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Neue jüdische Presse · 1907-04-12 · Heft 14 (12.4.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 14 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Frankreich viel Interesse einem arabischen patriotischen Buche von Asuri, einem gewesenen türkischen Beamten in Jerusalem, unter dem Titel „Das Erwachen des arabischen Volkes" zugewandt. In diesem von einem judenhassenden katholischen Levantiner geschriebenen Pamphlete wird verlangt, das arabische Volk zu befreien und an seine Spitze die einzigen zivilisierten Elemente— d. h. natürlich: die Levantiner — zu stellen, und der Verfasser verkündet pompös die Begründung einer, großen arabischen Befreiungsliga. Da er aber die Konkurrenz der Juden befürchtet, erklärt Herr Asuri, daß die Juden Palästina bedrohen, daß sie schon einen großen Teil Palästinas besitzen (?) und das; sie überhaupt das arabische Volkstum zu vernichten suchen. Aber: Tempora mutantor! die letzten Jahre hat die Aufklärung sogar in Syrien Fortschritte gemacht; die Propaganda der Jungtürken nnd der Einfluß der occidentalen Ideen ist nicht ohne Einfluß geblieben. Besonders die studierende arabische Jugend ist zu dem Bewußtsein gekommen, daß Palästina bezw. Syrien für seine Einwohner ein Vaterland ist — ein Vaterland, zwar in Verfall geraten, doch mit einer großen Vergangenheit — und daß gerade die Juden, die in das Land zurückkehren und die an dieser großen Vergangenheit den hauptsächlichsten Anteil haben, mehr als alle anderen die Zukunft dieses Landes vorbereiten sollen und können. Und es ist ein junger, in Paris studierender Syrier Farid Kassal, der als Erster eine Antwort auf Asuri Bey's Verleumdungen gegeben und das jüdische Volk als ein einheimisches Element seitens der Araber in Palästina anerkannt hat. Dr. N. Slouschz. Die Woche. Gar viele find die Werte, die hoch eiugeschätzt werden und von sich viel Aufsehens machen; doch wollte jemand den Versuch unternehmen, diesen Werten näherzntreien und sie bei Licht zu betrachten, so zerschellen sie häufig in nichts und entpuppen sich als eitle Seifenblasen. Es wird viel von einem „liberalen Judentum" geredet; doch, wer vermag es zu definieren, was eigentlich dieses Judentum ist und will. Das Judentum ist keine Konfession in landläufigem Sinne, vielmehr ist es als eine jüdische Verfassung, als eine jüdische Gesetzgebung anzusehen, denn es erstreckt sich nicht bloß auf die Beziehungen des Juden zu seinem Gotte, sondern auch auf seine Verhältnisse zu seinen Mitmenschen — zum einzelnen Juden, wie zur jüdischen Gemeinde, zur jüdischen Gesamtheit, wie auch zum Andersgläubigen —. Kurz, das Judentum regelt das gesamte jüdische Leben sowohl in religiöser, als auch in sozialer und nationaler Hinsicht. Diese jüdische Gesetzgebung war und ist noch, wo echtes jüdisches Leben pulsiert, für den Juden verbindlich. Und das liberale Judentum? Hat es die alte jüdische Gesetzgebung durch eine andere, rationellere zu ersetzen gesucht? — keineswegs! Das jüdische Gesetz ist mehr als liberal, es ist demokratisch, sozial. Das liberale Judentum hat aus der ganzen jüdischen Verfassung bloßdasKonfessionelle herausgegrissen, und auf diesem Gebiete .hat seine Reform eingesetzt. Und wie kläglich sehen diese Reformen aus! Sie erstrecken sich nicht auf das ganze konfessionelle Gebiet, sondern auf eine einzige Stelle, auf die Synagoge. Der ganze Apparat der Reform wurde in Aktion gesetzt, es wurde beständig an denr kräftig pulsierenden, lebendigen Wesen der alten Synagoge ‘ herumgedoktert, bis es endlich in eine dekorierte, frostige Leiche verwandelt worden war . . .Das nannte man: liberal. Mail war stolz auf die Großtat der liberalen Totengräberei.... Nun beginnt es allmählich, unsere Liberalerl zu frösteln — Und man suchte Abhilfe. Die einen sagen: Noch mehr dekorieren . . .die anderen wiederum: Das jüdische Wesen, wenn auch tot, ist noch immer zu jüdisch. ..: Und deshalb heißt es, noch mehr entstellen, entstellen bis zur Unkenntlichkeit, damit öle Gefahr der bloßen Erinnerung an das Frankfurter Israelitisches Familienblatt. einstige jüdische Leben beseitigt wird. Und wie stehts mit der Existenzberechtigung des liberalen Judentums? Aus seiner Tätigkeit auf dem nationaljüdischen Gebiete kann es seine Existenzberechtigung unmöglich herleiten; das liberale Judentum als solches leugnet eine jüdische Nationalität, man glaubt: als jüdischer Liberaler es tun zu müssen . . . Einem liberalen Verein als solchen wird es z. B. nie einfallen, wegen Pogrome gegen die Juden lauten Protest zu erheben; die Zugehörigkeit zu bloßen „Glaubensgenossen" steht in ungläubigen Kreisen auf sehr schwachen Füßen, und diese Zugehörigkeit trägt man ungern zur Schau . . . Und die geschaffenen Werte auf dem konfessionellen Gebiete? „Die geschaffenen Werte"; — wie traurig! .. . Aus einer fast totalen Negation lassen sich keine positiven Werte schaffen, Verschiebung eines Mmemors von der Mitte nach vorne, Versetzung des Chors von vorne nach hinten, Vertauschung von Tallis und Käppchen in Talar und Bäffchen sind keine positiven Werte; auch nicht christlicher Damenchor .... Und woher also die Existenzberechtigung? 1 Das liberale Judentum muß in sich gehen und eine gründliche Selbstprüsung — besonders auf dem nationalen Gebiete — vornehmen, damit es zu einer Regeneration gelangen kann; sonst läuft es Gefahr, nicht mehr ernst genommen zu werden. . . Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M.» io April E'ne ltattli^e Versammlung von Gemeindemitgliedern hatte sich gestern Abend auf Einladung des Zentralvereins israel. Gemerndemitglieder im Saale des Kaufmännischen Vereins eingefundcn, um gegen den Bau der neuen Synagoge und des Philanthropins am Samstag zu protestieren. Herr Dr. med. W. Hanauer erstattete das Referat. Er gab zunächst einen Ueberblick über die Baugeschichte der Gemein!e. Ti- Gemeinde befindet sich mit der Errichtung einer neuen Synagoge, dem Neubau des Philanthropins und dem beabsichtigten Neubau des Krankenhauses gegenwärtig in einer Bauperiode, wie sie solche seit dem großen Brande im Jahre 1711 nicht gesehen hat, und es erscheint daher ein historischer Rückblick angebracht. In dem ältesten Judenviertel zwischen Main und Dom befand sich die Synagoge am östlichen Ende des Archivgebäudes, das Krankenhaus an der Ecke der heutigen Schmidtstube und der kleinen Fischcrgassc. Nach Uebersiedelung der Juden in die Judengasse um 1462 ging jene erste Synaaogc in den Besitz der Stadt über, die auf ihre Kosten auf 'dem Platze der heutigen Hauvtsynagoge ein Gebäude errichten ließ, das 1711 abbrannte und später wieder auige'>aut wurde. Der jetzige Bau besteht seit 1853. Zu Anfang der 80er Jahre wurde an der Stelle, an der sich das sogenannte Fremdenspital befand, die zweite Synagoge auf dem Börneplatz erbaut. Der Bau des Gc° meindehospitals. zu dem die Familie Königswarter 215,000 Fl. beisteuerte, sodaß die Gemeinde itr 20 000 Gulden zuzuschi ßen brauchte, wurde 1872 beschlossen Das Philanthropin befand sich bis 1845 im Kompostellhos. — Nach dieser kurzen Abschweifung kommt Redner auf das eigentliche Thema des Abends. Wie es jedem als Blasphemie erscheine, eine Kirche am Sonntag zu bauen, so auch das Bauen einer'Synagoge am Samstag. Sofort, wie es verlautete, daß der Borstand einem Bauen am Samstag sympathisch gegenüber siede, haben daher die vom Zentralverein in den Ausschuß der Gemeinde gewählten Herren Vorstellungen erhoben und auch vie letzte Generalversammlung des Zentralv-reins nahm gegen das Boraehen Stellung nnd beauftragte den Vorstand des Vereins, dem Vorstand der Gemeinde von dem Standpunkte der Generalversammlung Kenntnis zu geben. Aus der Antwort des Gemeinde- Vorstandes ergab sich nun, daß er sich die endgültige Entscheidung noch Vorbehalt. Abgesehen von der Berücksichtigung etwaiger gesetzlicher Vorschriften, muß man gegen das Bauen am Samstag sein, weil es bei vielen Gemeindemitgliedern Anstoß und Aergernis erregt, und weil in Synagoge und Schule — auch in den „liberalen" Synagogen und Schulen — als ein Hauptpfeiler unserer Religion die Sabbatruhe gepredigt und gelehrt wird. Neben der Mäßigkeit und der Reinheit des Familienlebens ist es gerade die peinliche Beobachtung der «abbatruhe gewesen, welche das jüdische Volk bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Zu diesen ideellen kommt noch der weitere Gesichtspunkt, daß, wenn am Samstag gebaut wird, jüdische Handwerker nicht beschäftigt werden können, — und man spricht immer so viel von der Förderung des jüd. Handwerkerstandes! Zur Zeit der Hochflut der Reform unter der Aegide eines Rabbiner Stein hat die Gemeinde an den Samstagen Seite 3 die Arbeiten beim Bau des Tempels (1854—60) ruhen lassen. Schließlich ist noch in Erwägung zu ziehe», daß die ausfiihrende große Bansirma in der Lage ist, die Arbeiter Samstags anderweitig zu beschäftigen und so keine Mehrkosten entstehen. Aus der dem Referate folgenden Diskussion, in der sämtliche Redner das Bauen am Samstag verurteilen, sei nur das Hauptsächlichste angeführt. Jsaac Mainz: Wir ^dürfen mit unserem Protest gegen das Bauen am «samstag bei dem Vorstand nicht die Meinung aufkommen lassen, daß diese Bauten überhaupt unsere Zustimmung haben. Max Bauer: Es kann für das Bauen am Samstag für den Vorstand doch nur der Zeitpunkt oder der Kostenpunkt in Frage kommen — und da kommt es nicht darauf an, ob die Synagoge einige Monate eher oder später fertig ist, und was die Kostenfrage betrifft, so entstehen nach Erkundigung bei ersten Bausirnien durch das Nichtarbeiten an den Samstagen keine Mehrkosten. Die jüdischen Handwerker, die infolge des Bauens am samstag übergangen werden, werden das Vorgehen des Vorstandes als Antisemitismus charakterisieren. Unbegreiflich ist auch, warum der Vorstand in dieser Angelegenheit nur Herrn Rabbiner Dr. Scligmann als Experten genommen hat, während doch drei Gemeinderalbiner da sind. Schottenfels: Ich stehe nicht ganz _auf konservativem Standpunkte; ich würde aber erröten, wenn ich am Samstag mit einem christlichen Freunde an Bauten der jüd. Gemeinde, bei den die Sabbatruhe nicht gewahrt wird. Vorbeigehen sollte. Emanuel Lehmann: In der Thora steht mitten in der Stelle, wo vom Bau des Stiftzeltes gesprochen wird: Bergiß nicht, meine Sabbate zu heiligen. Also selbst damals, als die Kinder Israel noch kein Heiligtum hatten, sollten sie nicht in dem Drange, dasselbe zu errichten, den Sabbat entweihen. Hugo Frankel: Welche Interessen^ der Liberalen werden verletzt, wenn das Bauen am Samstag unterbleibt? Selbst Herren vom liberalen Verein verurteilen ein Bauen am Samstag. D r. H e i n e m a n n: Ae Freisinnigen betonen, wenn es gilt, ihre Wünsche durchzuführen, immer, ohne die ihren Wünschen angepaßten Einrichtungen würden der Gemeinde Steuerzahler verloren gehen; ob aber der Gemeinde orthodoxe Steuerzahler verloren gehen — und die Gefahr liegt infolge des Neubaues der Religionsgesellscha'ts-Shnagoge sehr nahe — danach fragen sie nicht. Merkwürdig isi es, daß der Vorstand das Urteil des Rabbiners ei' geholt hat, d s'en Kinder das Ph'lanthropin ri-bt besuchen, und nicht das Urteil des Rabbiners, dessen Kinder das Philanthropin 'besucht haben. Für das Bauen am Samstag kann es nur ein Motiv geben: R r s ch u s! Raphael Ettlinger: Man möge auch das schlechte Beisp'el bedenken, das die angesthme Gemeinde Frankfurts den anderen Gemeinden Deutschlands gibt. Nachdem noch mehrere Redner im Sinne der Vorredner gesprochen haben, wird einstimmig eine Resolution und eine mit den Unterschristen der Gemeindemitg'ieder zu versehende Petition an den Vorstand beschossen, deren Ab'aslung dem Borstande des Zentralvercins überlassen wird. Fronkrurt a. M. D^eReso'ut'n" d>e des Vorstandes des Zentralvereins israel. Gemerndemitglieder an den Vorstand der israel. Gemeinde abging, lautet: „Die am 9. April l. I. im Saale des Kaufmännischen Vereins abgehaltene außerordentlich zahlreich besuchte öffentliche Versammlung h'efiger Gemeindemitglieder hat auf das cntschie^e"stdagegen protestiert. daß an den Neubauten der Israelitischen Gemeinde — Westend-Synagoge und Philanthropin — an Samstagen und jüdischen Feiertagen gearbeitet wird. Die Versammlung war einstimmig der Ansicht, daß durch die '-Ausführung der Bauten an Samstagen und jüdischen Feiertagen das religiöse Empfinden einer großen Anzahl Gemeindemitglieder aufs tiefste verletzt und die Gesamtinteresfen der Gemeinde nach innen und nach außen aufs schwerste geschädigt werden würden. Sie hat auf die für Israeliten aufgesührten Neubauten wie Waisenanstalt, Suppenanstalt, Bersorguiigshaus, Loge, Kindergarten für Jfrae'iten, Bauten der Israelitischen Religionsschulen im Hermesweg nnd llnterlindau, auf den Bau der Israelitischen Krankenpflegerinnen hingewiesen, auch auf den Bau der Haupt-Synagoge in der Allerheiligei'straße s-lbcr. bei denen sämtlich der Bau an Samstagen und an jüd. Feiertagen ausgesetzt wurde. Die Versammlung spricht daher die bestimmteste Erwartung aus, daß auch bei den bevorstehenden Neubauten an Samstagen und an jüdischen Feiertagen nicht gearbeitet wird und etu aige iewentegeusthende Abmachungen sofort rückgängig gemacht werden." Frankfurt a. M. D.r Verein zur Wah ung der Interessen des gesetzestrenen Judentums in Baden ersucht uns um Abdruck der folgenden Protesterklärung gegen den Oberrat der Israeliten Badens und gegen die Besprechung der Synodalinterpellation vom 18. März:

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