Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2._ Dort sind auch die Bedingungen vorhanden, welche uns feindliche Gesetze und Lebensformen Wurzel zu schlagen verhindern, dtur dieses Land, welches durch seine Lage, Natur,, Geschichte und starke An» ziehungslrafr auf uns ausgezeichnet ist, ist unser Land. Ätur dort kann die Thora wieder auflcben und das Volk von neuem beleben, zu einem Leben kontinuirlicher und geschlossener Einheit! Die Woche. Es ist ein altes Lied, doch leider immer neu. Dem Judenhaß gelten diese Zeilen, dem Judenhaß, der allzeitlich, allörtlich gang und gebe war und noch ist. Ein tragisches Schauspiel: einem kleinen, Nlüden Volke scheint alle Welt Haß geschworen zu haben. Und weshalb? Man sagt: dieses Volk ist freiheitsliebend, ist gerecht. Und darob der Haß! Allein Völker, die freiheitsliebend und mehr oder minder gerecht sind, gibts viele, — und siehe auch von diesen Völkern wird dieses Volk gehaßt. Es gab eine Zeit — sie ist uns allen gegenwärtig —, da hieß es: Westeuropa ist von Judenhaß frei! Doch die Ereignisse haben längst diese Behauptung Lugen gestraft. Das Schächtverbot und das Hausierergesetz der freien Schweiz, die Dreisns- Affärc und die vogelfreie Behandlung der tunesischen Juden in der französischen Repuplik kennt alle Welt. Aber auch in England und Amerika blüht in den letzten Jahren der Antisemitismus üppig. Die Einwanderungsgesetze dieser Länder gegen die Juden wissen davon zu erzählen, und das im englischen Parlament cingcbrachtc Gesetz bctr. Schließung der Geschäfte am Sonntag, das sich gegen die Juden richtet, ist ein Beleg dafür, daß der Antisemitismus im Wachsen begriffen ist. Es ist noch nicht lange her, da hatte die christliche Bürgerschaft in der englischen Stadt Limerick ihren jüdischen Mitbürgern den Boykott erklärt, und die blühende Judengemeinde mußte sich darauf auslöscn, die Juden Limeriks muhten zum Wanderstab "greisen. Sogar Richter — z. B. der Richter Bacon im Whitcchapelcr Gerichtshöfe — erlauben sich, die Glaubwürdigkeit des jüdischen Eides anzuzweifeln. Doch noch schlimmer wie in England ist der Antisemitismus in Amerika. Hier machen sowohl Mob als auch die sogenannten „besseren Stände" stark in Antisemitismus. Alles, was in den Ländern der antisemitischen Hochburgen zu finden ist: „Judenreine" Hotels, für Juden verschlossene Klubs und Studentenkorps, gehässige Hetzschriften u. dergl. mehr — ist in Amerika gleichfalls anzutreffen. Ja, sogar vor mittelalterlichen Forderungen wie Schließung von Bethäuscrn wegen Schofarblasen, scheut man glicht zurück; ein Beispiel dafür lieferte die christliche Bürgerschaft zu Ponghkerphie bei Rewyork. Finnland, wie bekannt, erfreut sich eben einer weitgehenden Verfassung, sogar Frauen sind wahlberechtigt und dürfen ins Parlament als Volksvertreter geschickt werden, jedoch bezüglich der Juden kommen dort mittelalterliche Gesetze zur Anwendung. Erst jetzt kommt ein etwas freierer Luftzug. In der letzten Zeit reiste ein gewisser Student Jakobsohn im Lande umher, veranstaltete öffentliche Versammlungen, in denen Resolutionen und Petitionen gefaßt und an den Senat abgcsandt wurden, die um Gleichstellung der Juden mit allen Bürgern des Landes bitten — und wie auf diese Agitation hin verlautet, soll der Senat nicht abgeneigt sein, die Lage der dortigen Juden allmählich zu v e r - bessern... Also von einer Gleichstellung ist gar keine Rede, man ist so gnädig, die Lage der Juden allmählich 'zu verbessern, ganz ^iäch dem st oly - p i n i s ch e n Muster! Alles darf von der Freiheit genießen, bloß der Jude darf der Freiheit und des Rechtes nicht teilhaftig werden — und all dies in einem Lande und unter einem Volke, das selbst bis noch vor kurzem unter dem Joche der russischen Knute seufzte! Und wo ist die Rettung? „Sich ducken", „sich verleugnen"; ,chitten und betteln", meinen viele unter uns, besonders die hochmögenden, von denen Selbstbewußtsein und Nationalstolz am meisten zu erwarten wäre; so beschlossen die /amerikanischen Bnc-Brith- Logen auf ihrer Konferenz in New-Orleans im Jahre 1905 aus ihren Satzungen die Ausdrücke: „Jü- Krankjurter HsraelBsHeS FamtÜerrölatk. dische R a s s c", „Jüdischer S t a m in." zu streichen und an ihre Stelle: „Jüdischer Glaube" zu setzen, genau wie unsere deutschen Stammesbrüder über Nacht „deutsche Staatsbürger j ü bisch c n G l a u b en s" getvorden sind. . . . Allein das ist nicht der richtige Weg, ein sich selbst Verachtender kann u n in ö g l i ch A ch t n n g beanspruchen, und der S it r m, wennersi ch noch so duckt, wird doch getreten. ♦ * * Schon vor Wochen wiesen wir an dieser Stelle auf die Progromstimmung in R u m ä n i e n hin; damals waren cs die Vertreter der Wissenschaft, die Studenten, die die Juden überfielen, und jetzt folgten die Bauern dem guten Beispiel ihrer Geisteshclde» nach. Letztere machten cs natürlich auf ihre Art: bäuerisch, sie plünderten und zerstörten, so daß sie manche Stätte dem Boden gleich machte». Es heißt in verschiedenen, besonders von Juden redigierten Zeitungen, daß die Pogrome nur als A g r a r u n ruhe» zu betrachten seien. Fragt man aber, warum sich diese Unruhen bloß gegen die Juden kehrten, die doch keine Gutsbesitzer sind, so wird man vergeblich ans eine Antwort warten. In Wirklichkeit sind die Pogrome nur auf die Vogclsreihcit der Juden Rumäniens znrückznführen; gelten doch die Inden bis heute als F r c »r d e, und tut doch die Hooliganen-Rcgicrung alles mögliche, um! ihnen das Dasein so schwer wie möglich zu machen und sie in den Augen der christlichen Bürger herabzusctzcn. Kein Wunder also, daß die Bauern in ihrer Not sich an den vogelfreieu Inden vergreifen! Was anscheinend unbegreiflich ist, ist der Umstand, daß die Regierung eines kleinen, armen Ländchcns sich den Luxus von Pogromen gestattet; doch bei näherer Betrachtung ist auch das erklärlich: Das kleine Rumänien hat sich bis dato, außer Judcuuntcrdrückiing, mit nichts ausgezeichnet; nun hat das Hooligancnland Rußland Rumänien aus diesem Gebiete weit überflügelt; mit bloßen drakonischeu Gesetzen gegenüber den .Juden kann man im 20. Jahrhundert keine Lorbeeren holen; um von sich heutzutage reden zu machen, muß man zumindest eine Anzahl Pogrome veranstaltet haben — und das tat Rumänien. ... Daß Europa nicht eingrcifeii wird, ist mehr als sicher, es ist gewiß. Anderseits ist es sehr naheliegend, daß Rumänien sogar vielen Dank, insbesondere vom Altmeister der Pogrome, vom Zaren, eiiiheimsen wird. Also cs ist 'klar: Rumänien macht dabei ein gutes Geschäft. Unter Umständen gelingt es ihm noch, eine Anleihe als Lohn bei den jüdischen Geldsäcken zu machen, allerdings mit der schönen Ausrede: Riiinänien von Pogromen zurückzuhalten. . . . Doch genug davon! — Wenden wir uns zu dem eigentlichen Erfinder und Großmeister der Pogrome: Rußland. Ttolypin, die liberale Größe Rußlands, hat endlich nach 14tägiger Rcichsduma-Eröfsiinng gesprochen. Wie es seine liberale Art von jeher ist, hat er viel, ja sehr viel, versprochen; — kostet doch das Versprechen einem russische u Minister nichts! Im übrigen darf man nicht außer acht lassen, daß ein russischer Minister unter Unverletzlichkeit der Person vielleicht gelindere Nagaikahiehe oder gelindere Folterqualen versteht, sowie unter Konstitution Fcldgeiichte und Kriegszustand, Pogrome und dergleichen mehr verstanden wurden. Auch ist zu beachten, daß der liberale Kabinettschef eine Drohung nicht unterdrücken konnte, indem er sich auf die Macht, die noch in Händen der Regierung ruht, berieft/Endlich muß man auch zuguterletzt dessen eingedenk'sein, daß die Genehmigung des Budgets und die Ermächtigung für eine neue Anleihe, und zwar ohne Aufschub, verlangt wird, da liegt der Schlüssel zur plötzlichen Freigebigkeit der Negierung: vorerst soll das Budget genehmigt und die Anleihe gemacht und alsdann die Reformen eingeführt werden . . . Welche Gestalt die Reformen bekommen werden, ist demnach sehr leicht zu vermuten. Was aber besonders in der Rcgierungserklärnng ansfällt, ist die gänzliche .Todjchweigung der Juden, alle Stände, die Bauern, Arbeiter, Adel usw. werden erwähnt, mit Ausnahme der Juden. Mit den Juden also wird überhaupt nicht.gerechnet. Herr, Stolypin weiß, daß die jüdischen Geldmagnaten ihm Geld Nr. 12 geben werden, wenn er auch ihre Brüder noch so martert. .... ' Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Dem Jahiesberichte dcr Realschule der Israelit. Religionsgesellschaft (Direktor: Dr. G. Lange) entnehmen wir, daß diese Anstalt am 1. Februar in der Realschule von 261 und in der Vorschule 'von 91 Schülern und in der höheren Mädchenschule von 248 Schülerinnen (i. Sa. 600) besucht wurde. Auch der Jahresbericht der Israelit. Rcli - g i o n s s ch u l e (Dirigent: Rabbiner.Dr. Jakob Horvvitz) ist soeben erschienen. Die Frequenz in dieser Schule betrug 493 Schüler und Schülerinnen, und zwar: in der Schule am .Hermesweg 313, in der Schule an der Unterlindan 71, in dem Kursus für galizische und russische Knaben 20 und in dem Kaiser- Friedrichsgymnasinm, der Adlerflycht- und der Prima der Klingerschule 89. Berlin. An den Hilfsverein der Deutschen Inden gelangte am 15..März aus E l i s a b e t h g r a d die traurige Nachricht, daß dort wieder ein Pogrom stattgefundeu hat. Nach den Mitteilungen, die dem Hilfsverein zuginge», wurde ein Mann getötet und 30 Menschen verwundet. Eine erhebliche Anzahl Häuser wurde geplündert und in mehr als 300 Läden und Häusern wurden b!e Fenster cingcschlagen. Durch energisches Einschreiten wurde der Plünderung und dem Blutvergießen zwar Einhalt getan und die Ruhe wieder hcrgestellt, aber die Erregung unter der jüdischen Vevölkerniig dauert an. Für eine entsprechende Hilfsleistung hat der Hilfsvercin der Deutschen Juden die notwendigen Schritte untcriiominc». Dem Hilssvcrein der Deutschen Inden ging weiter die Nachricht zu, daß auch in R n m ä n i c n die Hetze gegen die jüdische B c Völkern ng in heftigster Weise betrieben wird. Am Mittwoch Abend, den 13. März, kam es zu einem regelmäßigen Pogrom in Podul-Jkoaie, einem Orte zlvischeu Paschkany und Jassy. Der Krawall dauerte auch Donnerstag noch an. Ein Telegramm, das der Hilfsvercin der Deutschen Juden über das Ergebnis aus Podul-Jloaie erhalten hat, lautet: ,Mnrrh eine Plünderung unserer Stadt am letzten Donnerstag sind wir völlig verarmt. Es fehlt an Allem. Helft!" Der Hilssvcrein der Deutschen Juden hat "sofort eine größere Summe überwiesen, um der augenblicklichen Not zu steuern. Sollte die rumänische Regierung nicht der Polizei und dem Militär strikte Befehle erteilen, die Ausschrcitniigen energisch zu unterdrücken, so ist zu befürchten, daß die verarmte bäuerische Bevölkerung die Plünderung der Juden sortsetzen wird und die russischen Pogrome sich in Rumänien wiederholen. Berlin. Preußischer Landtag. Sitzung vom 18. März. Cassel (Frs. Bpt.): lieber die Beschäftigung von jüdischen Lehrern an ch r i st l i ch e n Schulen, in denen jüdische Schüler sind, hat sich der Ministerialdirektor Schwartzkopsf dahin ausgesprochen, daß die Anstellung solcher Lehrer nur im Falle des unbedingten Bedürfnisses erfolgen solle. Der Sinn der in der Bolksschnlvorlage angenommenen Bestimmungen ist doch aber der, daß die jüdischen Lehrer ebenso angestellt werden sollen, wenn sie neben der Erteilung des Religionsunterrichtes auch an der übrigen Unrerrichtserteilung beteiligt werden können, wie die katholischen und evangelischen Lehrer angestellt werden, wenn eine Minderheit von Kindern ihrer Religion die Schule besucht. Die jüdischen Mitbürger müssen durch ihre Steuern zu den Kosten der Volksschule beitragen, und es würde eine große Härte und Unbilligkeit bedeuten, wenn das rckigiöse Bedürsnis der Juden weniger befriedigt wird als das der andern Konfessionen. Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopsf: Zur Frage der jüdischen Lehrerinnen und des jüdischen Rcligioiisiintcrrichtes muß ich mich etwas vorsichtig ausdrückcn, denn da? Gesetz wollte den geltenden Rcchtsznstand bezüglich der Anstellung jüdischer Lehrer an christlichen Schulen unberührt lassen. Irgend eine Erweiterung des geltenden Rechts ist nicht.erfolgt. In der Frage des Bedürfnisses zur Austellinig jüdischer Lehrer an christlichen Volksschulen 'sieht die Unterrichtsvcrwaltung noch ans dem Standpunkt des Ministers Falk, daß diese Anstellung nur zulässig ist, soweit jüdischer Religionsunterricht nötig jst. Darin besteht zwischen Herrn Cassel und mir keine Differenz. Ich übersehe nur nicht, ob er etwa meint, daß die Anstellung jüdischer Lehrer Sache der Gemeinden allein ist; sie bedarf natürlich der Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde, die das Bedürfnis Hrüft. In der Frage der Vertretung der Lehrer nur durch Lehrer derselben Konfession steht das Ministerium ebenfalls änsi dem Standpunkt des Ministers Falk. Eine Entscheidung des Ministers konnte aber noch nicht ergehen, weil cs noch.,nicht' gelungen ist, die genauen Zahlen des Vertretungpverhältnisses in Berlin zu erhalten. In Berlin besteht das eigentümliche Verhältnis, daß auf 4000 evangelische Lehr-