Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. den, soll im nächsten Parlamente vertreten sein durch — Wladimir von Kozlowski, den konservativen Wortführer des Polenklubs und waschechten Agrarier. So ha'-en es bereits Kozlowski und der Kultuspräsident Feuerstein abgemacht. Von den 6 Mandaten, die den 800 000 Juden gegeben wurden, will man ihnen noch einige wegstehlen, und die jüdischen maßgebenden Kreise leisten hierbei bereitwilligst und untertänigst Helfersdienste. Budapest. Die Konferenz der arthod. Zentral-Komm ission, die eigentlich jedes Vierteljahr einmal tagen soll, hat nach lOmonatlicher Unterbrechung wieder eine Sitzung abgchalten. Um 11% Uhr eröffnet- Präsident Adolf Frankl die nicht öffentlichen Verhandlungen, zu denen von den 5 rabbinischen Mitglieder» der Kommission nur 2 — die Ra.'biner von Budapest und Waitzen — und von den lO Laienmitgliedern nur 5 — Freudiger, Oesterreicher, Ullmann, Schwarz und Frei — erschienen loaren, und schloß sie bereits um 2 Uhr. Nach alle dem zu schließen, muß es in der orthodoxen Judenheit Ungarns zum besten bestellt sein. Budapest. In der leeren Sitzung des Ausschusses der au ton. orthod. jüd. Gemeinde machte der Vorsitzende Mitteilung von einer namhaften Stiftung, deren Erträgnis in-späterer Zeit zur Gewährung von Stipendien an Ie - schiwoh-Bachurim im Betrage von 200 bis 400 Kr. bestimmt ist und in deren Kuratorium die Gemeinde ihren jeweiligen Präsidenten und ihren jeweiligen Oberrabbiner zu entsenden hat. Budapest. Die Vorbereitungen zu der nabe bevorstehenden Rabbinerwahl an der Nombachshnagoge hält die Judenschaft Budapests schon seit Wochen in Aufregung. Der Vorstand hat vier Rabbinen kandidiert und zum Probevortrag eingelaben. Es sind dies die Rabbinen H. L. F c i g l in Gyöngyös. Dr. Elias Adler in Alt-Ofen, Dr. I. Steinherz in Stuhlweißcuburg und Dr. A. H o f f e r in Veszpcim. Die drei erstgenannten haben ihre Probedorträge bereits abgchalten, der letztgenannte Dr. Hofser trat aber zurück und hielt seine Probepredigt nicht ab, weil er sich überzeugt hatte, daß eine Interessengruppe mit allen möglichen Mitteln für die Wahl des Altofener Rabbiners Dr. Adler eintritt und die Wähler zu beeinflussen trachtet. Der unschöne Kampf hat bereits unerquickliche Verhältnisse geschaffen. Die Besetzung des betreffenden Rabbinerpostens an der Rombachsynagoge ist in der Tat von großer Wichtigkeit. Die Rombachsynagoge ist für'die konservativen Elemente in der großen Gemeinde bestimmt und inuß einen Rabbiner haben, der vermöge seiner anerkannten jüdischen Gelehrsamkeit und seiner Gesinnungstreue, den großen Aufgaben, die an diese Stelle geknüpft sind, gerecht werden kann. . Von dieser Ueberzeugung ausgehend, hat sich eine kleine, aber intellektuell bedeutende Gruppe, an deren Spitze der durch seine jüdische Gesetzestreue und Charakterstärke allgemein geachtete Univcrfitätsprofessor Dr. Max Schächter steht, zum Ziele gesetzt, dem unwürdigen Treiben bei der Rabbinerwahl Halt zu gebieten. Diese Gruppe, die die lvirklich Gesetzestreuen in der großen Gemeinde in sich faßt, hielt am 3. d. Mts. eine Konferenz unter dem Vorsitz des Sanitätsoberinspektors Dr. Oedön Blum ab. Das Referat hielt Univ.-Professor Dr. M. Schächter, der in einer prächtigen Rede, die von seiner jüdischen Gesinnungstreue sowohl, >vie von einem richtigen Verständnis für die Sache des traditionstreuen Judentums glänzendes Zeugnis ablegte, die Korruption, die in der Verwaltung der Gemeinde sich breit macht und das Gemeindeleben vergiftet, ausdccktc. Die Gemeinde und ihre Institutionen werden einerseits von Geldmöchten, die keinen Sinn fürs Judentum haben, andererseits von eigentümlichen Gruppen, Kaffeehausgesellschasten, kommunal- und landcsvolitischen Faiseuren beeinflußt. Ein beschämendes Zeugnis von dem Mangel der jüdischen Gesinnung in einer der größten jüdischen Gemeinde der Welt — als welche die Pester Geincindc mit ihren 200 000 Juden gelten kann — ist die Tatsache, daß als unsere Brüder kn Rußland zu Tausenden hingcmordet wurden und kleinere Grotzgemcinden, wie London, Paris, Berlin, Newyork und Wien, laute Klage über diese vernichtenden Bestialitäten erhoben, die Pester Gemeinde, die freie Judenheit im freien Ungarn, stumm blieb, keinen Finger rührte. Redner sieht in der Art, wie jetzt die Rabbinerwahl an der RombaKshnagoge „gemacht" werden soll, das Werk der in der Gemeinde stabil gewordenen Korruption, wogegen er alle Anständigen und Gesinnungstreuen zum Kampfe ausruft. Er bemängelt es, daß bei der Kandidierung die hervorragenden Vertreter des ungarischen Rabbinerstandes unberücksichtigt geblieben und daß durch eine Interessengruppe den Wählern mit aller Gewalt ein Mann aufoktroiert werden soll, wie seinesgleichen im Lande zu Hunderten und würdigere zu Dutzenden zu finden sind, und der durch seine bisherige Wirksamkeit es nicht gerechtfertigt hat, daß man, mit gewaltsamer Verdrängung anderer Kandidaten, ihn gerade jenem Teile der Judenheit anfoktroiere, auf den das überragende Beispiel des Rabbiners auch heute noch eine Wirkung ausübt. — Diese Aufoktroierung geschieht rnit dem Losungswort des Konservatismus, wogegen Redner benrerkt, daß gerade von den ins Heiligtum elnschleichenden Füchsen die größte Gefahr für das grraatfttgftg IsraelMscheS FamMeMaÜ. Judentum zu befürchten ist. — Wie ernst dieser angebliche Konservatismus zu nehmen ist, beweist übrigens die Tatsache, daß der Redakteur des neologen Judenblattes, der berüchtigte Assimilant und Orthoboxenfresser, einer der engagiertesten Helsershclser dieser Interessengruppe und Kämpfer für ihre Pläne ist. — Der Redner will die Sache des Judentums solchen Männern überantworten, die für das Judentum und nicht von dem Judentum leben wollen. Die 200 000 Juden Budapests sind nicht dazu da, um znm Hintergrund, zum Rahnien der Größe und der Macht- Und Prunksucht Einzelner zu dienen. Schon lange hat eine jüdische Versammlung in Budapest so offene, mutige und fürs Judentuin begeisterte Sprache nicht gehört. Auf Befürwortung des Referenten wurde folgende Resolution angenommen: ■ „Die Mitglieder der Pester jüdischen Gemeinde haben in ihrer zahlreich besuchten Versammlung beschlossen, daß sie an den Vorstand der Gemeinde eine Zuschrift richten und durch eine Deputation überreichen werden. In dieser Zeitschrift bitten sie den Vorstand, daß 1. bei der Besetzung eines Rabbinerpostens der Pester jüdischen Gemeinde, mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Sache und deren großen Tragweite im inneren Leben unserer Gemeinde, das eiugeleitete Verfahren derart abgeändert, d. h. ergänzt werde, daß den hervorragende» Vertretern des ungarischen Rabbinerstandes die Möglichkeit geboten werde, den Posten zu übernehmen, d. i. daß uns, den Mitgliedern der Gemeinde die Möglichkeit geboten werde, daß wir womöglich den hervorragendsten Rabbiner für diese Stelle gewinnen. 2. Wir lenken die Aufmerksamkeit des Vorstandes der Gemeinde darauf, daß es im Interesse unserer Gemeinde sowohl, wie auch der ganzen ungarischen Judenheit, notwendig ist, daß bei der Erledigung unserer konfessionellen Angelegenheiten ausschließlich nur die Interessen unserer Religion zur Geltung gelangen und jeder ihr fremde Einfluß entschiede» und energisch ferne gehalten werden möge." An der Debatte nahmen teil die Herren: Dr. I. Josef Singer, Dr. Leop. B ü ch l e r, Dr. Elias F l e i s ch m a u n, Dr. Mor. Bauer, Dr. Ernst H echt, Dr. Leop. O st e r n und David K o h n. Die Aktion ist nun im Gange, sie wird sicherlich nicht eher ruhen, bis sic von Erfolg gekrönt wird. Krakau. Das Mandat des verstorbenen Dr. v. Rappaport für den Landtag soll bei der hiesigen Handels- und Gewerbekammer vergeben werden. Dabei drängt sich die Bedeutung dieses Mandates für die galizische Zudenschaft auf und zwingt zum Nachdenken. Die galizische» Juden .hatten inr Landtage vier Vertreter, drei von den Handelskammern (Dr. von Rappoport, Dr. Kolischer und Dr. Loewenstein) und einen vom Städtebezirk Stryj, Dr. Fruchtmann. Unter 441 Mitgliedern des Landtages zählte man vier Juden, wiewohl 12°/° der Gesamtbevölkernng zum jüdischen Volke gehören. Und selbst diese vier Juden sind politisch nie hervorgetrcten. Sie waren froh, wenn man ihnen hie und da ein kleines Referat anvertrante. Als Repräsentanten der Inden traten sie nie auf und lvir finden auch nie eine Initiative ihrerseits im Interesse der jüdischen Bevölkerung auf politischenr oder Ivirtschastlichem Gebiete. Sie zitterten um ihre Mandate, die sie nur der Gnade des.Polenklubs zu verdanken haben. Die ganze Erbärmlichkeit dieser Clique zeigt sich am krassesten bei den Landtagswahlen. Städte mit 80«/o Juden, wie Brodh und Kolomea, müssen einen — Christen wählen, unter Umständen sogar, wie es jüngst in Koloinea geschah, einen antisemitischen A l l p o l e n (Kleski), weil das Wahlrecht sür den Landtag ein m ündliches ist, und der Jude, der nicht nach denr Wunsche des Bezkrkshauptmannes wählt, wirtschaftlich umgebracht wird. Auch in den Handelskammern geschieht die Wahl mündlich und der Bezirkshauptniann wacht. Um das Mandat bewerben sich Präsident D a t t n c r und Obcrbaurat S a r e. „Neue Nationalztg." Rußland. Petersburg. Die parlamentarische Fraktion der Rech ten faßte u. a. den Beschluß, allen Autonomien entgegen zu wirken und die jüd. Gleichberechtigung nicht zuzulassen, da diese unabsehbare Leiden des russischen Volkes zur F-olge haben müsse. Petersburg. Die .Jüdische territoria. bi st i s ch c Organisation" (J t o) ist von hem Minister des Innern gesetzlich anerkannt worden und hat damit Versammlungsfreiheit erhalten. Petersburg. In einer furchtbaren Gefahr hat die-Judenheit Rußlands während der letzten Wochen geschwebt! kAlle Vorbereitungen zu einem Massenpogrom waren getroffen worden, in Odessa wurde bereits das Vorspiel zu einem Pogrom gespielt; — da intervenierten in Odessa die Konsuln, dle Wahlen zur Duma fielen günstiger aus, als die Regierung dachte, denn 100 Mann stark ist die Rechte in das Parlament gezogen, last not least sind die Regierungskassen leer, — und so sind tausende Menschen vor einem martervollen Tode oder lebenslänglicher Verkrüppelung gerettet worden.. ' ' Nr. 11. Die Möglichkeit jedoch, daß die „November- Pogrome 1906" sich jeden Tag wiederholen können, ist auch heute noch gegeben, und sie wird nahe gerückt durch eine finanzielle Unterstützung der russischen Regierung. Es ist deshalb keine Phrase, sondern bitterer Ernst, wenn man behauptet: jeder, der russische Papiere kaust oder sich an russischen Anleihen beteiligt, kann mitschuldig werden an der Vernichtung unschuldiger Menschen. .Jrkaterinoslaw. Der Gouverneur hat an die Polizei ein Zirkular erlassen, in dem er erklärt, Pogrome gegen Juden seien nur als „g e w ö h n l i ch e U n o r d n u n g e n" anzusehen und es sei deshalb mit den Pogrommachern nicht streng zu verfahren. Warschau.^Die hicsige Polizei zwingt die jüdischen Geschäftsleute, auch Sonntags ihre Geschäfte zu schließen. Alle Proteste bleiben erfolglos und so müssen die Juden ihre Läden Samstag? und Sonntags geschlossen halten. Italien. Florenz. Seminardirektor Oberrabbiner Tr.Marg u l i e s, Präsident des F a l a s ch a - K o m i t e e s, hatte eine Besprechung mit S. Exzellenz Ferdinand o Martini, dem Gouverneur von Eritrea. Martini nahm die Mitteilung von der Absicht der Gründung von Schulen für die Falaschas in der italienischen Kolonie mit großem Vergnügen auf und erklärte, daß auch der italienische Staat dieser Idee sehr günstig sei. S. Exzellenz bezcichnete die Falaschas als: ,,gl' intelettnali bell' Äbissinia" und bot dem Komitee den zur Gründung der Schulen nötigen Platz an. — In Begleitung des Herrn Faitlovitsch kam hierher einer der seither in Paris weilenden jungen Falaschas; derselbe bleibt hier längere Zeit, um sich als Schochet und Religionslehrer ausznbilden Und dann diesen Beruf in seiner. Heimat zu üben. Wahrscheinlich wird dies späterhin auch der zweite gegenwärtig in Paris weilende Falascha tun. — Im allgemeinen entfaltet das Komitee eine sehr lebhafte Tätigkeit. Bor einigen Tagen hielt hier Herr Faitlovitsch im Vereine „Pro-Cultura" eine Vorlesung über die Falaschas. Außer den Mitgliedern des Komitees waren auch manche hervorragende Persönlichkeiten aus den nichtjüdischen Kreisen zugegen, darunter die Professoren Lasinio und Marinelli. Amerika. New-Bork. Ein Feuer, das ein jüdisches Theater vollständig zerstörte und 5000 ßbijd)c Mieter auf die Straße setzte, brach Montag gegen Morgen in der Vroomstreet 214 aus, machte bei der „Neuen Irving Musik-Halle" halt und breitete sich hier bis in die obersten Stockwerke aus. — In der gleichen Nacht wurde ein ganzer Häuserblock in dem Zentrum des jüdischen Distrikts von Brooklyn durch Feuer zerstört. Viele der Bewohner dieses Häuserblocks büßten alles, was ihr Eigen war, ein. — Jüngst starb in Seattle (Wash.) eine Frau Caroline Nosenberg-Galland. die ihr Vermögen von 1500 000 Dollars für Wohltätigkeitszwecke hinter.icß. Die Verwaisten, die je mit 1 Dollar bedacht worden sind, fochten vas Testament an. Personalien. Frankfurt a. M. Auch noch mit seinem Tode heiligt ein guter Mensch den Namen Gottes. — Dieser Gedanke wurde in den Hunderten Leidtragender lebendig, als die Vertreter der Körperschaften, denen er während seines Lebens angehörte, vor die Bahre Heinrich Wisloch's traten, die Lebensarbeit dieses Mannes in ihrer vielseitigen Betätigung rühmten und den Verlust ihres treuen und selbstlosen Mitarbeiters beklagten, denn das, was hier an Lob und an Klage gegeben wurde, machte in jeder Brust den Wünsch rege, auch einst jene Fülle von Segen zu hinterlassen, wie Heinrich Wisloch. Als erster Redner sprach Stadtverordneten-Borst-her Justizrat Dr. F r i e d l e b e n. Als vor einigen Monaten der Verblichene wegen andauernder Krankheit die Bitte anssprach, ihn von seiner Tätigkeit in den Ausschüssen der Stadtverordnetenversammlung zu entbinden, da hätten seine Kollegen die Hoffnung gehegt, daß er im Kampfe niit einer tückischen Krankheit Sieger bleiben werde; leider sei es aber anders beschlossen gewesen. Der Verewigte habe sich stets opferwilligst in den Dienst der Allgemeinheit gestellt und sich durch die Biederkeit und Lauterkeit seines Charakters eine uneingeschränkte Hochschätzung seiner Persönlichkeit erworben. Im Aufträge der demokratischen Fraktion rief Stadtverordneter Wedel dem Kollegen, der „durch seine Sachkenntnis, seinen Eifer, sein scharfes Urteil und sein grades Wesen eine angesehene Stellung in der Demokratie einnahm", ein Lebewohl. Seinen Angehörigen möge die Anerkennung, die Liebe und die Freundschaft, die dem Verstorbenen gezollt wurden und noch übers Grab hinaus in bleibender Erinnerung gezollt werden, Trost kein. Ein sehr umfassendes Bild der Persönlichkeit ihres Heimgegangenen Bruders war es, das nun Sanitätsrat Dr. Maretzki-Berlin namens der „Großloge für Deutschland Vffi. U. 0. B. B." mb