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Neue jüdische Presse · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 8. Seite 4. FrLitkplrteH Israelitisches Familienblatt. ige Steuercrhöhung in Kraft. Der Grund hierfür liegt darin, daß die Gemeinde eine Anleihe von Kr. 400 000 aufnehmen nnd verzinsen muß. Dieser Betrag wird benötigt für den Umbau des jüd. Rathauses und einen Bau, welchen die Gemeinde in der Joachimsgasse aufzuführen hat. Außerdem wird die Gemeinde den neuen Ttznpäl in der Jerusalemsgasse für Kr. 150000 übernehmen, nachdem der Vorstand dieses Tempels so trefflich zu wirtschaften verstand, daß ein Defizit fast des gleichen Betrages vorhanden ist. Rußland. Petersburg. Das Zentral-Komitee der „I c a" hat die Absicht, ein Halbmonats -Jo urn a l hcrauszugeben, das sich mit allen für j ü d i s ch e Auswanderer wissenswerten Angelegenheiten befaßt. — Die „Jüd. Volksgruppe" wollte auf den 14. Februar eine V erfammlung der jüdischen Wähler einbcrufen, die Behörde gewährte jedoch nicht die Erlaubnis dazu. Riga. Der hiesige Kronrabviner Dr. Michelsohn ließ die jüdischen Vorsteher im Aufträge des Gouverneurs eine Erklärung unterschreiben, daß sie keiner der oppositionellen Parteien angehören. Odessa, 19. Febr. Die Festlichkeiten, die der „Verband der echt russischen Leute" veranstaltet hat. war von unerhörten Ausschreitungen, speziell gegen die Juden begleitet. Im Laufe von vier Tagen wurden a n 250 Menschen durch Messerstiche verwundet. Die meisten Kausleute haben den Börscnbesuch eingestellt. Es werden neue Judenhetzen befürchtet. Dem Gouverneur Baron Kaulbars ist aus Petersburg der Befehl zugegangen, dem Unfug des Gesindels energisch entgcgenzutrcten. Ldeffa, 20. Febr. Die Wahl ist vorüber, und da die Negierung es nicht will, haben die Ausschreitungen sich nicht zu einem Pogrom entwickelt. Der Kandidat der Kadettenpartei, Rechtsanwalt Pergament, ein Jude, siegte gegenüber dem Sozialdemokraten. Ei« Jomkippur. Von Ernst Schwarz. (Schluß.) Reb Meier und seine Frau sahen einander lachend an. „Den wären wir auf gute Manier los," sagte er, „bevor der drüben fertig ist, sind unsere Gäste längst hier. — Aber nun, Tim, mein Kind, tue mir den Gefallen und eil Dich, lass' das Kaffeegeschirr rausräumen, leg' Dein bestes Damasttuch aus den Tisch und dann die silbernen Armleuchter. Ich gehe hinunter in den Keller und hole Wein herauf/ und Du könntest die Magd zum Zuckerbäcker schicken, einige Torten zu holen und was Dir sonst noch einfällt." „Sorge nicht, Du Lieber, Guter, Du wirst zufrieden sein." Bei diesen Worten raffte sie das Kaffeegeschirr zusammen, nahm auch das Tischtuch gleich mit und eilte hinaus. Lächelnd blickte er ihr nach, wie rasch und anmutig sie sich bewegte — merkwürdig, daß ihm das heute erst auffiel, wo hatte er bisher seine Augen gehabt? — Doch er durfte seiner Frau nicht alle Arbeit allein überlassen, er nahm den Kellerschlüssel und begab sich hinunter, um den Wein heraufzuhölen, vom besten, vom ältesten, der sich vorfand; zu seines Sohnes Verlobung, bie_ so unvorbereitet gefeiert werden sollte, mußte wenigstens der Wein gut sein. Was nur der' Jung' für Augen machen würde! — Reb Meier lachte vergnügt in sich hinein, toährend er. beladen mit den Flaschen, aufwärts stieg. — AE er in das Zimmer trat, hatte dasselbe bereits einen vollkommen festlichen Anstrich, Der große Tisch in der Mitte war mit dem feinsten weißen Damasttuch bedeckt, aus dem in der Mitte die große Astrallampe hell brannte und zu beiden Seiten derselben in schweren silbernen Armleuchtern je drei Kerzen. Zierliche Glasteller, fein geschsifsene Gläser und silberne Dessertmesser und -gabeln lagen geordnet auf dem Tische, in silbernen Fruchtkörben Trauben und Pfirsiche. Reb Meier schüttelte staunend den Kopf. „Tini, mein Kind, wie hast Du nur in der Geschwindigkeit das alles so schön Herrichten können, auf der Chasne brauchte es nicht schöner zu sein." „Bist Du zufrieden?" fragte sie vergnügt. „Na, und ob! — Aber wo soll ich denn hin mit deni Wein? Auf den Tisch geht das nicht, mir scheint, die Flaschen sind nicht sauber genug." „Ich nehme sie Dir schon ab. — Aber wie siehst Du aus! Von oben bis unten Sand und Erde!" — „Ach, das schadet nicht, das llopfe ich ab." „Nein, wart? einen Augenblick, ich werde es abbürsten." Sie eilte hinaus und kam gleich daraus mit einer Kleiderbürste zurück. „Gib," sagte er, „das kann ich selbst." „Nein, lass' mich, ich kann's besser." „Das mag schon fein, aber du sollst Dich nicht so viel bemühen." „Ach, das macht nichts, das tue ich gern," sagte sie, eifrig bürstend. Lächelnd sah er ihr zu und konnte sich nicht enthalten, ihr, während sie ihn bürstete, die rosigen Wangen zu streicheln. Darob färbten dieselben sich purpurn, worüber er wiederum hell auslachte. „So," sagte sie, die Bürste aus den Händen legend, „jetzt habe ich Dich schön gemacht, so kannst Du Dich sehen lassen. Und da kommen auch schon die Mägde mit Torten und Konfekt, jetzt sollten nur unsere Gäste auch bald da sein." „Sorge Du nicht. Du wirst nicht lange auf sie zu warten haben. Aber da ist ja der Jung' — was sagen wir nur zu ihm?" fügte er flüsternd hinzu. Benjamin war in Wirllichkeit soeben in das Zimmer gekommen und blickte betroffen aus den festlich gedeckten Tisch. „Wir erwarten Gäste," sagte die Mutter, ihm freundlich zunickend. „Aus D." fügte der Vater ihm gleichfalls zunickend, hinzu. „Ich denke, wir werden heute gleich Knas legen, den Abend nach Jomkippur wirst Du Dich doch nicht sperren." Der letzte Blutstropfen ivich aus dem frischen Angesicht des erschreckten jungen Mannes; mit weit aüfgerisseneu Augen starrte er auf die Eltern, ohne ein Wort der Erwiderung hervorzubringe». Eben wollte die Mutter ihn beruhigen, als die Hausglocke ertönte. „Das werden sie sein," ries Reb Meier, „geschwind^ Benjamin, geh' hinaus, die Gäste empfangen. Ell' Dich." Noch einen flehenden Mick warf er auf die Eltern, dann schwankte er hinaus. Sein Vater folgte ihm, er wollte sich die bevorstehende Szene nicht entgehen lassen. Die Haustür war geöffnet worden, die Erwarteten waren eingetreten. „Willkommen, Samuel!" rief Reb Meier, dem Vetter die Hand entgegenstreckend, „nicht wahr. Du bist nach D. zuständig?" „Gewiß," erwiderte der Vetter, „mein Vater selig hat doch dort die Familienstelle gehabt." „Verstehst Du's nun, Narrele Keines?" lachte Reb Meier, indem er deni hochgewachsenen Sohn auf die Schulter schlug. ' Benjamin stieß einen Frcudenlaut aus, indem er aus das junge Mädchen zueilte, die ihreiu Vater auf dem Fuße gefolgt war. „Rosi!" jauchzte er, „der Vater erlaubt's, gleich werden wir Knas legen." Er hatte den Arm um die Erglühende geschlungen nnd zog sie mit sich zum Water hin, dessen 'Hände Beide an ihre Lippen drückten. Einen Moment drückte er Beide gleichzeitig an sich, dann schob er sie von sich, der Zimmertür zu. „Marsch hinein zur Mutter, die darf man nicht warten lassen." Die jungen Leute eilten in das Zimmer, die Väter folgten Arm in Urin. Samuel Löwi stürzten die hellen Freudenträuen aus den Augen. „Wenn ich nur wüßte, wie ich Dir danken könnte, Reb Meier!" — „Red' keine Narrischkeiten, Samuel, Deine Rosi soll meinen Jungen glücklich machen, dann sind wirquitt." Daß der Abend in heiterster Stimmung verlief, ist selbstverständlich. Mitternacht nahte, bevor man sich trennte. Und dann mußte, Benjansin doch, seine Braut und ihren Vater heimbegleiten. Aber er hielt sich, nicht lange auf, -er eilte sofort wieder nach Hause, denn es drängte ihn, noch heute dem Vater nochmals zu danken für das große Glück, das er ihm bereitet. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am folgenden Tage die Kunde von der gestern stattgefundenen Verlobung. Sie überraschte keinen, nach dem Vorgänge in der Synagoge hatte man ähnliches erwartet, nur, daß es so rasch erfolgen würde, hätte man nicht geglaubt. „Reb Meier ist nicht zu taxieren," sagten die Leute, „aber er weiß, was er tut." Und der Erfolg lehrte, daß er inbev Xat gewußt hatte, was er getan hatte. Seit jenem Tage war das Glück bei ihm eingekehrt, das reinste höchste Glück, und es war ihm treu geblieben bis an seines Lebens Ende. Blühende Kindeskinder hatten seine Kniee umspielt, und der einst so sinstere mürrische Reb Meier Löwi, dessen Sohn im zwekundzwanzigsten Jahre den Vater noch nie hatte lachen sehen, pflegte mit den Enkeln so viel zu lachen und zu scherzen, daß man hätte glauben können, der Ernst des Lebens wäre nie an ihn heran getreten. Ms er seine letzte Stunde nahen fühlte, bat er seine Frau, sie möge ihren Arm unter sein Haupt legen nnd seine Hand in ihre nehmen. „So wird's leichter gehen," sagte er, indem er mit dem Ausdruck unendlicher Liebe zu ihr emporschaute, „Du hast mir das Leben versüßt. Du machst mir auch das Sterben süß." — I- Sie hatte sich über ihn geneigt, eine Träne stahl sich aus ihrem Auge und siel heiß auf seine Sttrn, die der kalte Todenschweiß deckte. „Nicht weinen!" stammelte er, „Tini — nicht weinen!" — 1 „Kann ich denn nichts für Dich tun?" flüsterte sie. „Einen Kuß!" — hauchte er. Da neigte sie sich und berührte mit ihren Lippen seine Sttrn, da huschte es wie ein Leuchten über 'sein Gesicht, seine Seele war entflohen. . Ende. Die Megille als Lebensretter. Von Samuel G o r d o n. Frei übersetzt von M. Pulvermann. Awrom Klamm wohnte in Dworsk, und sein Haushalt bestand aus ihin selbst, seiner Frau Esther, seineni achtjährigen Sohn David und seinem Trinkteufel, ohne besonderen Namen. Dennoch war der letztere eigentlich die Hauptperson in diesem Haushalte und nahm auch den meisten Raum in Anspruch, Wie es Trinktcufcl zu tun pflegen, wenn man ihnen erst ein ganz winziges Türspältchcn öffnet — und ganz besonders, wenn sie sich in kleinen und engen Wohnungen cinnisten. . Die Art aber, wie dieser Trinkteusel das Recht erlangt, in Awrom Klamm's Hause zu residieren und dort seinen stacheligen Herrscherstab zu schwingen, war folgende: Viele Jahre vor seiner Hvchzett war Awrom Fuhrmann und Holzhändler, nicht etwa mit einem großen Kontor, Holzplatz und vielen Fuhrknechten, sondern er selbst fuhr mit seinem Leiterwägelchen, das von'zwei mageren Gäulen gezogen wurde, nach dem drei Meilen entfernten Hochwald, um vom Förster eine Partie Holzscheite zu kaufen, die er dann in Dworsk an den Mann zu bringen suchte. Der Weg nach dem Walde aber führte eine -ganze Strecke über. eine schmale Hochebene, die auf der rechten Seite von einer hohen, steilen Felswand begrenzt ist, während links, zweihundert Fuß tief unten, ein breiter Strom gurgelnd und schäumend dahiufließt. Im Winter ioar natürlich Moronis Hauptgeschäft, nnd er konnte da auf gute Preise halten; aber er hatte da auch das zlveifelhafte Vergnügen, den scharfen und schneidenden Frostlvind voll und ganz aus sich cinstürmen zu lassen, der sich an der Felsmauer verfing und so seinen rasenden Lauf nicht fortsetzen konnte. Bei jedem Windstoß glaubte Awrom, daß er in zwei Hälften durchschnitten würbe. Es geschah darum sehr häufig,' daß er steif wie seine Holzscheite nach der Stadt kam und starr vor Kälte vom Wägelchen gehoben werden mußte, um durch das Einflüßen von feurigem BraMtwein zum Lehen zurück lmfgetM zu werbe,u -^

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