Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 14 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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e?eitf 2 Frankfurter Israelitische- Familienblatt. Nr. 14. tion der allgemein gepredigten Theorie des historischen Materialismus. Sie ist wohl seine gröbste Form. Wir sehr schon die materialistische Denkarr an sich häßlich ist, vermochte sie nun in Rußland eine noch häßlichere Gestall auzunehmen. Hier wurzelt noch jener krasse Matermtismus eiii-.s Büchner und Konsorten, der überall bereits langst überwunden ist. Was Westeuropa ausspüat. sällt aus das Zarenreich. Es gehr ihm wie einer Meinstadt, wohin ja die Moden aus der Großstadt erst dann gelangen, wenn sie da außer Brauch kommen. Dafür aber fristen sie dort ein langes Leben. ... So i st die russische Jugend, die politisch als ideal gellen muß, durch den schroffen Materialismus ästhetisch korrumpiert. Und lewer beherrscht noch immer die starrsinnige Sozialdemokratie den größten Tell der revolutionären Masse in Rußland, während die Sozialistenrevolutionäre gwße Persönlichkeiten in ihrer Mitte zählen und gleichsam eine geistige Elite bilden. Es bedarf wohl nach unserer Darlegung keiner wetteren Auseinandersetzung, wenn wir in der Distanz zwischen Sozialdemokraten mW Sozialistenrevolutwnären auch auf den Puntt Hinweisen möch- ‘■ui: daß die Theorie der Sozialistenrevolutionäre eine individualistische Prägung tragt, während die Sozialdemokraten in ihrer Denkweife allzu phllistriös sind, um für Jndivwuum und Jndiowualttät auch nur den leisesten Sinn zu besitzen. * * * Wir wissen bereits, die jüdische revolu- Näre Jugend in Rußland befindet sich zum größten Tell im Lager der orthodoxen Sozialdemokratie. Die s ozialrevolutionäre Organisation hat, wie gesagt, die kompakte M a s s e der russischen Jugend nicht erobert, noch weniger die der jüd. Jugend. Wohl aber kann sie auf eine Reihe von Persönlichkeiten stolz sein — diese wurden und werden noch aus der jüdischen Intelligenz geliefert. Ja, die eigenüichen Begründer dieser Partei und ihre Wortführer sind Juden. Die sozialrevolutionären Juden sind, well indivwualistisch, auch national gesinnt. Sie bekundeten Verständnis und Interesse für die nattonalen Sttömungen im Judentum. Und wenn sie diese auch oft bekämpften, so geschah es doch meistens in würdiger Weise — im Gegensatz zu der Kampfweise der jüdischen Sozialdemokraten. Daß die jüdischen revolutionären Jünglinge sich dort so sehr um die orthodoxe Sozialdemokratie scharen, ist leicht begreiflich. Sie fühlen sich, ihrer ganzen inneren Struktur nach, zu der Denkweise der streng-marxistischen Schule hingezogen. Die Goluspshche der halbintelligenten Jünglinge, die ihre geistige Nahrung durch Broschürenlektürc bestretten, fühll sich wohl in jener dumpfen Atmosphäre, die von engherzigen Prinzipien und Theorien wimmell. Der starre Ration«- l i s m u s der sozialdemokratischen Orthodoxie ist allzu verwandt mit der in Dogmen eingezwängten Seele unseres Kulturghettos. So sind diese jüdischen Sozialdemokraten a la „Bund", die mit Recht als Verräter an der jüdischen Natton verurtellt werden, doch im Grunde genommen die typisch echten Erben des degenerierten „Büchervolkes", sein streng konservatives Element Sie sinddem Golustreugeblieben. Hätten sie aber auch den in der dogmatischen Hülle verborgenen Keim mitgeerbt! Sie sind konservativ, aber ohne den konservativen Inhalt; Rationalisten, aber ohne die Schönhett der rcttwnalen Religion des jüdischen Ghettos. Ihrer engen „Weltanschauung" fehlt jener Sinn, den sic innerhalb „der vier Wände des Beiß-Hamidrojch" hatten. Sie sind daher nicht einmal ganze Golusjuden. sondern eine potenzierte Entartung in der Entartung. . . . Und es muß gesagt werden: durch die krankhafte Neigung ihrer Goluspshche zu lebensfremden Haarspallereien und finsterem Theoretifieren, zur verschrobenen Kasuisük und kleinmütigen Prinzipienretterei mit all ihren grausamen Konsequenzen — haben die jüdischen Soziaaldemokraten in Rußland die hier ohnedies schon übelriechenden Lehren des krassen historischen Materialismus noch in hohem Maße versudelt. Der Russe ist zu schlicht, zu natürlich, als daß er eine solch' morsche Dialektik erzeugen könnte. . Uiw dir echtrussischen Sozialdemokraten hätten wahrlich Grund genug, ehrliche Antisemiten zu sein. . . . Das kommt wohl noch. * * * Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß diese jüdischen Sozialdemokraten ihren psychologijchen Grund nicht kennen: so objektiv sind sie noch nicht. Aber auch ihre Gegner verstehen sie nicht. Die jüdischen Nationalisten, sagen wir: die Zionisten, bekämpfen die antinationalistische Gesinnung der jüd. Sozialdemokraten, in welcher sie die Ursache jenes verräterischen und selbstverleugnerischen Verhältnisses zum jüdischen Volke erblicken. Dies beruht aber auf einem Irrtum: man vergißt über das Allgemeine das Spezifische. Der Maßstab, welcher an den westeuropäischen und osteuropäischen Assimilationsjuden alten Schlages angelegt wird, darf nicht auf die Assimilationsj u g e n d der jüdischen Sozialdemokratie angewenvet werden. Hier liegt die Wurzel des Uebels viel tiefer: Nicht in der allgemeinen Erscheinung der Assimllationssucht, sondern in dem spezifischen Phänomen der materialistischen Gesinnung. Der krasse Materialismus der jüdischen sozialdemokratischen Jugend in Rußland ist die erste Instanz — ihre assimilatorische Sklaverei ist nur ein Ausfluß ihrer sklavischen „Weltanschauung". Es ist daher verfehlt, wenn man sie wie die gewöhnlichen Assimilationsjuden behandelt; wenn man sie durch Aufrüttelung nationaler Selbsterkenntnis schlechthin znfreien Juden machen will. Nein, man muß tiefer graben: man muß sie zuvörderst zu freienMensch e n machen. Ihre Abnormalität ist in erster Line eine kulturell-ästh etis ch e Degeneration, die als unausbleibliche Begleiterscheinung die nationale Entartung zeitigte. Will man in diesemLager eine nationale Renaissance erzielen, so muß man das ästhetische Niveau dieser jüdischen Halbintelligenz heben. Ihre unheimliche, angewurzelte materialistische Denkart muß vom Grunde aus nmgebildet werden. Sonst erwachsen uns Nationalisten, die ihr Judentum immer wie eine'Sünde auf dem Gewissen tragen, da sie an einer Inkonsequenz leiden — wie wir cs in den letzten Jahren erlebten. Viäe: „Sionisten-Sozial ist en". .(S.-S.) Erst muß der morsche Geist für den Sinn der inneren Freiheit empfänglich gemacht werden. Er muß vom Ballast der aufgeschnappten Phrasen befreit werden. Er muß lernen, frei und schön zu denken. Nur eine logis ch-ästhetis che Revolution, in der das verstümmelte Denken und das von ihm vergewaltigt eEmpfinden dieser rationalistisch angefaulten Jugend genesen soll, wird gleichzeitig auch eine nationale Revolution sein. * Aber diese Jugend ist zu welk und zu tief gebückt, als daß sie noch jemals stolz aufblnhen könnte; diese Jugend ist zu alt und alstersschwach. Sie wird jene Revolution nicht erleben. Sie muß in der Sklaverei aussterben. Es ist nun das alte Schicksal des „Geschlechts der Wüste".- Jüdische Ansiedler und Araber in Palästina. i. Auch Palästina hat seinen großen Dulder — nämlich die arabische Bevölkerung. Woher stammen diese Fellachen, die die uralten jüdischen Dörfer bewohnen, diese Beduinen, die in der Steppe (dem „Midbar" der Bibel) wandern? Wir glauben kaum, daß sie sämtlich aus Arabien gekomnxen sind, denn da sie oftmals kaum die Prinzipien des Islam kennen, so ist nicht anzunehmen, daß sie die Brüder derjenigen Araber sind, die in Arabien und Nordaftika sich befinden. Demjenigen, der die alte Geschichte Erez- Jsraels studiert, stößt ja oft auf eine seit ewig existierende Fellachenbevölkerung; es waren ja diese der Pöbel, der — obwohl von israelitischer Herkunft — sich im Nordreiche den Samaritanern angeschlossen und damit die Zahl der Kutter- Kolonisten vergrößert hat; cs war das „Am- Hoorez", die Landbevölkerung, in den letzten Jahrhunderten vor Christi und noch bis lange nachher, wie man es im Talmud oftmals liest. Und es muß dieses von den Gelehrten gering geschätzte Element sehr unwissend gewesen sein, hat es sich doch schon gleich beim Entstehen des Christentums diesem gern angeschlossen. Als aber Bar-Kochba den letzten Strahl der jüdischen Hoffnung eingebüßt hatte, als später Byzanz grausame Verfolgungen gegen die Juden organisiert hatte, da gingen viele von diesen jüdischen oder jamaritanischen Fellachen zum Christentum über, um später übrigens mit demselben Leichtsinn den Islam anzunehmen. Jedenfalls muß man gestehen, daß ein großer Teil der heute in Palästina ansässigen Araber uralter Abstammung sind. Wer, wie ich, Palästina kreuz und quer bereist hat, kann sich davon überzeugen, daß der arabisch-muselmanische Teil der Bevölkerung in Wirklichkeit aus zwei oder drei Typen besteht; während die einen an die braunen Fellachen Aegyptens erinnern und die anderen echte Beduinen-Typen repräsentieren, gibt es in den von den großen Mittelpunkten entfernten Kreise» einen dritten, hübschen, mittelmeerländijchen Typus, der deutlich an die besten jüdischen Typen erinnert. Solche Typen habe ich beobachtet in Jamnia — dem Jbna des Talmuds — und bis in den Tiefen des Karmels und im Norden. Außerdem kommt es in Palästina häufig vor, daß die alten Orte, welche nur einmal im Buche Josua vorkomme» und fettbem in Vergessenheit geraten sind, sich bei der einheimischen Bevölkerung wiederfinden. So bin ich in der Nähe von Hebron einem Dorf Charchur begegnet. Dieser Name wird nur einmal in Josua genannt. Wie denn hätte er sich aufbewahrcn können, wenn nicht eine lebendige, ununterbrochene Tradition existiert hätte, wenn die einheimische Bevölkerung für eine gewisse Zeit gänzlich verschwunden gewesen wäre? Uebrigens kann man ja mit Sicherheit behaupten, daß dies nie der Fall war, daß vielmehr ein gewisser Teil des alten „Am-Hoorez" sich als arabische Fellachen in Erez- Jsrael behauptet haben. Diesem Volk der Fellachen ist es nicht besser gegangen als den treuen Juden, die, um dem Judentum die Treue zu' bewahren, sich in alle Länder zerstreut haben. Von sämtlichen Eroberern geplündert und unterdrückt, ist der Fellache seit Jahrtausenden ein großer Dulder, der alles duldet und leidet. Er ist aber auch ein großer Schweiger: er schwieg, als die Christen ihn blutig verfolgt haben; er schwieg, als die Kreuzzügler und nachher die Türken ihn ausgebeutet haben; und wenn die Christen sein Vaterland bedrohen, schweigt er, so wie er indifferent bleibt der Rückkehr seiner alten jüdischen Landsleute gegenüber, den Juden Europas, die Palästina wieder besiedeln wollen. Die Wichtigkeit, die diese Rückkehr eines von seinem alten Vaterland vertriebenen, aber fähigen Elementes für ihn hat, hat der Fellache gar nicht begriffen. Der große Schweiger bleibt untätig; er begegnet den Ansiedlern ohne Haß, aber auch ohne Sympathieen. Es sind die christlichen Levantiner gewesen, die — die Konkurrenz der Juden fürchtend und sich in ihrer Eigenschaft als Christen als Herrscherrasse glaubend — der jüdischen Kolonisation mit allen Mitteln zu schaden suchten. Sie benutzten dazu Denunziationen und Verleumdungen jeglicher Art: sie gingen so weit, daß sie sich als die Vertteter des arabischen Volkes ausgaben und im Namen seiner Interessen die Türkei und die öffentliche Meinung aufforderten, die Juden an einer. Palästina-Okkupation , zu. hindern. So hat noch voriges Jahr dtt^apüsmrjttsche-K»ffe-itt