Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Frankfurter Israelitischer Familienblaü. Nr. 12. werden — nicht etwa weil derselbe — wie Engels meint — blos eine „philosophische Schrulle" sei. Gerade umgekehrt! Marx wußte sehr gut, daß der theoretische Zweifel an der Weltrealität wichtig genug ist und praktische Folgen haben muß, da dadurch die Menschheit von der „Dicsscitigkeit" abgelenkt wird. Der Glaube an die Weltrealität muß festgehaltcn werden, um die Augen Aller auf die realen menschlichen Beziehungen zu richten, um die soziale Gerechtigkeit nicht mehr ins Jenseits zu verlegen, sondern hier auf Erden herzustellen. War aber die jüdische Gesetzgebung konimnnistisch? Das war sie nicht. Der atomistischc Individualismus wie auch der Gebranchskommunjsmus fanden in jener keinen Ort. Sic war nicht „antisozial" sondern sozial und eben darum nicht sozialistisch. Erst jetzt sind zum ersten Mal im historischen Zeitalter des Menschengeschlechts die Voraussetzung des Produktionskommunismus gegeben worden. Gemäß der sozial-technischen Entwickelung stellte auch das Arbeitsproletariat die Postulate von der Arbeit und von der Vergesellschaftlichung der Arbeitsprodukte auf. Das erstcre ist nicht neu. Wie gesagt, bildet dasselbe die Grundlage des Judentums. Das zweite aber ist die historisch möglich gewordene Folgerung aus dem crstcrn. HI. Marx übe r die Judengeschichte. Die merkwürdig-rätselhafte Geschichte Israels und seine problematisch-komplizierte Natur gab Anlaß zu den verschiedenartigsten und diametral entgegengesetzten Analogien. So findet Georg Brandes77) in der Psychologie des Juden und in seinen historischen Geschicken, oder Mißgeschicken, gemeinschaftliche Züge mit denjenigen der Jrländer. Dasselbeheißblütige Temperament, dieselbe hochfliegende Phantasie: und dann auch dieselbe hartnäckige Verteidigungskraft gegen den gänzlichen Untergang, ohne doch die Macht zu haben, selbständig zu werden. Dagegen will Heine ,wic wir gesehen haben, eine nahe Verwandtschaft erblicken zwischen den „altoricntalischen Juden" und' den Germanen. Der deutschjüdische Poet fluchtete vielleicht, die Germanen zu chokieren durch einen Vergleich mit den Juden von heute, wie es z. B. Marx getan hat. Vielleicht haßt: er a uch dieselben zu stark, um sie eines Vergleiches mit den Germanen würdig zu finden. Heine liebte allerdings den „neuen Juden" nicht, wenn er — oder weil er — auch dessen „Tragik"?-) kannte, sie selbst erleben mußte. Uebrigcns ist der Haß — wie es schon die Alten erkannt haben — blos eine Abart der Liebe; während aber diese zum Entgegengesetzten und zur Ferne strebt, richtet sich jene meist auf das Verwandte und Nahestehende. Karlhle, der ein Sprößling der Puritaner war, glaubte in seinen Vorfahren die „alten Hebräer"?') wieder erkennen zu können. Er meinte, der Lcbcnsernst, der dem Puritanertum eigentümlich war, bleibe bis auf den heutigen Tag das Kennzeichen der jüdischen Seele.77) Marx endlich, der die gesamte Judensrage nur von der einen Seite, und zwar von der sozial-ökonomischen, betrachtete, fand — wie es auch zu erwarten war, — keinen Unterschied zwischen den. neuzeitlichen europäisch-amerikanischen Völkerschaften und den Juden. Wenn Heine von dem jüdisch-moralischen Charakter der „Protestanten in den germanischen Ländern, in Schottland, Amerika, Deutschland, Holland" spricht, so erklärt Marx, daß „der Jude um so größeres Recht au die Anerkennung seiner „freien Menschlichkeit habe, als die „fleie bürgerliche Gesellschaft" durchaus kommerziellen jüdischen Wesen, und er von vorn 71) S. „Die Hauptströmung" usw. (B. III). 7S) Gesammelte Werke. 7S) Geschichte der französischen Revolution. 7‘) Ueber Helden,Heldenverehrung usw. herein ihr notwendiges Element sei",* * * 7') als „der Christ nun mehr Jude als der Jude selbst" geworden sei. Die Behauptung, daß das Wesen des Juden kommerziell sei, ist alt genug. Aber „es hängt ja nicht vom Alter ab, sondern von der Begründung". Es fingt sich also: auf was diese Behauptung beruht? Die Legende vom jüdischen Schacher stammt eigentlich vom Mittelalter. Innerhalb der feudalen Gesellschaft bildete der Jude, der weder Grundbesitzer noch Erdarbeiter war, seine besondere soziale Organisation. Diese war der Prototypus der modernen Gesellschaft mit ihrer Geldwirtschast und mit den ihr eigentümlichen Gegensätzen. Der wilde Haß und die grausamen Verfolgungen, denen die mittelalterlichen Juden ausgectzi waren ,sind nur von der einen Seite religiösen Charakters gewesen, von der anderen Seite aber sozial-ökonomischen. Sie bildeten eine der Formen des Kampfes des feudalen Staates gegen die aufsteigcnde neue soziale Macht, der Naturgegen die Geldwirtschaft, des Dorfes gegen die Stadt, der Provinz gegen die Großstadt. In diesem Umstande liegt auch — nebenbei bemerkt — eine der Ursachen, die die Assimilicrung der mittelalterlichen Juden von den anderen Völkerschaften unmöglich machte. In der Tat, in einer Ständcgesellschast pflegte ein Stand des einen Volkes von demselben Stand eines anderen Volkes assimiliert werden zu können. Die Juden bildeten aber im Mittelalter einen besonderen Stand. Erst als dieselbe soziale Differentiation, die sich in der Judenheit schon längst vollzogen hatte, endlich auch in der Christenheit stattfand, wurde jene von der' Möglichkeit des Assimiliertwerdens ernstlich bedroht. lSchluß folgt.) Aus aller Wett. Rumänien. Bukarest. Bereits am 22. Februar schrieb ich in 'dieser Zeitung: „Mit dem Jahre 1907 scheint der Antisemitismus wiederum in alle Städte Rumäniens seinen verheerenden Einzug zu halten." „Man muß nicht von allzu großem Pessimismus beseelt sein, um mit bangen Gefühlen den kommende» Tagen entgegenzusehen." Wie der Telegraph bereits in alle Länder gemeldet hat, und wie in allen Tageszeitungen zu lesen ist, ist das von mir prophezeite leider eingetrosscn. Die Bauern hungern — und was ist da natürlicher, als daß die Juden die Kosten für die Fehlgriffe der Negierung tragen müssen. Tausende Bauern sind in die Städte und Städtchen gezogen — denn auf dem Lande läßt ma» ja Juden nicht wohnen — und habe» die Läden der Juden geplündert und zahlreiche Juden mißhandelt. Die bedeutende jüdische Gemeinde B o t o s ch a n i ist 'nicht mehr! Die Häuser sind ein Raub der Flammen geworden, und die jüdischen Einwohner sind geflohen. — Nach Tewpul und F r e e n o s c zogen 2000 Bauern, die ein Stcinbombardemciit auf die jüdischen Geschäfte eröffneten und in den Schenken und Branntweinläden die Getränke auf die Straße laufen ließen. — In I tz k a n h kampieren tausend Juden auf freiem Felde. — In P o d u l i l o i plünderten gewaltige Mengen Bauern die jüdischen Läden. — Ioascn, der Präfekt von Jassy, gab seine Demission wegen ungenügender Unterstützung seitens der Regierung. Es herrscht in der g a n z en M o l d a u eine unbeschreibliche Panik unter den Juden! Das Ende vom Liede wird wieder sein: Die Inden Westeuropas öffnen uns ihre Taschen; ihre Herzen werden sie uns aber auch weiter geschlossen halten, sonst hätten sie sich schon längst auf die einzige Hülfe, die Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina, besonnen. Amerika. New-Aork. Unter den 153 748 jüdischen Personen, die vom 1. Juli 1905 bis 30. Juni 1906 in den Vereinigten Staaten einwanderten, befanden sich '51141 gelernte Arbeiter (davon Schneider 18418, Damenschneider 2271, Schneiderinnen 3574, Schreiner und Zinnnerleute 4795 und Schuhmacher 2353), 8378 ungelernte Arbeiter und 1712 landwirtschaftliche Arbeiter. Berechnet man, daß die 77 143 jüdische Personen ohne Beruf meistens aus Frauen und Kindern be- 7') Gesammelte Schriften von K. M. trnd F. E. (Bd. 2, S. 219). stehen, so ergibt sich, daß die Vereinigten Staaten durch die Einwanderung der Juden hauptsächlich das ihnen so erwünschte Arbeiterelement erhalten. New-Nork. Der Antisemitismus nimmt im Lande der Freiheit dieselbe Entwicklung wie tu Deutschland, dem Geburtslande des modernen Antisemitismus. Antisemitische.Badeplätze und judenreine Hotels sind schon seit Jahren keine Seltenheit mehr. Auch die Studenten wetteifern in Bezug auf anticmitischc Allüren bereits mit ihren Kollegen in Deutschland. Am schlimmsten ist es damit an der Columbia-Universität bestellt. Der älteste und' angesehenste Klub der Universität, Philolexian, nimmt Inden satznngsgemäß nicht auf. 'Außerdem existieren noch zwei sogenannte Debattierklubs, die — auch ohne besondere Klausel in ihren Statuten — Inden den Eintritt verwehren. „The Columbia Svectator", eine von Studenten hcrausgegcbene Zeitung; läßt Juden zur Mitarbeiterschaft nicht zu usw. usw. — Die Folge dieser Zustände, von denen wir hier nur wenige Beispiele angeführt haben, ist — wie in Deutschland — ein Zusammenschluß der jüdischen Studenten zu jüdischen Verbindungen. - Personalien. Darmstadt. Geh. Hosrat Dr. Siegfried Gunde linger, Professor der Mathematik an der Techtischen Hochschule, hat sich mit Schluß des Semesters iciisioniereu lassen. Berlin. Getieimrat Dr. Senator, ordentl. Honorarprofessor für innere Medizin an der hiesigen Universität, feiert am 23. dss. Mts. sein 50jähriges Doktorjubilän'm. Freiburg. Dem außerordentlichen Professor Dr. phit. Alfred L o e w h (geb. 1873 zu Rawitsch) ist ein Lehrauftrag für Versicherungsmathematik erteilt worden. Hamburg. Landrichter Dr. Max Hinrichsen wurde zum Landgerichtsdirektor ernannt. Kassel. Frau Auguste Alsberg, hochgeschätzt durch ihre gemeinnützige Tätigkeit, die mit der Verleihung der Roten Kreuz-Medaille ihre Anerkennung 'and, ist gestorben. Krumvach. Im Alter von 96 Jahren starb (Frau Clara Landauer, die älteste Frau der Gegend. < Breslau. Landgerichtsrat Berwin erhielt bei icinm Uebertritt in den Ruhestand den Kronenorden 3. Klasse. Regicrungs- und Baurat Fränkel ist an das neubegründete Eisenbahn-Central-Amt in Berlin berufen worden. Regterungsrat Fränkel gehört deni Vorstande des „Vereins zur Förderung der Handwerke unter den Israeliten" an. - 'i'> iT: Randegg. Dienstag, den 12. März wurde Herr A b r. I. B l o ch im hohen Alter von 88 Jahren zur ewigen Ruhe gebettet. Abr. I. Bloch, der einer der ersten Juden war, welche sich überall im Gebiete des Cant. 'Schafs- Hausen frei niederlassen -und' dem Handel widmen durften, hatte sich eifrig an den badischen Freihcitsbchtrebnngcn im Jahre 1848 beteiligt, sodaß er einige Zeit das Asylrecht der freien Schweiz in Anspruch nehmen mußte, bis die Hessen den Belagerungszustand 'über Baden aufhoben und den Verbannten durch eine Amnestie die Heimkehr in ihr Vaterland wieder gestatteten. — Der Verstorbene erwarb sich aber auch in seinem Heiniatsorte Randegg durch seine persönlichen Eigenschaften große Verdienste und erfreute sich bei Christ und Jude uneingeschränkter Beliebtheit. Sein Leben war, wie auch der verehrte Herr Rabbiner Dr. Hoffmann in seinem Nachrufe hervorhvb, ein Leben der Arbeit im wahren Sinne des Wortes. Noch im hohen Greisenalter war ihm kein Wetter zu schlecht, keine Stunde zu früh oder zu spät, um sich chinaus zu begeben und seinem Berufe „achzugehen. Seine Gattin, mit welcher er, in inniger Liebe verbunden, ein Haus echt jüdischer Frömmigkeit führte, hat er 13 Jahre überlebt. B. m. Z. Prag. Gottlieb Bondy. einer der angesehensten Juden Böhmens, ist gestorben. Bondy, ein Urenkel des berühmten Gaons und Zaddiks Rabbi Abraham Bondy, des Verfassers des Werkes „Sera Awrohom", ivnrde 1832 in Prag geboren. Nach Absolvierung von vier Volksschulklassen trat er, 14 Jahre alt, in die väterliche Eisen- Handlung ein, deren Mitbesitzer er 1860 nach dem Tode seines Vaters und deren alleiniger Eigentümer er 1866 wurde. Unter seiner Leitung nahm' das Eeschäst einen solchen Aufschwung, daß es bereits in den 60er Jahren zu den größten seiner Art in Böhmen gezählt wurde. Im Jahre 1867 errichtete er eine Drahtnägelfabrik und ein Walzwerk, in welchen ursprünglich nur 100 Arbeiter beschäftigt waren. Zu Beginn der 80er Jahre beschäftigte die Fabrik bereits 360 Arbeiter, und ihre jährliche Produktion repräsentierte ein Kapital von 1,000,000 sl. Bvndy war der erste, welcher die Erzeugung von Telegraphendraht eingeführt hatte. Trotz der staunenswerten Energie, mit welcher Bondy 'an der Hebung seines Unternehmens rastlos arbeitete, stand sein öffentliches Wirken seiner Tätigkeit als Geschätzsmannes keineswegs nach. Schon 1863 war er Mitglied des Stadtverordnetenkollegiurüs und bald darauf Mitglied des Stadtrates. Fast 'volle