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Neue jüdische Presse · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. «ft »ersucht, w«r «L«r unterlegen; wieder versucht und wieder unterlegen, bis seine bebende Seele es deutlich erkannte, daß sein Schicksal besiegelt war, daß er das Los ewig zu tragen haben wird, das er sich selbst geschaffen. — Warum aber mußte er gerade heute so viel daran denken? Es war durch den Anblick der Megille, die vor ihm lag. Heute sind es ja gerade acht Jahre, daß seine Braut sie ihm gegeben; das einzige Ueberbleibsel der einstigen Größe ihrer Familie, deren Stannnbaum bis zu dem weltberühmten Gelehrten und Wundertäter Neb Maische Jsserls hinansreicht. Und Esther hatte sie ihm freiwillig gegeben, ohne erst zu warten, bis er, als ihr Gatte, sie rechtmäßig in Besitz nehmen konnte. Die Megille enthielt ja so viel ihren eigenen Namen und sollte chm als Talisman dienen, damit er seine Braut nicht vergesse. — Und er hat es ihr damals 'zugeschworen, daß er ihr ei» Leben bereiten werde, um dessen Glück sie von allen Königinnen, lebend oder tot, beneidet werden sollte. — Und wie bald hat er feinen Schwur gebrochen? Wie bald war er meineidig geworden? Welch ein Verräter gegen sie und auch gegen sich selbst! Und die schwerste Demütigung war es für ihn, daß es seinem eigenen Herzen überlassen blieb, sich die bittersten Vorwürfe zu machen. Von ihr hört er ja kein Wort des Tadels; sic zog es vor, zu leiden und zu schweigen. " Er sah jetzt die Megille eigenartig an. Es war schon lange her, seitdem er'-fie angcblickt oder ihr einem Gedanken gclvidmet. Und dabei verkörperte sie doch so viele Ereignisse und Empfindungen: Gelegenheit zu einen: neuen Leben, ein stilles Glück, das er sich hätte gründen können, tausendfaches Bedauern, eine Welt voller Verzweiflung — jetzt aber bildet die Megille eine Grabstätte seiner Hoffnungen, einen Abgrund peinigenden Gewissenschmerzes. Die Wehmut übermannt ihn. Ach, der blauseidene Ueberzug an der Mickseitc der Megille fing schon an, fadenscheinig zu werden. — Es war dieselbe Seide, . die von ihrem Hochzeitskleide übrig geblieben war, mit der sie auch die vier Ecken seines Tallis' benäht und auch noch eine Wimpel für die hellige Thora geniächt gleiche nach der Geburt des kleinen David. Er blickte jetzt auf fein Kind neben ihm, mit den: schmalen Gesichtchen und den großen, glänzenden Augen, die den Vater oft erbeben machten, wenn sie sich fragend auf ihn richteten. Mit Schrecken dachte er an die Zeit, wenn diese stumme Frage sich in Worten kleiden und eine Antwort verlangen wird. — Es war wohl Zeit sich vorzubereiten, um einst Rechenschaft über sein Leben abzulcgeir. Ja, es ist Zeit — und darum will er auch gleich damit beginnen. Er knirschte hörbar mit den Zähnen; er wußte ja, welchen Kampf dieses Vorhaben für ihn bedeute! — Aber sei es; er wird es dennoch mit dem Dämon in seinem Jimcrn aufnehmen, — und ihn besiegen — und von seiner Tyrannei sich frcimachen — ob auch sein Leben dadurch um die Hälfte gekürzt werden sollte! Und es wird ihm gelingen mit Hilfe der Megille, die seine Frau ihm gegeben; mit Hilfe der fragenden Augen, die sein Kind auf ih^ richtet! Der Chasen >var jetzt gerade bei der Stelle, wo die zehn Söhne Haman's aufgczählt werden. Awrom wunderte sich, daß die Vorlesung schon so bald zu Ende war; ehe er aber diesen Gedanken noch weiter ausspinnen konnte, stand die Gemeinde auf, um nach dem Schlußgebei den Teinpel zu verlassen. „Vater, darf ich die Megille tragen?" fragte David schüchtern. Der Vater nickte zustimmend. Freudig und glückstrahlend nahm das Kind die Rolle und steckte sie in die Rocktasche. Schweigend und den Kopf gesenkt ging Awrom nach Hause. Er hatte jetzt eine Aufgabe zu erfüllen, für die er keinerlei Erfahrung befaß, die daher sein ganzes Denken in Anspruch nahm. Als er das Zimmer betrat, setzte Esther gerade das Frühstück auf den Tisch. Sie waren beide allein; David war draußen geblieben, um jedem die Megille zu zeigen, der sich nur irgendwie dazu verleiten ließ. Awrom war mit seinem Plane noch immer zu keinem Entschlüsse Bs5B3äsa^gssgggg..~-.~..?-— FriMfmcke? JsraeMscheS FamilieuLlM. ' . Nr. 9. gekommen und dachte und grübelte noch immer, wie er den Anfang machen soll. — Endlich faßte er sich ein Herz, ging zu seiner Frau und küßte sie schweigend zweimal auf den Mund und auf die Stirn. „Es ist ja unser Hochzeitstag," erklärte er zaghaft. „Ach, ja; ich hatte ganz daran vergessen," sprach sie leise. »Ich glaube. Dir doch genug Veranlassung gegeben zu haben, daran zu denken!" fuhr er mit heiserer Stimme fort. Esther sah ihn fragend an. War es Spott oder Mitleid? Sie sollte bald aufgeklärt werden. „Esther," sprach er mit niedergeschlagenen Augen; „Esther, ich habe aus Deinem Leben einen Aschenhausen gemacht. Kein Wunder, daß Du an den verwünschten Tag nicht erinnert sein willst." „Ich habe noch nie den Tag verwünscht," erwiderte sie, seine Augen suchend, die ihren Blick mieden; „es tvar ein Tag wie jeder andere, den Gott gibt; Gutes und Böses in sich tragend, je nachdem wir selbst ihn verwerten und ihn dazu machen." „Dann »rußt Du meine Person verwünschen, daß ich das Böse gewählt und das Gute von 'mir gestoßen." Sic sah ihn verwundert an; nie vorher, wenigstens seit langer, langer Zeit nicht mehr, hat er so zerknirscht mrd bereuend zu ihr gesprochen. Was inag es nur bedeuten? „Awrom," sprach sie feierlich, „niemals habe ich meinen Mund zu übler Rede geöffnet; weder in Deiner Gegenwart, noch in Deiner Abwesenheit. Ich habe mit Dir getragen und werde auch weiter mit Dir tragen, solange mir Gott die Kraft dazu gibt. Es ist ja auch nicht mein Unglück, das ich beklage, sondern das Deinige." „Du hast recht, Esther. Doch ich verspreche Dir, daß Du keine Ursache zur Klage mehr haben sollst." Eine gewisse Unruhe bemächtigte sich ihrer. „Willst Du Dich von niir scheiden lassen?" fragte sic. Awrom lachte. Fast war es ein frohes Lachen. „Wie kommst Du auf diesen Gedanken?" Dann aber wurde er ängstlich, und fuhr leise fort: „außer, Du willst es!" Sie schüttelte abwehreich ihren Kopf. „Ich habe Dir doch eben gesagt, daß ich init Dir auch weiter noch tragen will." „Und die Last soll Dir von jetzt ab leicht geinacht werden, Esther," sprach er fest, und suchte seine ganze Seele in die Worte zu legen. „Es ist mir heute ein Gedanke gekommen, den mir sicherlich Gott selbst eingegeben hat; dein: ich sichle die Kraft in mir, ihn auch zur Ausführung zu bringen. Deine Leiden sollen bald ein Ende nehmen!" Enttäuscht ließ sie den Kopf sinken. War das alles? Wiederum ein Versprechen, ein neues Leben zu beginnen — und sie wußte, ivas sie davon halten sollte. — Wie oft hat er schon versprochen — und gebrochen! — Es war besser, erst gar nicht die Hoffnung in sich cinziehcn zu lassen, uin sich nicht wieder eine neue Qual der Enttäuschung zu bereiten. Ernst und schweigend sah sie ihn an, ivid er erkannte ihre Zweifel in ihren Augen. „Esther, ich verlange nicht, daß Du mir jetzt schon vollen Glauben schenken sollst; ich bitte Dich, warte erst ab. Freilich," fuhr er mit bebender Stinnne fort, „freilich würde cs für mich eine große Hilfe sein, wenn Du mit heute schon ein klein wenig vertrauen könntest. Es würde mich doppelt stark niachen und meine Ausgabe erleichtern." „Ich wünsche, ich könnte Dir wieder vertrauen!" jammerte sie mit gerungenen Händen. „Nur ist die Furcht zu groß in mir. Du könntest mein Vertrauen wieder mißbrauchen, und das würde mein Herz brechen!" - „Nein, das sollst Du nicht!" rief er leidenschaftlich, ihre Hände erfassend. „Esther, bei was soll ich Dir es schwören? — Ah!" seine Augen glänzten freudig auf, als er David erblickte, der .jetzt ins Zimmer gesprungen kam. „Siehst Du, Gott selbst zeigt mir, wie ich mein Versprechen noch heiliger und mehr bindend gestalten kann." — Er legte die Hand auf das Haupt seines Kindes, als wäre es ein Altar, und sprach feierlich: „Esther, ich schwöre es Dir bei seinem Leben!" David sah verwundart auf sein» tKtom und wußte nicht, was er daraus machen sollte. Er sah nur, daß seine Mutter schweigend nickte, während große Tränen aus ihren Augen stürzten. Und noch mehr mußte er sich wundern, als die Mutter bei dem Frühstück so froh, so leicht, mit einem Lächeln auf den Lippen, sich bewegte. Dieser Anblick war ihm so neu, daß er ihn durchaus nicht zu deuten wußte. Freilich hatte er die Mutter schon oft weinen sehen; — da aber saß sie zusammengekauert, die Lippen fest aufeinander gepreßt, die Augen starr in die Ferne gerichtet. — Doch das heutige Weinen hatte ein ganz anderes Gesicht, und — es gefiel ihm weit besser; das trockene Schwarzbrot schmeckte ihm daher heute, als wäre es zolldick mit Honig belegt. (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle -- > Offenbach a. M. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wocheu--Kale«der. (Zeitangaben nach dem l,naoh.) Samstag, den 2. März (= 16. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 40 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 6 Uhr 55 Min. Berlin 6 Uhr 30 Min. Mocyenabschnitt S i - S i s s o. — Inhalt: Israel soll eine gleichhcitliche Schekelsteuer bringe» zur Stistshütte. (Nach der Tradition zur Anfertigung der Silbcrsüße der Bretter.) Ain Eingang des Stiftszcltes soll ein kupfernes Waschbecken stehen. Die Gewürze zur Bereitung des Salböls. Die verschiedenen Spezereien zur Herstellung des Räucherwerks. Nachahmung beides verboten. Das Gebot des Sabbat als Bundeszeichen. („Aus") Den Hailptinhalt bildet die Geschichte von der Anfertigung des goldenen Kalbes. Moses weilt auf dem Berge, um das übrige Gesetz zu. empfangen. DaS Volt wird nngeduldig, zweifelt an Moses Rückkehr und zwingt Ahrvn zur großen Nationalsündc. Aus Ohrringen und andern: Schmuck entsteht das goldne Kalb. Moses kehrt vom Berge zurück. In heiliger Entrüstung zerbricht er die Steiutafeln. Gott will das Volk vernichten. Moses wünscht sich selbst den Tod. Die ergreifende Fürbitte Moses für Israel. Gottvverzeiyt. Der Gott treugebliebene Stamu: Levi schart sich um Moses; sie bestrafen die Sünder durch's Schwert, Gott außerdem durch eine Seuche. Moses schlägt die Stiftshütte außerhalb des Lagers auf. Gott ivill nicht.selb st das Volk mehr führen. Moses fleht, Gott willfahrt ihm. Moses steigt auf den Berg, um zun: zweiten Male steinerne Tafeln zu erhalten. (Moses Fürbitte — Waj 'chal — ist Thoravorlesnng an den Hauptfasttagen. Die Scherben der ersten Tafeln werden in der hl. Lade aufbcwahrt zur Erinnerung. In: Zorn wie in: Gebete offenbart sich Moses Liebe zu Israel gleich groß und herrlich.) Den Schlußteil bilden diverse Gebote: Fernhaltung von Vermischung mit den heidnischen Ureinwohnern Palästinas, Pflicht der Wallfahrten, Weihe der Erstgeborenen usw. Moses Antlitz strahlt beim Abstieg von: Berge der Sonne gleicht Er verhüllt sich, wenn er zum Volke redet. An diesem Sabbar keine besondere Thoravorlesung (Hansoko). Das Jauzer spricht von den Tempelsteucrn. CLpfifAetttffAtt'e Schreinerei und Polleranstalt, dbuieoiuyer 5 Musikantenweg 35. Telephon 8911, Gonditorei Seligmann, Rechneigrabenstrasse 15. Tel. 3451. JCate Constabler, raSL, FamUieunachrrchten. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos). Geburten. Ein Sohn, Herrn David Draller (Soun), Frankfurt, Merianplatz 10. Ein Sohn, Herrn Oscar Jacobsohn (Garselanszhk), Leipzig. Ein Sohn, Herrn Siegbert Noah (Goldschmidt), Lichtenberg. Ein Sohn, Herrn Martin Wolfs (Gutmann), Frankfurt, Musikantenweg 4. Ein Sohn, Herrn David Schnur (Neumann), Pankow. Eine Tochter, Herrn Otto Rosenbaun: (Königsfeld), Breslau. Eine Tochter, Herrn Moritz Schwab (Haagen), Bernburg. Eine Tochter, Herrn Ludwig Abraham (Wilhelmsdörfer), Berlin. .yrsr

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