Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1907)
- Date
- 1907-03-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Direktor Dr. Adler namens des Frankfurter Zweiges dieser Großlöge, der Frankfurt-Loge, zeichnete. Justizrat Dr. M a r e tz k i beklagt es, daß der Bruder nicht noch die 25. Wiederkehr des.Ordensfestes erlebt habe. Ms Präsident der Frankfurt-Loge sei Wisloch in steter Verbindung mit der Großloge gewesen, und ec, Redner, habe ihn da kennen gelernt als einen Mann/ der es liebte, in stiller, ruhiger, geräuschloser Meise zu wirken, als einen Mann, dem im Dienste für seine Mitmenschen keine Arbeit zu viel, keine Mühe zu groß war. Werde auch das lebendige Bild Wisloch's mit der Zeit verblassen, so werde doch die schöne, lichte Erinnerung, die sich an ihn knüpft/ bis in die fernste» Zeiten dauern und die Bescheidenheit, Schlichtheit und Einfachheit, in der er wirkte, dauernd auf die Brüder wirken. Direktor Dr. Adler hebt besonders hervor, was der Verstorbene der Frankfurt-Loge gewesen ist, die er schon in den ersten Jahren ihres Bestehens, die die schwersten waren, als einer der ersten in ihren Reihen gefördert und gestützt habe. Die Ideale der Loge, Wohltätigkeit, Eintracht, Bruder- und Menschenliebe, seien dem Verstorbenen bereits iin Elternhause eingeimpst worden, im Leben habe er diese Ideale hochgehalten, und so sei es nicht zu verwundert daß er bald einer der hervorragendsten Brüder geworden sei. Es sprachen noch: für die „Maklerkammer und deren Pensionskasse" Salomon Epstein, der schloß: „Sie haben einen braven Manu begraben, — uns war er mehr!", für den ,F)stendverein" Justizrat Dr. Hecht, für dcu „Verein zur Bekleidung bedürftiger israelitischer Knaben" Raphael K ir ch h eim, für die „Kuranstalt in Soden" Daniel Worms und für die..Goldschmidt-Bischoffsheim'sche Darlehenskasse" Manfred G o l d s ch m i d t. Am Grabe rief Josef Wisloch dem Bruder ergreifende Worte des Mschieös nach. Frankfurt a. M. Professor I e l l i n e ck - Heidelberg, der Sohn des berühnitcn Kanzelredners der Wiener jüd. Gemeinde, Adolf Jellinek (gest. 1893), dessen Wahl zum Prorektor der Universität in Heidelberg gemeldet wurde, ist bereits seit 1892 nicht m e h r I u d e. Mainz. Der im 68. Lebensjahre verstorbene Geh. Kommerzienrat u. Konsul Friedrich Feldheim hatte die Fürsten fast sämtlicher deutscher Staaten als Abnehmer seines Weins. Höchst a. M. Im Alter von 61 Jahren verschied der Stadtverordnete Siegmund Ettinghausen, ein sehr angesehener Mann. Neustadt b. Pinne Der Ratsberr Max Wolfsohn, . der dem Magistratskollegium "seit 1881 angehörte, verschied plötzlich im Alter von 59 Jahren. Wolfsohn war auch Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Mergentheim «Württemberg). Hier verstarb im Alter von 93 Jahren der älteste Einwohner unserer Stadt, Privatier Isaak Schloß. Noch vor einem Vierteljahr war es demselben vergönnt, mit seiner Gattin die diamantene Hochzeit zn feiern, aus welchem Anlaß sich das Jubelpaar einer Auszeichnung seitens unseres Königspaares erfreuen durste. Stratzdurg. An der hiesigen Kaiser Wilhelms- Universität hat sich in der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fakultät der Assistent am physikalischen Institut Dr. Leonh. Mandelstam als Privatdozent für das Fach der Physik habilitiert. Dr. Mandelstam ist Ausländer; er ist am 22. April '1879 zu Mohilew in Rußland geboren; hat die Universitäten Odessa und Straßburg besucht und an der hiesigen Universität am 13. Januar 1902 mit einer Dissertation über das Thema „Bestimmung der Schwingungsdauer der oscillatorischen Kvnvensatvren-Entlädung" promoviert. Mit hem Beginn des Winterhalbjahres 1901/05 ist er an den, physikalischen Institut der hiesigen Universität als Assistent eingetreten. 0 MMoii. 0 Die Megille als Lebensretter. Bon Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). David preßte die Lippen zusammen, um nicht wieder eine Frage zu stellen, auf die sicherlich wieder so eine komische Antwort erfolgen würde. Esthers Herz aber war in wildem Aufruhr. Es war also doch gekommen, was sie so ängstlich zu vermeiden gesucht — ihr Sohn fing an, die Vorgänge zu begreifen. Bei all ihrem Kummer, bei all ihren Sorgen war cs ihr einziger Trostgedanke, daß ihr Kind wenigstens nicht den schwarzen Schatten sah, der ihr Haus, ihr Leben verdunkelt. Der Gedanke an sein Kind, der Awrom heute früh zum ersten Male beschäftigt, hatte sich in ihrer Seele schon seit Jahren emgenistet. Mit Schrecken dachte sie daran, daß ihr Sohn einst zu ihr hintreten pnd ihr die Frage vor¬ Frankfurter Israelitisches Familienblatt. legen wird: „Weib, was ist denn das für ein Wesen, das Du mir zum Vater gegeben?" Und seit damals war es ihr ständiges, inbrünstiges Flehe», daß er diese Frage erst au ihrem Grabe stellen möchte, danlit sie keine Antwort mehr zu geben brauche. — Herr Gott im Himmel! Wenn Awrom es doch endlich ehrlich' meinte und ernstlich versuchen' wollte, einen neuen Lebenswandel zu beginnen! Aber warum ist er denn noch nicht zurück? Der Weg war doch gar nicht so weit; sie selbst hatte ihn schon oft, hin und zurück, in einer Stunde gemacht und er ist doch schon drei Stunden fort. — Aber vielleicht muß er warten; Leute haben es nicht eilig, wenn sie Geld geben sollen. Oder vielleicht hat er einen Bekannte,! getroffen, mit dem er sich verplaudert. — Es gibt doch tausenderlei Möglichkeiten, die ihn ausgehalte». — Großer, barmherziger Gott! Laß es zehntausend andere Ursachen sein; nur — nur — diese — eine nicht!" ■ Der Nachmittag verging, und Esther wartete noch immer; in ihrem Herzen war bald eine öde Leere, bald war es zum Zerspringen übervoll; doch ließ sie sich nichts von ihrer Seelenqual merke». Sie hatte erst die Msicht gehabt, ihn aufzusuchen; doch sie war zu stolz, .um der Nachbarschaft ihre Besürchtung zu zeigen; außerdem wäre es ein schlechter Anfang des Vertrauens, das sie ihrem Manne heute erst angelobt. Ihre Blicke fielen auf David, der in kindlicher Unruhe am Fenster stand und nach der Straße sah. „Willst Du draußen ein bischen spielen?" fragte sie. „Ja; aber ich möchte Dich nicht so allein lassen." „Warunt denn nicht? Gehe nur ruhig fort und spiele draußen; und wenn Du willst, kannst Du Dich auch nach dem Vater umsehen; wenn Du ihn aber triffst, dann sage nicht, daß ich Dich geschickt; außer, wenn er Dich' fragen sollte. Verstehst Du mich?" Er nickte und sprang fröhlich fort. Sein Herz war noch zu klein, um einen großen Kummer zu beherbergen, und die Sonne schien so schön und so warm draußen. „Was hast Du denn in Deiner Tasche?" fragte sie noch. „ES ist — es ist — die Megille," erwiderte er zaghaft, fürchtend, daß die Mutter sie ihm wegnehmen wird; „ach, Mutter, ich möchte sie noch ein bischen behaltem; ich werde sie wirklich nicht zerreißen." Esther war weit entfernt, sie ihm wegzunehmen; im Gegenteil, es war eine gute Vorbedeutung. Die Wegille, die ihre bräutliche Liebe und Hoffnung hatte groß wachsen sehen, sie sollte auch jetzt der Abgesandte sein, um ihr die Erfüllung ihrer Hvssnung zu bringen, oder — sie gänzlich vernichten. Und so lief der kleine David in den srühlingduftenden Nachmittag hinaus, stolz wie ein Minister, der da auszicht, die Rechte seiner ganzen Nation wahrznnehmen und zn verteidigen. Die Geheimhaltung, die die Mutter ihm anempfohlen, machte es ihm klar, daß er schlau und vorsichtig Vorgehen müsse. Die ganze Nachbarschaft nach jemand absuchen, und wenn ,nan ihn endlich gefunden, so zn tun, als wäre es nur ein zufälliges Zusammentreffen, das war für den kleinen Boten etwas ganz Neues, das er noch nie vorher gekostet. Er war entschlossen, sich seiner Aufgabe voll und ganz gewachsen zn zeigen. Mit einer Stimme, die ganz gleichgültig klingen sollte, .fragte er einen Vorübergehenden nach seinem Vater. Doch dieser schüttelte verdrießlich sein Haupt und ging wortlos weiter. Ein zweiter, den er fragte, hörte das Kind freundlich an und ließ sich sogar zu einer Art Antwort herbei: „Es wäre für Dich besser gewesen. Du wärest gar nicht geboren worden!" David fand diese Antwort etwas komisch. Der Mann ist nicht recht bei Sinne», solchen Unsinn zu sprechen. — Und während er noch darüber lachte, fragte er zum dritten Male nach seinem Vater; diesmal loar es ein ganz verständiger Mensch, der auch vernünftig antwortete: „Dein Vater ist draußen in der Schanke." David machte ein betrübtes Gesicht. Es war ein weiter Weg bis dahin; aber er hat sich dieser Aufgabe unterzogen und machle sich schließlich auf den Weg. Nach wenigen Minuten war er am Fischweiher, wo die Frösche lvaren und in den kühlen Sommernächten allerlei Märchen sich erzählten. Heute waren aber «keine Frösche vorhanden, aber Seite 5. Großmutter Hindele war da, vor ihrer Lehmhütte, „m, was sie ihre „Wäsche" nannte, zn waschen. David war außer sich. Tie böse, schlechte Frau! An einem Feiertag öffentlich zu waschen, wo doch kein Mensch heute an ''Arbeit denken darf! Kein Wunder, daß man sie alte Hexe nannte. — — — Arme, arme Großmutter Hindele! Wenn die Buben nur wüßten, was ihre Eltern schon seit Jahrzehnten wußten, sie würden die alte Frau nicht kränken und sie auch nicht mit Schmutz bewerfen, wem, gerade kein Erwachsener zugegen war. — Seitdem ihr einziger Sohn vor fünfundzwanzig Fahren so plötzlich gestorben war,;hatte die ganze Welt für die arme Mutter Form und Gestalt verloren; Zeiten und Ereignisse schienen ihr durcheinandergeworfen zn sein; sie hatte für kein Maß und für keine Größe das richtige Verständniß mehr. Wie konnte sie also wissen, daß heute Purim sei, da sich doch keiner sie Mühe gab, es ihr zu sagen. David wußte aber all dieses nicht, und daher sein gerechter Zorn, den er durch die Worte zum Ausdruck brachte: „Alte Hexe, Du wirft Deine Sünden bald in die Hölle hineinwaschen!" Die 'Alte hörte nicht und arbeitete weiter, und das steigerte seinen Zorn noch höher. „Hexe! Hexe! Hexe!" rief er dreimal hintereinander, und bei jedem Ruf seine Stimme lauter erhebend. „Dir werden noch beide Hände abfalle,,, und Du wirst dann auch an Wochentagen nicht mehr waschen können!" Auch dieser Aufwand seiner L,,nge,,kraft störte die aite Frau nicht, und diese gänzliche Nichtbeachtung seiner Person stachelte den sonst gutmütigen David derartig auf, daß pr zn einem Bubenstreich entschlossen war, den er sofort gegen die 'Alte zur Ausführung bringen wollte. Einige Schritte von der Frau entfernt, steckte ihre berühmte Wäschestütze i», Erdboden, deren gabelförmige Spitze zu», Hinimel ragte. Diese Stange war im ganzen Städtchen bei alt und bei jung wegen der zärtlichen ''Anhänglichkeit berühmt, die Großmutter Hindele ihr entgegenbrachte, was die Erwachsenen mit Kopfschütteln und die Jungen nnr Neid und Habsucht betrachteten. Keine Hausfrau konnte sich rühmen, dieses Kleinod, weder für Geld noch sür Liebe, auch nur wenige Stunden besessen zu haben. Hindele bewachte sie eifersüchtig mit Argusaugen, hatte sie „Wäsche", dann diente die Stange dazu, die behangene Leine hochznhalten, und hatte sie keine, dann lag die geliebte Stütze, mit Papier umwickelt, wohlverwahrt unter ihrer Bettstelle. Hindele selbst hatte eS längst vergessen, warum sie ihr so lieb und »vert war; nur manchmal, in ihren wenige» klaren Momente», da dämmerte es in ihr ans, daß die Stange irgendwie mit ihrem verstorbenen Sohne im Zusammenhänge stand. Sicherlich hatte er sie ihr ans den, Wald heimgebracht und sie so schön geglättet und hergerichtet; das war auch die einzige Erbschaft, die er seiner Mutter hinterlass-,,. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrieh Quelle —— Offenbach a. Ä. ■ ■ Gegen Gicht nnd Bhenmntismns bewährt. Wocheu-Kalerrver. (Zeitangaben nach dem Lunch.) Samstag, den 16. März (— 1. Nissan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 7 Uhr 20 Min. Berlin 6 Uhr 50 Min. Mit W a j i kro beginnt das 3. Buch Moses, das uns in die Opfergesetze einführt. Das Opfer bedeutet dem Wortsinne nach „Annäherung" (Korban) an Gott Wir unterscheidcn im allgemeinen Tieropfer, Mehlopfer und Wein- oder Trankopfer. Dem Zwecke nach: freiwilliges Opfer (Gelübde) und Pslichtopfer; je nachdem also Schnldopfer, Sühn- oder Sündopser, Ganz- oder Feuerovser, Friedens- und Dankopser. Bon allen spricht die Sidra Majikro! Als Tiere zum Opfern brachte man Stiere, Rinder, Widder, Schafe, Ziegen, Böcke und Tauben. Die Zubereitung war sehr verschieden. Manche Teile wurden verbrannt, andere gegessen. Der Genuss war - nach Art und Zeit beschränkt. Nicht » das Schlachten, die Blutsprengung zum Altäre hin war Hauptsache! Wir können hier nicht auf Näheres eingehen. Es sei nur noch erwähnt, daß die: Opferzeiten unseren Gebetszeiten zugrunde gelegt sind.