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Neue jüdische Presse · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 13. tfröRffirdies JsmeMscheA FamilienSlaü. Seite 11. Zum Schlüsse des sehr gediegenen Vortrages folgte eine ehrfurchtsvolle, aber entschiedene Polemik gegen die von Herrn Prof. Hermann Cohen, Marburg, in seinem neuesten Werke „Religion und Sittlichkeit, eine Betrachtung zur Grundlegung der Religionsphilosophie" ausgesprochene Ansicht, daß die im wesentlichen Kantsche Auffassung von der Gottesidee, die dahin geht, daß Gott aus der Ethik abgeleitet werden müsse, schon bei den Propheten und jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters zu finden sei. Diese Behauptung ivird vom Redner als nicht den Tatsachen entsprechend, als Dcutekunst charakterisiert. Der zweite Vortrag: Religivnsphilvsoft h i s ch e Probleme, der Gvttesbegriff und Weltschöpfung, Willensfreiheit und Lohn und Strafe behandeln wird, findet am Montag, 8. April, abends 8 Uhr in der Loge-Adler statt. Eintrittskarten sind in den hebräischen Buchhandlungen zu haben. Rumänien. Rustschuk, 85. März nachm. Telegramnic ans Rnmänien unterliegen der Zensur. — Die Reservisten fraternisieren mit der a u f r ü h r c r i s ch c n B e v ö l k e r u ii g. Neue Ber - w ü st n n g e n haben in Alexandria, B a c e st i, R e g r e st i und Ponge st i stattgesnnden. Bukarest» 28. März. Die Größe des Unglücks, von denr wir heinigesncht wurden, läßt sich im Augenblick schon darum nicht ermessen, weil die Ruhe in der Moldau noch lange nicht hcrgestellt ist, und weil zu besürchten ist, daß die Bauern der Walachai sich auch erheben. Im Distrikt Buzen kamen schon einige Exzesse vor, freilich nicht gegen Juden, weil es in walachaischcn Dörfer» nur ausnahmsweise Juden gibt. Außer Podul-Jloaie. haben noch gelitten: Tirgul-Frumos, in der Nähe von Jassy, Bo - t u s ch a n i, Sulita , Bucecea, Lespezi, R o z n o v, Buhns i. Sehr bedroht sind D o r o - h a i und Piatra im Distrikt Neamz. Hoffentlich gelingt es, die letzten zwei Städte, die ansehnliche jüdische Gemeinden bilden, vor dem Ansturm der Bauern zu schützen. Es läßt sich vorderhand gar nicht bestimmten, wie groß die Anzahl der Opfer ist. In B o t u s ch a n i allein, das etwa 25 000 jüdische Seelen zählt, dürften an die 1000 Juden um ihr Hab und Gut gekommen sein. Aus den Zeitungen läßt sich auch nicht annähernd die Zahl 1>er Verunglückten fcststellen. Ein Punkt muß hcrvorgehobcn werden: Tote gibts fast nicht, Verwundete nur in geringer Zahl. Wollte mau sich 'ein genaues Bild verschaffen, so müßte man alle oben genannten Ortschaften persönlich besuchen. Das tun jetzt drei Vertreter der jüdischen Organisationen, darunter der Abgesandte des „Hilfsverreins der Deutschen Juden". lieber die Gründe des Bauernaufstandes möchte ich kurz erwähnen, daß, die u d e n daran keine Schuld tragen. Die Schuld' liegt in der Verw altn ng und Politik. Es wird allseitig anerkannt, daß die Verwaltung im Allgemeinen eine abscheuliche ist, und daß darunter ganz besonders der Bauer, der vonr Pcimar, vom Sub-Präfekten, vom Notar und sogar von seinem religiösen Haupt, dem Popen, ansgebeutet wird, leidet. Der frühere Minister für Kultus und Unterricht, Spiro Haret, hat den Lehrern aufgetragen, an den Winterabenden die Bauern und Bäuerinnen im Schulhause zu versammeln und ihnen populäre Vorträge zu halten. Diese Zusammenkünfte wurden mißbraucht, den Judenhaß systematisch zu verbreiten. Es soll vorgekommen sein, daß auch der Schule fern stehende Personen, Antisemiten und gewissenlose Personen aus der Stadt, sich in diese Versammlungen einschlichcn und den Haß gegen die Juden, die allein an der tatsächlich schrecklichen Lage der Bauern die Schuld hätten, nährten und verbreiteten. Zum Beweise, daß dem nicht so sei, erwähne ich die Worte, 1 die der Pope Parthenie in einer gestern abgehaltcncn öffentlichen Versammlung vor orthodoxen Geistlichen und Lehrern gesprochen hat: „Die gegen die Juden verübten Exzesse sind sehr bedauerlich. Der Bauer ist kein Antisemit, unser Bauer hat das Sprichwort: Ohne Juden vermögen wir gar nichts zu tun." — Es war vorausznsehen, obschon Niemand den Moment angeben konnte, wenn dies geschehen werde, daß diese Saat ihre Früchte tragen müßte, daß sich die Bauern gegen ihre Ausbeuter und Unterdrücker empören werden; aber die Aegierungskreise meinten, daß die Juden allein zum Opfer fallen werden. Heute ist es aber ein Agraraufstand, der auch das Leben und Vermögen der Rumänen bedroht. Personalien. Berlin. Dem ordentl. Honorarvrokessor in der medizinischen Fakultät der Universität Berlin. Geh. Mcbizinalrat Dr. Hermann Senator wurde der Kronenorden 2. Klasse verliehen. Königsberg. Dr. med. I. Rosen stock, von 1891—98 Stadtverordnetenvorsteher, ist im Allier von 81 Jahren g c st o r b e n. Gelsenkirchen. S a l l y H a a s e. Stadtverordneter und Vorstandsmitglied der israel. Gemeinde, ist rm Alter von 60 Jahren gestorben. Litochowitz (Böhmen). Ignaz Bloch. Vorst-Her der israel. Kultusgemeinde, des israel. Krankenpflege- Vereins und der israel. Beerdigungs-Bruderschaft, verschied iin 61. Lebensjahre. Prag. Am 21. ds M>s. verstarb Frau Katharina B u s ch Ww., eine Tochter des ehemaligen ersten Oberrabbiners von Prag Dr. Salomon Jehuda Rapoport, im Alter von 87 Jahren. —. Ein braver Mann ist gestorben: Herr Gottlieb Sch melkes, der Besitzer der Buchdrnckerei gleichen Namens und Gründer des Deutschen Abendblatts. Mit aufrichtiger Teilnahme wird man die Traucrnachricht von seinem Tode vernehmen. Er gehörte einer alten Prager Fainilie an und war in ganz Prag eine populäre Erscheinung. 'Als Großalmosenier der isr. KultuSgemeinde hat er Einblick in die materiellen Verhältnisse vieler Familien gewonnen, und er versah sein Amt mit so groß.m Pflichteifer, solcher Herzensgüte und solchem Takt, daß sein Tod in erster Reihe von den Armen als ein schwerer Verlust empfunden werden wird. Aber auch sonst hat Göttlich Schmelkcs, auf dem Gebiete der Verwaltung wie des humanitären und geineinnützigen Wirkens Ersprießliches geleistet. So gehörte er seit 1881 der Kultusgemeindc- Repräsentanz, seit 1870 dem Vorstände des Nächstenliebe-Vereins, seit 1877 dem Verein für geregelten Gottesdienst der Israeliten in Prag als Vorstandsmitglied und Beirat und seit 1899 dem Komitee der Babette von Lämelschcn Versorgungsanstalt an. Prag. Dem Hopfengioßhändler Julius S onnensch ein wurde das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. Amsterdam. Maurits Goidschmidtlon, gleich ausgezeichnet durch jüdische wie durch allgemeine Bildung, eines der geachtesteu Mitglieder der jüd. Gemeinde, ist g e st o r b e n. Paris. Der Altmeister der Orientalisten. Prof. Josef H a l ö v y erhielt in Anerkennung seiner Leistungen auf den Gebieten der Philologie und der orientalischen Sprachen von der Akademie 8000 F r. Haler»), 1827 in Adrianopel geboren, besuchte 1868 Abessyuicn und durchforschte dann im Austrage der Akademie 1869—70 Peinen nach hebräischen Inschriften, deren er 683 heimbrachte. Halevy hat eine ganze Reihe wissenschaftlicher Bücher verfaßt. Er ist ein eifriger Zionist. Paris. Finanzinspektor Oelmont ist zum Generaldirektor der Staatsmannfakt n r ernannt worden. Petersburg. Bon der „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Inden in Rußland" wurde znni ersten Make die W. Landau-Prämie (400 Rubel) vergeben, und zwar an I. Hessen für sein Werk: „Die Juden in Rußland". Aus den Vereinen. Frankfurt a. L. Im Historischen Verein hielt Rabbiner Dr. Bergmann Bortrag über die Geschichte der jüdischen Gemeinde Frankfurt a. O. Dem interessanten Vortrage lagen die im Stadtarchiv befindlichen Urkunden zugrunde. Hiernach übercignete schon 1399 der Rat den jüdischen Bürgern den Begräbnisplatz an der Crossener Chaussee, aber schon vor 1253 war eine jüdische Gemeinde vorhanden, die in der Dammvorstadt einen Begräbnisplatz besaß, der ihr von der begüterten Familie Hokemann abgetreten worden war. Das erste jüdische Gotteshaus stand auf dem Platze der späteren Universität. Die ältesten Grabsteine auf dem jetzigen jüdischen Friedhofe zeigen hebräische Schrift, erst mit dem Ende des 18. Jahrhunderts treten deutsche Inschriften auf. Nachdem die wechselnden Schicksale der Juden im 16. und 17. Jahrhundert geschildert worden waren, fand die Fainilie Herz Bär Erwähnung, die 1759 und 1760 zur Zeit der russischeir Invasion echten patriotischen Sinn bewies und deren Mkömmling der Komponist Meyerbeer war. Der Vortragende schloß mit einer eingehenden Schilderung der Bedeutung der jüdischen Familien in der Blütezeit der Frankfurter Messen. Frankfurt a. M. Gegenwärtig werten die Gemüter der Mitglieder der israelit. Gemeinde lebhaft bewegt durch die Nachricht, daß man beabsichtigt, bei den geplanten Neubauten der Genieinde, Synagoge und Schule, auch a m Samstag zu bauen. Zn einer Aussprache über diesen Gegenstand und zur Stellungnahme dazu ladet nunmehr der Zentralverein israel. G c m e i n de m i t g l i e d e r die Mitglieder der Gemeinde zu einer öffentlichen Bersaminlung ein, welche am Dienstag, 9. April, abends VL-9 lihr im Saale des Kaufmännischen Vereins stattfindet. Das einleitende Referat hat Herr Dr. med. W. Hanauer übernominen. Berlin, ltz. März. Heute ist hier ein Zangwill-Klub gegründet worden. Herr Dr. Emil S i m o n s o h n ist Vorsitzender. Herr Arthur Brünn, Berlin NW 23, Cuxhavenerstraße 17, bekleidet das Amt des Schriftführers und nimmt Neuanmeldungen entgegen. Aus -er Lehrerwelt. Berlin. Das Kuratorium der Wittwen-"und Waisenkasse der Rabbiner Deutschlands hielt eine Sitzung ab zur Erledigung der ersten Aufnahmegesuche. 15 Gesuch« lagen Bereits bor und wurden bewilligt. Höchst erfreulich war die Tatsache, daß für die meisten Gesuchsteller ihre Gemeinden die Hälfte der Jahresbeiträge übernommen hatten. Haigerloch, ix. März, Heute wurde dahier der Herr Lehrer >L> p e y e r zu Grabe getragen. Am Tage seines Todes wurde ihm vom Bürgermeister seine Pensionierung ins Haus getragen, aber seine welke Hand konnte das Schriftstück schon nicht mehr unterschreiben. Tags darauf kam der Kreisschulinspektor von Hechingen angefahren, um ihn mit einem Orden zu dekorieren. Sein Vorgesetzter stand vor einer Leiche und mußte unverrichteter Sache aus dem Hanse des Todes scheiden. Düsseldorf. Dr. Horowitz. der frühere, Rabbiner von Krefeld, beging seinen 70. Geburtstag. Lemberg. In der Sitzung vom 16 d. M. hat der g a l i z i s ch e Landtag nach Anhörung des Referates von Professor Dr. Jäworski nachstehende Resolution angenomnien: „Dem LandesauSschusse wird aufgetragen, sich mit dem k. k. Unterrichtsministerium und den Kultus- Vorständen von Krakau und Lemberg wegen Schaffung einer israelitisch-theologischen Lehranstalt in Lemberg anläßlich des Kaiser-Jubiläums ins Einvernehmen zu setzen und in der Herbstsession des Landtags darüber Bericht zu erstatten:" Dieser Gegenstand hat bereits den llnterrichtsausschnß des Landtages beschäftigt. Auf Grund der Beratungen desselben wurde der Ausschußbericht verfaßt, dessen wichtigste Stellen lauten: „Die Knltusvorstände in Krakau und Lemberg erwarten vonr LandesauSschusse die Einleitung von Schritte», welche de» Gedanken der Gründung einer eigenen israelitisch-theologischen ''Anstalt in Lemberg verwirklichen würde». Denn die WienerZentralanstalt entspricht nicht den Bedürfnissen des Landes. Nur eine Landcsanftalt vernrag jüdische Religionslehrer heranzubilden, die polnisch s p r e ch e n und sichalsSöhnedesLandes fühlen würden. Deshalb empfiehlt der UnterrichtsanSschriß die Petionen der Kultusvorstände von Lemberg und Krakau, ohne jedoch bezüglich einer Subvention eine Entscheidung zu treffen, da diese Frage noch verfrüht ist." Amsterdam. Die bieflge Niederländische Hauvtsynagoge sucht einen „Oberkantor"; Meldungen bis 19. April an: Secretarie der Hoofdsynagoge. In R o t t e r d a m verschied der seit denr 1. Jan. pensionierte Oberkantor E. S ch ö n b e r g im 62. Lebensjahre. Cardiff (England). Dr. I. M. Salkind» London ist zum Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt worden. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Das Große Aktionskomitee wird aus den 5. Wlai nad} Köln einberufen. Hauptgegenstand seiner Beratung wird der wahrscheinlich im A n g u st stattfindende 8. Kongreß sein. Die Direktorien des „Jewish Colonial Trust", der „Anglo Pälestine Company" und des „Jüd. Nationalsonds" werden gleichzeitig tagen. Frankfurt a. M. Der Geschäftsbericht der „Jewish Colonial Trust" (Jüd. Kolonialbank) für das Jahr 1906 ist befriedigend, denn er verzeichnet einen Reingewinn von Lstr. 7347 bei einem Aktienkapital von Lstr. 252,877. Nach tlebertragung von Lstr. 600 auf Reserve für Dubiose und Hinzuziehung des Vortrages aus dem Jahre 1905 von Lstr. 2018 stehen Lstr. 8765 zur Dividendenverteilnng zur Verfügung. Das Direktorium wird der Generalversammlung, die zur Zeit des 8. Kongresses stattfinden wird, die Erklärung einer Dividende von 8 ck per ''Aktie von Lstr. 1 ^gleich 31/30/0) Vorschlägen. Wilna. Das Zentral-Komitee der zion. Organisationfür Rußland hat ein Zirkular veröffentlicht, in dem'es die Lehren aus der Duma- Wahl zieht. In diesem Zirkular heißt es: „Nach alle dem, was wir ausgeführt haben, gelangen wir zu den folgenden zwei Resultaten: 1) Wir sind nicht Herren über unser Geschick! Das ist die natürliche Folge unsrer Lage als Volksminderheit ohne eigenes Land. 2) Die ganze Geschichte der Wahlen, die ganze Energie, die so unfruchtbar verschwendet wurde, beweist, wie wichtig die Forderung des proportivnellen Wahlrechtes ist; denn nur dieses garantiert uns eine bestimmte Zahl von Wgeordneten für die Duma und befreit uns außerdem von den verschiedenen Blocks, die uns nötigen, Freunde zu suchen und uns damit auch Feinde einkausen. Ohne das proportionclle System werden die Wahlen ein neuer Quell für die 'Ausbreitung und Stärkung des Antisemitismus werden." Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Schon öfters war es mir beim Durchkesen von Rechenschaftsberichten wohltätiger Vereine ausgefallen, daß eine verhältnismäßig gvoße Summe für Gehälter, Porti rc. verwendet wird.

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