Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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eilage zu Nr. 12 des Frankfurter Israelitischen Famllienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Die Rechtfertigung des badischen Oberrats. — Alte und neue Juden, von Dr. F. Frankel (Bern). — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der zionist. Bewegung. — Briefkasten. Die Rechtfertigung des badischen Oberrats. Im „Verordnungsblatt des Grobherzoglichen Oberrats der Israeliten, ausgegeben Karlsruhe, den 14. März 1907", findet sich im nichtamtlichen Teil, der unter „Verantwortlichkeit des Großh. Oberrats, Geh. Oderregierungsrat Dr. Mayer" erscheint, eine längere Ausführung über die Gründe, die den Oberrat zum Rückzug in Sachen der Wahlrcchtsändcrung veranlaßt haben. Nachdem die Vorgeschichte mitgeteilt ist und festgestellt wurde, daß hinsichtlich de, Einzelheiten des Entwurfs eine 11 ebe re instimmung im Oberrat erzielt wurde, heißt es weiter: „Nun aber erhob sich im Schoße des Oberrats selbst ein prinzipielles Bedenken von entscheidender Bedeutung . . . wie leicht konnte die Zulassung der außertcrminlichcn Stimmabgaben zu unzulässiger Wahlbeeinflussung, und zwar nicht von Seiten der kirchlichen Behörden, Beamten und Bediensteten, denen der Oberrat volles Vertrauen schenkt, sondern von privater Seite führen. . . . . An demselben Tage, an dem s ich diese llebcrzeugung dem Respizienten des Oberrats ausdrängte — es waram 7. März — trat er für die Zurückziehung der Vorlage ein, welche tags darauf von dem Kollegium des Obcrrats beschlossen und unvcrweilt sämtliche Abgeordneten mit dem Aafügen mirgeteilt wurde, daß nach neuerlicher Erwägung die Zulassung der außerterminlichcn Stimmabgbe auch bei korrektester Haltung der Svuagogeuräte zu unlässiger privater Wahlbeeinflussung Gelegenheit und Anreiz geben würde. Es ist nicht ohne Interesse, dies festzustelleii, damit es etwa nicht den Anfchein gewinnt, als ob dir ganz unverständigen von haltlosen Einwändeu und unbegründeten Unterstellungen erfüllten Auslassungen, welche in Nr. 10 des „Israelit" vom 7. März und in Nr. 10 der „Jüdischen Presse" von:' 8. März gegen die Vorlage des Oberrats gerichtet worden sind, irgendwie ins Gewicht gefallen waren." Demgegenüber ist nun folgendes festznstellen: Am 7. März bis abends nach 9 Uhr, hat der Respizient des Oberrats, Herr Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer aus Karlsruhe, den Erwägungen, die nachher zur Zurücknahme der Vorlage führten, nicht Raum gegeben. Bis dahin fand nämlich jene Sitzung in Mannheim statt, die auf Veranlassung des .Herrn Dr. Mayer einbernfen wurde, der er anwohnte und in der der Entwurf eine vernichtende Kritik erfuhr, während Herr Dr. Mayer die Vorlage auf das Nachdrücklichste bis zuletzt verteidigte und außerdem erklärte, daß die Haltung der Mannheimer Gemeindevertretung kein Grund für eine Korrektur der oberrätlichen Ansichten sei. Es wäre daruni interessant, zu erfahren, wann und wo an jenem von ihm besonders betonten 7. März Herr Dr. Mayer „für die Zurückziehung der Vorlage ein trat", da er nach Schluß der für ihn resultatloscn Mannheimer Sitzung sofort nach Karlsruhe zurückfuhr. Weiter: Die Artikel des „Israelit" und der - „Jüdischen Presse", die zitiert werden, und die Artikel der ),Welt" und der „Jüdischen Rundschau", die nicht zitiert werden, sollen den Oberrat nicht zu seinem flnchtähnlichen Rückzug veranlaßt haben. Gewiß: die Artikel dieser Blätter erschienen später, denn Herr Dr. Mayer beeilte , sich — noch ehe bas Kollegium des Oberrats überhaupt tagen konnte — nach Mannheim' zu berichten, daß die Vorlage zurückgezogen sei. Aber die Gründe dieser Zeitungen' waren, identisch mit jsnen G r ü n d e n, die Hie. M ann h eim er Gemeind evertretu n g zu ihrer entschlossenen Stellungnahme veranlaßtcn. Einen Teil dieser Gründe macht sich das Verordnungsblatt selbst zu eigen. Waruni greift es aber nur die orthodoxe Presse au und nicht auch die Mannheimer Gemeindevertretung, da jene doch dem Oberrat im wesentlichen nichts anderes unterstellte, als es auch die Wortführer der Mannheimer Gemeinde taten! Warum verschweigt das amtliche Blatt nicht allein den wahren Sachverhalt, sondern sucht die Sache sogar so darznstellen, als ob der Oberrat aus s i ch h c r a u s die Zurücknahme be-!chlosseu hätte, als ob „im Schoße des Oberrats selbst" jene Bedenken entstanden wären, während im Oberrat vielmehr — >vie das Verordnungsblatt konstatiert — volle llebereinstimmnng über die Zweckniüßigkeit der Vorlage herrschte und der Respizient des Oberrats nur unter dem starken Truck der Mannheimer Gemeindcrepräsentanz nachgab! Wir sind nicht geneigt, den Oberrat so nieder cinzuschätzen, wie es das Verordnungsblatt tut, und wollen nicht glauben, daß er nicht die Gefahren der Wahtbeciuflussuug und die Gefährdung des Wahlgeheimnisses ebenso erkannt hätte, wie jeder, der die Vorlage auch nur einer primitiven Prüfung unterzog und wie sie die jüdischen Zeitungen fast einmütig feststellten. Oder wären ihm nur j e n e Mängel klar geworden, die als a u s d r ü ck l i ch e B e st i m m u n g c n in seiner Vorlage stehen und eine vortreffliche Stütze seiner Ziele bedeutet hätten! Wäre der Oberrat wirklich so einseitig, daß er annehmeu konnte, daß seine Gegner die kirchlichen Behörden einfach würden schalten und walten lassen, um die Stimmzettel allein von denen abznholen, die ihnen ihrer Bemühung würdig schienen, ohne wenigstens zu versuchen, der behördlichen Einmischung ein — wenn auch schwieriges — Paroli zu bieten! Wäre der Oberrat wirklich jo voreingenommen, zu verlangen, daß man die Möglichkeit einer. Wahlbeeinflussnng durch die Synagogenräte oder ihre llnterbeamten ignoriere: Es ist völlig nebensächlich, ob der Oberrat den kirchlichen Behörden, Beamten und Bediensteten volles Vertrauen schenkt. Die. Möglichkeit einer Beeinflussung genügt schon, abgesehen davon, daß das Vertrauen auch bei den Wählern vorhanden sein muß, was sich schlechterdings gar nicht konstatieren läßt- Wie dem auch sei! Man muß ausdrücklich wiederholen, daß die orthodoxe Presse, die vom Verordnungsblatt angegriffen wird, nichts anderes tat, als die Mannheimer Gemeindevertretung, über die sich der Artikelschreiber ausschweigt, und darum ist es diesmal im höchsten Grade deplaziert, wenn das Verordnungsblatt in einem kühnen liebergang als Verteidiger der Städte auf dem Plane erscheint und sie mobil zu machen sucht, well der „Israelit" den „indifferenten Haufen in den Städten" angegriffen hat. „Das ist die Quittung des orthodoxen Zentralorgans für die bedeutenden Opfer, die die städtischen Israeliten .... zur llnterstützung der meist konservativen Landgemeinden .... alljährlich gebracht haben," ruft cs emphatisch aus. Verwechseln wir nicht die Begriffe! Der „indifferente Hansen in den Städten" stand auch diesmal gleichgültig bei Seite. Aber von jenem „Haufen" lösen sich doch allmählich Gruppen ab. Es sei immer wieder gejagt, daß der nicht indifferente Teil der städtischen Bevölkerung, darunter der größere Teil der Gemeindevertretung der ultraliberalsten Gemeinde des Landes und hauptsächlich selbst Männer ultraliberalster Richtung, sich in dieser Angelegenheit mit den Ansichten der Orthodoxen identifizierten und daß darum jeder Versuch, den einen gegen den anderen auszuspielen, in diesem Fall von vornherein ohne Erfolg ist. Znm ersten Male wurde bewiesen, daß der Jndifferentismus in den Städten seinen Höhepunkt erreicht hat und daß man nicht mehr eine Bevormundung seiner Behörden ohne alle Kritik hinnehmen will, denn auch in Frcibnrg setzte die Protestbetvegung ein, und gerade an dem Tage, an dem der Entwurf zurückgezogen wurde, sollte eine öffentliche Versammlung dort stattfinden. Das ist der Lichtpunkt in dieser Affäre. Uns Zionisten mag eS noch zur besonderen Genugtuung gereichen, daß cs die Unserigen waren, die hierbei sowohl in Mannheim, wie auch in Freiburg, die Initiative ergriffen. Ben A m i. Alte nnd neue Juden. Ein Kapitel aus der jüd. Soziologie. Von Dr. F. Frankel (Bern). 2. M arx über die I u d e n g e s ch i ch t e. (Fortsetzung.) Schon im folgenden Jahre stieg Marx vom blauen Himmel hinab. Feuerbach wurde von ihm verworfen eben darum, weil jener die „Praxis" verworfen hat. Um vorwärts kommen zu können, nruß der letztere überwunden werden,. Jetzt sagte Marx: „In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, d. h. die Wichtigkeit und die Macht, die Dicsseitigkeit seines Denkens beweisen".«") Und dann: „Das gesellschaftliche Leben sei wesentlich praktisch".«7) Freilich sei die eine „Erscheinungsform" der „Praxis", die „schmutzig-jüdische", aber eben nur die eine, nicht die einzige. Wäre also die altjüdische Ideologie auch auf der „Praxis" gegründet, so könnte sie doch keineswegs eo ipso als die Ideologie des Egoismus gebrandmarkt werden. Es fragt sich vor allem: Von welcher Art war die „Praxis", auf welcher jene basierte? War es wirklich die „schmutzigjüdische" Praxis, der „Schacher"? Waren überhaupt die altoricntalischen Juden die klassischen Vertreter des „Schachers"? Auf diese Frage muß — und zwar nach Marx selbst — mit Nein geantwortet werden. Er wußte es sehr gut, daß nicht die alten Inden, sondern die Phönizier „ein Handclsvolk pur excellence"63) gewesen waren. Waren die alten Inden nicht die eigentlichen Vertreter des „Schachers", so war es desto weniger deren Ideologie. Im Pentateuch finden wir sogar kommunistische Forderungen,' vor allen das Schmita- und das Jubeljahr. In den später« Schriften, die zur Zeit, als die Ktassen- Gegenjätze sich schon bedeutend genug herausgebildct hatten, entstanden sind, — vor allem in der Mischna nnd im Talmud — finden wir eine Gesetzgebung des Arbeiter- und des Armenschutzes, die den modernsten Anschauungen imponiert. Die mächtige Stimme der Propheten für die Volkessache, für die Sache der Unterdrückten und Unterjochten, jchcint auch von Marx nicht überhört werden zu können. Offenbarte sich doch der bürgerliche Geist — nach ihm — eigentlich „im Pentateuch und im Talmud". Marx, der eifrige Bekämpfer der altjüdischen Ideologie — ohne doch dieselbe zu kennen — war voll von dem Prophetcnhaß gegen die Mächtigen dieser Erde. Ueberhaupt waren die in seiner Seele neuerivachte Liebe zur Praxis und der Glaube an dieselbe Rassenmerkmale. Kant gegenüber wollte Marx den sogenannten Schein als das wirkliche Sein betrachtet sehen. Es kommt alles aus die in der Praxis erscheinende Welt an, in der wir einmal stecken, ohne herauskommen zu können. TaS Experiment und die Industrie,«3) die Praxis überhaupt'3) — liefern die Beweise gegen die Wcltverneiner. Gewiß ist hier die theoretische Frage umgangen. Zweifelte denn Jemand, daß in der Praxis die Welt existiere? Es handelt sich darum, ob die Praxis selbst im großen und ganzen nicht ein Traumbild sei, von der Phantasie hervorgezaubert. Dieser Zweifel sollte aber überwunden ««) Marx über Feuerbach. (Engels: L. Feuerbach, Anhang, S. 61). G7) Ibidem. GS) Kapital (Bd. 1, 2. 113, Rr. 90). G9) Engels: Ludwig Feuerbach (S. „16). I0) Marx über Feuerbach (ibidem, Anhang, S. 60).