Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Frankfurter Israelitisches FamiltrMatt. Seite 3. Brauch, jüdische Sitte, kurz alles, alles bedrohe», ausrottet?! Wir schreite» zuui Fest der Befreiung, und wir stehen jetzt noch ärmer als einst da... . * * * Die zionistische Welt rüstet sich zum 8. Kongreß. Allgemein geht die Ansicht dahin, daß die Meinungsverschiedenheiten im zionistischen Lager gewichen sind und Eintracht, harmonisches Schassen platzgegriffen haben; — man hofft daher auf einen ruhigen, friedlichen Kongreß. Und doch ist die Lage nicht ganz so rosig, wie man glaubt; Eintracht und Harmonie sind noch nicht im zionistischen Lager eingezogen; — Herr Ussischkin hat noch seine Hörner, — und er sitzt in der Leitung. — Wie unseren Lesern noch erinnerlich sein wird, geht unsere Ansicht dahin, daß der Weg von Kleinem zum G r o ß e n, die allmähliche Erwerbung des Landes und dann die Erlangung des Charters, der richtige ist. Wir fügten gleichzeitig hinzu: „Daß mit der Eroberung des Landes unserer Väter sehr vorsichtig und planmäßig vorgegangen werden muß. Die diplomatische Arbeit muß Hand in Hand mit der Eroberung des Landes gehen. Auch ist der Rationalsonds in e h r z u s ch o n e n." So unsere Ansicht in Nr. 5! Nun scheint dieses, was letzteres betrifft, nicht der Fall zu sein; man scheint mit dem Geld so wirtschaften zu wollen, als ob es lediglich zum detaillierten Landkauf gesammelt und bestimmt wäre — und nicht zum N a t i o n a l f o n d s, znm N a t i o n a l g u t für höhere Zwecke! Auch wird mit dem Geldc der Bank einseitig verfahren, und anstatt Industrie und Handel im unkultivierten Lande zu fördern, tvird das Geld meistens für A g r a r z w e ck c verwendet. Das ist nssischkianisch, vielleicht auch warburgerisch; aber praktisch ist es nicht. Dem 8. Kongreß fällt die Aufgabe zu, feste Normen für die Verwendung der Nationalfonds- und der Kolonialbankgelder aufzustcllen; nur muß man ans der Hut sein, daß auf dem 8. Kongreß keine nssischkinsche Katastrophe, wie es leider dem 7. bescheert war, stattfinde, Ussischkin hat seine Hörner nicht entfernt — und daher heißt es auf der Hut sein! Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die Einnahmen und Ausgaben der Israelit. R e l i g i o n s s ch u l e stellten sich im Jahre 1906 wie folgt: Einnahmen: Geschenke Jk 6677, Jahres - Beiträge Jk 2848, Schulgelder der Schule Hcrmcsweg Jk 504, der Schule Iluterlindan Jk 975, Zuschuß der Israel. Gemeinde für bauliche Veränderung Unterlindau Jk 1500, Subvention der Israel. Gemeinde für 1906/07 Jk 3000, Subventionen verschiedener Stiftungen Jk 2134, Geschenke für den Pensionsfonds tfk 150, Miete, Lehrerbilduugs - Anstalt Jk 750, Zinsen Jk 872, unverzinsliches Darlehen der Israel. Gemeinde Jk 1600, L. E. Reißschc Synagoge Jk 5325 (Synagogcuplätze Jk 3388, Ehrenverrichtungen usw. Jk 1937) und Westend-Synagoge Jk 9611 (Synagogenplätze Jk 7290, Ehrenverrichtungen Jk 2321). Ausgaben: Gehälter und Gratifikationen Mark 15,303, Unkosten Jk 1623, Hypotheken-Ziuseu Hermesweg Jk 1040, L. E. Reitzsche Synagoge Jk 12,259, (Gehälter Jk 2220, Heizung, Beleuchtung usw. Mark 1509, bauliche Aendcriing Jk 8530), Filiale Unter» lindau Jk 2895 und Westend-Synagoge Jk 4097, (Gehälter Jk 2680, Minjan Jk 990, Heizung, Beleuchtung usw. Jk 427). Frankfurt a. M. Die Realschule der i s r a e l. G e m e i n d e „P h i l a n t h r o p i n" wurde am Schluß des abgelaufenen Schuljahres in der Realschule von 237 und in der Vorschule von 114 Schülern und in der höheren Mädchenschule von 175 Schülerinnen (in Sa. 526) besucht. Das Lehrerkollegium hatte in seiner Mitte mehrere freudige Ereignisse zu verzeichnen; Professor Dr. Th. Epstein feierte seinen 70. Geburtstag und Professor Dr. Schwarz den Tag seiner 25jährigen Tätigkeit an der Anstalt, der pensionierte Lehrer der Schule Dr. August Boullenot konnte seinen 90. Geburtstag .begehen und der Sprachlehrerin Mlle. Kleeberg wurde der Titel „officier d'academie" seitens des französischen Unterrichtsministers verliehen. Berlin. Der große Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden tritt am 12. Mai 1907 zusammen. Wesentlicher Gegenstand der Beratungen wird die Vorbereitung der diesjährigen Hauptvers a m m l u n g sein, die voraussichtlich am 6. Oktober 1907 in Frankfurt tagen wird. Darmftadl. Einen interessanten Zwischenfall zeitigte die Etatsberatung in der zweiten Kammer. Das „Handbuch der zweiten Kammer" ist neu erschienen. Der sozialdemokratische Mgeordnete Dr. Fulda hat darin zu seiner Biographie folgenden Vermerk eintragen lassen: „War vier Jahre Gerichtsassessor und ging, da er — im Widerspruch zur Verfassung! nach Erklärung des uationalliberalen Staatsministers Finger — Aussicht auf Anstellung im Staatsdienste seines religiösen Bekenntnisses wegen nickt hatte, zur Anwaltschaft über." Der nationallibernle Reichs- und Landtagsabgeordnete Dr. O s a n n glaubte dagegen Einspruch erheben zu müssen, weil darin einem Verstorbenen, der sich nicht mehr rechtfertigen könne, ein Vorwurf gemacht werde und ferner ein Angriff gegen die nationalliberale Partei zu erblicken sei. Dr. Fulda legte in überaus scharfen Worten Verwahrung dagegen ein, daß sich sein Kollege Osann hier als Präzeptor ausspiele; in der Notiz sei lediglich eine Tatsache niedergelegt, die er ederzcit beweisen könne, und die genau solch eine Verfassungsverletzung bedeute wie die Nichtbestätigung von Beigeordneten heutzutage. In einem ähnlichen Falle sei sogar der eigene Vater Osanns in der Kammer gegen ungleiche Behandlung eines der mosaischen Religion augehörigcn Juristen tadelnd aufgetreten. Mannheim. In der Beilage zu No 12 Ihres geschätzten Blattes vom 22. d. M. sind ans Grund von Vorgängen in der israel. Gemeinde Mannheim gegen Herrn Geh. Oberrcgierungsrat Dr. Mayer in Karlsruhe Vorwürfe gerichtet worden, welche ich als Vorland der genannten Gemeinde und im Juteresse der Gerechtigkeit nicht unwidersprochen lassen kann. Nachdem eine Versammlung der hiesigen Gemeindevertretung behufs Stellungnahme zum Entwurf einer geänderten Wahlordnung für die Synode angeregt und von mir eine «itzung des Synagogenrats zur Vorbesprechung Hierwegen auf 7. März anberaumt worden war, habe ich den Herrn Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer telephonisch ersucht, wenn möglich in dieser Sitzung zu erscheinen, um als Verfasser des Entwurfs die wünschenswerten Aufschlüsse zu geben und die aufgctanchten Bedenken zu zer- 'treueu. Er hat sofort in freundlichster Weise zngesagt und dabei den Wunsch ausgedrückt, daß auch die Vorstandsmitglieder der Gemeindevertretung sowie ein Vorstandsmitglied des „Vereins zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums" cingeladen werden möchten. Dies habe ich dann auch getan. In der fraglichen Sitzung sind von drei Herren verschiedene Einwendungen gegen den Entwurf vorgebracht und darauf eine «itzung der gesamten Gemeindevertretung beschlossen worden. Als ich den Herrn Geh. Obcrregicrungsrat zur Bahn geleitete, sagte er mir noch beim Abschiede, die gegnerischen Gründe hätten ihn in keiner Weise überzeugt; insbesondere sei die an sich ganz nebensächliche Gestattung des Abholenlassens der verschlossenen Stimmzettel durch den «ynagogenratsvorsteher in unzutreffender Weise dahin aufgefaßt worden, als ob der Vorsteher dabei einseitig Vorgehen dürfte. — Andern Tages erhielt ich vom Herrn Geh. Oberregiernngsrat die Mitteilung, er habe auf der Rückreise nach Karlsruhe zunächst an die Beibehaltung des alten Wahlmodus speziell für Mannheim gedacht, dann aber unvermittelt das bisher von keiner Seite zur Sprache gebrachte gewichtige Bedenken bekommen, es könnten bei Zulassung der vorterminlichcn Stimmabgabe allerhand private Einflüsse sich geltend machen, durch die das freie Wahlrecht verschlechtert würde. Er habe deshalb sofort nach seiner Ankunft in Karlsruhe (noch am Albend des 7. März) einem jener drei Opponenten geschrieben, er sei jetzt selbst für Zurückziehung des Entwurfs. Diese ist dann auch vom Gr. Oberrate in Karlsruhe aus dem vom Respizienten geltend gemachten Grunde am Vormittag des 8. März beschlossen worden. Ein Beschluß der hiesigen Gemeindevertretung ist infolge dessen nicht mehr erfolgt. Ich habe, da sich gegen den Entwurf in unsrer Gemeinde von verschiedener Seite Opposition erhob, der Zurückziehung gerne zngestimmt. Ob aber die dagegen vorgcbrachten Bedenken, auch die des Respizienten, sachlich von so großer Bedeutung waren, lasse ich dahingestellt. Nach meiner Meinung würde es bei dem neuen Verfahren für alle Richtungen leichter geworden sein, eine zahlreichere Beteiligung ihrer ''Angehörigen bei der Wahl herbeiznführcn, ohne daß unzulässige Wahlbeeinflnssnngen zu besorgen gewesen wären. Hochachtungsvoll Mar Stockheim Gr. Oberrat und Synagogeuratsvorfteher. Hierauf erwidert der Schreiber des Artikels „Die Rechtfertigung des badschen Oberrats": „Die Ausführungen des Herrn Gr. Overrats und SyuagogeuvorsteherS Max stockheim berichtigen eigentlich nicht viel. Es bleibt nach wie vor die Tatsachche bestehen, daß sich eine starke Opposition innerhalb der Mannheimer Gemeindevertretung geltend machte und daß sich darüber das amtliche Blatt, das unter der Verantwortlichkeit des Herrn Geh. Oberrcgierungsrat Dr. Mayer erscheint, a u s g e s ch w i e g e n hat. Ferner mußte Herr «tockhcim unwidersprochen lassen, daß Herr Dr. Mayer zu jener Sitzung kam, um seine Vorlage zu rette n und daß ihm dies nicht gelungen ist. Endlich bleibt nach wie vor der Eindruck bestehen, daß es zum mindesten ungeschickt war, wenn das amtliche Blatt die „liberalen" Städte gegen die Orthodoxie mobil z» machen suchte, da sich Beide in der Verurteilung der Vorlage in nichts voneinander unterschieden. Wertvoll ist indessen die Feststellung — was uns übrigens nicht zweifelhaft war — daß Herr Dr. Mayer der Verfasser des Entivurfs gewesen ist. Bliebe nur eine Berichtigung übrig: daß nämlich die Gründe des Herrn Dr. Mayer nicht die gleichen gewesen seien, wie die Gründe der Mannheimer Gemeindevertretung, die Gründe der jüdischen Blätter, die Gründe der Frankfurter Zeitung. An sich eigentlich bedeutungslos. Aber nicht einmal dieses Zipfelchen, mit dem der .Herr Geh. Oberregiernngsrat krampfhaft seine fürchterliche Blamage zu verdecken sucht und aus das er bereits im amtlichen Blatt so auffällig hinwcist, können wir ihm lassen. Die Gefahren der privaten Beeinflussung bildeten einen Teil der allgemeinen Kritik und cs ist eine Verschleierung der Tatsachen, wenn behauptet wird, daß die Opposition sich darauf beschränkt hätte, die Möglichkeit einer Beeinflussung durch den S Y - n a g o g e n r a t zu kritisieren. Im Interesse der historischen Wahrheit sei daher ausdrücklich festgestellt, daß alle Gründe, die das amtliche Blatt als diejenige bezeichnete, die im Schoße des Oberrats „entstanden" seien, bereits durch die Mannheimer Gemeindevertretung und dann in der Presse zum Ausdruck gekommen sind. In jener Sitzung, der Herr Dr. Mayer anwohnte, sind all die vielen Gesahreu und schaden des Entivurfs besprochen worden und' insbesondere wurde eingehend erörtert, wie sich „bei Zulassung der vorterminlichen Stimmabgaben allerhand private Einflüsse geltend machen könnten." Es ist also einfach nicht wahr, daß diese Bedenken in jener Sitzung nicht zur Sprache gekommen wären. Aber schließlich: begreift denn Herr Dr. Mayer nicht, wie kompromittierend es für ihn ist, wenn er sich einfach über die Möglichkeit der Beeinflussung durch den Synagogenrat hinwegsetzt und nur die p r i v a t e Beeinflussung fürchtet. Da haben wir denn doch die Vorlage von vornherein von höheren Gesichtspunkten aus betrachtet. Es wäre nämlich — wie Herr L-tockheim ganz richtig betont — sehr wohl möglich gewesen, bei einigermaßen rühriger Propaganda vermittels des neuen Wahlmodus unserem Parteiwillcn sicherer Geltung zu verschaffen. Aber cs war uns keinen 'Augenblick unklar, daß eine derartige Erwägung angesichts dieses vorjintslutlichen Entwurfs nicht in Betracht kommen könne. Ziemlich unwesentlich scheint uns schließlich die persönliche Meinung von Herrn Stockheim, die nur um dessentwillen erstaunt, als er wohl heute mit ihr ziemlich allein stehen dürfte, nachdem selbst ein so objektives Blatt, wie es die Frankfurter Zeitung in dieser Angelegenheit ist, die zahlreichen Gefahren des neuen Wahlverfahrens konstatierte. Aber immerhin berührt sympathisch, daß Herr Stockhcim betont, er habe der Zurückziehung der Vorlage angesichts der starken Opposition gerne zngestimmt. Das sind denn doch noch demokratische Prinzipien. Man stelle nun diesen Standpunkt der geradezu kleinlichen Art gegenüber, in der Herr Geh? Oberregierungsrat Dr. Mayer immer wieder betonen läßt, daß „Er" sich habe nicht überzeugen lassen. Er habe neue Gründe entdeckt, er sei also nicht zurückgewichen. Das entspricht ganz der Art der bisher von ihm geübten Selbstherrlichkeit, auf Ansichten, mit denen er nicht übereinstiinmt, keine Rücksicht zu nehmen. Wenn er cs aber doch einmal tun muß, dann bekennt er diese selbst Verständlichkeit nicht einmal mit freiem Mut.- Ja, ja. Die Begleiterscheinungen dieser Affäre sind mindestens so interessant, wie die Affäre selbst. Ben Ami. Bunzlau. Dem Borstande der hiesigen Synago gengem ein de ist am 21. d. Mts. vom Regierungspräsidenten zu Liegnitz folgende Verfügung zugegangen: Ans die an den Herrn Minister des Innern gerichtete und an mich gelangte Eingabe vom 18. November v. I. gereicht dem Vorstande zum Bescheide, daß die Polizeiverwaltung daselbst veranlaßt worden ist, die unterm 31. Oktober v. I. erlassene O r t s - Polizeiverordnung betreffend das Verbot des Schächtens anfzuheben. Sontheim a. R. Nach dem eben erschienenen Rechenschaftsbericht des „Israelitischen Lande s a s h l s" beträgt der Wert der Immobilien des Asyls „Wilhelmsruhe" Jk 85,374.46. Die gegenwärtige Finanzlage gestattet für den 'Anfang nur die Aufnahme einer beschränkten Anzahl von Pfleglingen. Die Einweihung steht bis zum Frühjahr in sicherer 'Aussicht. An einzelnen 'Asylantenzimmern sind 33 vorhanden. Elberfeld. Im Avril werden es zwei Jahre seit Entstehung des Israelit. P e n s i o n s - u n d G e s e l l s ch a f t s h a u s e s. Aus einer warmen Anteilnahme heraus an Heu alleinstehenden jungen jüd. Mädchen ist diese Institution geschaffen worden. Die jungen Damen sollen hier nicht mit geringeren Ausgaben als anderswo Wohnung und Beköstigung finden, sondern zu annehmbarem Preise bessere soziale Einrichtungen antresfen. Bon diesem Gesichtspunkte aus sind für freundliche Schlasräume, für Bad, Speise- und Gesellschaftszimmer Sorge getragen. Ein großer Garten bietet im Sommer nach des Tages Arbeit gesunde Erholung. Ein Klavier, eine Bibliothek und Zeitschriften sorgen für Unterhaltung, wie überhaupt der Vorstand darauf bedacht ist, durch Veranstaltung von Vorträgen, Sprachkursen nsw. auch die geistige