Existenz. Gottes Sei» aber bedeutet seine A l l w i s s e n - heit. All güte und Allmacht, die sich uns - in seiner Schöpfung offenbaren. Denn nur von Seiten seiner Werke vermögen wir ihn zu erkennen. An der Hand der Quellen ivird gezeigt, wie die jüdische Schöpfungsthcorie von den jüdischen Rcligionsphilosophen den Griechen gegenüber vertreten und verteidigt wird, deren Beweise für die Zeitlichkeit der Schöpfung S. R. Hirsch s. A. in seinen Schriften verwertet hat. Auch wird vom Redner die jüdische Schöpfungstheorie als logisch notwendig aus dem jüdischen Gottesbegriff sich ergebend nachgewiesen. Das Problem: Willensfreiheit und Lohn und Strafe werden als religiöse Probleme erklärt. Denn seit Maimonides ist die Wissenschaft trotzdem, daß ganze Bibliotheken darüber geschrieben worden sind, nicht darüber hinausgekommen, daß es eines der Welt- - rätsel ist, zu deren Lösung unser Verstand nicht ausreicht. Nur die reine Gottesidec gibt uns hier Licht, denn diese ist nicht nur die Grundlage aller Religiosität, sondern auch das Prinzip aller Erkenntnis. Lebhafter Beifall folgte den inhaltsreichen 'Ausführungen. Der dritte und letzte Vortrag: Blick in die Gegenwart: (der Materialismus im 19. Jahrhundert) findet am M o n t a a, 15. April, 9 Uhr abends präzis in der Loge Adler, Seilcrstraße 22, statt. Berlin. Das Hilfswerk für die rumänischen Jude n. Nachdem für die dringendste augenblickliche Not der durch die Unruhen in Rumänien Geschädigten gesorgt ist, erwächst den jüdischen Organisationen jetzt die Aufgabe, die weitere umfassende Hilfstätigkcit, die zur Wiederaufrichtung der vernichteten Existenzen notwendig ist, planvoll und zweckentsprechend durchzuführen. Als die Gefahr ersichtlich wurde, daß sich das Hilfswcrk zersplittere, begab sich Herr Dr. Paul Nathan vom Hilfsverein der Deutschen Juden nach Bukarest, um sür die notwendige Einheitlichkeit dnrch die allein ausreichend, zweckmäßig und gerecht für die Geschädigten gesorgt werden konnte, zu wirken. Es wurde in Bukarest ein Komitee gebildet, das aus den einflußreichsten rumänischen Glaubensgenossen besteht -.ind dem auch der Vertreter der I c a, Herr A st r u c, die Genehmigung aus Paris vorausgesetzt, angehören wird. Herr Astruc wohnte der konstituierenden Sitzung bei. An der Spitze des Komitees steht Herr Oberrabbiner Dr. Beck, Bukarest. Durch die Bildung des rumänischen Komitees sind sür die Arbeiten in Rumänien selbst die notwendigen Voraussetzungen geschaffen. Das Komitee wird ferner dafür sorgen, daß auch die wohlhabenden Juden Rumäniens opferwillig sich mit ihren Arbeitskräften und ihren fiiianzicllcn Mitteln an dein Hilfswerk beteiligen. Das Komitee in Bukarest sendet nach allen geschädigten Orten Emissäre, durch die nach genau festgesetzten Modalitäten die Abschätzung des Schadens vorznnehmcn ist. Trotz der größten Beschleunigung wird diese Arbeit vor Ablauf von einigen Wochen sich nicht erledigen lassen. Auf der Rückreise von Bukarest hatte Herr Dr. Nathan eingehende Besprechungen mit den leitenden Persönlichkeiten der Israelitischen Allianz in Wien, die sich mit den Vereinbarungen in Bukarest einverstanden erklärten. Der Verkehr des Komitees in Bukarest mit de» einzelnen jüdischen Organisationen im Auslande vollzieht sich durch die Wiener Allianz. Dort laufen die Nachrichten zusammen, die dann an alle übrigen Organisationen weiter gegeben werden, und von dort werden die Vorschläge übermittelt, über deren Annahme im Einvernehmen mit de» anderen Korporationen entschieden wird. Die Wiener Allianz ivird außerdem direkt die Vermittlung mit jenen geschädigten'Ortschaften übernehmen, die unmittelbar an der österreichisch-ungarischen Grenze liegen. Die Wiener' Allianz ist zweifellos auch aus geographischen Gründen vor allem berufen, jene Instanz zu bilden, die als Bindeglied zwischen den Organisationen des Westens und Rumänien zu fungieren hat. Berlin. Der Bau einer Erziehungsanstalt für schwachsinnige jüdische Minderjährige ist nunmehr beschlossene Tatsache. Die „Großloge U. O. B. B. für Deutschland" hat 10,000 Mark für den Bau bewilligt und der „Deutsch-Israelitische Gcnicindebund" ist damit nunmehr in der Lage, das längst gefaßte Projekt auszuführen. Berlin. Aus Bogopol, einer Stadt d i-c bei d e n r u s s i s ch e n Pogromen im Oktober 1905 am schwersten gelitten hat, sind dem Hilfsverein der Deutschen Juden sür die .Geschädigten in Rum änien 800 Rubel übersandt worden. Diese Geldsendung und der Brief, der sie begleitet, aus der selbst so schwer betroffenen Stadt sind ein rührendes Zeichen des jüdischen Solidaritätsgefühls. Der Brief lautet folgendermaßen: Bogopol, 8. April 07. An den Hilfsvcrein der Deutschen Juden. Berlin. Hochgeehrte Herren! Noch nicht lange ist unser Komitee zur Unterstützung der vom Pogrom betroffenen Juden in Bogopol fertig mit seiner Arbeit und schon mußten wir wieder ein neues Hilfskomitee gründen für unsere unglücklichen Brüder in Rumänien. So ist die Ironie des Schicksals. Wir senden dem hochgeehrten Hilfsverein unseren tiefsten und herzlichsten Dank für seine Initiative zur Rettung unserer Brüder vyr Hunger und Kälte. Unser zerstörtes Städtchen sendet seine kleine Gabe durch Euren Hilfsvercin für die unglücklichen Brüder in Numänicil. Vorerst schicken wir 800 (achthundert) Rubel. Was wir noch sammeln können, Ivcrdeu wir sofort übersenden. IN größter Hochachtung. Unterschriften. Berlin. Dem Berichte der Religionsschule der Israel. Synagogcn-Gemeindc (Adas; Iisroel), dem eine vorzügliche Arbeit des Herrn Rabb. Dr. I. Wohlgemuth „Zum Unterricht in der jüdischen Ethik" vorangeht, entnehmen wir, daß die Schule am Schlüsse des äbgelaufenen Schuljahres von 458 Kindern (281 Knaben und 177 Mädchen) in 10 Knaben- und 8 Mädchenklassen besucht wurde. Der Lehrplan zeigt, daß die Schule ihre Pflichten mit aufrichtigem Ernste erfaßt.' Von diesem Ernste legt auch die Tatsache Zeugnis ab, daß sie sich die größte Mühe gibt, die ihr anvertrauten Zöglinge vor einer Entweihung des Sabbats durch Anfertigung schriftlicher Arbeiten zu schützen, und so hat sie cs denn zuwege gebracht, daß zahlreiche Schüler und Schülerinnen, die bisher am Sabbat geschrieben haben, dieses unterlassen. Berlin. Die Kolonialgesellschaft, die im Besitze des größten Teils des Bodens in Deuts ch- S ü d - W e st - A f r i k a ist, hat der j ü d i s ch eil Gemeinde i n S w a k o p m u n d einen Platz von 5000 Quadratmetern im Werte von 10000 J(, zur Anlegung eines Friedhofes geschenkt. Kölna.Rh. DieLiberalitätderLiberalen. Bei der jüngst stattgehablen Vorstandswahl der ifr. Gemeinde enthielten sich die konservativen Repräsentanten der Abstimmung, da die liberale Majorität sich weigerte, der konservativen Fraktion für den Vorstand eine solche Mitgliederzahl zu bewilligen, wie sie dem Stärkevcrhältnis der konservativen Repräsentanten im Kollegium entspricht. Laudenbach i. Bayern. Am 24. März fand hier Vorstandswahl statt. Die alte Verwaltung wurde wiedergewählt. Herr S a n d e l Frank, der nunmehr schon 22 Jahre K u l t u s v o r st a n d ist, lud die Gemeinde zu einem Bankett im Gasthaus zum Stern. Unter ernsten und launigen Reden, in welchen der Kultusvorstand, die anwesenden Frauen, der Herr Bürgermeister, der selber auch die Verdienste des Herrn Frank innerhalb der politischen Gemeinde-Verwaltung feierte, entsprechend gewürdigt wurden, verlief in stimmungsvoller Weihe der Abend, der ein schönes Beispiel von dem Gemeindesrieden als auch, von dem Ziisaininciistreben der verschiedenen religiösen Bekenner innerhalb der politischen Gemeinde lieferte. Wir wünschen der Gemeinde und seinem Vorstande auch fernerhin eine segensreiche Zukunft. Dortmund. Wie das „Do>tm Tagebl." schreibt, erhielten in der dnrch die Roburitexplosion heimgesuchten Gemeinde Annett fast alle Beschädigten eine Entschädigung von 10—30«/» des taxierten Schadens, unberücksichtigt blieben nur sämtliche Israeliten mit Ausnahnie eines Althändlers, dem man einige Mark gegeben hat. Oesterreich-Ungar«. Wien.. Lebhafte Shmpatbiecn sür die Jto- Bestrebungen zeigen sich in den Kreisen der ö st e r r e i ch i s ch e » B n e - B r i t h, was wesentlich den Vorträgen des Herrn Dr. S a in n e l y in Wien zu verdanken ist. Herr Dr. Samuely sprach sechsmal und zwar in beiden hiesigen Logen, in den beiden Prager Logen, in der Loge in Brünn und in der Loge in Reichenberg. Es dürfte noch erinnerlich sein, daß auch der Großpräsidcnt der deutschen Bne-Brith Mr. Zangwill seine Bereitwilligkeit die Pläne der Jto zu nnterstützcn, ausgesprochen hat. Wien. Verzweiflungstat eines rumänische» Juden. Der aus G a l a tz stanimende 60jährige LeonSteinberg suchte sich und seine Gattin durch Gaseiuatmuug zu vergiften, da er durch die Baucrn-llnruhen in Rumänien um sein ansehnliches Vermögen gebracht worden war. Die Wiederbelebungsversuche erwiesen sich bei ihm als erfolglos, während die Frau gerettet wurde. Budapest. Auf die unverantwortliche Gleichgültigkeit unserer Orthodoxie wirft ein soeben geschehenes sensationelles Ereignis wieder einmal ein grelles Schlaglicht!-Die Tochter des Direktors der „Israel. L a n d e s - L e h r e r - Prüft a r a n d i c", Dr. Josef Bünoczi, hat sich soeben mit dem getauften KlauscnburgerUniversitätsprofcssor Felix Scomlan verlobt — und von dieser Anstalt beziehen die meisten orthodoxen Gemeinden ihre diploniierten Lehrer! Die Orthodoxie hat es noch nicht zu einer eigenen Lehrer-Bildungsaiistalt gebracht. Triest. Hoher Prozentsatz der Mischehen! 1887—1903 sind hier 472 teilt jüdische und 170 jüdisch-christliche Ehen geschlossen worben. Diese Mischehe-Schließungen sind in Wirklichkeit noch weit mehr, denn viele Juden lassen sich vor der Heirat taufen, da sich sonst nach dem Gesetze der christliche Teil als konfessionslos erklären muß. Großbritannien. London. Sir Samuel Montagu sandte au den Sekretär der New West End Synagoge den folgenden Brief: „12 Kensington Palace Gardens-W., 25. 3. 07. Werter Herr! Ich habe Ihre Rechnung für das nächste halbe Jahr erhalten, und ich füge meinem Schreiben einen Check auf Lstrl. 24.12 's. 4 ck. bei. Sie ersehen hieraus, daß ich die auf mich für die „Education Board" entsallende Abgabe von 5°/» abgezogen haben, da sie meiner Meinung nach nicht mehr als jüdische Religionsschule (Jewish Religious- Education Board) besteht. In ihrem Kollegium befinden sich jetzt zwei Freidenker, die Ansichten veröffentlichen, die den Zwecken, für die diese Schule und die United Shnagogue gegründet wurden, feindlich gegenübcrstehen. . In dem „Jewish United Synagogue Stet" ist es vorgeschriebe», daß der Gottesdienst in jedem der bestehenden Synagogen mit dem polnischen und deutschen. Ritus übereinstimmen soll. Dieser Ritus erfordert aber, daß die zehn. Gebote, die von Gott auf

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