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Neue jüdische Presse · 1907-04-12 · Heft 14 (12.4.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 14 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IlrartKfrrrLer Redaktion Md Hefchäftssst-rr-: Srsnkfurt a. m.. Lleichstraße 2> Lcke vilbelerstraße V-r-f-» 10507. ^erausg-Vep: Sa lg cheis. , r— " ... .—r Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frank» fürt a. M. M. 1.— ftei ins HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— - ■ ■ -j! --— » Insertionspreisr: Die viergespaltene Petitzeile. W Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. - - 5. Jahrgang. Freitag, den 28. Ni88an 5667 (12. April 1867). No. 14. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der soziale Materialismus und Idealismus im russischen und jüdischin Freiheitskampfe. — Jüdische Ansiedler und Araber in Palästina. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ost und West. — Woch en - Kalender. — Familiennachrichten. — Barinizwohs. ' Der soziale Materialismus und Idealismus im russischen und jüdischen Freiheitslampse. Von Jacob b. E l i j a h. Wir behandelten in Nr. 10 und 15 v. I. die sozialistischen Parteien orthodoxer Richtung. Nu» gibt cs in Rußland aber auch manche sozialistisch - revisionistische Strömungen. Sie haben jedoch hier eine ganz andere Farbe, als die in Westeuropa. Man spricht sogar von einer russischen Schule des Sozialismus. Als ihr Schöpfer ist M i ch a j l o w s k y bekannt. Die russische Sozialdemokratie blieb freilich als Partei konservativ, doch der theoretische Sozialismus erhielt eine neue Schattierung. Es wuchs ininier mehr die Zahl der Abtrünnigen voit der Orthodoxie, und es wurde gleichsam eine selbstständige Katheder gegründet. Jahrelang wütete der Kainpf zivijchen den Revisionisten und den Orthodoxen. P l j e ch a - now, der Papst der Orthodoxen, wehrte sich energisch gegen jede Erschütterung der marxistischen Doktrin, besonders in seinen Schriften „Unsere Streitfrage" und „Die Geschichte vom monistischen Standpunkte aus betrachtet", die er mit dein Pseudonym „Beltow" zeichnete. Wie gesagt, bilden die russ. Revisionisten einen -eigenartigen Typus. Dieses Spezifikum teilt mit ihnen eine große sozialistische Partei in Rußland: die Sozial! st en - Revolutionäre. * * Sic sind ein eigentümliches Produkt des russischen Freiheitskampfes. Und ihre Entstehung und Existenz sind charakteristisch für die sozial-politische Individualität Rußlands. Hier hat die revolutionärc Bewegung anders begonnen als überall. Und sie wird auch anders enden. Weil — weil Rußland einen großen Bauernstand besitzt, und wiederum: einen eigenartigen Bauernstand. Das sollte man nie vergessen, >venn man von der russischen Revolution und ihrer Zukunft spricht. Alle Parallelen, die zwischen der Volksbefreiung in Rußland und der in anderen Ländern gezogen werden, beruhen meistens auf Verkennung oder Unterschätzung der sozial-politischen Individualität Rußlands. Und darum hinkt die Tätigkeit der Sozialdemokraten^. hinter den entscheidenden Taten der Soziali-stenrevolutionäre nach. Nicht nur, weil die sozialdemokratische Orthodoxie sich allzu fatalistisch au die „geschichtliche Notwendigkeit" verläßt und keine Auflehnung gegen den Gang der Gechichte duldet; sie übersehen auch den spezifischen Faktor des russischen Freiheitskampfes — die Bauernschaft. Sie haben sich allgemeine Theorien zuainmengezinimcrt, ohne die Spezifikatioir zu beachten. Die Sozialistenrevolutioujire dagegen richten ihre große Anfmerkjainkeit auf dieses politisch und sozial bedeutende Kontingent der russischen Bevölkerung. Darin besteht ihr praktischer Vorzug 'Roch größer ist der theoretische. * Eine Weltanschauung trennt die Sozialistenrevolutionäre von den Sozi a l d e m o k r a t e n. Die Sozialdcmokrateir sind Anbeter des ..historischen Materialismus". Die Geschichte ist ihnen ein Prozeß objektiv notwendiger Entwicklung, gemäß den objektiv gegebenen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen. Der Mensch ist nicht ein Agens der Geschichte, sondern ihr Produkt. Die Geschichte hat ihren Willen, das heißt: Notwendigkeit. Der Mensch ist nur ihr Werkzeug, der Mensch samt seinen Werken. Die Triebfeder der Geschichte liegt im Objekt, in den objektiven Bedingungen. Die Kulturgüter sind nur Produkte der sozial-wirtschaftlichen Verhältnisse. Daher die Opposition gegen den e t h i s ch e n Sozialismus, welcher doch den ethischen Willen als Agens in der Geschichte versteht. Die „historischen Materialisten" bestreiten ganz energisch, daß sie etwa aus ethischen Motiven der sozialistischen Idee huldigen: nicht, weil sie es wollen, nicht,!veil es ein ethisches Postulat sei: sondern, weil es eine objektive historische Notwendigkeit ist. So verleumden sie sich selbst, so verlenmden sie ihr erhabenes Ideal. Diese Verleumdung der menschlichen Würde führte zur Nivellierung alles Großen und Erhabenen. Es bildete sich nun jene dumpfe Atmosphäre, in der keine ästhetische Seele atmen kann. Kein Verständnis für die Schöpsungskraft des Menschen, kein Sinn für die Größe und Macht der Seele. Sie, die. historischen Materialisten, sie verstehen die Großen der Geschichte nicht — und wollen die Geschichte verstehen: diese sind ihnen nur Produkte der Zeit und des Ortes. Sie wissen nichts von der Majestät des Menschen, sie wissen nichts von seinem Reichtum. Und sie empfinden nicht jene Freiheit, die in der Geschichte schafft und zerstört' die den Gang der Geschichte mit Revolution durchkreuzt. Daher kennen sie keine Ehrfurcht vor dem Gott im Menschen — wohl aber F u r ch t. . - Sie brüsten sich, sie hätten mit den Geheimnissen der Geschichte aufgeräumt; sie sehen nicht, daß sie sie nur geflohen haben — aus Angst, ans Angst vor dem Großen,.Erhabenen, Problemhaften. . . . Und sie fühlen sich wohl im N i e d e r n. Keine Konflikte, keine Rätsel. In der Ebene liegt ihre Welt, sie brauchen keine Berge zu besteigen. Alles ist ihnen klar, einfach — „auf der Hand". Klein ist. ihre Welt, sie brauchen micht die Augen anzustrengen. So laben sie sich an ihrer würdelos-anspruchslosen, primitiven „Weltanschauung". Es ist eine seelische Veranlagung, die der historische Materialismus — wie der Materialismus überhaupt — zum 'Ausdruck bringt. Seine Existenz ist daher gesichert: da er dem geistigen 'Niveau einer gewissen — und zwar einer bedeickenden — Menjchenkategorie entspricht. Es ist nämlich die ästhetisch minderwertige Menjchennatur, die für ihn empfänglich ist. Ihr Ehrgefühl ist arm, armselig ihre Bedürfnisse — cs befriedigt sie diese engherzige „Weltanschauung", in welcher der Mensch und die Welt so häßlich ausjchen. Philister! — was wissen die von den großen Revolutionen, die der Wille des Menjchen hervorbrachtc. — Arm ist ihre Welt, arm und häßlich. Und jie jubeln gar? Bescheiden-ehrlos ist ihre Denkart vom Menschen. Und sie beneiden gar nicht die Reicheren und Schöneren. ... I a, d e r M e n s ch h a t d i e W a h r h e i t, d i e er verdient. Und Weltanschauung bedeutet ein Verhältnis des Menschen zur Welt. Was für ein Verhältnis man zur Welt habe, hängt davon ab, w a s f ü r e i n M e n s ch m a n i st. * So die orthodoxen „historischen Materialisten" der Sozialdemokratie. Die Sozialistenrevol u t i o n ä r e nun bilden im sozialistischen Lager die Opposition gegen diese satalistisch-materiatistische Auffassung des Menschen und seiner Geschichte. Sie sind Idealisten, sie verstehen den Willen des Menschen zu würdigen, sie sind Männer von starkem Wollen und daher — M änncr der T a t. Sie glauben an die Kraft des Menschen und fürchten sich nicht, in den „Gang der Ereignisse" einziigreifcn. Sie haben jo jene Taten vollbracht, die im russischen Freiheitskamps immer den Ausschlag gaben. Während die Sozialdemokraten durch ihre „Weltanschauung" zur Untätigkeit verurteilt sind — jede ihrer politischen Handlungen ist eine Jnkoiisequenz und somit ein Vergehen gegen ihre Theorie von der Unmöglichkeit eines revolutionären Eingreifens in den Prozeß der Geschichte — sind die Sozialislenrcvolutiouüreir die wahren Träger der revolutionären Aktionen. Sic eben führten jene Momente herbei, die im russischen Freiheilskamps die Wendepunkte bilden. Die Sozialdemokratie hinkt nur hinter diesen Aktionen nach. Tic Sozialistenrevolutionäre treten als wollende Wesen an die Geschichte heran: sie wollen und handeln; die Sozialdemokraten aber warten auf die „geschichtliche Notwendigkeit" und können daher ihrer Tätigkeit, die, wie sie sagen, ihre Existenzberechtigung in ihrer Koordination mit der geschichtlichen Notwendigkeit hat, nur den Wert der Beschleunigung des historischen Prozesses der Sozialisierung beimessen, da ja der Mensch Sklave der Verhältnisse fei. So sklavisch denken sie vom Menschen und der Welt. — — — Wir sehen, die russische orthodoxe Sozialdemokratie. bildet in ihrer' Lehre eine Spezifika-

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