Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. modernen, verwickelten und verworrenen kapitalistischen Gesellschaft zu finden ist. Man würde sagen: Allerdings, aber zur Zeit jener kleinbürgerlichen Staaten war noch die 'Vernunft, welche die sozialen Verhältnisse durchtauen könnte, gänzlich unentwickelt. Gebe man aber dies zu, so müsse man die Religion aus der menschlichen Unvernünftigkeit — wie es die Rationalisten aller Schattierungen taten — nicht aber aus den sozialen Verhältnissen — wie Marx es forderte — ableiten. Wollte man aber auch von dein äußerst komplizierten Charakter der Religion abjehen und mit Ludwig Feuerbach das Wesen aller Religionen einzig und allein in der „Verdoppelung der Welt in eine religiöse, vorgestcllte, und eine wirkliche Welt" finden, so ist es doch leicht einzusehen, daß selbst, um sich zu dieser Abstraktion erheben zu können, eine weit entwickelte Vernunft erforderlich ist, keineswegs von bloßer Unvernünftigkeit die Rede sein darf. Das wußte auch Marx, und daher suchte er die verborgenen Leitfaden, welche zum Gedanken von der Wellverdoppelung führen, in „der Selbstzerrissenheit und dem Sichselbst-Widersprechen" der welllichen Grundlage aller Religionen. Und dann noch eins. Die kapitalistische Gesellschaftsordnung ist oft als die Herrschaft der Notwendigkeit definiert worden, eine Definition, die ganz besonders für die erste Phase der kapitalistischen Entwicklung zutrisst, da jene eben die Zell ist, wo die wirtschaftlichen Gesetze mll der Strenge von Naturgesetzen und auch gänzlich unkontrollierbar wirken. Die Herrschaft der Notwendigkeit im sozialen Organismus hat zweifelsohne dazu beigetragen, den Gedanken von der Autokratie der blind waltenden Kausalität im Universum große Verbreitung zu verschaffen. Schon, auf der Schwelle der Neuzeit haben die Begründer der bürgerlichen Religionen, die Väter der Reformation, den Fatalismus und die?lufhebnng der Willensfreiheit verkünoigt. Dann kamen die Schöpfer der großen metaphysischen Systeme im 17. mit ihren Epigonen in den folgenden zwei Jahrhunderten und begründeten — wenigstens für eine gewisse Zeit — die Alleinherrschaft der mechanischen Weltanschauung. Jetzt steht die Sache anders. Die Herrschaft der Freiheit ist noch bei weitem nicht eingetrcten. Noch hat der neuzellliche Mensch die gewaltige Entwicklung der herrschenden Produktionsform zu bewältigen nicht gelernt. Noch hat sich der Arbeller von der Gewalt der Maschine und des . Kapitals nicht befteit. Aber schon zeigen sich die Anfänge einer bessern Zukunft, wo der Mensch nicht mehr Knecht der von ihm hervorgerufenen Mächte und denselben eine planmäßige und zielbewußte Richtung zu geben im Stande sein wird. Parallel mü dieser Entwickelung regt sich immer lebendiger und kräftiger der teleologische Gedanke. Er dringt allmählich tiefer in die Wissenschaft hinein, und zwar nicht nur in die Erforschung der sozialen Phänomene allein, sondern der ganzen organischen Welt überhaupt. Es ftagt sich also, ob wir nicht einem neuen Abschnitt in der Menschengcschichtc entgegen steuern, wo der einheitlichen sozialen Ordnung eine nicht nur monistische, sondern monotheistische Weltanschauung entsprechen wird, wo das Wort des Poeten: „Das Ende der Tat war im Gedanken am Anfang" als maßgebend für die „soziale Praxis" wie für den Wellprozeß bettachtet werden wird. Die Entscheidung gehört der Zufimst. Die jüdische (Gemeinschaft und der Einzelne. Bon Dr. Benno Fischer. (Schluß. Das Judentum ist eine Gemeinschaft, deren Glied ein jeder Jude ist. Betrachten wir diese Gemeinschaft als eine moralische oder als eine materielle Gemeinschaft, oder — richtiger — als beides, in jedem Falle entwickell sich zwischen der jüdischen Gesamtheit und dem jüdischen Jndi- Franksurter Israelitische» Familienblatt. viduum ein bestimmtes Verhältnis. Dieses Verhältnis wollen wir beleuchten. Nehmen wir das Judentum als eine m oral i s ch e Gemeinschaft und sehen wir, wie das Verhältnis zwischen Individuum und Gesamtheit sich herausbildet. Ist der Zweck des menschlichen Lebens: die Realisierung der Sittlichkeit, dann kann der zur Sittlichkeit berufene Mensch nur in einer Gemeinschaft leben. Denn sittlich sein, heißt nach der Ethik: Glied einer Gemeinschaft sein. Der isolierte, außerhalb einer Gemeinschaft lebende Mensch kann nie sittlich genannt werden. Wir Menschen sind einmal, wie im ivirtschaftlichen Leben, so auch in der Erfüllung unseres menschlichen Berufes aus einander angewiesen. Auch in der Natur ist kein Wesen ganz ohne Zusammenhang mit dem Ganzen denkbar. Znm Leben und Gedeihen des Baumes ist ein entsprechender Boden, Tau und Regen, Luft und Sonnenschein nötig. So ist das auch in der sittlichen Welt. Darum ist die jüdische Ethik, wie eine jede wahre Ethik, Sozialethik. Und eben die Ethik ist das Gebiet, auf welchem die sozialistischen Prinzipien in den Vordergrund treten in Gegensatz zu den individualistischen Prinzipien. Die wahre Ethik wlll das Gedeihen der Gesamtheit, sie gibt dem Einzelnen kein Vorrecht, das Geschick des anderen zum Mittel seines Glückes zu machen. Die individualistische Ethik mag einzelne hervorragende Gestalten erziehen, aber die Sozialethik umfaßt die Gesamtheit, sie will das ethische Ideal verwirklichen. Der soziale Charakter der jüdischen Ethik offenbart sich am deutlichsten darin, daß das höchste sittliche Ziel, das ethische Ideal: die Heiligkeit, die Keduscha, nach der Mischen Anschauung nur in der Gesamtheit und durch die Gesamtheit verwirklicht werden kann. Nur die Gesamthell, das Volk wird in unserem heil. Schrifttum als „heilig" bezeichnet, nur aus der Vereinigung und Zusammenschließung der moralischen Kräfte aller Individuen (kedaüschim tihju) erwächst des Volkes Heiligkeit (am kodausch). Und in der Tat ist das ganze Judentum von der Idee der Gemeinschaft durchdrungen. Sein Religionsgesetz, sein Kultus, seine Institutionen sind auf die Idee der Gemeinschaft gegründet. Wollten wir das Judenttnn von seiner charakteristischsten Seite kennzeichnen, so könnten wir das nicht besser tun, als indem wir seinen sozialen Charakter hervorheben. Das Judentum ist nichts anderes als eine sozial-ethische Gesetzgebung. Und gerade dieser soziale Zug des jüdischen Gesetzes hat jenes Gemeinschaftsgefühl und -Bewußtsein, jene geistige Einheit geschaffen, entsacht und wach-- gehalten, ohne welches das jüdische Volk in seiner Zerstreuung eine Beute der Vernichtung geworden wäre. Dieser soziale Charakter der jüdischen Ethik hat aber die individuellen Gefühle nicht gänzlich unbeachtet gelassen. Hier erkennen wir die ausgleichende Tendenz der jüdischen Ethik, mll der sie, die individualistischen und sozialistischen Richtungen miteinander vereinend, die beiden miteinander versöhnt. Während die G r u n d z ü g e des jüd. Gesetzes sozialer Natur sind, haben die'Teile desselben einen individualistischen Charakter. Die einzelnen ethischen Gebote wollen das sittliche Niveau des Individuums heben, seine moralische Kraft zur Entfaltung bringen. Denn auf je höherer Stufe der Einzelne seine sittlichen Fähigkeiten zu entwickeln vermag, um so höher steigt das sittliche Niveau, um so mehr wächst der moralische Wert der Gesamtheit. So besteht in der jüdischen Weltanschauung eine vollständige Harmonie zwischen dem individuellen sittlichen Bestreben des Einzelnen und den sittlichen Aufgaben der Gesamtheit, denn die sittliche Entfaltung des Individuums selbst dient ja den großen Interessen der Gesamtheit. * Die sittliche Entwicklung der Gesamtheit ist — wie schon erwähnt — nur durch das Zusammenwirken aller Individuen erreichbar; darum _Nr. 13. will die Sozialethik des Judentums jeden Einzelne,r dazu erziehen, daß er in dieser großen und hclligen Arbeit nach seinen Kräften teilnehmen könne. Diese soziale Erziehung ist im Judentum, mit Rücksicht auf die Förderung der sittlichen Interessen und Aufgaben der Gesamtheit, sehr wichtig. Denn die Gemeinschaft des Judentums legt große Pflichten auf den Einzelnen der Gesamtheit gegenüber. Jedes zur Sittlichkeit berufene jüdische Individuum — und das ist jedes Glied der jüdischen Gesamtheit — ist für die Gesamtheit verantwortlich, verantwortlich für die Realisierung des sittlichen Ideals in der Gesamtheit. Diese moralische Verantwortlichkeit ist in jenem talmudischcn Prinzip ausgesprochen, wonach: Kol Jisroel arewim se böse „Jeder Jude ist B ü r g c - f ü r den Andere n". Kraft dieses Grundsatzes der moralischen Verantwortlichkeit, ist die Pflicht eines jeden Juden: die idealen, kulturellen, sittlichen Interessender Gesamtheit zu fördern, alle jene Institutionen, welche die geistige und moralische Höherstellung der Gesanitheit oder eines Teiles derselben bezweckt, zu unterstützen und die Gründung von neuen zu veranlassen. — Wir gehören allesamt der jüdischen Gemeinschaft an, und wir können unser, s ittliches Lebensziel nur innerhalb der Grenzen dieser Gemeinschaft erreichen! Aus alXex Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Am Donnerstag, den 21. ds. begann Herr Schriftsteller S. Berlowitz in der Loge-Adler seinen Vortragszyklus über jüdische Religionsphilosophie. Wir entnehmen dem ersten Vortrage „Glauben und Wissen" folgendes: . Der reine, unerschütterliche Gottesglaube im Judentum ist nur auf dem Wege des Wissens und Forschens, durch den tiefen Einblick in die Schöpfung und ihre für die menschliche Fassungskraft unerklärlichen Gesetze und Vorgänge durch „das ewige Tasten an Problemen" entstanden. Schon der erste Gotteserkcnner, Abraham, schloß von „der Schöpsung auf ihren Schöpfer". Nach vielem Denken und Suchen kam unser Urvater zu der Ueberzengnng, daß das große, wundervoll konstruierte und geleitete Weltall nicht das Werk der kleinen Götzenbilder seines Vaters Therach 'sein könnte; und er zertrümmerte sie allesamt. Die Idee der Gotteserkenntnis entwickelte sich immer weiter fort im Judentum, bis sie in dem großartigen Grundsatz gipfelte: „Weda cth elokei owicho ir'owdehn (erkenne zuerst den Gott deiner Väter, und dann diene ihm)!" Diese Ansicht tritt in der talmudischen Literatur sehr häufig und deutlich hervor. Wie weit im Judentume „Glauben und Wissen" verbunden sind und sich eins ans das andere aufbaut, beweist uns der Umstand, daß die größten Männer des Talmuds zugleich als hervorragende Naturkenner und -forscher, die in „Maasse bereschith" und dadurch auch in „Maasse mercowo" bewandert sind, dargestellt worden. Aber schon in der Bibel finden sich Beweise dafür, daß im Judentum das Denken nicht verpönt ist. So fand das Buch „Koheleth" Aufnahme unter die Helligen Schriften, trotzdem seine pessimistischen Ansichten mit dem Wesen des Judentums im Widerspruch stehen. Im Buche Hiob sehen wir wiederum, daß der göttliche Tadel nicht den murrenden Hiob trifft, der glaubt, unschuldig und darum ungerecht zu leiden, sondern seine Freunde, die meinten, die Vorsehungen mit Scheingründen verteidigen zu müssen. Eine bestimmtere Form nahm die jüdische Religionsphilosophie an, als sie mit den übrigen Weltauffassungen in Berührung kam, insbesondere mit der griechischen Philosophie, wie es auch außer Zweifel ist, daß die griechischen Philosophen von der jüdischen Gottesidee stark beeinflußt worden sind. Durch den Gedankenaustausch zwischen der aristo-platonischen Schule und der philo-alexandrinischen wurden neue Werte geschaffen. Hierbei gibt uns Herr Redner eine originelle Darstellung von der Theorie Philos, ..der den Dualismus in der griechischen Philosophie durch seine „Logoslehre" zu lösen suchte. Die Logoslehre wurde später zum Grundpfeiler der christlichen Kirchenlehre, natürlich, ohne daß er daran im wesentlichen mehr Schuld hätte als die Propheten, deren Worte zu demselben Zwecke benutzt wurden. Ein geistiger Erbe Philos in der Herstellung der Beziehungen zwischen der jüdischen und griechischen Philosophie war nach mehreren Jahrhunderten Maimonides, der unvergleichlich größere Kenntnisse in der jüdischen Religionslehre besaß. Der letztere stand ganz und gar im Judentum, während dem ersteren, wie Redner hervorhebt, das Judentum fast fremd war.