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Neue jüdische Presse · 1907-03-29 · Heft 13 (29.3.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 13 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^tanflfutUx ZlmlitWs familirntilatt. <!—- --.-—7» Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4.- ■ - ■ HedaKtto« und Geschäftsstelle: Frankfurt s. ITC., Lleichstraße 2, «cke vilbelerstraße VtCefttt 10507. Hera«sgever: faljj Geis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. rs Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Ueberedckunft. 5. Jahrgang. Freitag, den 14. Mssrm 5667 (29. März 1997). Ro. 13. 9G* Des Ucjarijfcjtrs wegen erscheint! die nächste Unmmer Freitag den 12. April. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Bedeutung der jüdischen Freiheit, von Dr. Benno Fischer. — Wiener Brief. — Nordau und Marmorek über den Zionismus. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Megille als Lebensretter. — Ost und West. — Sederplauderei. — Familiennachrichten. Die Bedeutung der jüdischen Freiheit. Zum Pesachfeste! Von D r. B e n n o Fische r. Freiheit! Größtes und Heiligstes unter den Gütern, den vergänglichen und unvergänglichen, deren Besitz des Menschen Heil, deren Verlust des Menschen Grab. Nur in der Freiheit ist Leben — außer ihr herrscht der Tod. Freiheit! Tie ist es, die den Menschen erst zum Menschen macht, ihn ans den Niederungen der Tierwelt zur Höhe der Gottebenbildlichkeit erhebt. Die Knechtschaft ist tierisch — sie entwürdigt — die Freiheit ist göttlich, sie adelt und erhöht; durch sie kann der Mensch aufwärts streben, zu Gott sich erheben, der selber Freiheit ist. — — Wohl reden der Völker viele von der Freiheit: ihre Dichter besingen ihre Größe, ihre Denker preisen ihre Macht, mannhafte Jünglinge entflammen sich an ihrem Zauber, jugendstarke Männer berauschen sich au ihrer Pracht, selbst lebenssatte Greise erheben sich noch in Erinnerung an ihren holden Schein — doch zum erstenmal erfahren der Freiheit volkschasfende Kraft, znm erstenmal begriffen der Freiheit weltgeschichtliche Größe hat doch mir jener verachtete Jndcnstamm, der durch Gottes zwecksetzende Vorsehung erlöst und befreit, geadelt und erhoben ivard an Piedestal der Weltgeschichte. Der berühmte deutsche Philosoph Hegel, der Philosoph kat exochen des neunzehnten Jahrhunderts, der durch seine dialektische Methode Berge zu versetzen und die Erde ans ihren Angeln zu heben vermeinte, der aus logischen Begriffen ein Weltsystem sich erbaute und mit seiner Zauberformel die Rätsel der Natur zu entschleiern und die Ziele der Geschichte zu enthüllen unternahm; dieser Mann, der mit Recht als der philosophische Genius des Aricrtums betrachtet werden darf, er spricht den bedeutungsvollen Gedanken ans: daß das Ziel der Geschichte die Freiheit sei; der Gang der Weltgeschichte strebe dahin, in stetiger Entwicklung und unaufhaltsamem Fortschritt immer größere Freiheit im Menschengeschlecht hervorzutreiben und zu gewährleisten. Nach dieser Anschauung, die für den nichtjüdischen, für den arischen Geist — und zwar in seiner geläuterten und verfeinerten Form — sehr charakteristisch ist, steht die Freiheit am Ende der Entwicklung, als Abschluß allen menschlichen Strcbens und sittlich-rechtlichen Wirkens, als zu erreichendes Ziel des ewigen Fortganges in der Weltgeschichte, als reifste F r u ch t höchster Kultur, die von ferne ivinkt, am Zielpunkt eines kommenden Reichs, eines goldenen Zeitalters der Zukunft — der Zukunft, die vielleicht nie Gegenwart wird und in aller Elvigkeit Zukunft bleibt. So das Aricrtnm. Das Judentum aber weiß es anders: i h m st e h t d i e F r e i h c i t a m A nfang s e i n e r G e s ch i ch t e. In der Weltanschauung des Judentums steht die Freiheit als P o st u - lat, als geforderte Voraussetzung am Beginn allen humanen, sittlich-rechtlichen Wirkens: ans der Freiheit erst erblüht hier Recht n n d Sittlichkeit. Gleichwie die Weltanschauung des Judentums die Natur als' geschaffen, als aus dem unmittelbaren Schöpferwillen Gottes hervorgcgangen, an den Anfang alles Seins und Werdens hinstcllt, die Natur nicht sich cntwickeln läßt, vielmehr sie durch das frcischöpferischc „Es werde!" postuliert, ohne Uebcrgang, ohne Entwicklung an den Anfang setzt („Am Anfang alles Werdens hat Gott Himmel und Erde geschaffen") —: so steht auch die Freiheit an der Schwelle der Geschichte des jüdischen Volkes, nicht als ein Ergebnis der Entwicklung dieser Geschichte, vielmehr als Voraussetzung derselben. Die Geschichte des jüdischen Volkes beginnt in der Stunde, da seine Freiheit geboren lvard. Die Freiheit eröffnet ihm sein Volksleben, seine Wirksamkeit inmitten der Völkerwelt, seine Wirksainkeit, die darin besteht, die Gedanken des Rechts und der Sittlichkeit durch die Geschichte zu tragen. Das jüdische Volk, es mußte erst seine Freiheit erlangen, um als Volk unter den Völkern seine göttliche Sendung zu empfangen; denn nur dem freien Israel konnte das Sinaigesetz, das Gesetz des Rechts und der Sittlichkeit, überantwortet werden! Denn Freiheit ist die Quelle aller wahren, aller göttlichen Kultur; Sittlichkeit und Recht haben ihre Wurzeln in ihr. Ohne Freiheit, ohne persönliche Freiheit, die Freiheit der eigenen Individualität, ist ein sittliches Handeln nicht möglich. Ist unser Wille durch fremde Willkür beschränkt, haben wir unsere Persönlichkeit nicht selber restlos zu eigen, sondern sie ist einem Fremden untertan; sind lvir in unserem Tun und Lassen von einer äußeren Macht abhängig: dann sind unsere Handlungen nicht Aeußerungen unserer eigenen Ueberzeugungen, sie sind dann nicht untrügliche Zeichen dessen, was wir im Herzen für wahr und gut anerkannt, sie sind vielmehr Taten eines Sklaven oder Heuchlers, sie sind unsittliche Handlungen. Nur aus Freiheit erblüht Sittlichkeit! Aber auch das Recht, das wahre, das göttliche Recht, kann nur der Freiheit entsprießen. Allerdings, das Recht, das man in außerjüdischen Kreisen als solches kennt, das Recht, das nichts anderes ist, als kodifizierte Macht, indem dieses Recht nur das in Paragraphen setzend „heiligt", was die Macht unheilig schon vorweggenommen, an sich gerissen hat: dieses Recht fließt nicht aus der Freiheit, vielmehr aus der Knechtschaffenh e i t. Dieses Recht gründet sich nur auf die eigene - lk e b e r macht und die fremde O h n macht; darum ist auch, nach der trefflichen Formel Lajsalles, dieses Recht nur soviel iocrt, als Macht dahinter steht. — Das jüdische Recht aber hat seine Grundlage in der Freiheit, in der Freiheit aller. Im Judentum gilt nicht das Wort: „Du mußt herrschen oder dienen", hier ist niemand Amboß und niemand Hammer; hier kennt man nur ein Herrschen: die Herrschaft über sich selbst, und ein Dienen: den Dienst Gottes. Bor dem jüdischen, dem göttlichen Recht geht darum weder zeitlich noch logisch die Macht, sondern die Sittlichkeit, denn das jüdiiche Recht ist nichts anderes als die Anwendung e t h i s ch e r P o st n l a t c, s i t t l i ch e r G es e tz e auf das soziale Leben, die Form, in der die Sittlichkeit, im sozialen Leben verwirklicht, Tatsache wird. Und auch der Wert des jüdischen Rechts hängt nicht davon ab, wieviel Macht, menschliche Macht, dahinter steht — hinter dem jüdischen Recht steht: Gott! So ist Freiheit das Fundament von Sittlichkeit und Recht. Sittlichkeit und Recht aber sind der Inhalt des göttlichen Gesetzes, das Israel anvertraut ivard. * Das forschende Sinnen über die Bedeutung der jüdischen Freiheit führt uns aus der in dämmeriger Ferne schwebenden Vergangenheit auf den Boden der lebenswarmen Gegenwart zurück, und da frage» wir: Wie steht es heute mit unserer Freiheit? Tic Völker alle, rings um uns her, sie haben ihre Laufbahn in Unfreiheit begonnen, und siehe! sie kämpften sich empor zu immer größerer Freiheit — und Israel, das seine Wirksamkeit in der Weltgeschichte mit der Freiheit angetreten, es hat sie immer aufs neue eiugebüßt, es steht auch heute wieder unfrei da, gedcmütigt, gehetzt und geknechtet. Das jüdische Volk hat ehrlich mitgerungen für die Freiheit der Völker, und nun gönnen ihm die Völker seine Freiheit nicht! Was nützt es, daß es so groß und herrlich begonnen, wenn es so klein und schinlpflich enden muß? Was frommt's ihm, daß an seiner Wiege die Freiheit ihm gekachelt, wenn am Elche die Knechtschaft ihm das Grab gräbt? — Ist schließlich die arische Auffassung die richtige, wonach aus Recht und Sittlichkeit erst sicher die Freiheit erwächst, und nicht die jüdische Anschauung, die die umgekehrte Reihenfolge sesthält, wonach Freiheit der Grund und das Fundament ist für Recht und Sittlichkeit? — — Die Antwort ist uns nicht schwer: die Freiheit, die unseren Vorfahren in der Stunde, in welcher sie als Volk in die Welt traten, als bedingende Mitgabe für ihre Wirksamkeit in der Geschichte ward, diese Freiheit kann auch den späten Nachfahren nicht verloren gehen, denn sie ist das Fundament des göttlichen Ge-

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