Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 13 des Frankfmler Israelitischen FmmlieMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Alte und neue Juden, von Dr. F. Fränkrl lBern). — Die jüdische Gemeinschast und der Einzelne von Dr. Benno Fischer. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Sprechsaal. — „Jüdische I u g e n d." Alte und neue Juden. Ein Kapitel aus der jüd. Soziologie. Von Dr. F. Frankel (Bern). 3. M a r x über die Iudcugeschi ch t e. (Schluß). Es lväre aber gründlich falsch, zu meinen, das; die gesamte Judcnheit ans lauter Kommerziellen bestünde oder bestehe. Verschiedene Elemente ivaren in derselben tätig; vor allem Händler, Unternehmer, Handwerker, Arbeiter und Gelehrte. Ten Verschiedenheiten der materiellen Interessen entsprachen die Verschiedenheiten der geistigen Richtungen, die sich fast zu allen Zeiten innerhalb der Jndenheit einander heftig bekämpften. Gewiß ist es, daß die Juden die ersten Vertreter der rationalistischen Weltanschauung in Europa waren. Nietzsches Ansicht geht sogar dahin, daß die Germanen, was sic an Rationellem besitzen, den Inden zu verdanken haben. Ebenso waren sie große Anhänger des Freihandels, >vas sie früher durch die — vielleicht auch etwas zu große Teilnahme am Schleichhandel bezeugten, dann aber durch das Hervorbringen eines der größten Theoretiker der bürgerlich-liberalen Nationalökonomie, Rikardo nämlich. Dann sind die Inden — wie es nach Buckle und Spencer einem industriellen Volke geziemt — die Gegner des Krieges und als solche gaben sie dem „eisernen Kanzler" Deutschlands Anlaß, sich zu beklagen, daß die Inden und die Frauen den Krieg bekämpfen. Aber ebenso >vie in jeder anderen bürgerlichen Gesellschaft fehlte es auch innerhalb der Jndenheit keineswegs an sozialistischen und kommnnistischen Tendenzen. Schon die Talmudisten sprachen von der Mißachtung der Israeliten zum Privateigcntunr. Sv tvar es Rabbi Juda ibn Tibbon gewesen, der — wie Gustav KarpeleS bemerkte — schon im 12. Jahrhundert ziemlich deutlich das Wort Proudhon's „Eigentum ist Diebstahl" ausgesprochen hatte. Ganz besonders aber lassen sich die kommunistischen Töne in der kabbalistischen Literatur hören; sie blieben auch dem Chassidismus nicht fremd, und ein feines Künstlerohr >vie das I. L. Perez's wußte sie abzulocken. Die niessianischc Bewegung des 17. Jahrhunderts drängte zum Güterkommunismus und — wie ihre Gegner behaupten — auch zum Weiberkammunismus. Daß die Inden des 19. Jahrhunderts in den ersten Reihen des theoretischen wie auch des praktischen Sozialismus standen und noch stehen — braucht nicht erst erwähnt zu werden. Teilweise ist die Ursache dieser Erscheinung darin zu suchen, daß der Liberalismus dem Judentum — übrigens nicht diesem allein — sein Versprechen nicht gehalten hat. Die liberale Gesellschaft will von einer vollständigen Emanzipation des Judentums nichts wissen. Renan durfte also mit Recht behaupten, daß „innerhalb des jüdischen Volkes" „schon seit langer Zeit" eine „entschiedene demokratische Bewegung" stattgefunden habe; nur aber irrte er sich, wenn er hinznfügte, daß diese Bewegung „die einzige" wäre, „die zu ihrem Ziele gelangte, weil sie sich auf rein geistiges Gebiet beschränkte".73) Die letztere Bemerkung ist weder logisch noch historisch zutreffend. Renan, der geistige Aristokrat, erklärt sich hier als ein schlichter Bürgersohn bereit, die fast unmögliche Demokratisierung des Geistes zuzugeben, um die mögliche Demokratisierung der materiellen Güter zu verhüten. In Wirklichkeit war die demokratische Bewegung innerhalb des jüdischen Volkes weder eine rein -geistige, noch gelangte sie zu ihrem Ziele. 7,6) Das Seien Jesu (d. Ue., S. 95). Innerhalb tvie außerhalb der Judcnheit setzt sich die demokratische Bewegung immer fort und ist noch bei weitem nicht abgeschlossen. Sprich: man aber von der „Verjüdelung" Europas, so hat dies insofern einen Sinn, als lange bevor die christliche Gesellschaft Europa's sich von dem Feudalismus befreit hat und zur Beschäftigung mit Handel und Industrie übergegangen ist, diese von den europäischen Juden bereits eifrig betrieben wurden. Der „dritte Stand"' befand sich noch im Keime, ivährend die Juden „in den Poren der polnischen Gesellschaft" sich schmc zu einein Handelsvolk — wie Marx sagt7') — oder zum „eigentlichen dritten Stand" — wie sich Heine73) ansdrückt — ausgebildet haben. Während aber Marx vom „kommerziellen Wesen" und vom „antisozialen Element",'') die dem Juden innewohnen sollen, spricht, widerspricht er damit nicht nur den: tatsächlichen Bestand, stellt sich nicht nur in grellen Widerspruch zu der von ihm streng, dicht an's Einseitige grenzend durchgcsührten historischen Methode, welche von irgendwelchen sich immer glefchbleibenden Wesen zu sprechen nicht erlauben kann — sondern was noch mehr als alles dies: er wiederholte gewissermaßen die vom feudalen Mittelalter überlieferte Beschuldigung gegen den „schachernden" Inden. Jnr vormarxscheu deutschen Sozialismus gab es manche mittelal!erlich-reak> tionärc Unterströmungcn, von welchen Marx sich nur langsam zu befreien vermochte.! Nicht jünger als die genannte Beschuldigung | ist die Verleumdung der jüdischen Ideologie. Der Kampf der aufsteigenden bürgerlich-rationalistischen Gesellschaft gegen das feudal-katholische Mittelalter gilt nicht blos dem Christentum allein, sonderit auch — und zwar oft in größerem Maße — dem Judentum. Das war der Punkt, worin die Vertreter des Neuen mit denen des Alten sich einigten. „Hund und Katze zechen zusammen vom Fette des Miserablen". Gegen die jüdisch-christliche (man warf die beiden eine lange Zeit zusammen) Weltanschauung stellte man die altgriechische auf. Von Schiller und Goethe ging der Kultus des hellenischen Geistes ans, der hier und da zu einer förmlichen Grekomanie ausartete. Im Namen der Seelenharmonic und Lebensfreude — die man einseitig genug als das dem Griechentum innewohnende Wesen betrachtete — wurde einerseits die Rehabilitation des Fleisches, andererseits die ewige Verdammnis aller Religionen, aller spiritnaiistischeu Gedankenrichtungen überhaupt proklamiert. Das war der in den deutschen progressiven Kreisen der ersten Dezennien des verflossenen Jahrhunderts verbreitete Gedankengang, in dem auch Marx besangen war und dem er eine ökonomische Grundlage zu geben versuchte. Seine Sympathie war gänzlich aus der Seite oes klassischen Griechentums. Während er die von Franklin herstammende Definition des, Menschen als „einsWerkzeuge verfertigendes Tier" „charakteristisch für das Jankectum" fand, sieht er in der aristotelischen Definition: „Der Mensch ist ein soziales Tier" das Charakteristische für das Altertum.") Der Geseltschaftsmensch, der in gemeinschaftlicher geistiger und körperlicher Arbeit mit den Mitmenschen lebt und sich auslebt, wird dem zur Maschine herabgesetzten Arbeiter und dem einsiedlerischen Mönch gegenüber gestellt. Der erstere war dem Altertum eigentümlich, wenigstens zu seiner „besten Zeit". Diese war — nach Marx — eben dann, als „die kleine Bauernwirtschaft und der unabhängige Handwerksbetrieb" die Basis „der klassischen Gemeinwesen" gebildet hat, „nachdem sich das ursprünglich orientalische Gemeineigentum aufgelöst und bevor sich die Sklaverei der Produktion ernsthaft bemächtigt fiat".31) 77) Kapital (Bd. 1, S. 57). 78) Gesammelte Werke (Bd. 8, S. 69). 79) Gesammelte Schriften usw. (Bd. 1, S. 426). 80) Kapital (Hamburg 1872, Bd. 1, S. 334, 13). 81) Ibidem (S. 344, Nr. 24.) Es sei hier vor allem darauf ausmerksanr gemacht. daß die genannte Basis „der klassischen Gemeinwesen zu ihrer besten Zeit" eine lange Zeit auch die Basis des altjüdischen Gemeinwesens war, deren langsamer Zerfall — wie Pr. Ruland3-) nachgewiesen hat — erst zur Zeit der Könige begann. Tie angedcutcte sozial-ökonomische Organisation war also keinesloegs das Monopol der Griechen und der Römer. Diese war ebenso der Ausgangspunkt der jüdischen Geschichte. Und mehr als dies. Sie — und nicht etwa der Schacher — war der Boden, aus dem die altjüdische Ideologie crivuchs. zu den: sie immer wieder zurückstrebte. Das Ideal der Propheten, die im Deuteronomium geschilderte Einrichtung, dann eine ganze Reihe von Vorschriften in der Mischna wie auch ini Talmud — alle wurzeln sic in demselben Boden. Ist auch die altjüdische Ideologie — wie übrigens alle anderen großen Ideologien bis auf den heutigen Tag, den Sozialismus nicht ausgenommen — in einer Gesellschaft entstanden, wo das Recht des Privateigentums schon ausgebildct war, so war sie doch weit davon entfernt, eine Ideologie des „Schachers" zu sein. Sie ging ganz andere Wege und stellte ganz andere Ideale auf. Gerade diejenigen sozialen Gruppen in der Judcnheit, die sich speziell mit der Exploitation der niederu Klassen in ihren verschiedenen Formen beschäftigt haben, suchten zu allen Zeiten ihre Ideologien überall — nur nicht im Judaismus. Zur Zeit des alten Tencpels holten sie ihre Ideale wie auch ihre Ware aus Tyrus und Sidon, später suchten sie und finden dieselben in Griechenland und in Rom. Und das neue jüdische Großbürgertum in Westeuropa? Es ging in alle Weltenden, es wallfahrte hier und da auch nach Kanossa — wanderte es aber nach Jerusalem, um Gottes Wort auf den Bergen Zion's zu vernehmen? Die Behauptung, daß der Sozialismus die Vollendung des Judaismus sei, besonders wie derselbe den Augen der Propheten vorschivebte, — kann keineswegs als gänzlich bodenlos betrachtet werden. Im Grunde genommen war es hauptsächlich das praktische Moment, das den Haß gegen den religiösen Gedanken im 19. wie schon ftühcr im 18. Jahrhundert entzündet hat. Es kam eben den Vorkämpfern des Neuen vor allem darauf an: erstens, die Gegensätze zwischen dem Vorhandenen und dem Erstrebten möglichst zu verschärfen. um sie. desto leichter zum Bewußtsein der Massen zu bringen; und dann jedwede Ablenkung von der realen Welt und den diesseitigen Aufgaben der menschlichen Gesellschaft hartnäckig zu bekämpfen. Während die meisten Verfechter der bürgerlichen Sache sich damit begnügten, eine „einfachere, weniger kostende und weniger abergläubische" als die mittelalterliche Religion einznführen, glaubten die Vorkämpfer der „kommunistischen Revolution", — die das „radikalste Brechen" mit dem Herkömmlichen ist — für die endgültige Bekämpftmg der Religion einzutreten und deren gänzliche Aufhebung im Znkunftsstaat Voraussagen zu dürfen. Fragt man nun: worauf diese Voraussetzung eigentlich beruht? So lautet die Antwort Marx: „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens der Menschen tagtäglich durch sittig vernünftige Beziehungen zu einander und zur Natur darstellen".33) Soll aber die Religion aus den komplizierten und schwierig zu entwirrenden Verhältnissen innerhalb der Menschengesellschast abgeleitet werden können, so ist nicht einzusehen, warum gerade in den historischen kleinbürgerlichen Staaten, wo die Verhältnisse gewissermaßen einfach und durchsichtig waren, unendlich mehr Religiosität als in oer 8-°) Die Zukunft (1898, 10. Dez.). ") Kapital (Bd. 1, S. 57).