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Neue jüdische Presse · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Frankfurter Israelitisches Familienblaü. Seite 3 des Hooliganenvolkes so-sehr gefallen, daß sie diese um die jüdischen Tugenden cintauschen möchten. Allerdings haben letztere eine sehr ungünstige Zeit für ihre» Verrat und offene Fahnenflucht gewählt, denn während die westeuropäischen Assimilanten die Zeit des Kosmopvlitismns für ihre Auflösung erkoren, wollen ihii5u die russischen Assimilanten in noch viel krasserer Weise, — denn die westeuropäischen begründeten ihren Verrat mit zeitgemäßen Reformen zur Erhaltung der Religion — in einer Zeit des Nationalismus und der Pogrome gleichtun. Leider können in den chaotischen und anarchischen Zuständen diese häßlichsten Kreaturen dem Judentum — wenn auch nicht für die Dauer, so doch zeitweilig — Schaden zufügen; besonders aber wird durch die fortwährende Zersplitterung die schon ohnehin sehr prekäre Lage der russischen Juden noch prekärer gestaltet. * * * Das Bekenntnis des- Kaisers in der Thronrede, zur gewissenhaften Beachtung der R e i ch s v e r f a s s u u g und Forts ü h r n u g de r S o z i a l r e f o r m e n gibt unserer Anschauung, daß die Regierung liberaler zu regieren gewillt ist, recht. Es ist deshalb auch der große Lärm über den Sieg des Antisemitismus unbegründet. Bei uns in Deutschland wird doch die Politik mehr oder minder von O b c u dirigiert, und der Kaiser, sowie die Regierung können mit dem Verhalten der Juden bei den diesmaligen Wahlen zufrieden sein. Wenn trotzdem der deutsche Jude bei dem geringen Zuwachs antisemitischer Stimmen ängstlich und nervös ist, so kann das nur auf das unsichere Gefühl, das er behufs seiner Rechte empfindet, zurückgeführt werden. Rach den Betrachtungen der jüdischen Presse über das Ergebnis der Wahlen, kann gemntmaßt werden, daß hier und da die Niederlage der Sozialdemokratie stark bedauert wird, ja sogar, daß man cs lieber gesehen hätte, wenn die Juden der Sozialdemokratie statt den liberalen Parteien geholfen hätten. Die so denken, kennen das jüdische Volk nicht. Das jüdische Volk ist zu real, um Revolution zu machen bloß der Revolution halber. Die Behauptung, das jüdische Volk sei ein zersetzendes und zerstörendes Element, ist grundfalsch. Der Jude schließt sich der Opposition an, wenn sie das Gute und Gerechte will, weil das jüdische Volk gerecht ist. Und wenn cs in seiner überwiegenden Mehrheit nach Demokratisierung der Länder strebt, so tut es dies einfach deshalb, weil cs damit vor allen Dingen seinem Wesen entspricht und dann noch deshalb, weil die jüdischen Rechte nur von einem demokratischen Staatswesen, wenn auch nicht ganz — besonders in nationaler Hinsicht — so doch teilweise sichergestellt werden können. Wir sind für den Anschluß der russischen Juden an die Opposition, weil die russische Regierung eine niederträchtige, terroristische ist und unnötiger und unzweckmäßiger Weise in Blut watetaber wir könne» nicht für eine Opposition ei »treten, die mit Phrasen operiert und nicht gewillt ist, an dem demokratischen Ausbau eines Staates sich zu beteiligen, für eine Opposition, „die alles von Anfang" beginnen will. Die deutschen Juden hätten einen großen Fehler begangen, würden sie bei diesen Wahlen die Sozialdemokratie gestützt haben; nicht nur ihre eigene Position würden sie geschädigt haben, sondern auch im Interesse der Sozialdemokratie selbst war die Schlappe, die sie erlitt, nötig, damit sie endlich Vernunft annimmt und positiv zu arbeiten beginnt. Wir meinen, daß jüdische Zeitungen, besonders wenn sic nationale Volksorgane sind, doppelt ihre politischen Ansichten prüfen müssen und nicht blindlings in Revolution machen dürfen. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 19. Febr. Die Deutsche Konfereii zgemeinschaft der Alliance Israel i t e Universelle hat heute unter dem Vorsitz der Herren Geheimrat Goldberger -Berlin und Charles L. H a l l g a r t e n - Frankfurt a. M. im Saal der Frankfurt-Loge ihre vierte Tagu n g abgehalten, die aus allen Gauen des Reiches besucht war. Der erste Gegenstand der Tagesordnung war der von Herrn Geheimrat Goldberger erstattete Rechenschasts- und Arbeitsbericht des Präsidiums für das Jahr 1906. Der Berichterstattung, die das Aufblühen der Alliance in alten Teilen Deutschlands, die Erweiterung ihres gesamten Arbeitsfeldes, die Ansgestältnng ihrer Tätigkeit im Geiste ihrer Stifter konstatierte, ging die Verlesung einiger Briefe voraus, die von den Nestoren der Alliance — Präsident Leven in Paris, Sanitätsrat Dr. Neumann in Berlin, I. M. Bielefeld in Mannheim — eingegangen waren. — Der Gesamtbericht des Präsidiums wurde durch die Einzelbcrichte der Vorsitzenden der Bezirks- und Landes-Komitees ergänzt. Der Arbeitsplan für das Jahr 1807, den der Vorsitzende entwickelte, fand allgemeine Zustimmung. Ferner wurde als einhelliger Ausdruck der Wünsche und des Willens der Deutschen Kouferenzgemeinschaft festgestcllt, daß die Organisation der Deutschen Konferenzgemeinschaft im Deutschen Bureau, Berlin, endgültig zu zentralisieren ist, damit 'die einheitliche Tätigkeit überall desto kräftiger einsetzen könne. - Die von der Deutschen Kvnferenzgemeinschaft nach Paris zu richtenden Anträge hatten die Allianccschulen und die Ausbildung der künftigen Allianceschullehrer zun: Gegenstand. Das Zentralkomitee hatte bereits Ende vorigen Jahres beschlossen, in Zukunft eine Anzahl von dem Lehrerseminar in Paris ausgebildeten künftigen Lehrern der Allianceschulen zur Erlernung der deutschen Sprache für einige Zeit nach Deutschland zu senden. Die neuen Wünsche gehen dahin, daß der deutsche Sprachunterricht weiterhin ausgedehnt und da, wo er noch nicht erteilt wird, aber ein Bedürfnis hierfür vorliegt, eingeführt werde. Das gilt besonders für die Allianceschulen in Marokko. Eine andere Forderung geht dahin, daß namentlich für den deutschen Sprachunterricht geeignete Lcbrkräfte nach vem Vorschlag des Präsidiums der Deutschen Äoiijcrcnzgemeinschast der A. I. 1i. angestellt werden sollen. Endlich wurde vorgeschlagen, das Zentralkomitee der Alliance Jsraelite Universelle möchte darauf Bedacht nehmen, allmählich die Ausbildung einiger Allianceschnllehrer in Deutschland zu bewirken. K. Frankfurt a. M. Der Reisende, den sein Weg durch das freundiichc Landstädtchen Diez a. d. L a h ii führt, sollte cs nicht versäumen, das auf lustiger Höhe am Waldessaum gelegene Deuts ch - I s r n c l. K i n d r r h e i m zu besuchen. Er wird gewiß seine Freude an dem stattlichen Bau, au den bei aller einfachen inneren 'Ausstattung doch schönen luft- und lichtdurchfluteteik Räumen, de» prächtigen Gartenanlagen, vor allem aber au der blühenden Kinderschar haben, die das Haus belebt. Au der Lust, die den.Kindern aus den Augen leuchtet, wird er erkennen, daß sie es hier gut haben und hier glücklich sind, lind doch sind es Kinder, die den Schichten des Elends und des Jammers enistammen, hier haben sie ein schützendes Obdach gefunden, hier genießen'sie eine treffliche. Erziehung, hier werden sie mit Wissen und sittlich religiöser Kraft für das Leben ausgerüstet, daß sie einst im Leben eine ehrbare Existenz sich gründen können. Viele der bereits Entlassenen bezeugen durch ihr Leben, daß die Mühe und Sorgfalt, die für sie hier aufgeivcndet wurde, nicht unnütz verschwendet war. Eine solche Anstalt, die arme verlassene Kinder aus dem ganzen Deutschen Reiche aufnimmt und auch russischen Kindern, die ihre Eltern durch die brutalen Niedcrmctzelungen verloren haben, ihre Hilfe leiht, verdient es und hat einen Anspruch darauf, daß die Liebe aller jüdischen Bürger des Deutschen Reiches sich ihr zuivendet, ziimal, wenn die Bitte um eine Beihilfe nur eine ganz kleine Gäbe heischt. — Es darf darum wohl auch erwartet werden, daß, wenn am bevorstehenden Purimfeste kleine Sammler in jeder Gemeinde des ganzen Deutschen Reiches für ihre armen Altersgenossen um eine Gabe bitten, sie offene Herzen und gernspcndende Hände finden werden. Mau bedenke, daß die „Purimspendc" der Lebensnerv des Kinderheims ist, und jeder, der seinen Obolus opfert, darf von dem erhebenden Gefühl beseelt sein, daß er zur Stütze und Befestigung jenes von Menschenliebe und jüdischer Wohltätigkeit errichteten Baues, der schon so vielen Segen verbreitet, auch sein ^cherflein beigetragen hat. Bad Salzschlirf. Die reizende am Walde gelegene Billa Bellevue, Herrn L. Arnold gehörend, ging durch Kauf an Herrn Hotelier Jac. Strautzer aus Frankfurt a. M. über und wird derselbe zur kommenden Saison die Villa als ein israelitisches Hotel ersten Ranges betreiben. Das Hotel untersteht der Aussicht sor. Ehrwürd. Herrn Provinzialrabbiner Dr. Cahn in Fulda. Nürnberg. Der v-n der hiesigen Maimonides- Loge gegründete Knabe »Hort wurde in dem vom Magistrat überlassenen Schullokal Fürtherstr. 77 mit einer kleinen Feier eröffnet. — In seiner Ansprache dankte der II. Vorstand Herr Realschuldirektor Dr. F e i l ch e n f e l d allen denen, die das Zustandekommen der Einrichtung gefördert haben, und wies darauf hin, ihr konfessioneller Charakter sei lediglich dadurch bedingt, daß sie in erster Reihe den Kindern der hier ansässigen osteuropäischen Juden dienen wolle, deren Aufnahme in die bereits bestehenden Jugendhorte aus verschiedenen Gründen nicht angängig erscheine. Herr Schulinspektor Dörr ergriff alsdann das Wort zu einer 'Ansprache, in der er den Nutzen und Segen der Jugendhorte mit einigen kräftigen Strichen zeichnete und die Existenzberechtigung auch dieser neuen Anstalt voll anerkannte. Nachdem noch Herr Dr. B a m b e r g e r einige Worte an die Kinder gerichtet hatte, wurden diese mit Milch und Weißbrot bewirtet, worauf es an die Fertigung der Schulaufgaben ging. Die Anstalt, deren Leitung Herrn Lehrer T ch l o ß m a n n anvertraut wurde, ist an 7, Nachmittagen in der Woche geöffnet. Sollte sie sich bewähren — und die Präsenz von 24 Knaben, die bei der Erösfnnng zu verzeichnen 'war, scheint für ein vorhandenes Bedürfnis Zeugnis zu sein —, so wird man an deren definitive Gestaltung und weiteren 'Ausbau auch durch Aufnahme von Mädchen schreiten. Berlin. Die sahungsmäßige Hauptversammlung des Verbandes der Deut s ch e n Juden hat nächsten Herbst stattzufinden. Es ist von dem Ausschuß des Verbandes beschlossen worden, als Ort der Zusammenkunft Fr a n k f u r t a. M. und als Tag Sonntag, den 6. Oktober, zu wählen. Berlin. Das Stock?'sche .Reich" und die christlich-soziale „S t a a t s b ü r g e r - Z e i t u n g" sind verschmolzen worden: letztere erscheint nur noch als Kopsblatt des „Reichs". Beide Zeitungen werden in der Druckerei des Deutschen Verlags hergestellt, und die veränderte christlich-soziale Tendenz der „Staatsbürger-Zeitung" kommt in einem führenden Artikel dcS Hofpredigers Dr. Stöcker znin Ausdruck. Berlin. Stiftung, 30 000 Mark hat der jüngst verstorbene Rentier Moritz salomons o h n der Stadt Berlin vermacht, mit der Bestimmung, daß die Zinsen jährlich am 18. Oktober, als dem Geburtstage Kaiser Friedrichs, von dem jcweiligcn Stadtverordnetenvorsteher nach seinem Ermessen in Beträgen von nicht unter 100 und nicht über '200 . U. vergeben werden. Ter Magistrat hat das Vermächtnis angenommen. Berlin. Der Verein zur Abwehr des A II t i s e IN i t i S in u s wird am 2. März, abends 8 Uhr, im Landesansstelllingspark, Eingang Alt- Moabit (Havpteingang), feine ordentliche Generaluci'i a m m l u ii g abhalten. Dr. T h. B a r r h wird auf der Generalversammlung über das Thema „Unsere Stellung zum 'Antisemitismus in und nach den Rcichstagswahlen" sprechen. — Dem M o n a tSberi ch t des I ü dischen BolkSverei n s , eines Vereins, der insolge seiner vorzüglichen Organisation trotz geringer Mittet eine iiiipoiiiercnde Arbeit leistet, entnehmen wir u. a.: „Nach be: uns eingelaufene» Berichten, ist von einer milderen H a n d h a b u n g d e s E i n w a u - b c r u ii g s g e s e tz e S , auf die man durch den neuen Haiidelsminister O S c a r S. « t r a n ß hoffte, nicht S z u m e r k e n. Wie früher, klagen auch fetzt amerikanische Blätter über ungerechtfertigte Zurückweisungen. Ans Grund des vvn der Bahuhofsivach'e gesammelten Materials, betreffend die M i ß h a nd -- l u n g c n v o n R ü ck w a n d e r e r n ans e n g l i - s ch c ii O ch s e n s ch i f f e n, deren Folgen sogar nach achttägiger Frist ovn unscren Aerztcn noch konstatiert werden konnten, hat sich der Vorstand in einem anssührlichcn Berichte an einen englischen Juristen, gewendet, dein es überlassen bleibt, durch die Presse event. bei den Behörde», Schritte zur Beseitigung dieser Zustände zu unternehmen. In derselben 'Angelegenheit hat die „Hcbrew Immigrant Aid Svciety" in Ren,York die Verfolgung der belasteten Agenten übernommen. Ferner haben wir einen englischen Journalisten veranlaßt, die Angelegenheit in der dortigen Presse zu besprechen. Der Bericht behandelt ferner die Tätigkeit der Abteilungen K r a n k e n f ii rsor g c (20 Mitarbeiter, besonders Daineny der j n r r st i s ch e n A b t e i l u n g (2 Mitarbeiter), der ärztlichen Abtei ln n g (3 Mitarbeiter), der K n r s e in E n g l i s ch , F r a n - z ö s i s ch und D e n t s ch (6 Mitarbeiter), der B a h n - Hofs w a ch e (-11 Mitarbeiter) und des Bure a u, Tirksenftr. 40 (30 Mitarbeiter). Die Zahl der in diesen Abteilungen während des Monats Januar erledigten Fälle war: K'rankcnfiirsvrge- 348 Besuche, Juristische Abteilung 66, Aerztliche Abteilung 82, Kurse 53 Stunden mit durchschnittlich 12 Schülern, Bahnhofswache abgeholt 154, expediert 224 und Bureau 653 Angelegenheiten. Oestrreich-Ungarn. Wien. Schule zur Ausbildung jüd Kranken Pflegerin ne n. Die bereits seit längerer Zeit geplante Errichtung eines jüdischen Pflegerinnenhcims wird demnächst zur 'Ausführung kommen. Ein neu zu gründender Verein soll die Verwaltung dieses Heimes, sowie die Geldbeschaffung übernehmen, wobei voiisciteu der Wiener isr. Kultusgemeinde eine Subvention zu erwarten steht. Die unter Aufsicht einer bereits eiigagierten Oberin stehenden Schülerinnen werden im Lpital der isr. Kultusgcmeinde ihren Unterricht erhalten. Budapest. Einen veduuerlichen Rekord erreichten im Monat Dezember die in Ungarn zwischen Juden und Christen.vollzogenen Ehen: nämlich 58 Juden gingen u.it Christen die Ehe ein. Budapest. Die iiesige „Äctiaß-Chewre" hat das Budget für 1907 mit Kr. 25 130 in den Einnahmen und Kr. 26 670 in de» Ausgaben veranschlagt. Prag. Mit dem laufenden Jahre tritt in der hiesigen Israel. Kultusgemeinde eine 15 <xo-

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