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Neue jüdische Presse · 1907-03-15 · Heft 11 (15.3.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches FamiKenblaÜ. SK. 11. Die Myriaden Bücher, welche über die Einzelheiten der jüdischen Lehre bisher geschrieben und von der Nation als mastgebend angenommen worden sind, enthalten dem Wesen nach nicht mehr und nicht weniger als das, was in der Thora steht. Die neuen Gedanken in denselben sind keine neuen Wahrheiten, sondern nur Enthüllungen und Verdeutlichungen dunkler, bereits in der Thora ausgesprochener Gedanken, mag es sich um Gesetze „oder Prophetien, Halacha oder Hagada handeln. Sobald wir zwei Bücher finden, welche scheinbar dem Geschmack und der Form nach, von einander weit entfernt sind, so wird sich bei näheren! Züschen in den beiden Büchern, da sie sich beide mit jüdisch-wissenschaftlichen Dingen beschäftigen, eine gemeinsame Ucbereinstimmnng neben den Verschiedenheiten anfwciscn, welche vielleicht viel schwerwiegender ist als die oberflächlich durchscheinenden Unterschiede. Vielleicht sind diese beiden Verschiedenheiten nur einander ergänzende, zusammen ein Ganzes bildende Teilpunkte eines Gemeinsamen. Kurz, ebenso wie die Millionen Juden der Welt, obwohl bereits 4000 Jahre seit ihren: Ursprung verflossen sind, dennoch als eine Familie erscheinen, welche einen Vater hat und von denen jeder in dem zweiten Blut von seinem Blute antrifft, so findet auch jeder Dichter oder Forscher Israels in dem anderen noch so verschieden gearteten Dichter oder Forscher — wenn nur beide sich mit jüdischen Gegenständen beschäftigen — Geist von seinem Geist und Form von seiner Form Die Vertretung der israelitischen Religion im ungarischen Oberhanse. Nun hat auch das „koalitionistischc" ungarische Abgeordnetenhaus seine Judcndebatte gehabt. Am 7. März verhandelte das Abgeordnetenhaus in einer längeren Debatte das Gesuch des Tolnaer Komitats, demzufolge, wie den anderen rezipierten Konfessionen, auch der israel. Konfession, eine Vertretung im Magnatenhause geivährt werden möge. Die Debatte bot ein merkwürdiges Schauspiel dar. Das reaktionär-antisemitische 'Abgeordnetenhaus nahm den Antrag des Abg. Samuel B a k o n y i (eines Juden), den er im Namen der Unabhängigkeits-Partei gestellt hat und der dahin ging, die Petition möge der Negierung zum Studium übermittelt werden, mit großer Majorität an, und verwarf den Ausjchnßantrag, welcher die Ablehnung des Gesuches vertrat' Die Kurzsichtigen und Leichtgläubigen werden vielleicht in diesem Akte einen Sieg der Gerechtigkeit sehen wollen, sicherlich wird die assimilatorische jüdische Presse diese Meinung verbreiten und, den Mund vollnchmend, davon erzählen, welch' große Ehre Israel zuteil ward! In der Tat aber keine Spur von einem Sieg, den etwa die jüdische Sache davongctragcn hätte, und keine Spur von Ehre, die etwa dem Judentnme zuteil geworden wäre. Wer die Verhältnisse genau kennt, die unterirdischen Beweggründe jener Abstimmung erkannt hat und alle die Vorgänge, die dieser Verhandlung vorangegangen, beobachten konnte, der wird über den heutigen Stand der jüdischen Sache nicht erfieut sein. Im Gegenteil. Die Verhandlung vom 7. März im Abgeordnetenhausc hat die erschreckende Schwäche der ungarischen Jndenheit aufaedeckt, sie hat gezeigt, wie schutzlos die Interessen des Judentums in Ungarn dastehen und lieferte jedem, der nur verstehen wollte, den Beweis, daß diese Zustände noch lange so bleiben werden. Der Anspruch auf Vertretung der jüdischen Religion im Oberhauje des ungarischen Parlaments ist nicht neu; seit Jahrzehnten arbeitet eine ehrsüchtige, nach Macht strebende Gruppe von Großjuden daran, diesem Anspruch Geltung zu verschaffen. Im Grunde genommen ist der Anspruch vollständig berechtigt und die Verwirklichung desselben könnte für die Sache des Judentums sehr nützlich sein — wenn nicht gerade die ä r g st e n Feinde des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion diesen Anspruch forcierten. Der Anspruch auf Vertretung der israelitischen Religion im Magnatenhause fließt aus dem Prinzipe der Gleichberechtigung der „jüdischen Konfession", die ini G.-A. XX, 1848 und in der Rezeption der jüd. Religion gesetzlich ausgesprochen ist. Aber die Geschichte gibt den ungarischen Inden eine bittere Lehre. Die ungarischen Juden habe» mit ihren „Vertretern" selten Glück gehabt. In keinem Lande haben die Juden in so ausgiebigem Maste Gelegenheit gehabt, ihre religiösen wie ihre wirtschaftlichen Interessen der Forderung der Gerechtigkeit .gemäß gesetzlich sichern zu können, wie gerade in Ungarn. Aber die jüdischen Staatsmänner, die in ihren Stellungen die Juden hätten schützen können, und die Großjuden, die mit ihrem Einfluß zum Wohle des Judentums hätten arbeiten können, haben sich wohl, ohne hiervon vom Volke ein Mandat zu besitzen, zu Vertretern der Judenheil aufgedrängt, aber nur, um in Mangel jeder jüdischen Gesinnungstreue die wirklichen Interessen der Jndcnhcit zu schädigen. Sie haben ihre Stellungen nur zur persönlichen Machtentsaltung benutzt und ihren Einfluß unter der Jndenheit dazu verwendet, die Assimilation eifrig zn fördern. Dieselben ehrsüchtigen Männer urgiercn nun seit langer Zeit das Recht der Vertretung der jüd. „Konfession" im Magnatenhanse, mit der durchsichtigen 'Absicht, selber zu diesen Stellen zu gelangen. Wie die Dinge heute stehen, könnte die Verwirklichung dieses Planes die wahren Interessen der Gesctzestrcue sowohl, lvie die Interessen der breiten jüdischen Masse nur gefährden. In der Tat ist die Verwirklichung dieses alten Planes bis jetzt an dem Widerstand der Orthodoxen gescheitert; sic wußten, daß dieselbe nur zu ihrem Nachteile sein kann. Die Vertretung könnte, wie vorausgesetzt wird, nur einheitl i ch sein. Wie sehr wir nun auch die Einheitlichkeit des Judentums vertreten, jo können wir doch nicht die Tatsache unbeachtet lassen, daß durch eine einheitliche Vertretung, die — den hierländischen Verhältnissen zufolge — die Orthodoxen ausschlösse, die Interessen des orthodoxen Judentums der Willkür der gefährlichsten Assimilanten ausgesetzt wären. Wohl hat der Abg. Ugron auf die Möglichkeit der besonderen Vertretn n g der orthodoxen und der ncologen Juden nach dein Beispiel der griechisch-unierten und der griechisch-nichtunierten Kirchen, die auch ihre besonderen Vertretungen haben, hingcwiesen; aber leider ist bei den orthodoxen Juden Ungarns auch das fraglich, ob sic Männer besitzen, die dazu fähig wären, so hohe Stellen richtig ausfüllen zn können. Es tut weh, dies offen aussprechen zu müssen, die Sache läßt sich aber mit einer Unaufrichtigkeit nicht abtun. Eine weitere wichtige Frage wäre, >vie diese Vertretung der jüdischen „Konfession" prinzipiell möglich ist, da das Judentum eine „hohe G c i st l i ch k e i t" nicht besitzt, die Vertretung aber nur dem „hohen K l e r u s" der' verschiedenen Konfessionen zukommt. Die Einführung eines Konsistorialsystcms aber würden hoffentlich alle jüdisch gesinnten Eleuieute der ungarischen Judenhcit mit aller Entschiedenheit znrückweiscn. Alle diese Fragen erledigen sich jedoch sehr einfach damit, daß in Wirklichkeit weder das Parlament noch die Regierung an die Verwirklichung dieses Planes denkt. Ursprünglich hat der Antrag des Abg. Bakonyi so gelautet, daß die Petition der Regierung empfehlend überwiesen werde, erst hiernach wurde der Ausdruck gemildert und mit dem Passus ersetzt: „zum Studiutu". Das ist eine vornehmere Bezeichnung von „ad acta legen". Die ganze Debatte!var eigentlich ein Lärm um nichts und hatte keinen anderen, Zweck, als diejenigen Juden, deren Steckenpferd eben die Magnatenhans-Vertretung ist und jenen Teil der ungarischen Judenhcit, der noch immer für Assimilation schwärmt, zu ködern. Die reaktionäre Gebahrung der Koalition hat ja einen großen und für die Politik bedeutungsvollen Teil der Judenheit bereits der Koalition entfremdet; diese sollten mit der prinzipiellen Anerkennung der Berechtigung der jüdischen Religion auf Vertretung im Magnatcnhause besänftigt und als geduldige Lasttiere vor den Koalitionswagen gespannt werden. Ob sic den Trick durchschauen? Die Verhandlung zeigte, daß die klerikale Volks- Partei iu ihrem Haß gegen die Juden auch vor groben lügenhaften Behauptungen nicht zurückschreckt. So sagte einer von ihrem Lager, die Rabbinen Ungarns bestünden zu 70°,'o aus ausländischen Juden, die keine ungarischen Staatsbürger seien Aber geradezu ekelerregend war eine Szene bei der Abstimmung. Unter den Abgeordneten, die gegen die Petition stimmten, befand sich auch der Univcrjitätsprofessor Aladar Ballagi, ein Sohn des durch sein deutsch-ungarisches Wörterbuch bekannt gewordenen getauften Inden Moritz Bloch- Ballagi. Der antisemitische Jndenstämmling bewahrheitet das Wort: Mereich o 1 m j e z e r e s ch a! Es ist das derselbe Aladar Ballagi, der vor einiger Zeit in einem öffentlichen Vortrage die spanische Inquisition gerechtfertigt und die Verfolgung der Juden in Spanien als ein weises und notwendiges Mittel der Staatsraison gepriesen hat. _ Die Woche. Alles, was seit der Eröffnung der zweiten D u m a, die ohne Sang und Klang sich vollzog, nn tanrischen Palaste geschehen ist, deutet auf ordnungsgemäße Arbeit; sowohl die Wahl GolovinS zum Präsidenten, wie auch die Wahl der Vize- Präsidenten und Sekretäre verlief glatt und auch die Rechte mit ihrem „Schwarzen Hundert" verhält sich ziemlich ruhig. Zwar steht noch die Prüfung der Mandate, welche wie ein Dainollesschwert über den Häuptern des s,Schwarzen Hundert", der Mandatare der Toten .... hängt, aus, auch hat ihr Haupt, der Ministerpräsident Stolypin noch nicht zu den Volksvertretern gesprochen; allein allein Aufcheiiie nach ist die Linke — ausgenommen vielleicht die orthodoxen Prinzipienreiter Marx'schcr Konfession unter den Sozialdemokraten — gewillt, positiv zu arbeiten, ohne sich von Provokationen, .die gewiß nicht arisbleiben werden, irre führen zu lassen. Die Frage ist, was der „liberale" Ministerpräsident zu tun gedenkt; ob er wirklich die Absicht hat, die Duma zur positiven Arbeit herauzuziehen. Zur Zeit der ersten Duma hat ihm dieser Wille gefehlt! lind grade damals ließ sich ein positives Arbeiten eher bewerkstelligen, denn die Kadetten waren damals in der Mehrheit, — und jetzt ist eine buntscheckige Opposition vorhanden, und die Meinungs- und Tcmperamentverschicdcnheiten der Parteien find ziemlich beträchtlich. — Die Lage ist zwar eine andere. Damals war der Staatssäckel voll, cs war nach einer eben gemachten Anleihe; heute dagegen ist er leer, man steht vor einer Anleihe — und es heißt, daß die verdammten Geldmagnaten Garantien verlangen; sie wollen eine Kontrolle seitens der Duma haben: Grund genug für ein Paktieren mit der Duma! Jedoch die Hoffnung auf Erlangung einer Anleihe ohne die oben genannten, schweren Bedingungen ist noch nicht ganz geschwunden; man will zur Verwandtschaft Zuflucht Nehme», die Kaiserin-Mutter hat plötzlich Sehnsucht nach ihrer Schwester, der englischen Königin, bekommen und ist nach London zur Schwester gereist. Freilich gelten Verwandtschaften bei den Engländern, wenn es sich um „Money" handelt, herzlich wenig; aber es braucht garnicht die bloße Verwandtschaft bei einer englischen Anleihe maßgebend zu sein, cs können dabei außerdem Vorteile, sowohl politischer — so z. B. das Verhältnis Rußlands zu Afghanistan, Persien tlsw. — als auch finanzieller Natur erzielt werden. Und daß die russische Regierung vor keiner Bedingung — mit Ausnahme der Kontrolle des Geldes —, wenn sie noch so schwer sein mag, zurückschreckt, braucht nicht gesagt zu werden. Was folgt nun aus alledem? Die Existenz der zweiten Duma ist in erster Linie von der Anleihe abhängig zu machen. Wird die englische Negierung Geld geben, was trotz ihrer Liberalität nicht ausgeschlossen ist, dann wird Stolypin wahrscheinlich die zweite Duma, wenn sie auf seine Gesetzentwürfe nicht eingeht, eben so wie die erste nach Hause schicken — und was dann, ist leicht zu ergründen.

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