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Neue jüdische Presse · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Gerte 2. jctzes. — Aus der Freiheit zum Siege von Recht und Sittlichkeit. Deshalb laßt uns die Freiheit erobern! Wiener Brief. Wien, Ende März 1907. Die Agitationsarbeiten für die am 14. Mai d. Js. stattfindcndcn Reichsratswählen sind bereits im vollsten Gange. Am energischsten ist natürlich die christlich-soziale Partei mit ihrer bombastischen Reklame in den Wahlkampf eingetreten. Alles, was sie an alten Partciphrasen aus dcnr Archiv christlich-sozialer Vcrdummnngspolitik auftreiben konnte, hat sie mit den Sozialdernokraten und den nationalen Parteien abgclanschtcn Forderungen ausstaffiert, um jo den Anschein der allein die Volksinterefscn im wahrsten Sinne des Wortes vertretenden Partei zu erwecken. Ja, der schlaue Dr. Gestmann und sein blaublütiger Kampfgenosse, der antisemitische Dreschprinz Alois von Liechtenstein hoffen sogar, daß die christlich-soziale Partei als Regierungspartei ihren Einzug in das neue Haus halten wird. Und zu diesem Zweck berühren sie in ihrer Schlauheit in ihreni jüngst proklamierten Wahlaufrufe mit keinem Sterbens-- wörtlein ihre antisemitische Tendenz, um so den an eine Regierungspartei gestellten Ansprüchen ja nur gerecht zu werden. Man sieht, wie sich die Herren Christlichsozialen mit ihrem Programm zu wenden und drehen verstehen, wenn es gilt, eine Ministcrpartei zu werden. Doch hoffentlich werden unsere Juden noch so viel Vernunft auibringeu, um diese so grob und dumm gefügte Hintertürenpolitik zu durchschauen. Freilich darüber ist sich schon jeder klar, daß die christlichsoziale Partei, die in allen Bezirken Wiens ihre Kandidaten aufgestellt hat, als eine der größten Parteien ins neue Haus einziehen wird. Anders stehen die Chancen für die abgckrachte deutsch-fortschrittliche Partei, welche die letzten Rehabiliticrungsversuchc macht. Sie ist nur in einigen Bezirken in den Wahlkampf eingetreten und gilt überhaupt nur mehr als Partei, die einmal war. Von der sozialdemokratischen Agitation hört man relativ wenig, obzwar die Sozialdeniokraten, die ebenfalls in allen Wiener Bezirken in den Wahlkampf eingetreten sind, sicherlich einige neue Mandate erobern werden. Gleichwohl scheint die sozialdemokratische Niederlage bei den deutschen Reichstagswahlcn nicht ohne Rückschlag auf die österreichischen Reichsratswahlen zu bleiben. Am kritischsten und für uns Juden am bedeutungsvollsten dürfte sich der^ Wahlkampf im 5. Wahlkreise, in der Lcopoldstädt, gestalten, wo die Juden ringefähr 60o/o der Wählerschaft ausmachen. Um dieses Mandat bewerben sich nicht weniger als 6 Kandidaten. Ein Christlich-Sozialer, ein Sozialdemokrat und 4 Juden: der „deutsche" Sozialpolitiker Dr. Ofner, der „deutschfortschrittliche" Klebindcr, der unabhängige jüdische Dr. Bloch, Herausgeber der „Ocstcrr. Wochenschrift" uird der Kandidat der Zionisten, Präsident des österr. Landeskomitees, Dr. Schalit. Da die Christlich-Sozialen wegen der oben erwähnten Minorität in diesem Wahlkreise eine absolute Majorität nicht erringen können, so kommt der christlich-soziale Kandidat notwendigerweise mit einem der 5 anderen Kandidaten in die Stichwahl. Der „Deutsch-Fortschrittliche" scheint ebenso wie der Sozialdemokrat in diesem Wahlkreis keine großen Aussichten zu haben. Chancen hat eher Dr. Ofner, der Deutsche mosaischer Konfession, wie er im Buche steht. Bedauerlicherweise konnten die Unterhandlungen zwischen Dr. Bloch und Dr. Schalit bis jetzt zu keineni Resultate führen. Doch täte Dr. Bloch, dessen Programm überhaupt kein Programm ist, und der nur eine kleine Klique persönlicher Anhänger hinter sich hat, am vernünftigsten daran, zu Gunsten Dr. Schalits zurückzutrcten. Zionistischcrseits schreitet die Agitation rüstig vorwärts. Besonders rührig erweist sich wieder die Studentenschaft und der „Poale Zion", die sich bereitwilligst zur Agitation zur Verfügung stellten. Frimkfurter JsraelWMS FamikkerÄaÜ. Im Cafe Zentral Ivird ein Reklamationsbureau unterhalten, in dem Studenten den Dienst ver-. sehen, denn cs zeigte sich, daß insbesondere viele jüdische Wähler in den neuen Wahllisten nicht enthalten sind. In kürzester Zeit finden Agitntionsvcrjammlnngcn für die einzelnen Branchen statt, und man beginnt, sich für den großen Wahlkampf allmählich vorzubereiten. Ben E s r a. Nord au uud Marmore! über den Zionismus. Paris, d. 24. März. Gestern fand hier eine große zionistische Versammlung statt. Dr. Nordau präsidierte. Nach Verlesung einer Begrüßung seitens Pariser Territorialisten, die zur Eintracht zwischen Zionisten und Territorialisten aüffordert, hielt Nordau folgende Rede über die jetzige Lage des Zionismus: In einigen Wochen wird oas große Aktions- Komitee den 8. Kongreß festsetzen. Wir kommen diesmal nicht wieder zum Kongresse mit einer Anarchie im Kopfe über unsere Idee», über das, was der Zionismus richten und machen soll. Doch wenn einer glaubt, daß nach den bedauernswerten Ereignissen des letzten Kongresses nun alles einig und ruhig im Zionismus sei, so ist man im Irrtum. Nein, die Parteidiffereiizen sind noch so stark wie bisher! Hierüber müssen wir uns selbst Klarheit bringen, um mit klaren Ideen auf dem Kongreß zu erscheinen. Man kommt zu uns mit demonstrativen Forderungen der Gegcnwartsarbeit! — Wir Zionisten der ersten Stunde wußten immer, was wir wollten, wir zweifelten nie, daß eine lange und schwere Arbeit uns bevorsteht, daß ein „Dor Hamidbar" anssterben muß, bis mir ihren Kindern eine golusfreic Zukunft vorbercitcn werden. Jetzt kommt man, und man sagt uns: Da das Volk leidet, da cs ungeduldig ist, müssen wir eine praktische Gcgcnwartsarbeit in Palästina treiben. Man vergißt gern, daß das Feuer Zions tief im .Herzen des Juden brennt, — und daß cs heißt das Ideal verkleinern, von seiner hohen, prophetischen Höhe niedrrstürzcn, wenn man kleinliche private Unternehmungen als die Lösung der nationalen Frage angibt. Mir ist es kein Zweifel, ob z. B. 90 Schüler einer in Palästina gegründeten Schule mehr dem Volke imponieren iverden als die ewige .Hoffnung der Erlösung des jüdischen Volkes. Man muß daher das Ideal der Erlösung Hochhalten und nicht in kleine Münzen umwechscln. Man muß das Volk unter denr Banner dieser Idee organisieren und erziehen, bis die Mittel und der Moment uns eine große nationale Arbeit erlauben werden. Ich begrüße jede Privatinitiative in Palästina, ich bin für jegliche Art Vorbereitung und Vorsehungsarbeit: aber die „Gegenwartsarbeit" als Ideal und Ziel des Zionismus zu betrachten, ist ein Verbrechen gegen das Basler Programm. Denn bei der jetzigen politischen Lage, mit unseren begrenzten Mitteln bauen wir alles in Palästina auf Sand auf, der kleinste Wind wird alles wcgtragen und unsere Bewegung damit. . . . Jede derartige Arbeit ist verfrüht und wird sicher scheitern. Außerdem haben wir dem Volke gegenüber eine Verantwortlichkeit auf uns genommen, und wir haben kein Recht, unsere finanziellen Institutionen solcher Arbeit zu widuicn. Also, Klarheit im Programm und Begriffen, Erhaltung des nationalen und politischen Ideals und unserer schwachen National-Jnstitutionen, — damit sollen wir zum 8. Kongreß kommen! Mehrere Redner nahmen das Wort, u. a. Dr. W e i z m a n n aus Manchester, der erklärt, daß eine kleine praktische Tat häufig mehr wirke als eine schöne Idee, und der glaubt, daß im Augenblick politisch nichts geleistet werden kann. Dr. M a r m o r c k erklärt: Es ist leider wahr, daß uns politischen Zionisten von den praktischen eine Kluft scheidet. Wir kommen auf den 8. Kongreß nicht mit der Frage, was man tun soll, sondern was man nicht tun soll. Wir politischen Zionisten wollen keine neue, zionistische Chaluka in Palästina schaffen; mir wollen nicht, daß man Nr. 13. von der nationalen Bank eine Agrarbank machen soll! Unsere praktische Arbeit besteht in „Imponderabilien" und diese haben mehr Boden als die Pflanzungen, die man in Palästina macht. Es soll in Palästina gearbeitet werden; aber man soll nicht behaupten, daß das unser Ideal sei, man soll die große Hoffnung nicht totschlagen. Es sind Klüfte, in unserem Lager wie vorher — ich mcincrseits bedauere tief das Ausscheiden von vielen nützlichen und energischen Kräften auf dem letzten Kongresse — denn jetzt will man neue Unterscheidungen zwischen Praktischen und Unpraktischen, zwischen Occidentalcn und Orientalen, und damit die zionistische Bewegung in eine kleine Partei umwandcln. Ahmen Sie nicht .HelsingforS. und gewisse Paote - Zionisten nach! Sagen Sic nicht, daß die politische Arbeit unmöglich ist! Verstärken und vermehren Sie lieber unsere Kräfte und Büttel und setzen Sie nicht alles auf eine KarteEin großes Wort kann mehr als kleinliche Taten schaffen. Treu Hcrzl's Programme kommen wir zum Kongreß! Dr. Nordau schließt die Sitzung mit der Erklärung: „Der Zionismus steht und fällt mit dem Willen des Volkes. Wird es wollen, dann wird iJjm der Wille die Kraft geben, seine Pflicht zu tun und sein Ziel zu erreichen. ..." Sl. S. Die Woche. Das begonnene Knkturwerk Rumäniens: „Pogrome gegen die Juden" ist ihm trotz aller Vorsicht in der Vorbereitung teuer zu stehen gekommen. Die Pogrome haben über das Ziel hinaus geschossen, anfangs vorschriftsmäßig ausschließlich gegen die Jude», dehnen sie sich jetzt auch auf die christlichen „echten Rumänen" aus. Nicht einmal einen P o - g r o m kann eine rumänische Regierung richtig ausführen. Wenn Rußland Pogrome veranstaltet, geht alles wie am Schnürchen, beginnt und endigt alles zur b c st - m m t e n Stunde, nur bestimmte Straßen und bestimmte Häuser werden zerstört und Juden, nur Inden werden da massakriert und ruiniert: Rußland ist eben eine Großnracht.... Auch daS kleine Rumänien wollte Großmacht spielen, 'aber cs erging ihm wie Haman und Pharao einst: dieselbe Mörderhand, die sich ausschließlich gegen die Juden richten sollte, wandte sich mit Ingrimm gegen privilegierte Rumänen, zerstörte, demolierte das Eigentum hochmögender, adliger Christen, sie schonte sogar nicht das Leben der Herren Minister. Die rumänische Regierung hat an den offensichtlichen Unterschied zwischen ihr und Rußland nicht gedacht: Rußland organisiert seine B c a »ü e n für den Pogrom, Rumänien seine notleidenden, erbitterten Bauern, die in ihrer Erbitterung kein Maß und kein Ziel kennen. Nun hat Rumänien mit seine» Pogromen nicht nur kein gutes Geschäft,!vie es anfangs schien, gemacht, sondern ein sehr schlechtes, denn außer dem Leben vieler Rumänen hat es auch den Verlust vieler Millionen, die durch die Zerstörungswutder Bauern zug-runde gingen, zu beklagen, dies ist für uns Juden — wir sagen es offen — eine Genugtuung, wenn wir auch die unschuldigen Opfer — zum mindesten wie alldiejeuigcn, die christliche Liebe heucheln — aufrichtig bedauern. Und noch eins: Für Rumänien wird es eine gute Lehre sein. . . Und vielleicht — wer weiß, ob es nicht aus diesem Mißerfolg mehr Erfahrung ans dem Pogromgebiete f ü r die Zukunft ziehen ivird .... Und die Lehre, die das jüdische Volk aus diesen fortwährenden Katastrophen ziehen muß? — Neue Lieder, alte Töne! Die Geschichte Ahasvers scheint sich wiederholen zu wollen, die neuen Blätter wollen nichts bedeuten, wenn der Inhalt alt ist. Den» ist das Geschick Judas jetzt um ein Jota besser als zur Zeit Pharaos? das einstige: „Howo nischakmo!" tönt schrill in unsren Ohren . . . Doch das Schlimmste ist, haß es keine Rettung gibt. — Wohl lebt unser Gott wie zur Zeit Pharaos, doch — wo ist der große Führer Moses, der die Gesunkenen aufrichtet und das „Erewraw" in der Gestalt unsrer liberalen Kreaturen n la Bier uud Konsorten, die alles Gute: Jüdisches Ehr- und Mitgefühl, jüdischen

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