Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches FamikieMatt. Nr. 10 Die gesamte deutsche Judenheit hat dieses Werk geschaffen. Es ist ihre heiligste Pflicht, es zu erhalten und zuui Segen der notleidenden Juden in der ganzen Welt immer weiter auszubauen. Die Woche. Es gibt nichts Abnormeres und Widerlicheres als das unmoderne Mittelalterliche mit dem modernen Neuzeitlichen gepaart: ein polnischer Chosid mit einem Kaftan, Gürtel und Peies ist ein harmonisches Ganzes, ein moderner Europäer dagegen in turzem Rock und Gürtel ist eine lächerliche Erscheinung, ein Chinese mit Zopf ist natürlich, ein Europäer mit Zopf ist widerlich, der Absolutismus mit Tyrannei gepaart ist natürlich, eine Konstitution mit der Knute in der Hand ist widerlich. Europa im chinesischen Zopf ist das Zwei-Häuser- Shsteui, das Unterhaus.und Oberhaus. Denn während elfteres eine Volkstribünc ist, von der der Wille des Volkes zum Ausdruck gelangt, ist letzteres als Stätte der Reaktion ein Ueberbleibsel des Absolutismus. Der Herrscher ernennt einfach ihm genehme . Leute, sei es ihres Mammons oder ihres Zopfes wegen, der bisweilen bis zu „Kcdorloaumer" herabreicht. Und Ivas noch schlimmer: das Obcrhäuslertum, ein Amt von solch' großer Verantwortlichkeit und so viel Lebensklugheit und Erfahrung voraussetzend, geht durch Erbschaft von einem Bezopften auf den andern über. England ist das Land der modernen Bezopften, es besitzt ein Unterhaus, das die Gewählten des Volkes xu sich vereinigt und das die Lenker ihres Geschickes stellt, und gleichzeitig ein bezopftes Oberhaus, das die Mandarinen des Landes, ivelche statt „Sechel" ,Lichus-Briefe" besitzen, in sich vereinigt. So lange das Land von Männern, die in den alten Bahnen wandelten, regiert wurde, schliefen die Bezopften und träumten von den „alten frommen Zeiten" . . . Sobald aber moderne Männeran die Stelle der allen traten und sich anschickten, das Land in neue Bahnen zu leiten, erwachten die Bezopften aus ihrem süßen Schlafe, öffneten müde ihre Augen, blickten umher und siehe! ein Frösteln durchzog ihre allen matten Glieder, denn zur Regierungszeit Kedorloaumers kannte man solche Neuerungen nicht — und was man damals, vor 5000 Jahren nicht kannte, muß als veriverflich für alle Ewigkeiten gelten. Und als die neuen Männer ihre neuen Pläne ihnen vortrngcn, da brummten die bezopften Mandarinen, beim also pflegte man zur Zell Kedorloaumers, wenn man Nein sagen wollte, zu tun. Und so wurden all die schonen Pläne der neuen Männer unter den Tisch geworfen. Unter den Tisch? O nein! Die neuen Männer, die Gewählten des Volkes, wollen sich nicht von den einsttgen ernannten Vertretern Kedorloanmers führen lassen, sie schicken sich vielmehr an, das Mandarinenhaus zum Teufel zu jagen oder zum mindesten, ihm alle Rechte des Hineinredens zu nchnien, — außer ihre „Jichusbriefe" und das Recht, zu schlafen und von den allen guten Zeiten zu träumen. Wie die Sache endet, ist schwer im Voraus zu sagen, doch soviel ist sicher, daß cs nicht beim allen bleibt. Man frage nicht: was gehen die bezopften Mandarinen Englands uns Juden an. — Wie wir des öfteren hier ansgeführt haben, ist uns Juden an der Demokrattsierung der Länder viel gelegen, und daß die Demokratisierung, so lange der Zopf Europa anhängt und Mandarinen in Europas Oberhäusern spuken, ausgeschlossen ist, braucht nicht gesagt zu werden. * * * Daß der russische Ministerpräsident Herr S t o - lypin ein liberaler Mann ist, weiß die Welt zur Genüge, denn unzählige Male hat er cs ihr durch die Petersburger Telegraphen-Agentur verkünden lassen und auch den Korrespondenten hat er verschiedentlich versichert, daß er durchaus liberal ist und liberal handelt. Und er hat dabei nicht gelogen: er ist liberal, nur muß man dabei hinzufügen: „Liberal auf russische Art." Doch hier und da bekomint er w i r k l i ch liberale Anfälle, und dann versucht er, es dem „faulcir Westeuropa" uachzumache». Aber auch dies geschieht nicht rein westeuropäisch, sondern mit einer kleinen Beimischung von „echt russischer Art" als Würze . . . So hat er jüngst — hart vor den Wahlen natürlich — ein Gese tz ü der die Sonntag s r u h e erlassen. Darin wird bestimmt, daß allwöchentlich eine 24stündige Ruhepause eiiizuführcn sei und zwar allsoiiutäglich. Doch gedenkt das Gesetz auch der andern Nationalitäten, indem cs sestsctzt, daß in denjenigen Orten, wo die Mehrheit der Bevölkerung aus Nicht-Proivoslawncn sich rekrutiert, der Mehrheit nicht die Ruhe am Sonntag geboten ist — in Parautese wird jedoch gesagt, daß v o r 12 U h r alles ruhen m u ß —. Man sollte meine», es bedürfe keines besonderen Nachweises, au welchen Plätzen die anderen Nationalttäten die Mehrheit bilden; — allein, weit gefehlt! es gibt in Rußland zivile Behörden und polizeiliche Behörden, die au Verdrehungen und Gaunereien eiuersciks und Bestechlichkeit andererseits unübertroffen sind, und diese beiden Behörden werden es zu bestimmen haben, ob die anderen Nationalitäten wirklich in der Mehrheit sind. Ja, die günstige Besttmmung der Stadtbehördc kann von der Polizeibehörde aufgehoben werde»! Welch' schweren 'Schlag das neue Stolypinischc Gesetz für die Judenheit Rußlands bedeutet, braucht nicht erst ausgcfiihrt zu Ivcrden. Besonders werden durch das neue Gesetz die breiten Massen betroffen; die sogenannten Besscr-Gestclltcn werden sich größtenteils derart zu helfen suchen, daß sic christliche Arbeiter für die jüdischen anstellen werden mit der Ausrede, damit die Entweihung des Sabbats nicht durch jüdische Arbeiter geschieht. Aber wie kann dem abgeholfen werden? — Nur die Erlangung der nationalen Autonomie kann die Judenheit vor Entweihung des Sabbats schützen. Leider zieht es aber ein großer Teil der Orthodoxie Rußlands vor, die Ostragorskis, Winawers und Schlosbergs und all ihren assimilanten Anhang, die von nationaler 'Autonomie nichts wissen wollen, zu stützen, Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 5. März. Die gestrige Sitzung des Ausschuß der i s r a e l. G e m e i n d e gewährte dem Verein Montefiore einen Beitrag von 100 Mark und der I s r a e l. R e l i g i o n s - schule neben der Subvention von 3000 JL ein zinsloses Darlehen von 6000 JL, das spätestens bis zu der Zeit zurückzuzahlen ist, da die Religionsschule das Geld der ihr s. Zt. zu gefallenen Snatich-Stiftung erhält. Das Darlehu ist nötig infolge baulicher Veränderungen, die der Verwaltung der Religionsschule JL 8800 Ausgaben verursachten. — Der Bericht der R e l i g i o n s u n t c r r i ch t s k o m m i s - s i o u wird von der Versammlung zur Kenntnis genommen. Wie bei diesem Berichte so ist es auch bei dem nun folgenden Punkte der Tagesordnung „H.a u s h a l t u n g s p l a n pro 1007" den Vertretern der Presse unmöglich, llaren Einblick in die Materie zu bekommen. Der Vorsitzende setzt voraus, daß die Ausschußmitglicder bereits Kenntnis von den Berichten genommen haben, — und die Presse alias Oefscutlichkeit braucht nicht berücksichtigt zu werden. Wäre dem anders, dann hätte man das, was verlesen wurde, nicht mit einer solch' großen Schnelligkeit und Undeutlichkeit verlesen und hätte, wie für jedes Ausschußmitglied, so auch für die Presse einen gedruckten Haushaltsplan zur Verfügung gehabt. — Den Haushaltungsplan durcheilte Herr Justizrat Dr. Bär. Der Haushaltungsplan, der in einen sachlichen und in einen Personaletat, der nicht öffentlich ist, zerfällt, erreiche ungefähr dieselben Ziffern tote im Vorjahre. Die Steuern, die mit 4°/«g — bisher 3<>/o0 — festgesetzt sind, stellen den geringsten Steuersatz sämtlicher größeren Gemeinden dar. Infolge vermehrter Schülerzahl und Wegfall einer Pension sind die Ausgaben sür das Philanthropin mit JL 5000 weniger, dagegen süid die Ausgaben für das Hospital mit JL 6000 mehr angesetzt. Die aufzunehmende Anleihe von 2 Millionen Mark ist bis jetzt noch nicht genehmigt, aber mit dem Neubau des Philanthropins und der neuen Synagoge im Westend bereits begonnen worden. Karlsruhe. Die Zahl der Juden in Baden bettug 1870 25 703 Seelen (1,76«/« der Gcsamtbevölkerung), 1890 26 735 Seelen (1,61 »o der Gesamtbcvölkerung) und 1905 25893 Seelen (l,29«/o der Gesamtbevölterung). Die Seelenzahl der Juden befindet sich also in fortwährendem Rückgänge! In den 8 größten jüdischen Gemeinden — Mannheim 5098, Karlsruhe 2850, Freibnrg 1122, Heidelberg 907, Bruchsal '724, Pforzheim 660, Konstanz 583 und Gailingen 572 Juden — wohnen 13 506 — 52,16«/« aller badischen Juden. Berlin. Nach einer Zusammenstellung der „Berliner Volksztg." gehören dem neuen Reichstage nur zwei Inden an, d. h. solche, die sich noch mosaisch nennen, nämlich Singer und Stadthage n. Berlin, 4. Mau. Gest cm lond wer eine Stt'ung des Zentralkomitees des Hilfsvcreins der Deutsche» Inden statt. In der Sitzung wurde der Geschäftsbericht, der den sämtlichen Mitgliedern bereits Vorgelegen hatte, genehmigt. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich die Versammlung der Mitglieder. Herr James Simon erstattete daraus den Geschäftsbericht, lieber die Lage in Rußland sprach Herr Dr. N a t h a n, den Kassenbericht trug Herr Dr. Ellstätter vor. Der Geschäftsbericht' wurde darauf seitens der Versammlung genehmigt und Entlastung für die Verwaltung erteilt. Nach Schluß der Gciicralversamiiiluiig leitete Herr Privatdozent Dr. M i t t w o ch mit einigen einführenden Worten über die Fata s ch a s einen Vortrag von Herrn Dr. FaitIvwits ch aus Paris über dasselbe Thema ein. — Herr Faitlowitsch ist 18 Monate in Alcssynieii gewesen und war daher in der Lage, auf Grund persönlicher Aiischaunngeii über die Falaschas, diesen versprengten Stamm des jüd. Volkes, Bericht zu erstatten. Er schloß seinen interessanten Vortrag mit der Bitte, daß die Juden der zivilisierten Welt sich der Falaschas aiinehmeii mögen. — Herr I a ui e s Simo n konnte feststellen, daß seitens des Hilssvercins der Deutschen Juden bereits ein Beitrag bewilligt worden ist, zu dem Zwecke, junge Falaschas in Jerusalem der Segnungen moderner Erziehung teilhaftig werden zu lassen. Stuttgart. Nach de- Volkszählung von 1905 zählt Württemberg 12 053 jüdische Seelen (0,52 Prozent der Gesamtbevölterung); davon kommen ans Stuttgart 3805, Heilbronn 872, Ulm 613 und Lauphcim 413 Personen. 'Neben einer allmählichen Abnahme der Inden im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung läßt sia) auch eine Verminderung der Inden auf dem Lande zu Gunsten der Städte verzeichnen. Königsberg. Der Bau des jüdischen Altersheimes und S i e ch e n h a u s e s für O st Preußen, das in A l l c n st e i n errichtet wird, macht rege Fortschritte, so daß voraussichtlich im Juni 1907 die Einweihung des Hauses wird erfolgen können. Eine wesentliche F-ördernng hat das Unternehmen durch die großherzige Stiftung von 10000 JL seitens der Frau Geheimrat Becker-Berlin erfahren. Außerdem sind alle Gemeinden Ostpreußens, selbst die llcinsten, überaus opferwillig gewesen. Die Gesuche um Steltcn sind sehr zahlreich, so daß, um all den Meldungen Nachkommen zu können, noch viel geschehen muß. Oesterreich-Ungar«. Maros Büsnrhely. Das hiesige Blatt .Freih c i t", Organ der Unabhängigkeits- und 48cr Partei, bringt die Ausschreibung eines Bürgermeisters betreffs Verpachtung des Ortswirtshanses, in der es heißt: „Inden oder solche, die mit Juden i n Verbindung stehen, können a ii d e r B c r st c i g e r ii n g nicht t e i l ii e h m e n." Grotz-Becskerek. I ü d i i ch e Flüchtlinge aus R u ß l a n d. Am 20. F-ebr. kam hier eine ans 24 Glieder bestehende flüchtende jüdische Gruppe unter der Führung des Odessacr Handelsmannes Hirsch Kahan an. Nach langem Hcrumirren und verzweifelten Kämpsen gelangten sie nach Ungarn. Hier m Beeskcrck suchte der Führer der Gruppe den PoUzeihauptmanii auf, der die Erlaubnis zur Sammlung von Unterstützung unter den hiesigen Glaubensgenossen ei teilte. Die Unglücklichen erhielten eine Unterstützung von 600 Kronen. Hirsch Kahan erzählte, welche Ungerechtigkeiten und Verfolgungen die Odessaer Judenheit von Seite des russischen Pöbels, des Militärs und der Polizei zu erdulden hat. Ueber das Schicksal seiner Gruppe berichtete er folgendes: „Vor etwa drei Monaten ist in der Nacht ein Feuer im jüdischen Viertel der Stadt ausgebrochen. Die alarmierte Einwohnerschaft flüchtete sich auf die Straße. Als sich nun die Straßen mit den ansgeschreckten Inden füllten, wurden diese von den ans den Kreuzgassen hervorstürmenden betrunkenen Matrosen, Kosaken und dem sonstigen Straßenpöbel, überfallen. Das Losungswort war: alle Juden, müssen vernichtet werden. Wir, zirka 50 an der Zahl, flüchteten uns damals durch ein Durchhaus zum Meer, 35 von uns besetzten einen Fischei lahn und segelten ohne Nahrung und Wasser an dem Ufer des Schwarzen Meeres nach Rumänien. Die übrigen fünfzehn Personen sind in Odessa geblieben. Wir find so gerettet worden. Unterwegs beteten tvir, und sangen Psalmen. An mehreren Stellen ankerten wir, ünd von milden Gaben lebend, gelangten wir unter großen Schwierigkeiten nach Rumänien. Auf dem langen Wege starben sechs, fünf Personen verließen unsre Gruppe in Rumänien. Durch Rumänien kamen wir nach Ungarn, wo wir ein wenig leichter ausatmen dürfen; von hier aus wollen wir nach Amerika auswandern." Unter den Flüchtlingen sind 10 Männer, 5 Frauen, 3 größere Mädchen und 7 Knaben. „Zsido Elet".