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Neue jüdische Presse · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. dieser Familienform noch deutlich genug Nachweisen, so kann dasselbe wenigstens mit nicht kleinerem Rechte von den späteren Inden behauptet werden, was von den Kennern ihrer Familienbeziehungen ohne weiteres zugegeben werden muß. Diese in gewissem Maße Aehnlichkcit der Sitten war cs auch vielleicht, , die Heinrich Heine den ctioas bizarren Gedanken eingab: ,,Die Germanen ergriffen das Christentum aus Wahlverwandtschaft mit den: jüdischen Moralprinzip, überhaupt dem Judaismus. Die Inden waren die Deutschen des Orients, und jetzt sind die Protestanten-in den germanischen Ländern .... nichts anders als altorientalische Judcu."4^) (Schluß folgt). Briese aus Rumänien. Aon Laila. Mit dem Jahre 1907 scheint der Antisemitismus wiedcrunl in alle Städte Rumäniens seinen verheerenden Einzug zu halten. Aus Crajova, wo eine zionistische Versammlung gesprengt, jüdische Frauen und Kinder geschlagen wurden, folgte Bucarest, dann Jassy, ivo das Abhalten eines Vergnügungsabcnds, veranstaltet zugunsten der jüdischen Schulen, wegen antisemitischer Drohungen unterbleiben mußte. Nun kommen schlimme Nachrichten aus Verlad. Die Schüler des Lizeums „Codreanu" taten sich am 17. Januar zusammen, - zogen durch die Straßen, plünderten jüdische Läden, schlugen Fensterscheiben ein und reizten die Masse gegen die jüdische Bevölkerung auf. Auch in Foesani werden bereits Anstalten zu antisemitischen Hetzereien getroffen. Am 28. Januar wurden mehrere Fensterscheiben in der hiesigen jüdischen Mädchenschule eiligeschlagen. Ein Anfang. Was darauf folgen wird? . . Mau nruß nicht von allzu großem Pessimismus beseelt sein, um mit bangen Gefühlen den kommenden Tagen cntgcgenzusehen. Gar manchem, dem das Schicksal des rumänischen Judentums ani Herzen liegt, drängt sich daher nicht mit Unrecht die atcmraubcnde Frage auf: Wie? sollen sich die unglücklichen Ereignisse, die mit erdrückender Wucht in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts (der. 28. November 1897 in Bucarest, der unglückliche 16. Mai in Jassy, das Jahr 1900 und die jüdische Massenemigration, bekannt unter dem traurigen Flamen „Druietc" (Fußgänger) ans die rumänische Judenheit hcrcingebrochcn, wiederholen? - Die freisinnige rumänische Presse (darunter versteh: man hierzulande gewöhnlich die einzige Zeitung „Adcverul") ließ cs sich daher angelegen sein, diesem Treiben, das auch in Rumänien als zu bunt erscheint, auf die Spur zu kommen. Sie mußte nicht lange auf die Suche gehen. Da alle Ausschreitungen von Schülern und Studenten ausgingen, so konnte man leicht den Urheber dieser häßlichen Agitation entdecken. Es ist der Jassyer Universitätsprofessor Jorg a. Seit einiger Zeit hält dieser Jugend-Erzieher in den Städten Rumäniens Vorträge, in denen er in seineni blinden Eifer auf die Juden schimpft und die Jugend gegen sie aufstachclt. Auch setzt er sich in jeder Stadt mit der Gymnasialjugend in Verbindung, korrespondiert mit ihr und belehrt sie mit seiner voll giftigen Hasses geschriebenen Zeitschrift „Neamul romanese". Die Jugend jubelt ihm überall zu. Sie überschüttet seine Vortragsabende mit Beifall und Huldigungstelcgrammen. Sie ergreift für ihn Partei, wenn aus das wüste Treiben ihres Meisters aufmerksam gemacht wird. Unlängst manifestierten die „nationalistischen" Studenten in Bucarest vor der Redaktion des freisinnigen „Adcverul", weil dieser es gewagt, Meister Jorga als den moralischen Urheber der antisemitischen Ausschreitungen be- 1<;) Ibidem. 47) Ibidem. 46) Heinrich Heine's gesammelte Werke. (Berlin 1887, Band 8, S. 281.) , Frankfurter Israelitisches Famikienblatt. kanntzugeben. Der Jassyer Universitäts-Professor nimmt wiederum. seinerseits die antisemitische studierende Jugend in Schutz und heißt in seinem „Nearnul romanese" die Ausschreitung der Schüler in Crajova usw. eine edle nationale Begeisterung, würdig der Nachahmung. So sieht die rumänische studierende Jugend aus, die berufen ist, später in die Geschicke dieses Landes als hohe Beamte einzugreisen. Was für uns Juden daraus - resultiert, ist klar: das oft im Hinblick auf die rumänischen Verhältnisse wiederholte Wort: Für die Juden in Rumänien gibt cs keine Zukunft. Fort müssen die jüdischen Arbeiter', die unter dem neugcschaffenen Arbeitergesetze zuleide n haben, fort müssen die jüdischen Studierenden, die, m it Ausnah me der Medizin, von keinem akadern i s ch e n F a ch R u tz e n z i e h'e n d ü r f e n, f o r t müssen die j ü d i s ch e n K a u f l e u t c, d c n e n auf Schritt und Tritt der Lebe nsk a m p f erschwert wird. Fort müssen schließlich all die, die ihrem Volke und d e ni Judentum erhalten bleiben wollen. Wohin? Das ist die Frage. Als Theodor Herzl seinen Judenstaat veröffentlichte, erklärte oer damalige rumänische Ministerpräsident D. Sturdza einem Korrespondenten des New-Jork Hcrald, er halte diesen Plan für die einzig richtige Lösung der Judenfrage. Und wirklich — wir sollten als Juden cs ein für allemal einsehcn, daß es für uns keinen andern Ausweg gibt als den der Selbsthilfe. Die Judennot ist keine „vorübergehende Erscheinung". Sic ist und bleibt eine stets sich wiederholende traurige Tatsache, solange Israel zerstreut unter den Völkern lebt. Auf das Wohin? gibt es nur eine Antwort: nach der alten Heimat unserer Väter. Das geht natürlich nicht auf einmal, aber arbeiten müssen wir nach dieser Richtung hin, von der Uebcrzeugung durchdrungen, daß nur in unserem nationalen Streben unser Heil zu erblicken ist! Bucarest und Wien haben Freundschaft geschlossen. Das ist ein Verdienst des Bürgermeisters Lueger, der anläßlich der rumänischen Ausstellung die Hauptstadt mit seinem Besuch beehrte. Vor einigen Wochen erwiderte der Buearester Bürgermeister den Besuch, und die freundliche Aufnahme, die er dort gefunden, wußte er damit zu belohnen, daß gleich nach seiner Rückkehr aus Wien der Bucarester Gemcinderat znsammentrat und d'en Beschluß faßte, eine L u e g e r st r a ß e anzulcgen. — Bucarest hatte außerdem die Ehre, vom antisemitischen Abgeordneten Schneider zum zweitenmale besucht zu werden. Ist das alles? Nein. — Der Lueger- und Schneider-Besuch scheint die Tierfreunde ans ihrem Schlafe wachgcrüttelt zu haben. Die S ch cchitafrage steht jetzt in Rumänien auf der Tagesordnung. In dem antisemitischen Blatte „Universul" gibt .Herr Ein reu die Versicherung ab, es gebe heute keine Zweifel mehr in der wissenschaftlichen Welt darüber, daß die Schcchita eine barbarische Prozedur sei. Die Abschaffung der Schcchita sei eine Notwendigkeit, über die man sich nicht hinwcgsetzen kann. Herr Ciureu verwahrt sich dagegen, die jüdisch-religiösen Gefiihle verletzen zu wollen. Auf den Tierschutz komnit es ihm an und nichts weiter. Dies ist ihm heilig, ob es den Juden bequem ist oder nicht. Zunächst müssen wir unserer Pflicht genügen, so meint Herr Ciureu aus Bucarest, zweiter Bürgermeister, wenn ich nicht irre. Fürwahr eine edle Sprache, nur müßte sie von einem Andern geführt werden. . In Bucarest gibt's so viel zu tun für eine» human sein wollenden Bürgermeister, oder sind Herrn C. die Ereignisse in Bucarest nicht bekannt? Voriges Jahr hat der russische Botschafter seinen Namen unter eine gemeinsam mit Oesterreich abgefaßte Note gesetzt, worin Klage über übrigens, sehr geringfügige, von Muselmanen gegen Christen vorgenommene Ausschreitungen, geführt wird. Dies geschah gerade in dem Momente, _Nr. 8, wo in Rußland Massenmorde begangen wurden, die die gesittete Welt mit Entsetzen erfüllten. Die moralische Anwandlung erregte seiner Zeit allgemeine Heiterkeit. Der Moment, den sich Herr Ciureu gewählt hat, um ini Namen der Humanität für den angeblichen Tierschutz seine Stimme zu erheben, dürste ebenfalls einen Lacherfolg, erzielen. Die Woche. Die Wahlen zur russischen Duma sind im Gange, und die Petersburger tclegr. Agentur, das Sprachrohr der russischen Regierung, schweigt. . . . Das ist der beste Beweis für den Sieg der Opposition, sic siegt trotz des hundertfachen Terrors der Negierung, trotz der Pogrome, trotz Kriegs- und Feldgericht. Das Volk, das nicht zum „schwarzen Hundert", den gekauften Banditen der Regierung, gehört, wählte unter den lebensgefährlichsten Umständen, um gcgen das Regime des Zaren zu protestieren, um dessen Wille», eine lenkbare Duma zu besitzen, znschande zu machen, noch liberaler als zuvor. Das Volk mutzte seinem Rachegefnhle 'Ausdruck geben! Eine besonnene Wählerschaft würde Kadetten, nie aber Sozialrevolutionäre. gewählt haben, denn wenn erstere noch vielleicht Aussicht auf die Macht hätten, so haben letztere, so lange die Armee zum Scheit der Hooliganen hält, nicht die geringste Aussicht, die Verwaltung des Landes zu übernehmen. Und was nun? Noch ist ein friedlicher Ausgang möglich. Eine Mchrhcitsbildung aus den Kadetten und den „Friedlichen Erneurern" mit den nationalen Gruppen würde den Frieden retten. Allein diese Kalkulation hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich. Herr Stolypi», hinter dem die russische Bureaukratie steht, will es nicht haben; für seine Taschen und die Taschen der parasitischen Burcaukratie sind die chaotischen, anarchischen Zustände des Landes unentbehrlich. Nur so läßt sich die Nichtlegalisierung der Kadetten seitens der Regierung erklären, nur so läßt es sich erklären, daß die Kadetten als Revolutionäre hingestcllt werden. Was ist aber zu erwarten? Man sagt, daß beabsichtigt Ivird, die Verfassung zu suspendieren und die beschließende Duma in eine beratende zu verwandeln. Nach einer anderen Version soll das Wahlrecht erweitert werden, jeder Russe, jeder Analphabet, jeder Hooligan und Strolch soll direkt wählen dürfen, — und da Rußland an Analphabeten und Hooliganen reich, ja sehr reich ist, so glaubt mau eine gefügige Duma mit Hilfe von „Wntka" und „Roschi" (Geld) und anderen Bestechungsmitteln — eine Kunst, in der die russische Beamtenschaft unübertroffen ist — zusammeiltrcibcn zu können. Ob diese Vermutungen zutrefsen, ist schwer zu sagen. Das eine aber ist sicher, daß es im Lande der Pogrome nichts Unmögliches gibt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so kann man sagen, daß das Matz der Leiden der gemarterten Böller Rußlands vielleicht »och nicht voll ist und daß vielleicht noch, schwerere Tage ihnen bevvrsteheu. Und. unsere 5 Millionen Brüder? Es gibt Leute, die um guten Rat niemals verlegen sind; sie sagen: „Die russischen Juden sollen zur Regierung halten. Werden auch die breiten Schichten des Volkes die Rute, die sie peitscht, nicht küssen, die breiten Schichten, die aus „Poschim" bestehen und uns deshalb nichts angchen; so gilt doch unsere Sorge den Frommen, die sollen sich separieren (wohl mit dem Poltawer an der Spitze ....), sich mit einer chinesischen Mauer umgeben nnd die Direktiven von Frankfurt holen" . . . Allein uns, denen das Judentum mehr als eine Konfession und die Judenheit mehr als eine Religionsgemeinschaft ist, dünkt ein solcher Rat Heller Wahnsinn, wenn nicht noch mehr, als das'. . . Wir sehen in der Zerrissenheit unserer russ. Brüder das größte Unheil und die größte Gefahr in ihrer schrecklichen Lage. Auch die Polen, die Armenier und Muselmänner werden verfolgt; doch, indem sie einig sind, können sie trotz aller Verfolgungen Stand halten. Nur die.Juden zerfleischen sich gegenseitig; da gibts Bundisien, P. P. S., P. S., S. 'S., Territorialistcn, Zionisten, und jetzt kommen noch hinzu die „Ma Josis" - Juden, unter' Winawers und. Ostrogorskis Führung, denen die glänzenden Tugenden

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