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Neue jüdische Presse · 1907-03-15 · Heft 11 (15.3.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ilrartkfrrrter Bfmrlitifilire louilirnlilatt. (” i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. ÄbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frank» furt a. M. Mk. I.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Ander Mk. 2.— 4—- '■ -■ ■■ - -i KedaLlto« u«d Srankturt s. m.» Lleichstraße 2, Ecke vilbrlerstraße 10507. AeransgeSer: Kaktz chets. Jnsertionspreise: Die viergespalten« Petitzeile. WPsg. Die Reklamezeile. ioo » Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinlunst. ' 5. Jahrgang. Freitag, den 29- Adar 566? <15. März li»07). No. 11. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Einheit als jüdisch:r Volkscharakter, von W. Jawitz. — Die Vertretung der israelitischen Religion im ungarischen Oberhause. — Die Woche- — Aus aller Welt. — Personalien.— Feuilleton: Die Megille als Lebensretter. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die Einheit als jüdischer Bottscharatter. Von W. Jawitz. (Uebersetzt aus dem Hebräischen.) I. ~ Die moderne Wissenschaft kennt nicht blos ein Einzelbewußtsein, sondern auch ein Volksbewnßtsein. Neben die Erforschung des individuellen Bewußtseins, mit der sich die Jndividualpsychologie beschäftigt,' hat sie eine neue Wissenschaft, die Erforschung der Volksseele, die Völkerpsychologie, gesetzt. Der jüdischen Welt ist die Völkerpsychologie nichts Neues, denn in den prophetischen und agadischen Schriften sinden sich eine große Menge psychologischer Bemerkungen über die einzelnen Völker, die mit Israel seiner Zeit in Beziehung traten und besonders über den Charakter und die Eigentümlichkeiten des eigenen jüdischen Volkes. Eins der hervorragendsten Unterscheidungsmerkmale zwischen Israel und den übrigen Völkern ist die nationale Wescnsei nheit, welche bereits unsere rabbinischen Klassiker hervorgehoben haben. Sie sagten: Israel stellt eine E i nh e i t dar, wie Gott eine Einheit darstellt. Wie unsere Religion sich durch den geläntertsten Einheitsglauben ausgezeichnet, so sticht unsere Nationalität aus allen übrigen durch die ihr typische Wesens ei nheit hervor, so sehr, daß unsere Weisen den Vergleich mit der Gottheit nicht scheuten. Sie wollten damit ausdrücken, daß unsere Volkseinheit keine blos äußere, sondern eine innere, keine nachträglich entstandene, sondern wurzelhafte Eigenschaft darstellt. Diese innere Einheit unseres Volkstums offenbart sich in mehrfacher Hinsicht. Die meisten Nationalitäten entstanden durch Mischung von Rassen, Kreuzung und Amalgamierung verschiedener Stämme, die örtlich zusammenlebten und allmählich zu einem Volke znsammenwuchsen. Durch den gemeinsamen Besitz des Bodens kam allmählich ein Austausch der Gesühls- und Rechtsvorstellungen zustande und verbreitere sich ähnliche. Denk- und Lebensweise im ganzen Lande. Die schließliche Einheit ist also erst nachträgliches Resultat, ein Jneinanderwachsen ursprünglich getrennter Elemente. Die Einheit ist also nur eine äußere. Ganz anders beim jüdischen Volke. Dieses ist eine Gemeinde, die, hervorgegangen aus einer alten Familie, von einem Stammvater abstammt. Nicht die Schranken eines gemeinsamen Gebietes schufen hier die Verbindung, sondern die gemeinsame Abkunft. Die Erinnerung an die genreinsame Abiammung trug Israel mit aus Aegypten ins heilige Land. Dort wurde es ein bodenständiges Voll und erreichte schon als solches ein sehr hohes Alter, wie nur wenige Völker des Altertums. In die Verbannung über den ganzen Erdkreis hat das Volk diese Erinnerung mitgenommen. Die zerstreuten Judcnmassen unterschieden sich nunmehr nach den verschiedenen Ländern, in die sie kamen, nach den verschiedenen Sprachen, die sie in ven neuen Ländern, in denen sie sich festsetzten, erlernten und nach den verschiedenen Land es geetzen, denen sie nunmehr unterworfen waren. Bei allen diesen Verschiedenheiten bewahrten sie doch das Bewußtsein ihrer gemeinsamen Abstammung mit einer erstaunlichen Zähigkeit. Trotzdem die Juden nun bereits zweitausend Jahre in die entlegensten Länder zerstreut sind, so fühlt doch der Jude des äußersten Ostens, daß sein Bruder im äußersten Westen mit ihm verwandt ist, daß sie beide einen gemeinsamen llrsprnng haben. Trotz der verschiedenen Lebensweisen, an die sich jeder in seinem Adoptivvaterlande gewöhnt hat, und trotz aller verschiedenen Eindrücken von seiten der nichtjüdischen Umgebung fühlen sich doch beide dem Wesen nach zusammenstimmend; in ihren Empfindungen und Anschauungen sind sie gleichgeartet. Oft findet der eine beim anderen noch einen bestimmten Charakterzug, der seinen eigenen jüdischen Typus passend ergänzt, einen besonderen Zug, der gerade in seinem eigenen Wesen noch fehlte und nach dem er im Geheimen immer eine Sehnsucht verspürt hat. Wenn wir diese wundersame Erscheinung tiefer betrachten, daß bei dieser großen Unstätigkeit der Judenmassen doch dieselben mit einem sehr starken Bande verknüpft sind, welches mit der einen seit Anbeginn wohlgehüteten und reinerhaltenen gemeinsamen Abstammung verbunden ist, so daß alle noch so weil versprengten Judenmassen doch in Bezug auf Gemüt und Geist ein harmonisches Ganzes, ein einander ergänzendes und zusammenstimmendes Gefüge darstellen, so müssen wir zugeben, daß in der Tat die Wesenseinheit ein besonderes Charaktermerkmal dieses Volkes ist, wodurch es sich von den übrigen Völkern scharf unterscheidet. Dieser psycho-physischen Einheit des jüdischen Volkskörpers, welche ihren Ursprung in den Familien der Stammväter hat, deren Fleisch und Blut sich bis in die spätesten Enkel der in alle Welt zerstreuten Judengemeinden fortgepflanzt hat. geht eine Einheit der geistigen Produktion parallel, welche in der Einheit ihres heil. Schrifttums zum Ausdruck kommt. Ebenso wie die meisten Völker in physischer Beziehung nur aus einer nachträglichen Vereinigung vieler ursprünglich zusammenhangloser Geschlechter hervorgcwachsen sind, so ist ihre Literatur zumeist ein Mischerzeugnis verschiedener Kulturströmungen. Vergleichen wir z. B. mit unserem Volke das spanische Volk, das noch sein altes Land inne hat und sich besonders bemüht, seine ursprünglichen Geisteserzeugnisse rein zu bewahren. Kann man da wirklich von einer Geistesei nheit sprechen? In Wirklichkeit ist diese Einheit nur eine scheinbare. Ebenso wie die Spanier der Abstammung und Sprache nach ein Mischvolk von Kelten, Romanen, Westgoten und Araber darstcllen, so ist auch ihre Kultur die Frucht völlig uerschicdener Völker, die vordem zusammengehört haben. Ihre Religion ist eine Vermengung von hebräischen Ideen, untersetzt mit indogermanischen Anschauungen, ihr Kunstgcschmack ist griechisch; ihre Staalseinrichtungen und Rechtsgesetzgebung ist du Rest altrömischer Kulturarbeit. Da zwischen ven fremdartigen Grundelementen keine natürliche Verwandtschaft besteht, sondern dieselben sich gegenseitig bekämpfen, so wird die daraus hervorwachscnde Kultur zu einem Schlachtfelde, aus dem bald das eine, bald das andere Element sich behauptet und das Gegnerische niedcrdrückt. Dieses Geschick teilen die Kulturen sämtlicher Völker, daher sehen wir in ihren Literaturen, welche gleichsam Spiegel des geistigen Völkerlebens sind, eine Reihe getrennter Schichten, keine innere Einheit. Eine bestimmte Gedanken- und Geschmacksrichtung, welche in einer Epoche hervorkeimt und die gesamte Literatur beherrscht, wird von einer neuen, völlig wejensverschiedenen Geistesrichtung abgelöst, welche die kommende Generation mit neuen Ideen und neuem Geschmack erfüllt. Tie Söhne haben keinen Gefallen mehr an den Ideen und Empsindungen, welche die Väter mit Befriedigung erfüllten. Zusammenfassend kann man sagen: Ebenso wie in der Stammesgeschichte der Völker -in vielfaches Nebeneinander getrennter Stämme sich künstlich vereinigt hat, so hat in der Literaturgeschichte der Völker ein vielfaches Nacheinander getrennter Zeitrichtungen einander abgclöst. Ganz anders verhält es sich damit in unserer Lehre. Sic beginnt mit der Idee Gottes und der Idee der Humanität, die den Stammvätern geofsenbart, aber von ihnen noch nicht niedergeschrieben wurde; nicht viel später wurden diese beiden Grundideen in kurzgefaßter, bündiger Form im Dekalog, nnd in breiterer Ausführung in den fünf Büchern der Thora niedergelegt. Im Geiste dieser Gotteslehre prophezeiten die Propheten, redeten die heiligen Sänger und Schriftsteller bis zum Abschluß des biblischen Kanons. Kein einziger von allen biblischen Schriftstellern tritt aus dem Rahmen dieser einen in der Thora als Grundlage niedergelegten Ideenwelt heraus. Unsere Weisen haben treffend nicht blos inbezug auf das Material der Gesetzgebung, sondern auch inbezug auf den Geist der Gesetzgebung erklärt: „48 Propheten und 7 Prophetinnen . rebeteit zu Israel und keiner von ihnen hat etwas zur Thora hinzugefügt oder hinfortgenommen" (Megilla 142). „Gott hat dem Mose die Prinzipien gelehrt" — — so heißt es an einer anderen Stelle bei unseren Weisen (Schemoth Rabba 41) und diese Prinzipien hat Esra und seine Schule angewandt. Die Ezplizierung des in der Thora implizite Enthaltenen, die Anwendung der Regeln auf Spezialfälle» ist die mit großer Gewissenhaftigkeit ausgesührte Tätigkeit der Halacha bis aus den heutigen Tag.

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