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Neue jüdische Presse · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Mordechai und Hainau ans - ihrer eigenen Megille znin dritten Mate vorlesen, nachdem sie sie schon zweimal, gestern und heute früh, vom Chasen im Tempel gehört haben. Der blanseidene Ueberzng >vird jedes Jahr erneuert. — Ende. Ost und West. Sittenbilder aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Jaeob Levy. 1. Kapitel. Der Himmel war trii.be. Regenschwer hingen die Wolken herunter und verschlvammen mit dem Horizonte zu einem grauen Nebel, aus dem die Pappeln der Landstraße gespenstisch hervorragte».! Auf dem Bahuhos des Grenzstädtchens Prostken war das Treiben heute viel lebhaster, als all anderen Tagen. Der Zug stand mit geheizter Maschine auf dem Geleise, der Stationsvorsteher ging ungeduldig hin und her. i Auf dem Bahnsteig drängte sich eine Menge russischer Juden, die das Komitee in Grajewo übernommen hatte. Nachdem sie dem verfluchten russischen Bode», der ihre Heimat ivar und doch nur Unterdrückung, Qualen ünd Mißhandlung für sie Hatte, entroniieli waren, sollten sie nach England, nach Amerika, — in die weite Welt wandern. . Dort erhofften die Armen eine bessere Zukunft und, ach, was verlangten sie so wenig! Für ihre harte Arbeit eilt Stückleiil Brot, aber in Ruhe und Friedeil zu verzehren. Hier trafen sie sich, die ans Tomsk, Irkutsk, Odessa, Charkow, ans all bcu verschlossenen Territorien. Männer mit walleilden Bärte», Mütterchen, den Scheitel bis tief in die Stirn, ■ jüngere Leute mit unruhigen Bewegungen, Kinder, dnrcheiuanderlausend und kriechend, aber alle mit scheuem, verschüchtertem Ausdruck in den Augen. Bepackt mit Bündeln, Taschen, Koffern, eine trostlose Bölkerkaralvane. Ztvei Männer hatten sich abgesondert, ein Greis mit langem, tveißen Barte und ein junger Manu mit roten Haaren und klugen Zügen. Die Wagen wurden geöffnet. Alle stürzten in tvilder Hast drauf zu, als ob sie sich nicht, rasch genug von Rußland entfernen könnte». Der Greis sagte: „Moritz, es ist Zeit." „Vater, eile nicht, ich kann mich nicht so rasch von dem Boden trennen, der unsere teueren Toten birgt." ' „Der Zug wartet nicht. Wir sind schon so weit von unserer .Heimat, daß hundert Meilen mehr nicht von Belang sind. Mutter und Isaak sind in Ganeden." „Ja, mit Knüppelschlägen nach Ganeden geschickt," sagte bitter der Jüngling. Ein Schauer durchrieselte seine Gestalt. Der Greis erwiderte milde: „Gott hat es geschehen lassen." Er stieg langsam ein. ( Moritz blickte mit haßerfüllten 'Augen nach den Grenzpfählen des nahen russischen Reiches hin. Er streckte den Arm aus und murmelte eine Verwünschung, nnhörbar den Menschen, aber sicher nicht ungehört von Gott. In Andersladt blüht eine große jüdische Gemeinde. Sie ist ein Uiiterstützungszentrum für die östlichen Juden, die von den Komitees über das Meer geschickt werden, sie zieht aber auch diejenigen Russen und Galizier an, die auf eigene Faust reisen. Manche der Fremdlinge blieben dort, nährten sich durch Hausieren, Handeln, Schnorren. Es waren eben nicht die besten Elemente, sie sich in Anderstadt ansiedelten und schließlich noch ihre Familien Nachkommen ließen. Hier rasteten auch die beiden Männer vom Bahnhof Prostken. Rabbi Brandes war ein Man» von großer Frömmigkeit und ein bedeutender Gelehrter, der seinen großen Reichtum zu einer unbegrenzten Wohltätigkeit verwendete und der in seiner russischen Heimat wie ein Heiliger verehrt wurde. Er hatte mit seinem Sohne die Ausivanderer geleitet und besuchte nun den dortigen Rabbiner Dr. Weinstein, der ehedem sein Schüler war. Dr. Weinstein war glücklich und stolz, seinen früheren Lehrer und dessen Sohn als Gäste aufnehmeir zu dürfen. Der Rabbi erzählte kurz, daß bei einer Hetze seine Frau und sein ältester Sohn ermordet worden seien und daß er seines Sohnes Moritz wegen, der nicht in Rußland bleibe» wollte, sich eine andere Heimat suche. „Aber reden wir nicht nur von mir, Gott hat's gewollt. — Wie sind die Verhältnisse meiner hier befindlichen Landsleute?" Dr. Weinstein konnte darüber nicht viel günstiges berichten. Die Fremde» fallen zum größten Teil der Gemeinde und der Stadt zur Last, und nur er, der Rabbiner, habe bis jetzt verhindert, daß die Leute von der Polizei ausgewieseu wurden. „So werde ich in Anderstadt bleiben und mich meinen Landsleuten widncen. Dann hat mein Leben noch ferner einen Zweck." „Gott segne Sie für diesen Entschluß, Rabbi, Sie können hier segensreich ivirken. — Aber was wird Ihr Sohn beginnen?" „Mein Sohn wird in seiner neuen Heimat ein Geschäft gründen, er ist ja in Deutschland ausgebildet worden. Es wird ihm mit Gottes Hülfe nicht all zu schwer werden, da wir unser Vermögen gerettet haben." 1 „Ich dachte, er ginge nach Amsterdam ans die Jeschiwah?" „Mein Bruder in Hamburg, den er zuerst besuchte, schrieb mir, der Junge habe keine Neigung zum studieren, er würde ihn gerne bei sich behalten und zum tüchtigen Kaufmann heraitbilden. Moritz bat mich, ihm den Wechsel seiner Laufbahn zu gestatten, und versprach mir, trotz alledem das Talmndstudium fleißig zu betreiben." „Jetzt müßten wir eine bequeme Wohnung für Sie suchen, Rabbi, in der Sie sich heimisch fühleu." „Aber nicht prunkvoll. Die armen Leute sollen sich Nicht scheuen, zu mir zu kommen. Doch ordnen Sie das bitte mit meinem Sohn, der kennt die deutschen Verhältnisse und meine 'Wünsche." Mit einem warmen Händedruck trennten sich die Männer. — Kapitel. Die Familie des Kaufmanns Werner Ivar um den Kasfretisch versammelt. Der Vater las die Zeitung, die Mutter trank in kleinen Schlückchen ihren Kaffee, der Sohn und die Tochter unterhielten sich leise. Der Vater blickte auf und fragte: „Bett», wie hast Du Dich gestern Abend unterhalten?" Das Mädchen lachte. „Unterhalten — sehr wenig, getanzt — sehr viel. Hast Du das denn nicht gesehen, Papa?" „Rein mein Kind. Ich wußte Mama und Dich in sicherer Hut und spielte unten meinen Skat, bis Ihr mich zum Heimgehen abholtet. Und Du Karl, Du bist so schweigsam." Karl, ein flotter Referendar mit hübschen, schon etwas verlebten Zügen, gähnte. „Ach, eS ist ja immer der gleiche Sums. Ich will auch diese jüdischen Festlichkeiten nicht mehr mitmachen. Die Herren alle so wohlgeordnet, nichts originales. Die jungen Mädchen nicht pikant, nein, ich weiß mir bessere Unterhaltungen." Der Vater sah ihn unzufrieden an. „Diese Ueberhebnng steht Deinen vierundzwanzig Jahren schlecht an. In der „Eintracht" sind .Herren, welche die Welt bereist haben, Kansleute mit weitem Blick und großen Kenntnissen, Aerzte und Professoren und die sind Dir nicht original genug? und die Damen genügen Deinen Ansprüchen ebenfalls nicht? Ich bedauere sehr, daß hervorragende Männer, daß Familien unserer Kreise Dich nicht kennen. Denkst Du denn nicht an Deine zukünftige Stellung? Du solltest unter den Ersten ein Gleicher sein und amüsierst Dich lieber mit Deinen Kumpanen im Wirtshaus. Werde doch endlich solide." Der junge Manu rückte bei dieser derben Zurechtweisung unruhig auf seinem Stuhl, dann sagte er: „Vielleicht werde ich mit den zunehmenden Jahren verständiger, vorläufig ziehe ich eine gemütliche Partie Billard mit einem Kollegen der ganzen „Eintracht" vor. Doch dies ist meine 'Privatansicht, lieber Papa, die ich nicht laut äußern werde." Er fuhr ironisch' fort: „Ich werde aber Deinem Wunsche entsprechen find auf den ferneren Festlichkeiten, die ich besuche, den Liebenswürdigen und den Mnstersvhn markieren. — 'Apropos Betty, wer war eigentlich "der rothaarige Jüngling, mit dem Du Dich so angelegentlich unterhieltest?" „Das ist ein Herr Moritz Brandes, ein sehr geistreicher Mensch. Der Einzige, der weder fade Komplimente macht, noch nnzähligemak gnädiges Fräulein sagt." „Brandes, was ist das, den Namen kenne ich nicht." „Er ist geborener Russe. — Er wohnt mit seinem Vater seit einigen Jahren hier. Tante Lina stellte ihn mir vor und sie, die sonst ziemlich hochfahrend ist. war sehr liebenswürdig gegen ihn. Mehr weiß ich nicht bon ihm." (Fortsetzung folgt.) SeSerplauderei. Es dürfte wohl kaum eine echt jüdische Hausfrau gebe» die nicht schon gleich nach Purim mit dem gründlichen Reinmachen ihrer Behausung beginnt. — In diesen vier Wochen wird das Oberste zum Untersten gewendet und umgekehrt: es 'wird nichts als gescheuert, gepicht und gerieben. Die Herren der Schöpfung finden cs das ganze Jahr hindurch nicht so nngemütlkch, als in dieser Reingnngszeit und wissen nicht, in welcher Ecke der Wohnung sie Ruhe finden könnten. — 'Aber tröstet Euch. Ihr Männer! mit Anbruch des 14. Rissans habet Ihr es wieder gcmiit- (>u'i in Eurem Heime, welches Euch während der Ssederabende noch einmal so traut wie sonst scheint.— Ja, wie schön, wie herrlich schön ist es, wenn man den Sieder im Kreise seiner Lieben feiern kann. Es dürste wohl kaum im Jahre auch nur eine Stunde geben, in der ein in weiter Ferne weilender jüdischdenkender und empfindender Jüngling so sehr die Fremde fühlt, als gerade am Pessach, während der Ssederabende. Wie viele solche dürfte eS wohl geben, die das Eintunken der Krauter in Salzwasser für überflüssig finden, wird doch das Einzutunkende, — wenn sie an die ssederabende, die sie bei ihren Lieben ververbrachten, zurückdenken, — durch das sie nnwittkürlich beschleichende Heimweh schon von ihren Tränen gesalzen! -Nein väterlicher Freund, der bei mir wohl eine derartige wehmutsvolle Stimmung ahnen mochte und diese i»i Keime ersticken wollte, lud mich vergangenes Jahr ein, die ersten Pefsachabende im Kreise seiner Familie zu verbringen. Daß ich dieser Einladung mit Freuden Folge leistete, wird man sich wohl denken können, ebenso braucht es wohl nicht erst erwähnt zrr werden, daß mein liebenswürdiger Gastgeber und seine als gastfreundlich bekannte Gattin, das erdenklich möglichste taten, mir das Weilen in ihrer Mitte recht heimisch zu machen. Wir feierten den Seder in gehobener, angenehmer Stimmung und, nachdem der vorgeschriebeae Teil der Hagodoh gesagt und vom Hausherrn wundersckön erklärt worden war, wurde das Beste der Küche ausgetragen. — Wir waren beim letzten Gang des nirklich hervorragend guten Diners angelangt, als ich mich plötzlich vor Schrecken einer Ohnmacht nahe fühlte! Ja, lvas war das, sehe ich recht, oder ist cs nur ein Traum? Man stellte Butter ans den Tisch! Butter bei einer fleischigen Mahlzeit! Hub dies mußte ich im Hause der mir als gewissenhaft und streng religiös bekannten Familie, die selbst die kleinste Vorschrift mit gleicher Wichtigkeit als den größten „Din" befolgt, sehen. Ich war einfach sprachios. Die Hausfrau, die sich an meinem Schrecken zu weiden schien, rief mir zu: „Bedienen Sie sich nur ganz ungeniert, denn Butter auf Mazzoh gestrichen, schmeckt einfach wunderbar." — Bevor ich einer Antwori mächtig war, fuhr dieselbe in ihrem Gespräche fort: „Es tut mir herzlich leid, daß ich Sie jso erschreckte, mein lieber Gemahl wird Ihnen, da ich rasch zur Küche nncß, über diese Butter Aufklärung geben oder wollen Sie diese von mir hören? Wenn ja, so gedulden Sie sich nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder da." — In der Tat war meine liebenswürdige Wirtin nach kaum einigen Minuten wieder ins Zimmer getreten. „To", sprach sie, „eigentlich müßte ich Ihnen zürne» und 'Ihnen keine Aufklärung geben, weit 'Sie auch nur den kleinsten Gebauten anfkommen ließe», wir führten keinen ganz koscheren .Haushalt." „Ja aber", — siel ich ihr, auf die Butter zeigend, ins Wort — — „Gemach, lieber Freund, lassen ^ie mich nur anssprechen. Es scheint mir, als hätten Sie keine Ahnung davon, daß es jetzt in der Rahrnngsmittelbranche eine neue Erfindung gibt; es ist das ein vegetabiler Bntterersatz und wird unter dem Namen „T o m o r" in den Handel gebracht. — Versuchen Sie mal dies „Tomor" und Tie werden sehen, daß Sie keinen Unterschied zwischen der feinsten Süßrahmbutter und „Tomor" finden." — „Ja, woher wissen Sie aber, verehrte Frau, daß „Tomor" koscher ist und auch zu Fleischspeisen verwendet iverden darf?" erlaubte ich mir, schon etwas kleinlauter, zu erwidern. — FJch dürfte Ihnen eigentlich zum zweiten Male wegen Ihres Mißtrauens keinen aicfklürciiden Bescheid geben, aber ich will ihr Gelvissen nicht länger beunrnhigen, „Tomor" wird unter 'Aufsicht und Leitung eines von sr. Ehrwürde» Herrn Rabbiner Dr. B. Wolf, Köln, angestelkie» und inspizierten Beamten hergestellt und darf sowohl für Fleischals auch Milchspeisen verwendet werden." — „Ja, dies ist aber eine herrliche Erfindung", erwiderte ich, „und ich bin durch diese 'Neuigkeit für den nusgestandeiien Schrecken reichlich belohnt." „Sie hatte» eigentlich schon bei den Fischen einen solchen Riesenschrocken bekommen müssen", sprach die liebenswürdige Dame, „da auch diese mit „Tomor" znbereitet waren, denn wie wäre es möglich gewesen, ohne „Tomor" eine solch' wunderbare Bnttersauee, herzustellen. Daß Ihnen das Kalbfleisch vorzüglich »iiinderc, sagten Sie ja vorhin selbst und sehen Sie, lieber Freund, auch dieses war mir „Tomor" zubereitet."

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