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Neue jüdische Presse · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 13. Ausbildung der jungen Damen zu fördern. Anmeldungen nehmen F-rau Dr. Levi, Erholungsstraße und Frau Henny Rindskopf, Bleichstraße, entgegen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Welch' bedeutenden Aufschwung der Anteil der Juden am tot«« dium genommen Ijat, beweist die Tatsache, daß während 1851 die Gesanitzahl der Juden auf Universitäten und technischen Hochschulen Oesterreichs 641 betrug, ihre Gesamtzahl im Jahre 1904 auf 4575. angewachsen war. Die 4575 jüdischen Studenten des Jahres 1904 verteilten sich wie folgt: 1729 (gleich 18,2 o/o der in dieser Fakultät Studierenden) auf die juristische, 681 (gleich 27,1 °/o) auf die medizinische und 890 (gleich 12,5»/») auf die philosophische Fakultät und 1275 (gleich 20,2»/o) auf die Technischen Hochschulen. Berücksichtigt man, daß die österreich. Bevölkerung nur aus 4,7«/o Juden besteht, so ergibt sich, daß der Bildungsdrang unter den Juden ein ganz gewaltiger ist. Wie«. Das antisemitische Deutsche Volksblatt hat den neugewählten antisemitischen 'deutschen Reichstags-Abgeordneten Amtsrichter Sattmann über die Stellung seiner Partei zu den Juden interviewt. Lattmann gab folgende Ansichten zum Besten: „Für mich steht cs außer Frage, daß bei der Abwehr des Judentums das nationale Moment die Hauptrolle spielt. Unser Volk ist ein gesundes und wird im Laufe der Zeit sicher imstande sein, die entsittlichenden Einslüsse des Judaismus zu überwinden; dann wird cs auch gelinge», die wirtschaftliche Schädigung desselben zurückzudrängen. In dieser Hinsicht wird auf dem Lande bereits mit hübschem Erfolge gearbeitet — ich weise nur auf die Raiffeisenschen Kassen hin — und wäre cs dringend zu wünschen, wenn man sowohl im Interesse der Bauern wie der städtischen Konsumenten auf dem Gebiete des Mehhandels ähnlichen praktischen Antisemitismus betreiben wollte. Die antisemitische Idee macht in Deutschland entschieden Fortschritte; überall zeigt sich, die stillschweigende Abwehr des Judentums. Viele stimmen einem vernünftigen, ans sittlichem Ernste und nationalem Einpfindcn geborenen Antisemitisinus zu, wenn sic cs öffentlich auch nicht zu sagen wagen. Ein R a d au a ntisein i t i s m u s ist w i d c r l i ch und dabei politisch dumm. Mit ihm habe ich nichts gemein, aber ich scheue mich nicht, öffentlich von dem verderblichen Einflüsse einer steigenden Macht des Judentums zu sprechen". Wie«. Nach dem Buchstaben des Gesetzes! „Keinen Kubisch wird man sagen," zitierte vom Richtertischc aus in der kaufmännischen Abteilung des Gewerbcgerichtes ein Beisitzer in einem Prozeß, der wegen seines Tatbestandes viele Zuhörer aus Kaufmannskreisen angelockt hatte. .Beklagt ivar die Möbel- und Spiegelgroßhandlung F e i l b o g c n von ihrem Buchhalter B ü ch l c r, der trotz eines bis zum Ende des Jahres bestehenden Vertrages Anfang März wegen Zuspätkommens entlassen worden war. Der Konflikt war folgender: Der Chef verlangte, daß Herr Büchler pünktlich um 7 Uhr den Dienst antrete, der Buchhalter aber, dem seine Mutter gestorben war, erklärte, erst gegen Vr8 oder V»8 Uhr kommen zu können, weil er allmorgendlich das Sterbe gebet (Kadisch) für seine Mutter in der Synagoge vcrrichten müsse. Der Chef, der, wie ein Beisitzer ko», statierte, den Buchhalter aus anderen Gründen los. werden wollte, verbot ihm zunächst den Tempelbesuch und entließ den Angestellten, nachdem dieser sich, wie vorauszusehen war, aus Gründen der Pietät zwei oder dreimal an das Verbot nicht gehalten und sich daher verspätet hatte. Der Kläger berief sich nun darauf, daß der Chef „als Sohn eines Rabbiners" diese Pflicht der Pietät kennen mußte, und wies sogar eine Bestätigung des Vaters seines Chefs vor, der die Angabe des Klägers als richtig bezeichnete. Der Beklagte mußte sich, als er demgegenüber sich auf den Vertrag stützte, von seinem eigenen JUteressenver treter, dem Beisitzer aus dem Stande der Chefs, eine wenig schmeichelhafte Kritik seines Vorgehens gefallen lassen. Das Gericht erkannte aber trotzdem auf Ab Weisung derKlage mit folgender Begründung: „Für den Kläger war es sicherlich infolge seiner religiösen Pietätspflicht, das Kadifchgebet für seine verstorbene Mutter zu verrichten, sehr s ch w e r, die Geschüftsstundc um 7 Uhr früh cinzuhalten. Dies hätte er aber von dem Beklagten in Güte zu erreichen versuchen sollen. Der Beklagte hat diese Erlaubnis verweigert, und wenn er sich nun auf den B u ch st a b e n des Gesetzes beruft und.die strikteste Einhalttmg der Pflicht von seinem Angestellten verlangt, blieb dem Gericht nichts übrig, als auszusprechen, daß das Zuspätkommen ungerechtfertigt und die Entlassung daher nicht grundlos war. Ein Schadenersatz ansvruch war daher nicht zu stellen." Budapest. In einer großen Katholikenversammlung, die gegen die französische Kirchenpolitik protestieren sollte, sagte Bischof Graf Majlath in seiner Rede: „Man muß mich nach dem Osten einen Blick werfen, wo das große russische Reich zu politischen Zwecken Judenverfolgungen veranstaltet. Diese planmäßigen Menschen Jagden widersprechen den'Lehren des Christentums; deshalb muß jeder gute Christ dagegen protestieren." Lebhafter Beifall folgte diesen Worten, die nmomehr überraschten, da Redner bisher als der am wenigsten judenfreundliche Kirchenfürst unter den ungarischen Bischösen galt. Ja, man schrieb sogar eine lebhafte Tätigkeit für die Konsumgenosscnchaftcn, die so viele jüdische Existenzen vernichten oder schwer schädigen, seiner Animosität gegen die Juden zu. Was dieser Kundgebung jedoch den größten Wert verleiht, ist der Umstand, daß diese Demonstration gegen die russische» Greuel der erste öffentliche Protest aus christlichen ungarischen Krcien ist. Schweiz. Lausanne. Die hiesige jüdische Gemeinde erhielt die Mitteilung, daß der jüngst in Paris verstorbene Millionär Osiris ihr zum Ban einer Synagoge 50,000 Francs hinterlasscn hat. Gelegentlich der Einweihung des „Wilhelm Tell"-Denkmals, das er hier vor Jahren errichten ließ, hat er das Versprechen gegeben, das er nun in feinem Testamente eingclöst hat. Großbritannien. London. Jüngst starb in Brighton kin Arzt, der 200,000 Mark als Preise für Personen, die sich auf dem Gebiete der Shakespeare-Forschung neue Verdienste erwerben, mit dem Vermerk „Rechtsanwälte, Juden und Deutsche ansgeschlosst it" hinterließ. Rußland. Petersburg. Eine Erfindung des jüd. Ingenieurs K. K o e n m a n n macht in den hicigeu künstlerischen Kreisen g r o ß e s A u f- ' e h e n. K. hat acht Jahre dazu verlvendet, die chemische Beschaffenheit des zur Violine verwendbaren Holzes zu untersuchen und nach zahlreichen mühevollen Experimenten ist es ihm nun gelungen, ein Biolinenmaterial herzustcllcn, durch das die alte italienische Violine wieder anfcr- 'tanden ist. Petersburg. Einer der schlimmsten In den fein de aller Zeiten, Konstantin P e t r o w i t s ch P o b j e d o n o s z e w , der Oberprokurator des Heiligen Synods, ist gestorben. Rußland hat mit ihm den Mann verloren, ohne dessen Zustimmung in den letzten 30 Jahren innerhalb seiner Grenzen kein einziges Gesetz erlassen, keine einzige Maßregel politischer und sozialer Natur ergriffen wurde und der als der Hauptvcrantwortliche für die Rechtlosigkeit und Vogclfreiheit der russischen Juden angesehen wird. Warschau. Unter der Beschuldigung, eine Versammlung ohne Erlaubnis abgchalten zu haben, wurden dieser Tage im Hause Nowo-Lipki 29 etwa 30 Juden und Jüdinnen, die ans einem F a milienfeste versammelt waren, arretiert und unter Obhut einer Eskorte Soldaten und Polizisten durch die Straßen nach dem Polizciamtc geführt. Palästina. Jerusalem. Das Lehrerseminar des H i l f s v e r e i n s d c r D e u t s ch e n I u d e » hat die ersten Absolventen, fünf an der Zahl, Mitte März entlassen. Die jungen Leute sind in der Lage, unmittelbar ihre Tätigkeit als Lehrer auszunchmen; sie finden Anstellung an der Lämelschulc und der Mädchenschule des Hilfsvercins in Jerusalem, wie an der Knabenschule des Hilfsvercins in Jaffa. Es ist jetzt ein Kindergarten in Beirut eröffnet worden, zu dessen Begründung der Hilfs- Verein der Deutschen Juden in seiner Sitzung vom 25. November 1906 Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Zur Verwaltung des Kindergartens hat sich ein Komitee von sieben angesehenen Einwohnern der Stadt gebildet, an dessen Spitze der Vorsteher der indischen Gemeinde in Beirut, Herr Anzarnt, steht. Die Leiterin der Anstalt, neben der noch eine Gehilfin wirkt, ist eine Palästinenserin, die als Kindergärtnerin in der Schweiz tätig gclvcscn ist. Sic hat auch eine gute Ausbildung in der hebräischen Sprache genossen. Die Megille als Lebensretter. Von S a m u e l G o r d o n. Frei übersetzt von M. Pulver m a n n. (Schluß.) Schon hatte er den Arm erhoben, um einen recht kräftigen Stoß anSzuführen, als er etwas Blaues vor seinen Augen schweben sah. Nanu! Tragen denn Kobolde einen Streifen Himmel mit sich herum? Oder, war es kein Stück Himmel, svndcrn ein Stück blaue Seide? — Wie durch Zanbcrmacht wurde seine Hand gelähmt und mit verglasten Augen starrte er ein Opfer an. Sein Hirn geriet in Aufruhr und eine Sinne fingen an, klarer zu begreife». Nach und nach nahmen die Vorgänge in seinem Geiste wieder Form und Gestalt an; er konnte Worte und Taten genau abwägen und verstehen, und er vermochte Stimmen zu hören und Gesichter zu unterscheiden, die ihm früher bekannt und vertraut waren. Es begann jetzt in ihm zu dämmern, daß die Stimme und das Gesicht da vor ihm nicht einem Kobold gehöre, sonder» einem Wesen, bei dessen Anblick sonst sein Herz wendig geschlagen. — Und plötzlich konnte sich sein Geist durch die Nebel und Wolken seiner Trunkenheit bahnbrcchen, und mit Entsetzen erkannte er seinen Sohn David, der die Megille hochhiclt — die Megille, das Wahrzeichen der frohen und glücklichen Tage, die er in Tage der Trauer verwandelt. — lind jetzt sah er auch das Mordwerkzeng in seiner Hand, mit dem er um ein Haar sein eigenes Kind erchlagen hätte. — Mit Grauen schleuderte er die Stange von sich und stürzte lachend und weinend zu einem Kinde nieder. „David, mein geliebtes Kind!" jammerte er. „Bei Deinem Leben habe ich ja heule geschworen, — darum war Gott barmherzig und hat Dein Leben erhalte», als ein Zeugnis, daß er meinen Schwur angenomincn, der ewig bestehen soll! — Bei Deinem Leben. . . ." Weiter kam er nicht; eine dichte Fi»sternis legte sich über seine Augen und er fiel besinnungslos hin. Bald kamen einige Männer, die aus der konfusen Erzählung der vor Schreck halbgclähmten Kinder etwas .Entsetzliches heransznhörcn vermeinten und darum herbcigceilt waren, um ein Unglück zu verhüten. Mit Kvpfschütteln blickten sie auf Awroms Zustand, »ahmen ihn und trugen ihn nach seiner Wohnung, während eine wohltätige Ohnmacht noch immer seine Sinne umfangen hielt. Zehn Jahre später hielt der bcrühinte Patholog Dr. Gustav Sonnenthal einen Vortrag in der Charkowcr Universität, in den: er unter andern interessanten Fällen auch den folgenden berichtete: „Jetzt, meine Herren, will ich Ihnen noch einen ganz besonders eigenartigen Fall von Alkoholismns mitteilcii, der vor längerer Zeit in meincr Heimats- Stadt Dworsk zu meiner Kenntnis gelangt war. Es handelte sich um einen notorischen Säufer, einen anSgcsprochciicn Trunkenbold, bei dem nach meincr damaligen Ansicht nur eine plötzliche, heftige Nervenerschütterung des ganzen Hirn-Shstems eine günstige Wendung hätte hcrbeiführen können. Ikngliicklicherweisc hatte ich meine galvanischen Apparate nicht zur Stelle, um das Experiment mit dem Manne anzustcllc». Als ich ivährend der letzten Ferien wiederum jene Stadt besuchte, war ich der festen iieberzcngung, von dem Menschen höchstens nur noch den Leiche,istein zu finde». — Und nun, meine Herren, denken Sic sich meine Ucbcrraschnng und mein Erstaunen, als ich 'mich mit eigenen Angen überzeugte, daß dieser Mann, das Trinken vollständig aufgegebe» hatte und ein mustergültiges und nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft geworden ivar! Aber, meine Herren, was, glauben Sie wohl, hat diese überraschende und unvorhergesehene Wirkung hcrvorgebracht und die Leydeiicrslascheii-Baltcrie ersetzt? Eine einfache Pergamcnt-Nollc! Sic lachen, meine Herren, weil Sie einer Pergamenl-Rvtle keine galvanische Kraft zntrauen! —Nun, so hören Sie denn? Eines Tages . ." Doch, wozu das Gestrige nochmals anfwärmen? Wir kennen ja die Geschichte von Aivrom Klamins Wiedergeburt und wir wissen auch, welche Rolle die Megille mit dem blanscidciien kleberzug dabei gespielt; welche überirdische Kraft dieser, die sogar noch etwas mehr als eine galvanische Batterie zu leisten vermag, inncivohnt Ja, Aivrom Klamm ist jetzt von seiner bösen Krankheit vollständig genesen und nichts erinnert mehr an seine ehemalige Verkommenheit. Jetzt arbeitet er fleißig mit vier Gesellen; sein Wohlstand ist gegesichert und er hat sogar die beste Aussicht, nächstens als Parneß gewählt zu werden. Esther ist die glücklichste Frau ans Erden. Gleich nachdem ihr Mann ivicdcrhergcstellt war, hatte (sic Großniiitter Hi'iidcle zu sich geiioiiimcii n»d sie jahrelang gepflegt. Und als die alte Frau gestorben war, da hatte Esther die berühmte Stange blau 'anstreichen lassen, sie bewahrt sie in der Bodenkammer, die sie aber stets verschlossen hält. David und Percz haben eben beide in ein und demselben Geschäft ausgelernt und sind die besten, unzertreiinlichstcn Freunde geworden. Alljährlich aber, am Purim, vor der Sude, da sitze» Awrom und Esther, Hand in Hand, auf dem Sofa und David muß ihnen die Geschichte von

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