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Neue jüdische Presse · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Famikienblatt. Nr. 9 die Griechen war, daß diese in Masse» auswanderten, worüber die Bulgaren, ungeachtet des dadurch verursachten wirtschaftlichen Schadens, hocherfreut waren. Der große Erfolg, den die Bulgaren durch die Griechenverfolgung erzielt hatten, brachte sic auf den Gedanken, man könne die Juden auf ähnliche, Weise los werden. Die bulgarischen Zeitungen, deren Redakteure meistens materiell gesinnte, niedrig denkende Leute sind, zogen in der Tat lange in geharnischten Artikeln gegen die Inden ins Feld und suchten dem rohen und leichtgläubigen Pöbel .durch alle möglichen Mittel unaustilgbaren Haß gegen die Inden einzupftanzen. Dieses alles beunruhigte sehr die jüdische Bevölkerung von Bulgarien, und in der jpaniolischen Zeitung „La Seinana" waren schon mehrere, nicht realisierbare Vorschläge, wie dem in Bulgarien überhand nehmenden Antiscinitismus entgegeuzusteuern sei, erschienen. In der Philippopeler Bnei-Brithlogc hat man sich in einer dreistündigen Sitzung init dieser wichtigen Frage beschäftigt. Nach langem Hin- und Herreden ist man zu dem Schlüsse gekommen, daß es besser ist, aus dem, was die antisemitischen Zeitungen schreiben, kein Wesen zu machen, ihm öffentlich keine große Bedeutung beizumessen, jedoch im Stillen dagegen zu arbeiten. Herr Dr. Ehrenpreis schlug in einem an die bulgarischen Gemeinden gerichteten Rundschreiben vor, philojemitische Werke und Artikel in populärer Sprache unter die niedrige bulgarische Bevölkerung, von der am meisten zu befürchten ist, von Christen selbst zwecks Aufklärung verbreiten zu lassen, daß die Juden entgegen den Anklagen der Zeitungen dem Lande, in dem sie wohnen, keinen Schaden verursachen, sondern ihm vielmehr große Vorteile bringen und zu seiner Entwicklung ein gut Teil beitragen. Bis heute ist jedoch noch nichts zur Ausführung dieses Vorschlages geschehen; und inzwischen wird dem bulgarischen Juden, der sich in der Gesellschaft etwas auffällig macht, immer die Griechenverfolgung vor Augen gehalten, damit er wisse, daß ihm eines schönen Tages dasselbe passieren kann. Die unter den 35 000 bulgarischen Inden vorherrschende Uneinigkeit berechtigt uns leider zu jeder Befürchtung. Momentair ist zwar das bulgarische Volk mit den sozialistischen und studentischen Ausschreitungen gegen die Regierung beschäftigt; aber die Ostertage, an welchen die Juden schon soviel Unglück erlitten haben, sind nicht mehr weit. . . . Ben-Haamitti. Die Woche. Wir befinden uns in der Purimwochc. — Es lebte einst ein Haman, der die Juden ansrotte» wollte: Die Juden gehen ihre eigenen Wege und wollen sich nicht ducken; er wollte sie deshalb vernichten, setzte aber seinen Willen nicht durch, — darob das Fest, darob die Freude. „Es lebte einst ein Haman!" Und zu welcher Zeit lebte Haman nicht? Bald >var es Pharao, bald Amalek, bald Goliat, bald Antiochus. Hier Titus, dort Ferdinand, dort wiederum Nikolaus und wie all die großen und kleinen Hamans heißen mögen, die gelebt und noch leben werden und den löblichen Wunsch hegte» und hegen, die Juden ausznrotten. Und ginge es nach ihrem Wunsche, so wären wir jetzt ein Objekt der Geschichtsschreiber und der Altertumsforscher.... Und doch sollen wir uns freuen. Unsere Ahnen haben es für sich und ihre Nachkommen für alle Ewigkeiten festgesetzt und auf sich genommen, sich am 14. Adar zu freuen. Das wollen wir tun, ohne zu grübeln. Der Jude, der ein Auge verliert, pflegt in der Regel Gott zu danken, daß das andere gerettet ist — das ist echt jüdisch. Haman schickte sich an, uns zu vernichten; er tuts auch, so gut er kann; ganz ist cs ihm nicht gelungen, allein schwere Wunden hat er uns doch beigebracht. Doch unsere Väter, wie gesagt, haben es für sich und ihre Kinder, also verbindlich für alle Ewigkeiten, festgesetzt, sich am „Purim" zu freuen; wir möchten uns auch freuen; allein, — wie soll cs geschehen? Zerstreut nach allen Windrichtungen, verfolgt, zurückgesetzt, überall nur Jammer und Weh, und wir sollen Jubelhymnen anschlagen! Und wollten wir uns, in die Zukunft schauend, über unsere G e g e n wart hinwegsetzen, wollten >vir für einen Moment den Haman von Außen vergessen, so erscheint vor unseren Angen in all seiner Schauerlichkeit der Haman von Sfn.n e n, hier in der Gestalt des „Ma Jofis"-Jndcn, dort in der Gestalt eines „Bnndistcn". Unter den größten Gefahren und mit den größten Opfern au Gut und Blut wurde im Lande der Pogrome eine Wahl sür eine össentliche Rechtstribüne vorgenommen; auch unseren entrechteten Brüdern wurde ein einziges Recht, das Recht zu wählen, eingeräuint, — und der ganze sog. Ansiedlnngsrahon, wo die Juden zusammengepfercht in überwiegender Mehrheit leben, schickte nur einen einzigen Inden, dem erst das jüdische Selbstbcwußtsein beigebracht werden muß, als Vertreter. Der jüdische „Bund" und die Partei der „Ma Jofis"-J»den hintertricben die Wahl der selbstbewußten, nationalen Juden; im Namen des getretenen Volkes werden nun „echt russische Mannes sprechen. — Und da sollen wir uns sreuen, daß Haman überwunden ist!. Wahrlich, ein großes Volk muß es sei», daß ihm Freud im Leid zugemntct werden kann! * * * Eine neue Aera; eine neue Zeitrechnung zieht jetzt in Oesterreich ein, die neue Wahlordnung schickt sich an, das Land zu demokratisieren. Noch kann man nicht mit Bestimmtheit sage», was der neue Wahlmodus dem Lande tu Bälde in freiheitlicher Hinsicht bringen wird. Ist doch der Wahlmodus ein R o v u in, mit dem - die breiten Massen nicht recht nmzugchen wissen, und es ist deshalb nicht ausgeschlossen, daß die schwarzen Elemente des Landes, die Christlichsozialen, welche einen .starken Einfluß auf die Massen ausüben, die neue Wahlordnung sür sich geschickt ausnützen werden; aber auch die privilegierten Stäube mit den Polen an der Spitze, werden alles daran setzen, die neue Wahlordnung nicht zur vollen Geltung kommen zu lassen, und gar viele sind der Mittel, die sie in Händen haben: Unreife, Unwissenheit und falsch verstandener Glaube der Massen einerseits, Chauvinismus, Schcinheiligkeit und Besitz andererseits. Dazu kommen noch die rcakticnären Landtage, deren Wahlmodus ungeändert geblieben ist. Allein der Volkswille wird doch aller Voraussetzung nach mehr bei diesen Wahlen zum Ausdruck kommen, als zuvor. Die Negierung, die den nationalen Hader satt hat, wird im Gegensatz zu der unsrigen den Schwerpunkt bei den Wahlen aus das kulturelle Moment zu legen bestrebt sein, und die Parteien, so fern bei ihnen das Nationale in den Hintergrund tritt, so die K l e r i k a l c n und Sozialisten, werden dieser Parole der Negierung folgen. Und die Juden? — Auch für die Juden Oesterreichs beginnt eine neue Aera. Während sie bis hcute keine eigentlichen Vertreter, die das Jüdische zum Ausdruck gelangen ließen, hatten — ihre privilegierten, sich s c l b st wählende n Gewählten waren Vertreter eines sog. allgemeinen verschwommenen M e n s ck> t n m §, und wenn sic bisweilen nationale Anfälle verspürten, dann waren sie Polen, Tschechen, Ruthcnen, Deutsche, wie es eben grade die Bürger ihrer Wohndomiziels zu sein pflegten, aber keineswegs Juden —, so sind sic jetzt in der Lage, wirkliche Vertreter auS der Mitte der breiten Massen, die noch ziemlich viel jüdisches Gefühl und jüdisches Selbstbewußtseiu besitzen, in den neuen Reichstag zu entsenden. Diese neuen Vertreter werden gut zu machen haben, was die alten verdorben haben; ihnen wird die Aufgabe zufallen, zum ersten Mal im Name» eines jüdischen Volkes zu sprechen und so dem ungekaniiteii und daher verkannten Judentum im Reichstag einen Platz eiuräiimen. Die Frage ist nur: Wie soll das geschehen? Ohne eine feste, über das ganze Land verzweigte Organisation wird es sticht gelingen. Leider aber lauert der Feind, die alten offenen und maskierten Volksverräter, hinter allen Positionen, er wird sein Bestmögliches tun, sein Zcrstörungswerk sortzusetzcn und den Willen des Volkes zu Fall zu bringen. Des ferneren sällt noch erschwerend ins/ Gewicht, daß die Nationalitäten Oesterreichs sich'dank dem Verrat der jüdischen Vertreter daran gewöhnt haben, die Juden ausschließlich für andere arbeiten zu sehen und nun zum ersten Mal von der Arbeit der Juden sür sich selb st vernehmen solle». Die Arbeit wird also nach June n und A u ß e n aufklärend sein müssen. Das ist nicht leicht, dafür aber lohnend. — Die österreichischen Juden stehen vor einem sehr schwierigen Problem; es wird sich zeigen, ob sic seiner Lösung gewachsen sind. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die Repräsentantenversamml ii n g der jüdischen Gemeinde nahm fast einstimmig die folgende von der gemischten Deputation gefaßte Resolution an: „Die gemischte 'Deputation für den Bau der Synagoge im Nordwcsten erkennt zwar an, daß zurzeit, wo an die Erbauung der neuen Synagoge in der Fasanenstraße herangegangen wird, der Bau einer weiteren Synagoge nicht möglich ist. Sie erkennt aber ferner an, daß die wiederholten Wünsche der Bevölkerung des Nordwestens (Moabit, Widding, Hansaviertel, Alt-Charlottenburg) ihre volle Berechtigung habenweil die Entfernungen zu den bestehenden Synagogen zu weit sind. Sie ersucht den Gemeindevorstand, schon jetzt den Ankauf eines entsprechenden Grundstückes in Aussicht zu nehmen, weil Bauplätze immer knapper und die Preise immer teurer werden, und hierfür eine Kommission zur Auswahl eines geeigneten Bauplatzes einzusetzen." In derselben Sitzung wurde der Rechnungsa b s ch l ii ß 1805/06 vorgelegt. Als interessante Zahlen heben mir daraus hervor: Die Etatseinnahmen mit 2115 774 JL, die Ausgaben mit 1865 156 JL und den Eingang von Steuern mit 1 662167 JL Die Zahl der Zensiten stieg im Berichtsjahre von 27180 ans 28 428. Berlin. Der Antisemitismus in der Sozialdemokratie hat wieder eine hübsche Blüte getrieben. In dem iiciiestcn „Korrespondenzvlatt der Geiieralkommission der Gewerkschaften Deutschlands" (Nr. 17 v. 23. Febr.) wird die Arbeitgeberorganisation der Hamburger Reeder angegriffen und dabei der Generaldirektor Ballin als „Ordensritter Bal!inleben" und „dekorierter Jude" bezeichnet. Was sagt Herr Singer zu allen diesen „Entgleisungen"? Stuttgart. Württembelgischer Landtag. Ans der Sitzung Pom 21. Februar. Schrempf (Bauernbund) schließt seine Rede: Verschiedene Vorkommnisse in der letzten Zeit und auch in der gestrigen Debatte erinnern unwillkürlich an eine Stelle ans Meyerbcers „Hugenotten", wo es heißt, daß die Katholiken und Protestanten sich die Köpfe zerschlagen, während die Juden die Musik dazu machen. Mayer (Voltspartei): Der Abgeordnete Schremps soll während meiner gestrigen Rede gerufen haben: Was geht das den Inden an! Ich bin hier in meiner Eigenschaft als Abgeordneter der Stadt Ulm. Man hat sich hier nicht umsonst über die maiigelhasten Resultate eines Teiles unserer Bildiingsanstalteii beklagt. Gras (Zentrum): Mayer hat gestern einen Ton in die Debatte hineingetragen, der bisher nicht beliebt wurde. Gerade die Glaubensgenossen von Mayer haben am wenigsten Veranlassung, den konfessionellen Hader zu schüren. Ich möchte auf Grund der Mayer'schen Aciißerimgcn bezweifeln, ob die Qualität ihrer (der Inden) Bildungsanstalten über jeden Zweifel erhaben sind. Mayer hatte bei seiner Kritik des bischöflichen Hirtenbriefes davon gesprochen, daß der Bischof seine Schase scheren oder schlachten möge.... Zweiter Vizepräsident Kraut: Dieser Ausdruck ist gestern schon gerügt worden. Ich bitte, nicht weiter darauf zurückziikommen. Gras fortfahrend: Ich muß diesen Ausdruck zurückweisen, denn er ist nicht nur gegen das Zentrum, sondern gegen das ganze katholische Volk gerichtet gewesen. Wir aus seiten des Zentrums sind überhaupt viel liberaler als Mayer. Windthorst ist z. B. für die Beibehaltung des Schlichtens ekiigetreten. Bei Mayer heißt es auch: „Freiheit, die ich meine, für die anderen keine." Ich. habe gehört, daß bei der Anlegung eines neuen Friedhofes in Ulm Mayer seinerzeit für die Einrichtung einer besonderen 'Abteilung sür die Israeliten eingetreten ist. Mayer (Vp.): Was die von Graf angezogcne Fricdhosaiigelegenheit anlangt, so habe ich die Anffassung vertreten, daß die Israeliten nicht so weit von ihren christlichen Mitbürgern entfernt sein möchten, wir dies vielfach im Leben der Fall ist. Windthorst habe sich allerdings für die Beibehaltung der Schlichtung ausgesprochen, ich glaube aber, daß manche seiner Nachfolger Grund haben, sich davor zu fürchten. — Es wäre ein Zeichen von Taktgefühl gewesen, wenn Abg. M «her bei einem Thema, das ins Konfessionelle hinübergreift, geschwiegen haben würde. Hätte denn nicht ein anderer Abgeordneter seiner Partei sprechen können? Das Unglück aber ist hier wie überall, daß die Wgeordneten, die zusÄligerweise das Wort „Jude" auf ihrem Geburtsschein

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