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Neue jüdische Presse · 1907-03-22 · Heft 12 (22.3.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 12 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^tanüfntfex FmilikldlM. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt o. M.Mk. L— frei inS Haus. Bei -er Post abonniert im In» und Ausland DL 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn DL 1,50, sonstige Länder DL 2.— KedaKtioir und Frankfurt 2. Lleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße Velef-» 10507. . Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereirüunst. ' Freitag, -en 7. Nissan 5667 <22. Marz 1907). 5. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Einheit als jüdischer Bolkscharakter, von W. Jawitz. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Megille als Lebensretter. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die Einheit als jüdischer Volkscharatter. Von W. Jawitz. (Uebersetzt aus dem Hebräischen.) II. Einheit des Volkskörpers und Einheit des Schrifttums sind also die deutlichen Charaktereigenschaften der jüdischen Nation. Doch ebenso wie der Körper, dessen Einheit sich in dem Zusammenwirken der Teile kund tut, und die Seele, in ihrer abstrakten Einheit, keine zwei gesondert bestehenden Wesenheiten sind, so sind der jüdische Volkskörpcr nnd die jüdische Lehre, jede für sich betrachtet, unbrauchbar, erst durch Vergesellschaftung dieser beiden Faktoren zu einem einzigen Wesen entsteht eine wirkliche :md geschlossene Einheit. Temr in Wirtlichkeit beruht die nationale und welthistorische Bedeutung des jüdischere Volkes auf seiner Lehre, wie der jüdische Philosoph Sadja es ausgedrückt hat: „Unsere Nation ist eine Nation durch ihre Lehre." Andererseits hat der Thorageist keinen Raum in der historischen Welt, wenn nicht in unserem durch den eigenartigen Charakter und die eigenartige Geschichte besonders ausgezeichneten Stamm. Eine notwendige Folgeerscheinung der Einheit des jüd. Schrifttums und Volkskörpers ist die Einheit der natiolralen Lebensbetätigung. Alle Völker, welche aus einer Mischung vieler Stämme hervorgegangcn sind, prägten ihrer gesamten Denk- und Lebensiveise den Charakter der Vielfältigkeit auf. Da sie die Angehörigen ihres Volkes nicht für eine Familie hielten, jo war ihnen das einzelne Individuum nicht besonders wertvoll. Wie es den Einzelnen erging, so erging cs oft ganzen Geschlechtern. Die'mächtigeren Geschlechter erhoben sich und unterdrückten die schwächeren, nahmen ihnen ihre Rechte und beraubten sie aller Vorteile. Sie selbst verzehrten die Einkünfte des Landes, indem sie sich als Adelsfamilien bezeichneten, während sie die übrigen Klassen zu willfährigen Hörigen oder verächtlichen Sklaven machten. Von solchen Völkern, welche ihre eigenen Stammesgenojsen mißhandelten, kann man nicht erwarten, daß sie fremde Völker schonend behandeln. Daher war diesen Völkern der Krieg nicht blos Notwehr, sondern ein Vergnügen, Gegenstand des Ruhms und der leidenschaftlichsten Sehnsucht. Alle diese Entartungen sind die natürlichen Folgere der ursprünglichen Mischung aus vielen Stämmen, aus : denen diese Völker alle hervorgegange» sind. — Ganz anders war die Lebeusckveise des Volkes, - dessen nationaler Ursprung in einer Familie wurzelte. Die einzelne Persönlichkeit wurde als einheitliches Wesen voll und ganz gewürdigt, aber nicht blos als isoliertes Individuum, sondern auch in ihrem Verhältnis zu der nächsthöheren Einheit, der Familie. Desgleichen wurden die höheren Einheiten: Gemeinde, Nation und Menschheit, jede .in ihrer eigenartigen Bestimmung und alle in ihren gegenseitigen Beziehungen voll erkannt und geschätzt. Vom Gedanken der Einheit durchdrungen, sah nämlich jedermann im Einzelnen die Gattung, und in der Gattung ein harmonisches Gefüge, in dem alle Glieder sich zu einer abgeschlossenen Wesenheit vereinigen. Eine Einzelexistenz ohne Gattung erschien ihm als eine dem Untergang verfallene Erscheinung, eine Gattung ohne Einzellvesen ein leeres Wort. Aus diese,» Grunde gab es nur „einerlei Lehre und einerlei Recht" für das ganze Volk: das jüdische Recht kannte kein Sklavenverhältnis des Juden zum Juden. Für die Bevorzugung eines Stammes oder einer Familie in staatsrechtlicher Beziehung war unter einem solchen Volke niemals Platz. Diese Einheit gab Israel die Fähigkeit, in seinem Gemüte Liebe zu jedem Individuum zu empfinden, seinen Wert nnd die Heiligkeit seines Rechtes anzuerkennen neben der Liebe zur Gesamtheit der Nation und zur ganzen Menschheit, deren Wert nnd Zweck es in vollem Maße anerkannte, wie cs aus den Reden der Propheten, in der Agada und in dem Gebete in der reinsten nnd erhabensten Form zum Ausdruck gelangt, ohne daß die Nation der Menschheit oder die Menschheit der Nation in ihrer gegenseitigen Berechtigung irgendwie zu weichen brauchte. Daher war es der Geist dieser Station, der allein im Gegensatz zu den übrigen Völkern durch seine prophetischen Meister die Idee des Völkcrfriedens und der Völkerverbrüderung und die Idee des schließlichen Friedens der gesamten Natur uns geoffenbart hat. „Ein Volk wird gegen das zweite nicht mehr das Schwert heben, sic werden einander nicht mehr den Krieg lehren" und „auch der Wolf wird mit dem Schafe zusammen weiden". Das Erzeugnis der Einheit ist Frieden nnd Harmonie, nnd jo nannten unsere Weisen den einen Gott auch „Harmonie" (Scholaum). Die jüdische Lehre ist ein in sich geschlossenes, widerspruchsloses Ganzes. Sie ist eine Wcishcitslehre, welche den Menschen anweist, wie er sich in allen Lebenslagen verhalten soll, sie regelt die Bedürfnisse seines Körpers, sein sittliches Verhalten, sein Verhalten zu seiner Familie, seiner Gemeinde und seinem Volke. Sie ist seit zwei Jahrtausenden die geistige Nahrung des jüd. Volkes nnd das erste Erziehungsmittel ftir seine Jugend. Was das tüdischc Volk denkt und niit seinem Munde ansspricht, betätigt es auch in der gebotenen Pflichthandlung, welche den nur latenten Gedanken in lebendige Energie, in sichtbaren Kraftausdruck verwandet. Diese Einheit des Gedankens, der Rede und der Tat gibt dem nationalen Leben einen ewigen Bestand. Nur dieser Einheit haben wir es zu verdanken, daß alle Stürme des Mittelalters unsere No. 12. Ration nicht erschüttert haben. Diese Einheit des nationalen Lebens macht die jüdische Kultur zu einer einzigartigen in der Welt, welche sich durch ihre Ganzheit von allen anoeren Kulturspstemen der übrigen Völker vollkommen unterscheidet und die dem gesamten leiblich-geistigen Volksorganismus eine eiserne Kraft gegeben hat, von der ohne llcbertreibung gejagt werden konnte: „Man hat uns ins Wasser geworfen — wir sind nicht ertrunken, man hat uns ins Feuer geworfen — wir sind nicht verbrannt, mau hat uns in eine Mühle geworfen — wir wurden nicht zermahlen, man hat uns aus den Amboß gelegt und mit dem Hammer auf uns cingeschlagcn — aber der Amboß hat sich geteilt und der Hammer flog in Stücke und kein Splitter ist mehr davon übrig geblieben." Jedoch keinen Augenblick d ü r f e n wir vergessen, daßdie treibende Krasr des jüdischen Volks ge ist es stets die Kenntnis und das innige Erfassen seines Schrifttums gewesen ist und daß das physische Leben der Ration auf diesem Untergründe rnht. Diese beiden Tätigkeiten: die ideale Beschäftigung mit der Thora und ihre p r a k tische Durchführung im Leben bedürfen heute eines eigenen Landes, damit das jüdische Volk der fremden Nebermacht nicht erliegt, fei es, daß diese sich in der Form erdrückender, roher Gewalt, sei es, daß sic in der Form erschlaffender, verführerischer Scheinknttur auftritt. Solange unsere Ahnen hinter den Mauern des Ghetto eingeschlvssen waren, hielt sich bei allem äußeren Druck die Seele unseres Volkstums in ihrer unverdorbenen Reinheit. In unserer Zeit ist es leider anders geworden. Seitdem uns die Pforten der europäischen Kultur geöffnet sind, haben wir mit ihrem Segen auch ihren Fluch erfahren müssen. Die europäische Knlter ist vorwiegend eine technische, sie macht trunken durch den Reichtum der Genüsse, die sie gewährt, so daß jeder, „der von ihrem Weine trinkt", sich schwer wieder davon, los machen kann. Es gibt nur wenige Tiejerblickende, welche einsehcn, daß diese Kultur nur vorübergehende Freuden gewähren kann, während unserer alten Kultur, die unsere Geschichte eröfsnct hat, auch die Zukunft gehört. Es wächst von Tag zu Tag die Zahl derer, die der jüdijchcü Nation und Lehre den Rücken kehren und sich und ihre Kinder einer Kultur ansliefern, welche nur ein temporäres Dasein führt. Gegen diese große Gefahr gibt es keine andere Rettung und Schutz als durch Zkjon, d. h. durch das ruhige Zusammenwohnen der jüdischen Massen im Lande der Väter. Nur dort und nur dann wird es möglich jciu, daß unsere Thorakultur aus innen heraus ungehindert organisch sich weiter bildet, denn dort ist sie die Herrin, da sic ja in allen ihren Einzelheiten der Natur des Landes und seiner Bewohner angepaßt ist. Auf diesem Boden, wo alles zeugt von der Würde Israels und seinen geschichtlichen Erlebnissen, wird in unserem Herzen die Stammesliebe neu belebt und der jüdische Geist wird mit aller Energie sich aus seine Heiligtümer besinnen.

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