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Neue jüdische Presse · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8. ' Awrom aber war schlau; er merkte sich dieses vorzügliche Wiederbelebungsmittel und kam bald auf den Gedanken, sich ein solches kleines und flüssiges Feuerchen, Wodki genannt, auf die Reise mitzunehmen. Und dieser Gedanke erwies sich sehr erfolgreich— und wenn Awrom auf seinem Wägelchen saß und d.ey,. erbarmungslosen Wind sich um die Ohten Pfeife,V ließ, während der Frost, wie mit tausend nadelscharfen Zähnen, in Nase und Fingerspitzen sich einbiß, brauchte er nur nach dem Fläschchen zu greifen, und sofort war es ihn,, als wäre ein behaglich prasselndes Feuer in seinem Innern angezündet, das eine wohltuende Wärme durch die Länge und Breite feines Körpers-zirkulieren ließ; fingen die Flammen an, schwächer zu werden, so goß er rin wenig Brennstoff nach, lächelte stillvergnügt vor sich hin und pries sich, als einen ganz klugen Kerl, dem es gelungen war, den niederträchtigen Winden und -Frösten ein Schnippchen zu schlagen. Awrom Klamm entwickelte diesen Gedanken noch weiter; er betrachtete jetzt den Wodki vom medizinischen Standpunkte, denn als der Sommer seine Herrschaft antrat, und die Sonne aus ihrem Arsenal glühendheiße Pfeile und Spieße auf die unbeschützten Wcgewanderer niederwirbclte, da entdeckte er in dem Wodki nicht nur ein gutgecignetes Heizungsmaterial für den Winter, sondern auch ein vorzügliches Abkühlnngs- und Erfrischungsmittel für den Sommer. So stand denn sein inneres Feuer das ganze Jahr in vollen Flammen, und durch diese wurde der obenerwähnte Trinktcufel ausgebrütet; genau so wie jener Salamander, von dem der Rebbe im Cheder erzählt, daß unfehlbar ein Salamander entsteht, wenn man Uns einer Stelle ein beständiges Feuer siebe» Jahre, sieben Tage, sieben Stunden und sieben Minuten ununterbrochen unterhält. Aber der Trinkteufel erwies sich auch ein wenig dankbar gegen seinen Erzeuger; denn sicherlich war er es, der die Pferde lenkte, daß sie nicht samt dem Wägelchen zweihundert Fuß tief in den Strom hinabrutschten, während der eigentliche Lenker laut schnarchend schlief. So kam es, daß Awrom Klamm im Sommer und im Winter in gleicher Weise vom Wagen gehoben werden mußte; nur mit dem Unterschiede, daß es früher sehr vorsichtig geschah und ihm Pflege und Aufmerksamkeit von allen Seiten zuteil wurde, während er jetzt, sobald sein Wägelchen in die Stadt rasselte, von der lieben Straßenjngend mit großem Halloh empfangen und zur Zielscheibe ihres Spottes gemacht wurde. Von den Erwachsenen wurde er als ein räudiges Schaf gemieden, das imstande wäre, die ganze Khille mit seinem Laster anzustecken. Eines Tages hatte Awrom wieder einen Gedanken, den er aber früher hätte in Erwägung ziehen sollen, sodaß der zweite gar nicht erst zum Durchbruch gekommen wäre. Er entschloß sich, ein eigenes Heim zu gründen und eine Persönlichkeit sich anzuschaffcn, die seinem Hauswesen vorstehen sollte. Doch jüdische Mädchen lieben es nicht besonders, einen Mann zu heiraten, der mit einem-j Trinkteufel treue Kameradschaft hält, und so war der Spielraum für seine Auswahl! ein gar cngbegrenzter. Aber er brauchte sich darüber nicht lange den Kops zu zerbrechen; er hatte bereits seine Wahl, mit Zustimmung der erwählten Partei, getrosten. Als Esther ihren ersten Vertrag bei Reb Meier Denker abgedient hatte, ging sie sofort den zweiten ein, ihr Geschick in Awrom Klamms Hände zu legen. Nur stellte sie die einzige Bedingung, daß er sein freiluftiges Geschäft aufgebe und sich einen Beruf erwähle, wo er nicht jeden Tag in Gesellschaft zweier Pferde und einer Flasche zu verbringen brauche. Awrom war niit allein eiiwerstaudeu und nahm wieder sein Schuhmacher-Gewerbe^ auf, das er früher mit Meisterschaft betrieben, und nur aus falschem Stotz aufgegeben hatte, weil er sich des einfachen Handwerkes schämte. In seiner jetzigen Verfassung aber war ihm jedes Gefühl für Stolz und Würde abhanden gekommen, und er willfahrte seiner Frau. In seinen nüchternen Stunden blieb er bei seinem Leisten und fand dabei fein Auskommen; das heißt, er hätte es gefunden, wenn nicht der Trintteufel einen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. solchen großen Prozentsatz vom Familieneinkommen vornweg in Abzug gebracht hätte. Nein: Esther hatte falsch spekuliert. Die böse Leidenschaft war in Awrums ganzes System zu tief eingedrungen, um durch einen einfachen Wechsel der Beschäftigung wieder ausgerottet werden zu können. Was sie dabei empfand, ob sie ihre Heirat mit dem Trunkenbold bereute, ob sie ihr trauriges Geschick beklagte, keiner wußte es. Sie lehnte es ab, von irgend jemand bemitleidet zu werden. Awrom Klamm ging nur sie allein an, und wenn er ihr paßte, dann mußte er auch jedem andern passen. Asyle für Alkoholiker und ähnliche Einrichtungen der Zivilisation sind im heiligen Rußland unbekannte Luxusartikel. Den davon Befallenen steht es frank und frei, entweder durch Delirium Tremens oder durch einen Schlaganfall oder auch durch innere Verbrennung zu sterben — kein Mensch hindert sie daran; es ist für das Land viel billiger so, und die Herren am grünen Tisch können sich für das schöne Geld, das man dasür verwenden müßte, lieber einen guten Tag machen. Nur ein einziges Mal hatte Esther nach dieser Dichtung einen Versuch gemacht 'und sich einein Menschen anvertraut. Es.war damals, als Gedalje Götzel, der Sohn vom alten Chasen, mit dem Doktor- Diploni und dem schönen Namen Dr. Gustav Svnnenthal nach Hause kain. Zu ihm war Esther gegangen, und nachdem sic ihm ihr Leid geklagt hatte, beschwor sie ihn, bei allem, was ihm heilig ist in idieser Welt, und bei allem, was er erhofft in der zukünstigen Welt, sich ihrer zu erbarmen, und in.Erinnerung ihrer gemeinsamen Jugendspiele ihren Mann von der bösen Krankheit bald zu kurieren. Dr. Gustav Sonnenthal hafte sie mit der goldnen Brille sehr ernst angesehen, und dann sprach er: „Liebe Frau Klanim, soweit es der Wissenschaft bis jetzt bekannt ist, vermag nur eine plötzliche, hestige Erschütterung des ganzen Rerven-Systeins im Gehirn eine radikale Besserung zu bewirken. Wenn ich die nöftgen Apparate hier zur Verfügung hätte, könnte ich ja mit Ihrem Manne ein Experiment Unstellen; so aber . . Und der Doktor zuckte mit den 'Achseln, wie eS die Aerzte zu tun Pflegen, wenn sie glauben genug gesagt zu haben, weil sie nicht mehr zu sagen wissen. Esther schlich wieder nach Hause, ohne eigentlich zu wissen, was der Doktor ihr mit der lange», hochdeutschen Rede überhaupt gesagt; nur das eine wußte sie jetzt, daß sie ihre Gebete von nun ab verdoppeln muß, die sie täglich zum himmlischen Arzt cinporsendet, der Heilung hat für alle Wunden und Linderung für alle Schmerzen. So wurde dft Wohnung immer enger und kleiner, und so schaffte der Trinkteufel ein Möbelstück nach den: andern fort, so daß außer dem armseligen Gerümpel fast nichts inchr übrig blieb. Doch Esther trug ihre Leidenslast geduldig weiter und nur an den Festtagen, wenn die andern Wohnungen von Licht und Freude voll waren, während ihr Stnkchen durch die Schatten der Sorge so trüb war, da suhlte sie sich sehr, sehr traurig. Ja, sie war traurig, trotz der Sorglosigkeit, die sie zur Schau trug, und die i,hr so viele heimliche Tränen erpreßte, die ihr solche innere Seelenpein bereitete und eigentlich nur dazu diente, um die liebe Nachbarschaft noch mehr gegen sich aufzubringen. Wenn doch wenigstens im Kalender ikvch viel, viel mehr nationale Trauertage verzeichnet wären — so brauchte man nicht seine düstere Miene so ängstlich zu verbergen und die Nerven nicht so straff anzuspannen; man hätte weniger Veranlassung, seinen Gefühlen Zwang anzutun und da;u lächeln, wo das Herz bittere Tränen vergießt! —. Und heute war wieder ein Festtag, Purim! Das Fest zu Ehren ihrer Namensschwester, der Königin Esther! (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Durch Herrn Arthur Wollenberger in Heilbronn, sowie durch Herrn Hermann Kahn II., Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde, habe ich in Erfahrung gebracht, daß sich ein angeblicher Lehrer- Scheuer in Baden und Württemberg herumtreibt und eine Empfehlung init meiner Unterschrift zum Zwecke der Unterstützung vorzeigt. Seite S*. Ich erkläre hiermit öffentlich, daß ich n i e m a n d eine schriftliche Empfehlung zu diesem. Zwecke gegeben habe und es sich wahrscheinlich wieder um einen Schwindler dreht. E g e l s b a ch bei Darmstadt, 18. Febr. 1907. DanielKatz. Kaiser Friedrich Quelle -- Offenbach a. M. ■ - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wochea-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 28. Februar (— 9. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 30 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 6 Uhr 40 Min. Berlin 8 Uhr 25 Min. Wochenabschnitt T e z a w e. Die Herrichtmig des goldenen Leuchters. Täglich hatte ihn der Priester zu reinigen, mit reinstem Olivenöl zu füllen und anzuzünden: ein S y mbol des in Israels Mitte rein strahlenden Thoralichtes. Der Priester ist der Thora lehre r. — Sodann sind die Priesterlleider genau beschrieben. Der gewöhnliche Priester trug -1 Gewänder: Beinkleider, Leibrock, Gürtel, Mütze; der hohe Priester 8 Gewänder: die vorgenannten: dazu einen lleberrock, einen Ejodmantcl, einen Brustschild, ein Stirnblech mit der Aufschrift „Heilig den: Ewigen". Am unteren Saum des Obermantels waren goldene Glocken und goldene Granatäpfel abwechselnd befestigt. Das Geläute kündete die Ankunft des Hohenpriesters im Heiligtum an. Im Brustschild 12 Edelsteine mit den 12 Stüimnenamen; auf über den Schultern laufende» Trägern 2 Edelsteine mit je 6 Stämmenamen. Auch die Pricsterkleider haben symbolische B e d e u t u n g: der Gürtel z. B. scheide den tierischen Unterkörper vom menschlich, schönen Oberkörper. (Daher nach Schulchan Aruch Pflicht jedes Inden, einen Gürtel zu tragen!) Die Steine auf Brust und Schultern besagen: Der Priester trägt Israel voll Liebe ans dem Herzen, er trägt die Verantwortung (Last) für sie auf den Schultern usw. Am Ende des Wochenabschnitts die Vorschrift für die siebentägige Priesterweihe, die Weihevpfer. das Tomid-Opfer (beständig. Opfer) und der Befehl, den Raucher- oder goldnen Altar zu errichten und täglich darauf Rauchwerl (Gewürze) zu verdampfen. Beständiges Opfer und Räucherwerk jeden Tag morgen s und abends. (Ihm entspricht unser Morgen- und Minchogebet.) Lehre d a r a u §: Jeden Tag sei unser Leben Gott geweiht und zwar vom Morgen bis zum Abend! P a r s ch a s S o ch a u r. Wir gedenken der ruchlosen Tat Amaleks in diesem Wschnitt. Es geschieht gerade vor Purim, da der Judenfeind Haman Amaleks Sprößling war. Wie bereits (i. Woch.-Kal. Nr. 4) betont, wollte Amalek durch den plötzlichen llebersall Israels nach dem Meeresdurchzug der Welt zeigen, daß er den Judengott nicht fürchtet, vor dem damals alle Völker zftterten. Menschenmacht über Gottesmacht! A. ist also viel mehr GotteS als Israels Feind. Wir hassen jede trotzig-stolze Auflehnung gegen Gott als ein „Seicher-Amolek", eine Erinnerung an Amalek. Das ist der Sinn von Parschas-Sochanr. (Nicht Menschenhaß befiehlt unser Gesetz; ist doch sogar die Feindesliebe des öfteren zur Pslicht gemacht. '2. B. M. Kap. 23, ö. B. M. Kap. 23.) Es ist ausdrücklich erklärte Pflicht, Parschas Sochaur zu lesen bezw. zu hören. Das „Jauzer" dieses Sabbats spricht von hen mancherlei Kämpfen, die Amalek mit Israel hatte. Am Donnerstag (28. Febr.) ist Purim. Es erinnert an die wunderreiche Rettung Israels zur Zeit der Perserherrschast, ungefähr 500 Jahre vor dem I. 1. Ahasveros, König von Persien, glaubt der lügenhaften Anklage seines Ministers Haman, Israel" sei staatsgefährlich. Dabei hatte der fromme Mordechai Ahasveros das Leben gerettet. Haman hatte die Erlaubnis, alle Inden vertilgen zu dürfen. Durch das Los wird hierzu der 14. Adar bestimmt. Esther, Morbechais Nichte, die Königin geworden, leistet Fürsprache für ihr Volk. Haman wird entlarvt, an den für Mordechai bestimmten Galgen gehängt. Mordechai >vird Minister, bei den Juden kehrt Freiheit und Freude ein. Sie feiern das fröhliche „Losefcst". — Vorschriften: Mittwoch ist „Taanis Ester" zur Erinnerung an Esthers Fasten, ehe sie ihre Bitte um Israels Rettung vortrug. Gajchal Vorlesung. 'Aneinu Einschaltung im Sch. Esrei. Morgens Selichaus. — Jeder höre zweimal Megilo- Vorlesung. Die Megilo muß vorschriftsmäßig geschrieben sein. 3 Bor-Brochans (morgens 2), eine Nach-Brocho. (S. Gebetbuch.) Im Tischgebet und Sch- Esrei die Dankformel „Al hanissim" einschalten. Purim-Freuden-Mahl am Tage 'abhalten. „Mischloach Monaus" — mindestens einem Freunde zweierlei Geschenke an Speisen. An zwei Arme zwei Gaben reichen, Awelim senden auch, erhalten jedoch nichts. Kein Tachanun, auäi Freitag — Schnschan Purim — nicht. Thoravorlesung v. Amaleks Kampf (2. B. M. Kap. 17). Machazis Haschekel. Womöglich Arbeitsenthaltung.

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