Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IsrttitKfHtrrer ♦ (11 - -» Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnrmentspreis pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ms HauS.- Bei der Post -abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (ein» schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam M. 1,8V, sonstige Länder Mk. 2.— t—------— .. und Geschäftsstelle: Srsnltturl s. M.» Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße Per-f-« 10507. Hepansgevee: SalL Gels. ■ - i Jnsertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile..... LSPfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Nebereinkunft. 5. Jahrgang. Freitag, den 8. Adar 5667 (22 Februar 1907). No. 8. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Alte und neue Juden, von Dr. F. Frankel, Bern. — Briese aus Rumänien. — Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Ein Jomkippur, von Ernst Schwarz. — Die Megille als Lebensretter. — Sprechsaal. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Alte «nb neue Inden. Ein Kapitel aus der jüd. Soziologie. Bon Dr. F. Frankel (Bern). (Fortsetzung.) 2. Marx über die Judengeschichte. Getrieben von dem eifrigen Wünsch, seine These von dem tiefgreifenden Unterschied zwischen den Kulturbedingungen in Außereuropa und Europa zu beweisen, hat Buckle auch den Unterschied zwischen den außereuropäischen und europäischen Jude:: auf's Aeußerste verschärft. Es hat sich schon oben .herausgestellt, — und es wird sich auch ferner zeigen — daß der letztere Unterschied, wenn auch vorhanden, doch nicht so groß sein kann, wie jener annahm. Vieles, was nach Buckle das europäische Kultursystem charakterisieren soll, findet sich schon bei den altorientalischen Juden. Dazu gehören: Deismus, Spuren vor: Geldwirtschaft, von Klassenkämpfen, von demokratischen, selbst von sozialistischen Ideen. Manches ferner, was den Orientalen kennzeichnen soll, läßt sich auch in seiner europäischen Nachkommenfcyaft nicht verkennen. So: die theologische und dann die deduktive Denkweise. Dazu kommt auch der alte Pröphetengroll gegen die Reichen und Mächtigen, der immer wieder im Judentum von neuem austaucht, hier und da mit einer gewaltigen, alles was sich ihr in den Weg stellt, zu vernichten drohenden Kraft. Noch fließt in den Adern des modernen Juden das heiße Blut, noch ist die feurige Phantasie nicht erloschen, die machtvolle deklamatorische Gabe nicht erschöpft. Marx faßte die Geschichte Israels in einer der Buckle'schen Auffassung ganz entgegengesetzten Weise auf. Er wollte keine Spaltung in derselben anerkennen. Weder der von Buckle durchgesührte Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Juden, noch der von demselben zugelassene Gegensatz zwffchen den palästinensischen Juden und deren Theologie sollte nach Marx irgendwelche Geltung haben. In dem ewigen Fluß der Dinge sei es allein das Wesen des ewigen Juden, das sich immer gleich, unveränderlich zu bleiben vermochte. Worin eigentlich, besteht' dieses merkwürdige jüdische' Wesen? Mer lassen wir Marx selbst sprechen: „Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das- Geld:"»«) ' ~ - 3B) Ibidem. 8e) Die Judenfrage. (Gesammelte Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, Bd. 1, S? 426.)] Marx glaubte also, daß alle Juden, und zwar zu allen Zeiten, geschachert hatten. Gab es aber gar keine Klassen und keine Klassenunterschiede innerhalb der Judenheit? War und ist dieselbe keine heterogene, differenzierte Masse? Wo soll eigentlich die gepriesene Einheit Israels gesucht werden? Etwa zur Zeit des ersten Tempels, als „die Propheten, in gewissem Sinne die kühnsten Volkstribunen, unablässig gegen die Großen ihre Donnerstimme erhoben haben und einerseits die Begriffe des Reichtums und der Ruchlosigkeit, der Gewalttätigkeit und der Bosheit in so innige Verbindung gebracht, wie andererseits die der Armut und Güte, der Demut und der Frömmigkeit."87) Zur Zerr des zweiten Tempels, als von der einen Seite die Zadukäer, die „immer silberne und goldene Utensilien gebrauchen",'^) von der anderen die verschiedenen kommunistischen Sekten, und zwischen den beiden die Pharisäer standen? Oder haben die Kämpfe, die nach dem politischen Verfall der Judenheit entstanden sind— hauptsächlich in Palästina und Babylonien — zwischen den Rabbinen und den Karäern, später — in Spanien und Frankreich — zwischen den Freidenkern und den Orthodoxen gar keine fozialökonomischc Grundlage? Und der große, mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln geführte Streit in Polen, Deutschland, wie auch in anderen Ländern, zwischen den Sabbatianern und deren Gegnern — hat er sich nicht unter andern: auch um verschiedene ökonomische Interessen verschiedener Klassen gedreht? Wurde nicht immer wieder der Vorwurf gegen die gewaltige mit dem Namen von Sabbatei-Zewi verknüpfte messianischc Bewegung erhoben .dieselbe strebe Güter- und Weiberkommnnismus an? Oder besteht diese Einheit heutzutage, wo der Kampf gegen das Bürgertum von dem „Arbeiterbnnd" und anderen Parteien angeführt wird? Gibt es aber keine gleichartige Masse von Juden, so darf keineswegs in verallgemeinender Weise behauptet werden, der Kultus des Juden als solcher sei nur Schacher. Ferner behauptete Marx: „Die chimärische Nationalität der Juden sei die Nationalität des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen."79) Warum die „Nationalität der Juden" eine „chimärische" ist, ist nicht einzusehen; wenigstens machte Marx nicht den mindesten Versuch, seine Behauptungen zu begründen. Soll aber die „Nationalität der Juden" auch eine „chimärische" sein, so ist sie allenfalls nicht diejenige „des Kaufmanns,, überhaupt des Geldmenschen." Weder sind oder waren alle Juden Kaufleute und Geldmenschen, noch sind oder waren alle Kaufleute und Geldmenschen Juden. Selbst in Westeuropa, respektive in Deutschland, wo man den Juden vor der Emanzipation alles, mit Ausnahme des Schachers, verboten hat, schacherten nicht alle Juden. Ein bedeutender Teil 37) Renan: Das Leben Jesu. (C. 10.) »») Aboth de Rabbi Nathan (5). s9) Die Judenfrage (ibidem, S. 429). unter ihnen trieb verschiedene Handwerke, freilich nicht selten unter dem Namen eines Nichtjuden, um sich vor den Verfolgungen des Gesetzes zu verbergen.. In: Gegensatz zu den sogenannten ideologischen Geschichtsforschern überhaupt und zu Bruno Bauer insbesondere, wollte Marx „das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion", sondern „das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden", suchen.") Da aber der „wirkliche Jude", von dem er ausging, unwirklich wie nur einer war, so konnte selbstverständlich das in diesem imagionären Wesen gesuchte „Geheimnis der' Religion" nicht gefunden werden. : „Was in der jüdischen Religion abstrakt liegt. — meinte Marx — die Verachtung der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbst-i zweck, das ist der wirklich bewußte Standpunkt, die Tugend des Geldmenschen. Das Gattungsverhältnis selbst, das Verhältnis von Mann und Weib usw. wird zu einem Handelsgegenstand. Das Weib, wird verschachert.""*) Man sieht, Marx gab sich wieder nicht die leiseste Mühe, seine Anklagen zu begründen, als spräche er von allgemein bekannten und anerkannten Tatsachen. Die jüdische Religion verschachert das Weib! Was soll damit gemeint sein? Soll hier etwa auf die monogamische Form der Ehe überhaupt angespielt sein? Allerdings sagte Fr. Engels von der Monogamie: „Sie wäre die erste Familienform, die nicht auf natürliche, sondern auf ökonomische Bedingungen gegründet wäre, nämlich auf den Sieg des Privateigentums über das ursprüngliche naturwüchsige Gemeineigentum".77) Gehört aber diese Familienform dem Judentum einzig und allein an? Oder nahm dieselbe' hier wenigstens eine besonders grausame Form an? Weder das Eine noch das Andere! Marx altsr ego selbst wies nach, wie sich überall die Monogamie beim Uebergang von der Barbarei in die Zivilisation aus der Paarungsehe herausgebildet hat.* * * * 7") Wo aber tritt uns diese Familienform „in ihrer ganzen Härte" entgegen? In Judäa etwa? Keineswegs! „Bei den Griechen"") und zwar bei den Ioniern") war es, wd nach Engels „die Einzelfamilie" „in der klassisch schroffen Form auftrat."") Gerade die jüdische Monogamie mit dem Recht der Ehescheidung 'ist weit entfernt von der klassischen wie auch von der christlichen Monogamie: sie steht viel näher zu der von Engels gepriesenen Paarungsfamilie, die er bei den alten Germanen fand.") Und lassen sich nach demselben77) bei den spätern Deutschen die Spuren ") Ibidem (S. 425). 70a) Ibidem (428—9). 11) Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates (Stuttgart, 1900, S. 51). 7") S. ibidem (S. 47 u. f.). ") Jbidim (S. 48). ") Ibidem (S. 49 u. s.). ") Ibidem (S. 55).