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Neue jüdische Presse · 1907-03-01 · Heft 9 (1.3.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 9 (1.3.1907)
Date
1907-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Irartkfrrrter Sfrarlitifitirs lamilirnlilatt. l> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,8V, sonstige Länder Mt. 2.— --- - --' ... .- AedaKkiv« Md Geschäftsstelle: Srsnkfurt s. m.. Vleichstraße 2, Scke Vrlbelerstraße v-r-fa» 10507. Hevausgever: Hals Geis.; Jnsertionspreise: Die viergespallene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Berbindlichkeit. Beilagen: Preis nach NeLeredckunst. ' 5. Jahrgang. Freitag, den 15. Adar 5667 (1. März 1907), Ro. S. Inhalt des Hauptblattes. Artikel:? Neues überdie Falaschas. — Der Antisemitismus" in Bulgarien. — Die Woche. — Aus aller Welt — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Die Megille als Lebensretter —Wochen-Kalender. — Famitien-Nachrichten. — Barmizwohs. — Briefkasten. — Be reins-Nach richten. Neues über die Falaschas. Seitdeni Herr Faitlvwitz aus Anregung des Meisters Professor Josef Halevy die Falaschas wieder mit der Gesamtjudenheit in Verbindung gebracht hat, seitdem zwei junge Falaschas in der Ecole Normale der Alliance Jsraelite unter meiner Aussicht die ersten Elemente einer jüdischen Erziehung bcigebracht bekommen und Herr Faitlowitz gewisse, den Lesern des Frankfurter Familienblatt bekannte Schritte unl die Wiederbelebung des Judentums in Aethiopieu gemacht hat, fängt die jüdischeöffentliche Meinung an, sich für diesen seit Jahrtausenden vom Rest des Judentums getrennten Stanim zu interessieren. Von allen Seiten fragt man, woher diese Juden in Abyssinien kamen, welches ihr religiöser und moralischer Zustand ist, welche Vergangenheit sie überhaupt haben. Leider wissen wir sehr wenig über die Geschichte und die Herkunft der Falaschas, und außer durch die wichtigen Arbeiten Professor Halevy's haben wir wenig Zuverlässiges über diese schwarzen Inden in Erfahrung gebracht. Da werden wir denn gerade zu der Zeit, in der nach mehreren Jahrzehnten in unserer, jüdischen Welt wieder die Falaschafrage aufgetaucht ist, mit der frohen Nachricht überrascht, daß der greise Gelehrte Professor Halevy mit der Uebersetzung einer Handschrift beschäftigt ist, die neues Licht über die Geschichte und das moralische Wesen der äthiopischen Juden verbreitet. Diese Handschrift, von einem Christen im 17. Jahrhundert in ammonischer Sprache geschrieben und von Halevy ins Französische und Hebräische übersetzt, erscheint nächstens in extenso, vorläufig aber habe ich das Vergnügen, den Lesern dieses Blattes einen Auszug daraus zu geben: Nach mehrere Jahrhunderte währenden Reibungen unter freien Judenstämmcn und christlichen fanatischen Banden mußten die geschwächten Falaschas, da sie ihre Freiheit nicht einbüßen wollten, eine Heimstätte in dem kalten und unwirtlichen Jamen-Berglande sich schaffen. Dort lebten sie noch im 15. Jahrhundert unter der Herrschaft jüdischer Fürsten und in Treue zu dem Judentum. Diese Sicherheit, in welcher die Falaschas lebten, scheint aber den Christen nicht gefallen zu haben. Nämlich der König Baeda Maria (1468—78) belagerte eine Burg der Falaschas und eroberte sie nach einem drei Jahre dauernden blutigen Widerstand. In der Absicht, die gefallenen christlichen Krieger zu rächen und dazu die von Christus verdammten Juden niederzumetzeln, beschloß der fromme König eine schändliche Tat. Er ließ den Besiegten sagen, daß er sie neben Meknen Markas erwarte und ihnen Sicherheit ihres Lebens verbürge. Es ver- .sammelten sich sämtliche Falaschas der Umgebung. Der König aber befahl seinen Truppen, die vertrauensselig Gekommenen auf dem Platze niederznschlachten, um das Wort zu erfüllen: „Sein Blut soll auf uns und unseren Kindern sein." Dieses Gemetzel geschah im 15. Jahrhundert. Es scheint aber, daß dann die Falaschas stark genug waren, sich wenigstens im Jamen-Gebirge sicher zu fühlen. Im 16. Jahrhundert ist es ihnen sogar gelungen, eine eigene Republik, die an ihrer Spitze vier Fürsten gehabt hat, zu gründen: es waren dies die Helden Kaleb, Radar (zwei Brüder), Gnasan und Gedeon, von denen jeder eine eigene Festring oder „Amba" besaß. In dieser Republik waren alle Ackerbauer und Handwerker. Die Juden und die wenigen Christen und Muselmanen, die sich dort befanden, wohnten friedlich untereinander. Es kam sogar zu llebertritten vom Christentum zum Judentume. Diese llebertrittc scheinen aber den Christen mißfallen zu haben. Als der christliche König einen Zug gegen beu heidnischen Galla unternehmen wollte, da gab er plötzlich seinen Plan auf unter dem Vorwände: „Es ist besser, diejenigen, die das Blut unseres Herrn vergossen haben, niederzuschlachten als die Heiden". — Damit war das Los der Falaschas beschlossen, und eine der blutigsten Episoden der Geschichte nahm ihren Anfang. Abyssinien hatte damals die Höhe seiner Macht erstiegen und der fromme König besaß viele Mönche und noch mehr Räuberbanden. Die Einen und die Anderen suchten ihren Fanatismus und ihre Habgier durch die Vernichtung der Einwohner der kleinen Judenrepublik und den Raub ihres Eigentums zu stillen. Die frommen Christen erklärten zwar lügnerisch, daß der jüdische Fürst Radar die Herrschaft des Negus nicht anerkennen wolle, um den Kreuzzug gegen Jamen gesetzlich zu rechtfertigen. Es war aber ein Blutzug, bei dem eine gewaltige tvilde Mehrheit einer Minderheit den Tod in einer von den Vertretern des Christentums leider so häufig geübten unübertrefflich grausamen Form brachte. Die Falaschas leisteten heldenmütigen Widerstand. Sie waren aber zu gering an Zahl, und überdies in ihren kleinen Burgen die Einen von den Anderen getrennt, eine Folge des gebirgigen Terrains. Die Christen belagerten zuerst den Fürsten Kaleb, nahmen nach einigen mißlungenen Schlachten die Festung und metzelten sämtliche Bewohner derselben nieder. Nur die Frauen schonten sie; diese warfen sich aber ohne Ausnahme vom Felsen in den Abgrund, um einen ehrlichen Tod zu finden und nicht von den Barbaren geschändet zu Iverden. Fürst Radar verteidigte sich mit staunenswerter Tapferkeit jahrelang; schließlich aber mußte er sich übergeben. Es wurde ihm und seinen Leuten von den Belagerern die Freiheit des Lebens zugestanden, aber die Christen logen auch diesmal. Der dritte Falascha-Fürst Guasan war nicht zu besiegen; da gelang es den Christen, ihn trügerisch von seinen Bergen herabzulocken und seine | Leute niederzuschlachten. Es blieb nur der Fürst Gedeon übrig. Dieser hielt sich lange, von Guasan, der unterdessen zu ihm gekommen war, unterstützt. Er war ein frommer und großer Held. Aber auch er mußte dem an Zahl überwiegenden Feinde endlich unterliegen, und als er sah, daß keine Rettung mehr möglich war, sammelte er seine Leute und sagte ihnen: „Höret, Brüder; es bleibt uns nur übrig, uns durch unser eigenes Schwert zu töten. Denn ivir sollen lieber sterben, als uns als Gefangene zu sehen. — Ihr wißt, was unsere Ahnen unter Titus getan haben!" — lind der Fürst und seine Mannen schrieben ein neues blutiges Kapitel der Judengeschichte! So fiel die Falascha-Republik von Jamen durch die Tücke der Christen; so verloren die Falaschas ihre letzte Freiheit in einem Lande, wo sie Jahrtausende eine Herrscherrasse waren! Professor Josef Halevy sagte mir in unserer jüngsten Unterredung: „Man fragt, ob die Falaschas überhaupt Juden sind? Die Frauen-Märtyrer von Jamen, die Helden, die für den Gott Israels so tapfer fochten und sich töten ließen, habe:: sie nicht ein Kapitel echt jüdischer Geschichte, sich würdig der Jerusalems und Bethars anreihend, gegeben!" Dr. N. Slouzsch. Der Antisemitismus in Bulgarien. Die Bulgaren wollen modern fein! — Kaum ein Vierteljahrhundert erfreuen sie sich ihrer schwer erkaufte» Freiheit, und in dieser kurzen Zeit haben sie schon alles, was man sich im Westen allmählich durch grübelnde Köpfe und kostspielige Versuche erworben hat, sich zu eigen gemacht. Das Telephon, die elektrische Bahn auf dem technischen Gebiete — der Sozialismus und Atheismus auf dem der Ideen haben sich hier schnell Bahn gebrochen. Denn die Bulgaren streben danach, moderne Leute zu werden. Und doch zählte man sie bisher nicht zu den Modernen und hielt sie vielmehr für ein wildes, der Kultur unzugängliches Volk. Was fehlte ihnen noch, damit sie wirklich modern werden? Die Bulgaren sahen sich deswegen in der Welt um, richteten ihr Augenmerk auf Deutschland, ihr Vorbild, wo sie den Antisemitismus entdeckten, auf ihr stammverwandtes Rußland, das pogromlustige, und sie fanden den Weg zum Modernen. Hielt es etwas schwer, die Vorzüge der Technik, die neuen Ideen in Bulgarien zu verbreiten, so war es doch leicht, Intoleranz und Haß gegen fremde Nationen den modernen Völkern abzulernen und dieses so schnell Erlernte in die Tat umzusetzen. Nun sind die Bulgaren modern. — Es ist noch nicht so lange her, da die Bestie hier wütete, da die Bulgaren, sich selbst vergessend, aus die Griechen losstürzten, ihr Hab und Gut vernichteten und sie an den Rand des Verderbens brachten. Ich brauche den Pogrom gegen die Griechen, welcher in Philippopel im August vorigen Jahres wütete, nicht zu schildern; denn bei uns Juden ist leider ein Pogrom nichts Seltenes. Die Folge der Ausschreitungen gegen

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