Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10 Frankfurter Israelitische- Familienblaü. Seite 3 Rußland. Kiew. Jto-Konferenz. Hier fand eine Konferenz jüdischer Terrikorialisten statt, welche drei Tage dauerte. Die Konferenz, welche von Vertretern aller drei tcrritorialistifchen Fraktionen Rußlands besucht war, eröffnete Dr. Jassinowski. Zum Präsidenten der 5lonfcrenz wurde Dr. M anbei» st a tu in , zu Vizepräsidenten der Redakteur des „Jewreisty Golos" Dr. Leon P a p c r i n - Odessa und Ingenieur Trop - Baku gewählt. Es wurden folgende Referate gehalten: „Die Lage der „Jto" in Rußland" von Herrn I o s c l c w, Sekretär des russischen „Jtv"-Zentralkomitecs „Die Vereinigung der „Jto"-Grnppen in eine Partei" und „lieber das Emigrations-Departement" von Dr. Leon Paper i n n. Dr. I o ch c l in an«, „lieber die politischen Verhandlungen" von Dr. I o ch e l in a n n- London und schließlich „lieber die Parteipresse" von N. Finke l st e i n - Warschau. Die Errichtung eines Departements zur Regulierung der Auswanderung nahm die Konferenz znstimmend zur Kenntnis; sie setzte ein „Jto"-Komitec zur Regulierung der 'Auswanderung mit dem Sitze in Kiew ein und wählte in dieses Komitee die Herren Dr. Mand elstamm, Ivchclm amt, Ingenieur Lipetz und R a b i n o lv i t s ch. Es wurde ferner die Schaffung einer allgemeinen territorialistischen Organisation beschlossen, welche alle terriiorialistisch gesinnten Schekelzahler umfassen, und sowohl die „S. S." wie auch die territorialistische Arbeiterpartei mit der allgemeinen „Jto"-Organisation enger Verknüpfen soll. Zu diesem Zwecke hat innerhalb dreier Monate eine Spezial-Konferenz der Delegierten der genannten Gruppen stattzufinden. Großbritannien. London. Um über die Sabbat-Arbeit zu beraten, fand unter -er Leitung des Verbandes d e r j ü d i s ch e n Schneider eine K o n - j e r e n z von Delegierten d e r M e i ft c x n n d Ar b c i t e r- O r g a u i s a t i o n e n Londons statt. Eine Resolution, die „die infolge ökonomischel Ursachen vorherrschende Sabbat-Arbeit" beklagt, und erklärt, daß „scforttge Schritte unternommen werden müssen, diese ökonomischen Ursachen zu paralysieren" wurde ongeiioinmeii. Es wurde des ferneren die Errichtung eines Bureaus beschlossen, das für Beschäftigung ohne Sabbat-Arbeit sorgt; auch wurden die Einzel-Organisationen beauftragt, je einen Delegierten zu bestimmen, der über die industriellen Umstände, ans denen heraus Meister und Angestellte am Sabbat zu arbeiten sich veranlaßt sehen, ein Referat hält. — Der Ende Januar verstorbene Metallhäiidlei Morris Joseph hat der „Westminster Jüdischen Frci-Schule" 500 Pfund, dem „Jüd. Waisen-Asyl in South Norwood" 250 Pjund, dem „Jüdische» Wohltätigkeits-Fonds von Süd-London" 100 Pfund und Her St. Albans Synagoge 100 Pfund hinterlassen. soll nämlich in Bälde eine neue Wahl stattfinden, über deren Ansgang >vir zurzeit ausführlich berichten werden. H. Jerusalem. tP. Fcbr. Unsere S!adt wimmelt schon heute, obgleich noch Wochen bis Ostern sind, V o n 91 n s s e n. Run toerden noch w e i t e r e zehntausend Pilger erwartet, für deren Unterkunft allerlei Vorkehrungen getroffen iverdc». Die j ü d i s ch e B e v ö l k e r u n g fürchtet 'Ausschreitungen und ist deshalb sehr beunruhigt. Jerusalem, 4. Febiuar Rabbi Moscheh h a -Levi, ber Saimefam Effendi, h a t entschieden! R abbi S. P a n i g e l, ein 'Resse des vorlepten C h a ch a m Baschi in Iernsale in , ist zum vorläufigen B a k i l (Stellvertreter) e r - n a n » t w o r d e n. So Hai denn doch die lange unterdrückte Mehrheit schließlich gesiegt. Das Wort der Entrüstung, welches allenthalben gehört wurde, ist nicht in der Wüste verhallt. Es tvar aber auch seitens des KaimekamS nicht anders zu erwarten. Wer dein Manne ein anderes Urteil zugetraut, tat ihm entschieden ein Unrecht. Wessen Gerechtigkeitsgefühl hat sich nicht empört angesichts des GcivaltstreicheS, der hier gegen eine ganze Gemeinde geführt wurde? Wer ans der Wahlurne als Sieger hervorgehen wird, ob Eljaschar oder Panigel, ist ganz Nebensache. Es kann weder dem einen noch dem anderen etwas Nachteiliges, geschweige denn Ehrenrühriges nachgesagt werden. Beide stehen sie matellos da. Aber, wie gesagt, das ist eine Frage ganz nebensächlicher 'Natur. .Hauptsache ist, daß die Wahrheit, für die so viele, hier >vie auswärts, eingetreten sind, denn doch ihre Triumphe feiert. Dafür verdient der Kaimekam, wenn auch nicht Lob — denn schließlich hat er ja doch nur gerecht gehondelt — doch Anerkennnng, daß er sich nichts hat weiß machen lassen. Er hat, das ist nun einmal sicher, Kämpfe zu bestehen gehabt. Daß er ich ihnen gelvachseir erwies, das krönt sein Alter Möge es ihm, dem hohen Greis, »och lange gegönnt sein, seines heiligen 'Amtes in Gerechtigkeit u walten, den Friede», der zumal unserer armen Gemeinde so nottut, zu mehren. — Zn den bcvorsteheildeu Ostern werden hier zehnt a n s e ii d russische P i l g e r erwartet. Wenn sie auch nur Friedciisgrüßc mitbrächten! Seien wir nur auf der Hut, und hossen mir das beste. H. Amerika. Nem-Äork. Das neue Einwanderungs g c s e tz, das Präsident Rooscvelt bereits unterzeichnet hat, verteuert die Ozcanfahrt bedeutend, weil es die K o p s st euer verdoppelt und zugleich einen g r ö ß c r e n L u f t r a u in f ü r j e d e n Z w i s ch e n d e ck l e r vorschreibt. Die Befürchtung liegt nahe, daß der angeblich nur zum Ausschlüsse japanischer Kulis eingesührtc Paßzivang auch gegen europäische Arbeiter Verwendung finden könnte. Schweiz. Aus dem Jahr csb> rick t des schweizerischen i s r a e I i t i f ch e n W aisc it h a u s es entnehmen wir: Zn den 13 Zöglingen des Jahres 1906 kamen 5 neue hinzu, während 2 austrateii, so daß sich ' augenblicklich mit den Waiseneltern rind ihren Kindern und dem Dienstpersonal 23 Personen im Waisenhaus befinden. Bon großer Bedeutung ist der Beschluß der Gcneralvcrsainmluiig von 1906, siinf russische Waisenkinder, deren Eltern bei den schrccklichcn Pogromen um gekommen sind, anfznnehmeii. Zwei Kinder ans Kiew fanden kostensreie 'Ausnahme im WaiseirhaiiS. Der siiianzielle Stand ist ein gün stiger. Es wurden verausgabt Fr. 12 854,56. Der Vermögensstand hat sich um Fr. 8534,70 vermehrt. Es haben für das Waisenhaus im vergangenen Jahre ausgebracht die Städte: Basel 10 374, Baden 560, Chanx-de-Fonds 610, Gens 1265, Porrentrny 110, St. Gallen 471, Zürich 1001 Fr.; die übrigen Städte der Schweiz 773 Fr.; das Anstand 5597 Fr. Palästina. Jerusalem, 17. Februar. Herrn Prof. Schatz Leiter des Bezalelinstituts, war auf der Ausstellung in St. Luis von 1904 die silberne und ans der in Liege von 1905 die goldene Verdienstmedaille zuer kannt worden. Die Ehrenzeichen suchten zuerst den Künstler in Bulgarien, wo er früher seine segensreiche Tätigkeit entfaltet hatte, nachdem sie ihn aber dort nicht fanden, wurden sie ihm hierher irachgefchickt. Dieselbe Anerkennung fand Prof. Schatz schon früher, auf der Pariser Ausstellung von 1900. Sein Institut schreitet, wenn auch langsam, doch, sicher vorwärts Die Hossiitingcn welche wir an das Unternehmen knüpften, wird es jedenfalls erfüllen. — Am 29. Schebat verschied hier im 67. Lebens jahre Rabbi V i d a l Angel. Aus Saloniki stam mend, ist er vor 30 Jahren hierher nbergesiedelt, wo er zunächst als Dajan, seit 1894 aber als Aw beth-din im sephardischen Räbbinerkoltegiiim fungierte. Das Leichenbegängnis fand unter großer Teilnahme statt, nachdem schon lange vorher „bittnl Melachah" ausgerusen worden war. Die Chach am Baschi-Frage geht nun end lich ihrer Lösung entgegen. Dem Vernehmen nach Wien. Hofrat Professor Dr Emil Zuckerkand l feiert ani 5. März sein 25jähriges Pro- ' e s s o r e n j n b i l ä n m. Zuckerkand! ist der Entdecker des nach ihm benannten Zuckerkandlschen Organs in der menschlichen und tierischen Nebenniere, er hat mit seiner Entdeckung ein dunkles Gebiet der Physiologie dem Studium eröffnet. Lemberg. Dec Rechtskandidat Adolf Berger machte, da er sämtliche Gymnasialklassen und sämtliche Staatsprüfungen mit Vorzug absolviert hat, seine Doktorpromorion „sub auspiciis iniperatoris". Der ~ tatthalter überreichte dem Kandidaten im Aufträge des Kaisers einen goldenen Ring mit dem kaiserlichen Namen. London. Unter den Opkern der untergegangenen „B e r l i n" befanden sich auch der 29jährige Ralph F r a n k c n b u r g , der Sohn des Bürgermeisters von Salford, und Herr und Frau G e r a v s k i aus Liverpool. Paris. Karl Weisweiller. Chek des hiesigen Bankhauses und Bruder des Wiener Bankiers David Weisweiller, ist g e st o r b e n. New-Nork. In P h i l a d e l o l, i a starb dec angesehene Kunsthänölcr Frank P n l a s k i im Alter von 70 Jahren. P mar in Kaschau (Ungarn) geboren und kam 1865 nach Amerika. 75 Jahre alt, starb in N e w - O r l e a n s Leopold L. Broddick, ein Veteran des Bürgerkrieges. 'Als 1898 der Krieg mit Cuba ausbrach, duldete es den Greis nicht zu Hanse und er machte als Fcldhojpital-Wärter den Krieg mit. Personalien. Berlin. Geb. Sanilätsrat Dr. I. Biument h a l erhielt das O s s i z i e r s k r e u z d e s O r d e n s der E h r e n i c g i o ii vom französischen Präsidenten. Heidelberg. Der Proiessor sür Staatsikcht, Völkerrecht und Politit, Geh. .Hosrat Georg I c l l i - n e k wurde zum Prorektor der hiesigen Universität gewählt. Leipzig. Schwere Brandwunden erhielt Frau Kommerzienrat 9t n ch o d durch Eiitzündung von zum Haarmaschen benützten Petroläther. Der Zustand ist sehr bedenklich. Hamburg. Jm Aiter von 9» Jahren verschied Herr Hirsch Berend Cohn, früher Mitinhaber der bekannten Banksirma von Cohn u. Salvmon. Cohn, ein Schüler des unvergeßlichen Chacham Isaak Bernahs s. A., hat sich nm die Förderung des Talmndstudiums in unserer Gemeinde nnvergüngliche Verdienste erworben; er war auch viele Jahrzehnte als Mohel tätig. Hannover. Allgenieines Bedauern bat das Hinscheiden Gustav H i l d e s h ei in e r ' s hervorgerusen. Gustav Hildesheimer, der ein 'Alter von 68 Jahren erreichte, mar ein Nesse Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer's s. A. Er betätigte sich stets mit Eifer im Dienste der 'Allgemeinheit und gehörte so der Verwaltung zahlreicher Wohltätigkeitsvereine und dem Repräscntantenkolleginni der jüdischen Gemeinde an. Wien. Nach langem Leiden ist Hofu Gerichtsadvokat Dr. Sigmund Zins, ein Mann, der im jüdischen Leben Wiens lange Zeit eine beachtenswerte Rolle gespielt hat, gestorben. Er war es, der im Vereine mit dem verstorbenen Landesgerichtsrate Dr. Kohn, dem gleichfalls schon dahingegangenen I. G. .Fisch! und dem damaligen Reichsratsabgeordneten Bloch de» Plan und die Statuten eines jüdischpolitischen Vereines, der „Oesterreichisch-Jsraclitischen Union" ausarbeitete. Dr. Zins gehörte dieser Vereinigung lange Jahre als Vizepräsident und später als LorstandsmitgUcd und Beirat an und hat durch die unentgeltliche Vertretung vieler Rechtsschutzagciiden für seine gaiizischen Heimatsgenossen vor dem Obersten Gerichtshöfe dem Rechtsschutzburean hervorragende Dienste geleistet. Aber auch zahlreichen anderen humanitären Instituten in Wien und in Galizien widmete er eine Hilsfe und stets selbstlose Wirksamkeit. Die Megille als Lebensretter. Von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. P u l v e r in a n n. (Fortsetzung). Awroni stand bald auf, und sprach demütig zu seiner Frau: „Es ist doch heute Purim; sür uns aber ist es ein trübseliges Fest, und — durch meine Schuld. Wir hätten durchaus nicht nötig gehabt, knietief in der Armut zu stecken! Wenn ich doch die Vergangenheit zurücknehme» könnte!" Esther suchte ihn aufzurichten. „Ich bin reich genug," sprach sic; „in den Worten, die Du vorhin, gesprochen, ist sür mich der größte Schatz enthalten." „Das mag schon sein; aber es ist doch immerhin ein Festtag, der gebührend gefeiert werden sollte." „Ich mochte schon; aber wie? Die paar Groschen. . ." „Laß gut sein," unterbrach er sie fröhlich; „ich habe doch noch das Geld von dem Inspektor Kochanoiv für die Reitstiefel zu bekommen, die ich ihm vorige Woche gemacht. Ich sollte schon heute früh das Geld holen; ich werde daher schnell laufen, um noch rechtzeitig zum Mittag zurück zu sein; und dann wellen wir uns einen guten Tag machen." In Esthers Brust stieg wieder eine neue Angst aus. 'Awrom mit dem Geld in der Tasche! — Gott soll ihm beistehcn! Das wird die erste Probe sein, ob er der Versuchung ividerstehen kann. „Ich werde Dich begleiten," hatte sie schon auf der Zunge; doch unterdrückte sie es noch zur rechten Zeit. Hatte er sie nicht vorhin gebeten, ihm ein klein wenig zu glauben? Sollte, sie ihm schon wieder mit Mißtrauen entgegentreten? Sie sprach darum kein Wort, und Awrom ging frohen Herzens fort. Awrom hatte das Geld richtig erhalten, und bald trat er den Rückweg an; nntertvegs wollte er noch vielerlei lausen, um den Tag doppelt festlich zu begehen: zunächst ein Pfund Kalbsleber und etwas Fisch, sodann aber auch Rosinen und Mandeln und Mehl und Zucker, sür die an diesem Tage üblichen „Frittchen" und noch viele derartige Delikatessen. Doch nichts zu trinken — nicht einen Tropfen! — Das war auch der Grund, daß er einen großen Bogen machte, um nicht bei der Schänke vorbeiznkommen, die ani Eingänge des Städtchens lag. Ja, ja; hätte er es doch früher nur so gemacht! Hätte er doch die Schnapsbude nicht angesehen! Na, heute wollte er es durchsetzen! Heute wollte er ihr nicht nahe kommen Aber, was war den» das? War er denn behext? Hat der Teufel sein Spiel mit ihm? — Plötzlich, ohne eigentlich zu ivissen, wie es geschehen war — plötzlich befand er sich kaum ein Dutzend Schritte von der Schänke entfernt, die er meiden wollte.