Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Frankfurter Israelitisches FamilienblaÜ. Seite 11. leitet, hat,-- -darstellen,.' soweit sie. für die Erkenntnis der Religion-Israels von i^deutung sinh. In einem kurzen Resumä über Äti^grabungen in,->EgYPten weist er'däranf hin,7 wie es -von den früheren Versuchen, die ■ Religionsgeschichte Israels aus Egypten, herzuleiten>so vollständig. still geworden ist Auch däs Ergebnisder-babylonischen Ausgrabungen ist lediglich die Erkenntnis, daß in Israel der Gottesglaube rin/ganz unvergleichlich -höherer, reinerer, ja einzigartiger war, .-und' daß die Verwandschaft zwischen -babylonischen -Und israelitischen Gesehen usw. nur von dem-Stoff und der Form gilt, daß aber der Geist -ein' vollständig verschiedener ist. Und ' endlich faßt Sellin das -Resultat der Forschungen in Palästina in - die Worte.zusammen: „Das kanaanitische Volk hat durchsie-für'uns wieder Ueisch und Blut gewonnen, lebendig und! anschaulich können wir uns seine Religion jetzt vorstellen: wir sehen, daß die Bibel sie - ims durchaus .richtig geschildert hat, ja, .sie ist vielleicht noch mehr in naturalistische und abergläubische Bande geschlagen gewesen, als es nach, dieser scheint. Wir können setzt den Kampf auf Tod und Leben, den -die israelitischen -Prophetengegen.diese Religion eröfsnen; noch besser verstehen, von ihr führt tatsächlich keine Brücke hinüber zu dem Gotte Israels." Wenn auch Sellin in wesentlichen Punkten von unseren Anschauungen abtveicht, so. zeigen doch seine Ausführungen, ivie durch die archäologischen Funde die Wahrheit des Gotteswortes .immer mehr bestätigt wird. Religionsgeschichtliche Volksbücher, herausgegeben von Fr. Michael Schiele-Marburg. II. Reihe, 5. Heft: Das prophetische Schrifttum von Prof. D. Kart Budde-Marburg. Halle 1906. 67 S. Wenn auch bas Bestreben, weitere Bolkskreise mitdem Inhalt und der Bedeutung der religiösen Urkunden bekanntzumachen, an. sich ein gutes ist, so haben doch die religionsgeschichtlichen Volksbücher - vielfach dazu beigetragen, irrige Meinungen namentlich über das Judentum zu verbreiten. Das ist auch nicht zu verwundern, wenn man bedenkt, daß die Autoren meistens Anhänger der radikalen Bibelkritii« sind, zum Teil auch direkt christologische Tendenzen verfolgen. Bei dem vorliegenden Merkchen kommen indessen diese-Erscheinungen nicht so scharf zum Aus-; druck wie in manchen anderen. Der Verfasser teilt den Inhalt des prophetischen Schrifttums ein im Selb st- - bericht, Fremdbericht und Redensolge, und -nach diesem Prinzip behandelt er die einzelnen Prophetenbücher. Wenn er übrigens meint, die Ueberschrift „Das. Wort Gottes erging an den Propheten N. N." deute, durchweg auf. Fremdbericht, so ist das entschieden zu weit gegangen/ Ich sehe nicht ein, warum nicht auch die Propheten selbst diese Form - gewählt haben können, da wir sie doch ähnlich bei . anderen antiken Schriftstellern oft genug finden. — Außer den Angaben über die Prophetenbücher, die wir natürlich nur teilweise akzeptieren können, werden uns auch manchmal recht präzise Angaben über die Persönlichkeit der Propheten und ihre Schicksale ge- . geben. Steiner, Ignatz. Ist der S a b b a i ein Unglückstag? Leva 1906. 14 S. Der Verfasser will die heute von ernsten Forschern schon ad acta gelegte Behauptung Delitzsch's, daß der ■ Sabbat babylonischen Ursprungs sei, mit dem Nachweis widerlegen, daß, abgesehen von anderen Einwänden, der angebliche babylonische Sabbat ein Un- ' glückstag ist, während bei dem Sabbat Israels keinerlei Grundlage 'für eine solche Bedeutung vorhanden ist. U. Wünsche, August. Schöpfung und Sündenfall des erste» Menschenpaares im jüdischen und moslemischen Sagenkreise.mit Rücksicht auf die Ueberlieferungen der Keilschrift-Literatur. Leipzig 1906. 84 'S. ‘ . Wünsche, der gründliche Kenner der Midrasch- Literatur, gibt, hier eine interessante Zusammenstellung der verschiedenen Midraschim, die auf die Erzäh- ' lung der Bibel von der Schöpfung und dem Sündenfall des ersten Menschenpaares Bezug haben und zeigt, '! wie sie im Islam ausgesponnen und mngestaltet worden sind. Er betont die tiefreligiös-sittliche Gedankenwelt, die in. diesem jüdischen Sagenkreis verborgen liege und der sich auch derjenige nicht entziehenkönne, der von der poetischen Schönheit nichts . verspürt. Es hebt auch die hohe sittliche Würdigung - hervor, welche das Weib in Talmud und Midrasch erfährt und betont ferner die wunderbare Tiefe der psychologischen ' Momente des Sündenfallgemäldes. - Wenn er aber in Kap. V die babylonisch-assyrischen - 'Vorstellungen, über den. Pretoplasten schildert und dann ans angeblichen vielfachen Übereinstimmungen . .'mit jüdischen Vorstellungen einen inneren. Zusammenhang statuieren will, so .scheint, er hier unser dem Banne der Bibel-Bnbel-Phantasien zu stehen. Wünsche sagt zum Schluß: „Uebrigens können jeden Tag neue " Fupde bei dem. Grabungen in der mesopotamischen; Tiefebene neues Beweismateriäl für-die verwandsch'aftlichen Beziehungen mit' ben jüdischen' Traditionen , zu Tage fördern." Die Grabungen können aber, wie man das schon oft erlebt hat, auch gegenteilige Beweise liefern-und die schwankenden Hypothesen vollendsumstoßen. Momiiiert^ Carl, Dr. theol. Widerlegung der Widersprüche frommer Inden und Christen gegen die Blutbeschuldigung der Juden. 144 S. E. Haberland. Leipzig 1906.. Als ich einige Seiten dieser Schrift gelesen hatte, sah ich unwillkürlich noch einmal nach dem Titelblatte, ob sie wirklich im Jahre 1906 erschienen sei. Man sollte es kaum für möglich halten, daß ein derartiges Machwerk heute erscheinen und gar nochim Gewände der Wissenschaftlichkeit auftreten kann. Der Verfasser, der sich „Ritter des heiligen Grabes und Pfarrer zu Schweinitz" nennt, hat schon im Jahre 1905 zwei Broschüren „Menschenopfer bei den alten Hebräern" und „Der Ritualmord bei den Talmudjuden" erscheinen lassen, und es ist. mir genug, das Urteil von Pros. König-Breslau über diese Schriften .abzudrucken, das in den Worten gipfelt: „Mit unglaublicher Naivität und Kritiklosigkeit rafft Herr Pfarrer Dr. Carl Moinmcrt alles ihm über den angeblichen Mtnalmord Erreichbare zusammen, fragt nirgends nach der Glaubwürdigkeit und geistigen Potenz seiner Zeugen, reißt Stellen aus dem Zusammenhang, zitiert nicht selten ungenau oder läßt für seine Auffassung Unvorteilhaftes' weg usw." Was aber Mommert in diesem Buche leistet, das erinnert an die Art der dem Reichstag alljährlich zugehenden Petitionen von Geisteskranken, und man ist versucht, den Verfasser für völlig unzurechnungsfähig zu halten, wenn nicht die rasfinierte Schlauheit und die verbrecherische Bosheit, womit er auf die mangelnde Urteilskraft seiner Leser spekuliert, Zweifel hierüber entstehen lassen müßten. Von dem Ritualmord, an den er fest glaubt oder zu glauben vorgibt, steht sicher nichts im mosaischen Gesetz, aber ebenso sicher ist es für ihn, daß die Anhänger dieses Gesetzes Menschenopfer trotzdem geschlachtet haben. Den zahlreichen Gutachten von Fakultäten, Professoren, Kirchenfürsten usw. gegen den Ritualmord stellt er nach „berühmten" Mustern die haltlose, wahnwitzige Behauptung entgegen, daß es eine Geheimlehre darüber bei den Juden gebe, die nur durch' mündliche Tradition weitervererbt worden sei. Sein Hauptzcuge ist Rohling, dessen Behauptungen er natürlich alle als bare Münze 'nimmt. Daß inan Rohling wiederholt Meineid nachgewiesen hat und daß er seine gegen Dr. Bloch' dieserhtzlb' angestrengte Klage schmählich zurückziehen mutzte, stört den Verfasser weiter nicht. Interessant ist, daß Mommert, der römisch-katholische Pfarrer,, ho»' den päpstlichen Schntzbullen für die Juden!sagt, -daß ihnen kein Gewicht beizumessen sei, weil diese Schützbullen den Päpsten nur eine erwünschte Gelegenheit boten, ihre Macht zu zeigen und sich in die Regierungsgeschäfte geistlicher und weltlicher Fürsten einzumischcn! Minister Tisza, der im Tisza-Eszlarer- Prozeß für Unparteilichkeit sorgte, war ein Jude, und Fürstbischof Kopp, der sich gegen die Ritualmordbcschüldignng aussprach, ist durch den Einfluß der Juden zu seinem Fürstbistum gekommen. Stracks Bemerkung, daß bie Juden wohl Kinder geschlachtet hätten, aber ihre eigenen Kinder, um sie vor der Taufe zu retten, veranlaßt Mommert zu dem Schlüsse: Also haben die Juden Kinder aus religiösem Fanatismus geschlachtet. Das genügt wohl zur Charakterisierung dieses ganze» Machwerkes, das man am besten mit Stillschweigen übergehen würde, wenn es nicht leider weite Kreise des deutschen Volkes gäbe, die, wie Nöldecke sagt, „auf dein Standpunkt des rohesten orientalischen Religionshasses und Aberglaubens stehen" und dem Wahnwitz des Ritualmordes Glauben schenken. U. j Jüdische Apologetik. Unter diesem Titel ist im Verlage von Carl Flemming, Glogau, ein Buch erschienen, das im' österreichischen Judentume viel von sich reden macht. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann in Wien hat es geschrieben. Was für Popularität dieses Buch bereits jetzt besitzt, demonstriert am deutlichsten die Tatsache, daß der Vorsteher der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Herr Dr. Msred Stern anläßlich einer großen Gemeindeversammlung auffordernd hervorhob. daß dieses Buch ein jeder Jude lesen sollte. Auch zeigt der Umstand nicht wenig von der Sympathie, die dieses Buch in der jüd. .Gesellschaft einzunehmen geeignet zu sein scheint, daß die „Bloch'sche Wochenschrift", das Organ der Kuttusgemeinden, das Buch feit einer Reihe von Wochen fast vollinhaltlich publiziert. . Fragt man sich nach der Ursache dieses bei Erscheinungen der jüdischen Literatur ungewöhnlichen Erfolges, so darf man nicht nur die Antwort: „weil es gut ift" oder gar, wie die gesellschaftliche Voreingenommenheit vielsach zu. urteilen pflegt: „weil es Dr. Güdemann geschrieben hat," gelten lassen. Man muß sich vielmehr als Hauptpunkt sagen: weil es im - Zeichen der Zeit geschrieben wurde. Unsere Zeit steht einmal unleugbar — Pessimisten und Antinationallsten mögen sagen, was sie "wollen — im Zeichen desselbstbewußten jüdischen Erwachens. Allmählich beginnen weitere Kreise, . auch unseres österr. Judentums, sowohl aus politischem, als auch auf wissenschaftlichem Gebiete, sich nicht mehr mit der kühlen „Mwehr" zu begnügen. Man beginnt vielmehr, energisch auf alle feindliche Angriffe zu' reagieren, mit Stolz sein Judentum hervörzukehren, dem Feind seine eigene Blöße zu zeigen und gegen Vorurteil und' Verleumdung mit der blanken Waffe der Wahrheit zw'kämpfen. Ich nmß es mir leider vorläufig versagen, mich eingehend mit den Auskührungen des großartigen Werkes zu beschäftigen. In einem Punkte jedoch möchte ich — im Sinne des Autors — auf seine Worte reflektieren und mir eine kleine — wie ich meine — dringende Ergänzung erlauben. Diese Ergänzung betrisst die längeren Ausführungen des ehrwürdigen Autors in der geharnischten Zurückschleuderung der scharf gegen das Judentum ziigespitzten Begriffs-Darstellung Wellhausens von „Sechns Owaus". Welthansen in der ersten Ausgabe Seite 250: „-Die saubere Arbeit gab Anspruch auf Lohn. Das Rechnen mit Gott trat ganz anders und viel unangenehmer hervor wie früher. Nicht die Gesinnung entschied, sondern die einzelnen Handlungen wurden addiert . . ." In der 3. Ausgabe S. 303: „Wer aber zu kurz kam, für den war Puch Rat da. Einige Heilige häuften ein viel größeres Verdienst „Zakuth" an, als sie für sich gebrauchen konnten, der Uebcrschuß konnte auf die Bedüftigern übertragen werden. Die Lehre vom „Thesaurus" und vom stellvertretenden Verdienst ist bei den Juden entstanden» sie bildete sich in den -Grnndzügen schon in dieser Zeit aus . ." Hierauf Dr. Güdemann: „. . . Sonderbar! Was in dem Christentume gut ist, das erklärt man für original, was man daraus weghaben möchte, stellt man dem Judentum auf Rechnung. Was den Thesaurus betrifft, so bemerken wir zur Orientierung für den Leser, daß damit die Lehre vom Thesaurus meritorum oder von den Opera supererogationis, d. h. von dem Schatze überschüssiger Verdienste oder überpflichtiger Werke Christi und der Heiligen gemeint ist, den die Kirche zu Gunsten Verdienstloser verwaltet. Diese Lehre, für bie man sich auf eine urchristliche Quelle, nämlich Ev. Lukas 10, 35 beruft und die späterhin zur Lehre vom Ablaß sich ausbildete, wurde von Clemens VI. 1343 zum Dogma erhoben. Es gab und gibt nun im Judentume keine Heiligen in dem Sinne, daß man zu ihnen beten dürfte, oder daß ihr Verdienst, wie groß es immer auch sein mag, einen Rechtstitel für Verdienstlose abgäbe. Nicht einmal zu .Engeln darf man beten. Das ist zu allen Zeiten von den maßgebenden Lehrern im Judentume gelehrt worden. Es gibt im Judentume keinen Mittler zwischen Gott und dem Menschen und keinen Nothelfer, sein Fnndame'ntnlsatz laufet: „Es gibt keinen außer Ihm". Dadurch allein wird die Behauptung, daß die Lehre vom Thesaurus im Judeiitunle entstanden sei, entkräftet. Das „Zakuth" eigentlich und ursprünglich „Zakuth Aboth" das Verdienst der Väter, nämlich der Erzväter, hat sich aus rein menschlichem Empfinden als ein Begriff der Pietät entwickelt und er ist im Judentume um so tiefer eingewurzelt, als der Familienzug in ihm einen so bedeutende» Einschlag bildet. Im Grunde entspricht er den schönen Worten Goethes (Iphigenie auf Tauris): „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt. Der froh von ihren Taten, ihrer Größe Den .Hörer unterhält und. still sich freuend. Ans Ende dieser schönen Reihe sich Geschlossen sieht!" Auf diese Weise sucht nun Se. Ehrw. weiter, den Sinn von „Sechus Owaus" nur als „individuefle pietätsdolle Vorstellung nicht aber als einen nüchternen juristischen Begriff" darznstellen. Ich möchte nun aber, in Ergänzung, der Meinung sein, daß der ursprüngliche Sinn von „Sechus Owaus" eine rein antrovologische Bedeutung habe, wie dem auch, meines Erachtens die schon vielfach und vielseitig behandelten nnd erörterten, scheinbar kolidierenden Stellen in der Bibel: „Ahndet die Schuld der Väter an Kindern und Kindeskindern" (M. 2, 34, 7) und „Es sollen nicht getötet werden Väter wegen Kinder und Kinder wegen Väter" (M. 5, 24, 16) im antropologischen Sinne aufznfassen -sind. Es gibt nämlich Sünden, .Missetaten,, die sozusagen im Familienblute liegen. Wie es viele Erbkrankheiten gibt, sind auch viele Vergehen und Laster — antropologisch - betrachtet — Rassenober Bätersnnben. Die Nachkommenschaft erbt sie instinktiv, - fast unbewußt mit dem Blute der Eltern. Nun könnte aber ein solcher Sünder, der mit denselben Fehlern und Verschulden wie sein Vater und Ahnebelastet ist. anscheinend mit voflem Rechte, geltend machen, daß ihn für sein Vergehen keine Strafe treffe. Da sagt denn die heilige Schrift: Die ererbte Rassen- oder Vätersünde wird an Kinder oder Kindesftnder geahndet: ganz so, wie anderseits der Vater nicht für den Sohn und der Sohn nicht für den Vater, sondern jeder für getane Sünde selbst büßen soll (JL 5. 24, 16), wird auch bei ererbter Sünde dieser Umstand nicht als mildernd auf den Täter in Betracht gezogen. — Ist aber diese Auffassung in Bezug auf ererbte Sünden und Rassenfehler eine richtige, so kann es sich auch in Bezug aufgute Taten so verhalten.1 Viele, sehr viele Vorzüge, edle Charaktereigenschaften sind ererbte, im Blut liegende Rassen- und Vätervorzüge, für die eigentlich der Ausüber keinen Löhn erhalten sollte, und doch — wer wird es für u,wichtig halten? — soll er ihm nach Bibelrecht zuteil werden. Wenn nun das „Sechus Owaus" den reuigen oder tatenlosen zu Gott betenden Israeliten etwas bedeutet, ist es; daß Gott ihm die Strafe für Vergehen des „Sechus Öwmrs" wegen, der in seinen Adern rollt