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Neue jüdische Presse · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 verzeichnet haben, nur in den seltensten Fällen sich ihrer Eigenschaft als Juden.erinnern. Aber auch seitens der Abgeordneten S ch r empf und Gras lag keine Veranlassung vor, das zu sage», was sie gesagt haben. Wenn ein Jude etwas gesagt oder getan hat, was einem Christen nicht gefällt, so ist es eben das allererste des Christen, den Inden als „Juden" verantwortlich zu machen. Oesterreich-Ungar». Wien. Die Rede, die der gewesene Reichsratsabgeordnete Dr. Kolischer namens des Polenklubs am Grabe seines ehemaligen Kollegen Dr. Arnold Rapoport Edlen von Porada hielt, verdient cs, hier festgehalten zu werden. Er sagte: „Am offene» Grabe des Dr. Arnold Rapoport ergreife ich das Wort, nur namens des Polenklnb und der jüdischen Landtagskollegen Abschied zu nehmen. Wir beweinen seinen Tod als Bürger des Landes, denn das Land hat durch diesen Heimgang einen schweren Verlust gehabt —, den Verlust eines warmen Förderers, welcher immer bestrebt war, die fulturclte Bedeutung des Landes durch die Erhöhung der Prodnktionssählgkeit und des Wohlstandes zu fördern. Wir beweinen den Verlust. eines unermüdlichen Kämpfers der nationalen Jndnstriealisierung des Landes, dessen Ideal in den letzten Lebensjahren Dar, ein Netz von Wasserstraßen zu schassen, die das Heimatland mit dem Westen verbinden würden. Dr. Rapoport war bestrebt, die in der Erde ruhenden Schätze zu entdecken, welche der Angelpunkt der Entivicklung der heimatlichen Industrie und des heimatlichen Wohlstandes sein sollen. Wir beweinen den Tod des Dr. Rapoport innig und aufrichtig als Inden, als Inden-Polen, denn wir verlieren in den: Verewigten einen ausgezeichneten Führer, der seine ganze heiße Liebe für seine K o n - fessionsbrüder zu vereinigen wußte mit dem Verstände des Politikers. Er verstand es, die Rechte der Juden wirksam zu verteidigen und blieb zugleich aber unentwegt der Idee treu, daß ein Platz f n r einen polnischen Juden » u r i in Pole n» tum sein kann. Gerade in dem Augenblicke der größten Not und des größten Bedürfnisses verlieren wir diesen erprobten Führer. Heute, im Augenblicke, wo die Pforten des Landtages geöffnet wurden für seine letzte wichtige Sessionstagnng, wird das Grab geschlossen, das die Ueberreste dieses ausgezeichneten Abgeordneten bergen wird. Die Idee, deren Anwalt der nun Verblichene ivar, ivird auch weiter heilsam wirken. Dr. Rapoport, welcher in fremder Erde ruht, wird in seinem Heimatlande nicht vergessen werden." Hoffentlich sind die Juden Galiziens so vernünftig, diesen tapferen Assimilanten Dr. K o l i - scher bei der dMnächstigen Reichsratswahl nicht ivieder zum Vertreter des — Polcntums zn wählen, jenes Polcntums, das die.Jilden Galiziens systcmatisch zum wirtschaftlichen Ruin bringt. Budapest. Ein schrecklicher Raubmordprozeß, der das ganze Land, aber besonders die Gegend um Marinarvs-Sziget, in Aufregung gehalten, ist am 20. Fcbr. zum Abschluß gekommen. Die Aufregung verursachte besonders der Umstand, daß einer der Hauptverbrecher, der Anstifter des Raubmordes, wie auch zwei Helfershelfer Inden sind. Die aus 6 Personen bestehende Bande hat nämlich vor einigen Wochen zwischen Peirova und Felsö-Bisso die Karriolpost ausgeraubt, den Postkutscher und den ihn begleitenden Gendarmen meuchlings ermordet. Auf Grund des Verdikts der Geschworenen verurteilte nun der Gerichtshof den ehemaligen Gendarmen Johann M i h a l k a als Täter und den Psaidler Abraham H u ß als Anstifter zum Tode durch den istrang, und zwar soll Mihalka vor Huß hingerichtet werden. Der Viehhändler Leb Mendel Perl und der Fuhrmann Fischt Perl wurden zu je 10, der Taglöhner Johann F i l i p e s u k zn 6 und der Taglöhner Vassili B i l a S k o zn 5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der zum Tode durch den Strang verurteilte Anstifter hat fortwährend geleugnet, der Täter, ein rnthenischer ehemaliger Gendarm war aber geständig. Die antisemitische Presse nützte den Fall in gehässiger Weise aus und verbreitete das Gerücht, ein Rothschild-Syndikat arbeite mit Geld, mit die jüdischen Angeklagten zu retten und eine Menge von Wunderrabbis sei aus Galizien herübergekoinmen, um ihnen durch Zauberei behilflich zn sein. Wir haben das strenge, aber gerechte Urteil des Gerichtshofes mit Befriedigung entgegengenommen. Nicht nur weil die Angeklagten dasselbe für ihre blutige Tat verdient haben, sondern weil die jüdischen Mitglieder der Bande Schimpf und Schande über den jüdischen Namen gebracht. Mit Entsetzen haben wir cs gesehen, daß es solche entmenschte Bestien unter uns hat geben können. Wenn cs auch zu den seltensten Seltenheiten gehört, daß ein Jude sich zu solcher Bestialität erniedrigt, so ist ja klar, daß unsere Feinde nicht die Ansnahnie achten werden, sondern dieselbe auf recht gehässige Weise gegen die Juden im allgemeinen ansniitzen werden. Nicht um die Verbrecher zu verteidigen, — an ihnen muß das biblische Wvrt angewendet werden: „Du sollst wcgschaffen das Böse aus deiner Mitte" — aber um das Entsetzliche einigermaßen zu erklären, wie Jitden zu solch entmenschter Tat sich, hergeben Frankfurter JsraeMMS Familienblatt. konnten, sei die Tatsache hervorgehobe», daß die jüdischen Mitglieder der Bande bar jeder Intelligenz sind; sie lebten mit den halb barbarischen, rukhenischen Einwohnern jener Gegend ans dem Dorfe zusammen und haben ihre Bestialitäten gelernt. Im Laufe der Verhandlung ergab sich, daß sie weder lesen noch schreiben können, daß, außer der dort üblichen jüdischen Tracht, nichts.Jüdisches an ihnen ist; sie können nicht einmal beten und Nicht einmal die hebräischen Buchstaben kennen sie. Sie sind eben solche unkultivierte, verrohte Bauern wie die übrigen ruthenischcn Bauern, mit denen sie wohnen. Dieser geistigen und sittlichen Verwahrlosung müßte endlich gesteuert werden. Amerika. Nelu-Nork. Für das Beth Israel Hospital wurde ans einem Diner zn Ehren seines Präsidenten Joseph H. Cohen 21000 Dollars gezeichnet. Wenigstens 20 000 Dell. für das Spital werden aus dem Ergebnis des dcmnächstigen Purimballes, zn dem auch Gouverneur Hughes die Einladung angenommen hat, erwartet. Jacob H. Schiss spendete für das I ü d. 91 ltenhei m , East Broadway 229, 50 000 Doll. Die Anstalt war ursprünglich als Heim für Einwanderer gegründet worden, als jedoch in den letzten Jahren die Ansprüche, alle Leute zn versorgen, immer größer wurden, da trennte Jacob H. Schiff diese beiden Zweige der Wohltätigkeit. Personalien. Berlin. Professor Friedrich Gernsheim hat den Stern zum Kronenorden 3. Klasse erhalten. Die Unterärzte Dr. Moritz S a l o in v n s k y , Dr. I. L e h r s und Dr. Elias A u e r b a ch wurden zn As s i st c n z ä r zt e n befördert und haben hierdurch den Sanitätsoffizicrsrang erhalten. Ihre goldene Hochzeit feierten am 26. d. M. das in der jüd. AltersversorgiingSanstalt (Schönhauser-Allee 22) wohnende Ehepaar Theodor Stt c c m a n n und Bertha gcb. Hirschscld. An der Influenza verschied im Alter von 61 Jahren Herr Alex R o s e n t h a l, Mitinhaber der Weltfirma V.. Mannheimer. Der im Alter von 79 Jahren verstorbene Bankier Julius Bleichroedcr, der Bruder Gerson von Blcichrocders und der Schwiegervater des bekannten Sozialdemokraten Dr. Leo Arons, war eine der angesehensten Persönlichkeiteil der Berliner Börse. Dem Kaufmann Willy S ch l c s i n g e r, Seniorchef der hiesigen Firma Hermann Schlesinger n. Co., ist durch das Hofmarschallamt das Bildnis des Kaisers mit eigenhändiger Unters ch r i f t zugesandr worden. Berlin. Dem Privatdozenten in der philosophischen Fakultät der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin, Dr. Adolf M a r c u s c ist das Prädikat P r o f e s s o r bcigelegt worden. Stuttgart. Zu Stabsärzten wurde der Oberarzt der Reserve Dr. L e v y und die Oberärzte der Landwehr 1. Aufgebots Dr. Marcus und Dr. H o ll) st e t t e r befördert. Wie». Se. Majestät hat dem bekannten Wiener Publizisten und Redakteur des „Renen Wiener Tagblatt", kais. Rat Emanucl S i n g e r, aus Anlaß seiner' hervorragenden politischen und parlamentarischen Dienste die a l l e r h ö ch st e A n e r k e n n u n g ausgesprochen. Der verwitweten Frau Ignaz Eisen st ädter de Buzias, Präsidentin des Teinesvar-Jnnerstädtcr isr. Frauenvereins, wurde in Anerkennung ihrer ans dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit erworbenen Verdienste das g v l d e n e° V e r d i e n st k r c n z mit der Krone verliehen. In Liptoßcnlniiklos wurde Frau Witwe L ö w y, eine 70jährigc Frau, in ihrer Wohnung t,o t anfgefuiideii. Die Unglückliche hatte tzes Abends, um sich vor der grimmigen .Külte zu schützen, das Thermometer zeigte Morgens 26 Grad Celsius unter Rull, die Ofenröhre abgesperrt, was ihren Tot herbeiführte. Sie starb infolge des ausgeströmten Kohlengascs. Wien. Kommerzienrat Siegmund Mendel, Teilhaber der Firma Wilhelm Metes n. Co. in Wien, und Eduard Ritter von P o r t h e i nt, Präsident der Smichower Kattun-Manufaktur nsw. usw., ein Mitglied der hochangesehenen Prager Patrizicrfamilie, sind g e 't o r b e n. Petersburg. Der in Jekaterinoslaw zum D i! IN a - A b g e o r d n e t e I! gewählte Ingenieur R a b i n o w i tz ist Direktor der Jrminer Aktien- Gcscllschaft für Kohlen und Vorsitzander der Verwaltung der südrnssischcn Akt.-Ges. für Strick-Fabrikation. Rabinowitz hat sich in jüdischen 'Angelegenheiten noch nicht bekannt gemacht. Dagegen hat der in K o >v u o gewählte Rechtsanwalt Ä b r a in s o n sich in letzter Zeit für den Verein für jüdische Gleichberechtigung interessiert. London. William Roth enstein's ergreifendes Bild „Jüdische Trauer in der Synagoge" ist der R a t t o n a l - G a l e r i e als ein Andenken an die „Jüdische 'Ausstellung in Whitechapel" von dem Seite 3 Komitee dieser Ausstellung übergeben und von der National-Galerie angenommen worden. Max Langermann — geboren 1859 iii Bayern und seit 1879 in Süd-Afrika — wurde von Lord selborne zum Mitglied des Oberhauses der gesetzgebenden Körperschaft Transvaals ernannt. Aus der Lehrerwett. Berlin. Die neue, von der jüdischen Gemeinde festgesetzte B e s v l d u n g s s k a l a für die Religionslehrer an staatlichen Lehranstalten lautet: Anfangsgehalt JL 110, nach 3 Jahren JL 120, nach 6 Jahren JL 130, nach 9 Jahren JL 135, nach 12 Jahren ■JL 140, nach 15 Jahren .11. 145 und nach 20 Jahren JL 150 für die Jahresftunde. Die Festsetzung des Dienstalters erfolgt durch den Gemeindevorstand. Köln a. Rh. Die letzte Repräsentanten- B e r s a m m l n n g der jüdischen Gemeinde, die sich besonders mit der Beratung des Etats be/chästigte, strich den Beitrag von 2000 JL an das hiesige isr. Lehrerseminar und erhöhte den Beitrag an bas Lehrerseminar in Münster um 500 JL Die Streichung des Beitrages für das Kölner isr. Lehrerseminar ist eine Folge der Aiistrittsbewegnng. Harburg. Mit dem I. Äpnl scheidet aus hiefiger Gemeinde der bis jetzt ca. 26 Jahre amtierende Chasen und Schanchet Herr Werkel. Als Nachfolger Wurde Herr Lehrer und Kantor 2. Adler aus Segcberg (Holstein) e i n st i in m i g gewählt. Wien. Baron Rothschild'sches Honorar! Rabbiner Dr. Kecskeinethy aus Großwardein, der bei der Trauung Rothschild-Wertheimstein assistierte, erhielt ein Honorar von 500 Lstrl. (10000 JL). Graz. Rabbiner Dr Mühsam, sehr geschätzt als Mensch und als Gelehrter, ist verschieden. Büd-Szt.-Mihaly (Ungarn). Rabbi Juda Grünfeld, der Obcrravbiner unserer Gemeinde, einer der bedeutendsten Talmud-Koryphäen und einer der frömiiistcn Juden unserer Zeit, ist unerwartet von seiner irdischen Wirl>amkeit abberusen worden. Rabbi Grünfeld, der ein 'Alter von 69 Jahren erreichte, ivirkte 35 Jahre in unserer Gemeinde. Chicago. Reverend Isaak Schwab, Autor mehreter theologischer Werke, ist im Alter von 66 Jahren verschieden. 0 leuillefoii. 0 Die Megille als Lebensretter. Bon Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. P n l v e r m a n n. (Fortsetzung). 'Am Morgen dieses Purimfestes saßen Awrom und der kleine David im vollgedrängten Tempel; natürlich ganz hinten, Schulter an Schulter mit den aiisgesprochenen Bettlern, sodaß David in seinem kleinen Herzen sich wundern mußte, warum sein Vater zufrieden sei, sich zwischen de» Schnorrern hernmzudriicken, anstatt seinen Platz bei den andern Baalbattini zn haben. — Er hätte seinen Vater schon längst gefragt; doch war dieser so in Gedanken versinnken und starrte so anhaltend in die Ferne, daß er alles um sich vergessen zn haben schien. Und in der Tat; Awrom Klamm grübelte jetzt über verschiedene Dinge nach und war so vertieft in seinem Nachdenken, daß er sogar die Stelle in der Megille verloren, die der Chasen mit allerlei Triller so schön vorlas. Awrom hatte die Megille noch so vor sich liegen, wie er sie zu Anfang anfgeschlagen, und das ivuiidervclle Drama, das sich in der Hauptstadt Schuschan abgespielt, verhallte ungehört an seinem Ohre. Er dachte ernstlich darüber nach, wie er ans seinem Lebe» eine Ruine gemacht, und wie er es ganz, ganz anders hätte gestalten können. Er dachte auch darüber nach, was aus den guten Vorsätzen und frommen Entschlüfsen geworden war, die er sich vor der Hochzeit so schön zurechtgelegt, da er glaubte, die Rechnung mit der Vergangenheit gänzlich abgeschlossen zn haben. — Er wußte, daß sie noch in seinem Herzen vorhanden waren; alle; — nur warteten sie immer noch, in Taten umgesetzt zu werden; sie warteten noch immer — bis die Vergangenheit mit ihrem traurigen Inhalt in die Gegenwart hineiugespielt. — War cs denn wirklich ganz, ganz unmöglich dem tückischen Feind entgegen zn treten, der sich wie ein Dieb — nein, nicht mehr wie ein Dieb, sondern ganz frei und offen — an ihn herandrängt und seine Seele, sein Heim, alles, was ihm lieb und teuer ist, untergräbt und unterminiert? — Gott weiß es, er hat oft und

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