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Neue jüdische Presse · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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WWW Seite 2. führten Behauptung auch ein Ton des alten und veralteten, neulich von Meininger renovierten und modernisierten Vorwurfs, als sei die Staatsidee dem Judentum ganz und gar fremd geblieben, als müsse dasselbe, seinem inneren Wesen gehorchend, jede Staatseinrichtung untergraben ' Wie aber fast immer jede gegen das Judentum erhobene Anklage von ihrer Antithese begleitet zu fein pflegt, so fehlte cs auch hier nicht an einer der Renan'schen diametral entgegengesetzten Beschuldigung. Sieht Ronan im Jndentum einen dem bürgerlichen Staat gegenüber feindselig stehenden, zur sozialen Utopie hinncigenden Gedankengang, so glaubt dagegen Kart Marx im Judentum keinen anderen als den lebendigen, fleischgewordenen Bourgeoisgeist vor Augen zu -haben. Inwieweit Marx das Wesen des Judaismus verkannt hat, soll im folgenden Artikel gezeigt werden. Antiklerikale und Juden in Frankreich. In meinem letzten Briefe hatte ich die neue Organisation des jüdischen Kultuslebcn besprochen und gezeigt, daß das Judentum in Frankreich sich lebensfähig genug erwiesen hat, - um das, was noch vom alten Reginre geblieben ist, in die - neuen Verhältnisse hinüber zu retten. Ich fügte aber hinzu, daß in einem Lande, wie Frankreich, wo das religiöse Prinzip keinen Einfluß auf die frei gesinnte jüdische Jugend ausübt, cs erforderlich ist, die nationale Seite des Judentums zu betonen, daß wir eine besondere Vergangenheit und besondere Ideale für die Zukunft besitzen. Dennfalls dies nicht geschieht, und das offizielle Judentum sich nur als religiöse Gemeinschaft erklärt, wird es dazu kommen, daß die Antiklerikalen, nachdem sie ihrem Haß gegen den Katholizismus Genüge geleistet haben werden, ihre antireligiösen Gefühle auch gegen das Judentum ausspielen. Vor einiger Zeit hat Herr Allard, Deputierter und Antiklerikaler, von der Höhe der Tribüne des Palais Bourbon herab sehr beleidigende Worte dem Judentum gegenüber hören lassen. Zwar war dies nur theoretisch.' Herr Allard glaubte, in dem Judentum nur seine sogenannte Tochterreligion, das Christentum, zu treffen. Jetzt aber fängt diese antiklerikale Politik an, auch praktisch ihre Früchte gegen das Judentum zu tragen: Diese Woche gerade soll als die erste in diesem „nouveau eours" bezeichnet werden. Diese Woche haben die, die seit der Affaire Drcyfus die Gönner und Freunde des Judentums in Frankreich geworden sind — ich meine die Sozialisten und die Freisinnigen — eine Initiative genommen, welche sehr ernste Konsequenzen haben kann. Es handelte sich um die letzten jüdischen Schulen, welche noch in Paris existieren. Es gibt deren außer dem Rabbinerseminar vier, und zwar zwei in dem Quartier du Marais, in welchem ungefähr 30 bis 40 000 Juden, die meistens aus Rußland, Galizien usw. stammen, wohnen. Diese Schulen sind keineswegs Konfessionsschulen: ihr Programm ist dasselbe wie in den anderen elementaren Stadtschulen. Da aber die jüdischen Eltern oft ihre Kinder nicht am Sabbat arbeiten lassen wollen, da sie oft auch den Verkehr ihrer Kinder mit jüdischen Kameraden, deren Sprache und Sitten und Gefühle - ihnen mehr familiär sind, vorziehen, schicken sie sie gerne in diese Schulen^ wo iitmt Sabbat-Ruhe hält und vom Antisemitismus nichts hört. Mit' der Existenz dieser Schulen nun, sind die Sozialisten nicht zufrieden; und letzten Sonntag hat die Sektion der sozialistischen Federation 'des zweiten Kreises von Paris offizielle Stellung gegen besondere jüdische Schulen genommen. Es, ist das ein merhvürdigesDokument, diese Ausführungen der Federation der Sozialisten, die gerade in diesem Bezirke einen-großen und einflußreichen Teil jüdischer Mitglieder und Führer zählen. Es heißt da: Frankfurter JsvaüitischüS Famikienblatt. „Es ist schon anormal, das; ' in einer Stadt, wie Paris besondere Schulen für Kinder von russischen, polnischen, rumänischen, deutschen und englischen Eltern, die meistens nur den Jargon verstehen, existieren sollen. Noch mehr ist zu bedauern, daß, obwohl die Schulen selbst keinen konfessionellen Charakter tragen, die Kinder nachmittags in der Synagoge einen jüdischen Religions-Unterricht genießen. Es ist ganz unverständlich, daß überhaupt Schulen, die die jüdische Rasse absondcrn und die jüdische Feste und besonders den jüdischen Sabbat heiligen, bestellen. Auf diese Weise kann es so weit kommen, daß es in demselben Stadtbezirke zwei Gruppen Kinder gibt: eine katholische, welche die jüdische bekämpft — und vice versa. — Eine Assimilation der jüdischen Jugend ist so unmöglich, da diese ganz fremd dem Pariser Gcscllschaftslebcn und der modernen Weltanschauung gegcnnbcrsteht. — Uni hiergegen zu steuern, gibt es nur ein Mittel: die Umwandlung der speziell jüdischen Schulen in allgemeine, wo man den Sabbat usw. nicht feiert, und die gleichzeitige Zerstreuung der jüdischen Schüler in die verschiedenen französischen Schulen, damit sie als Minorität sich eher assimilieren. . . . Die „Federation soeialiste de France“, die in der Pariser Munizipalität eine große Menge Mitglieder zählt, wird in diesem Sinne letztere beauftragen, und der Ausgang bleibt nicht zweifelhaft: Hat doch' vor kurzem dieselbe Munizipalität einem . jüdischen Großhändler die Erlaubnis, am Sonntag arbeiten zu dürfen, da er Samstags ruhe, verweigert unter dem Vorwände, der Sabbat trüge nur einen religiösen Charakter! . . . Es ist wahr, daß trotz Antikatholizismus die Sonntagsruhe in der Republik herrscht und die christlichen Feiertage gefeiert werden. Gegen diesen Einwand hat man ja eine sichere Autlvort: die Juden in Frankreich machen nur eine Minorität aus, sie müssen sich als solche der Mehrheit fügen. Diese Tyrannei der Mehrheit nennt man „sozialistisch“. Die entscheidende Frage für das französische Judentum ist, ob seine Vorsteher den Mut haben, das moralische und historische „Ich", welches seit Jahrtausenden nie den Fortschritt und den Patriotismus der Juden geschädigt hat, wieder heranszuarbeiteu. . . .- Rur daun werden sie auch die Freisinnigen und Sozialisten verstehen, nur dann wird die jüdische Jugend zu ihnen zurückkehren. Dr. N. S. Reichstagswahlen und Antisemiten. Der Ausfall der eben stattgefundcnen Wahlen hat für uns Juden gewiß nichts Erfreuliches: haben doch die Antisemiten unleugbar bedeutende Erfolge erzielt. Welchen Zweck es aber haben soll, daß diese Erfolge von jüdischen Zeitungen aufgebauscht und übertrieben werden, ist völlig unerfindlich. So stellt der „G.-A. s. d. I. d. I.“ in seiner Nr. 6 eine Liste auf, nach der die Antisemiten diesmal über 150 000 Stimmen mehr, als 1003 erzielt haben. Er verschweigt dabei aber, daß die Lage eine ganz andere war, als bei den letzten Wahlen, daß z. B. das Zentrum in einer ganzen Reihe von Wahlkreisen diesmal beim ersten Wahlgang für die Antisemiten eingetrctcn ist, nicht weil cs heute antisemitischer denkt, sondern weil es den verhaßten Liberalen einen Streich spielen wollte. Aber auch die Liste selbst wimmelt von Unrichtigkeiten. So sind z. B. für Elberfeld 14 000 antisemitische Stimmen ausgeführt. 'Rur. ist dort ein Christlich-Sozialer (Linz) gewählt, der ausdrücklich erklärte, daß er jederzeit für die Gleichberechtigung der Inden eintreten und sich .im Reichstag derReichsparte i anjchließen werde. Ferner sind durchaus nicht alle Bauernbündlcr zu den.Antisemiten zu rechnen, wie dies .gleichfalls in-dev erwähnten Liste geschieht. - Durch das Zusammengehen der 'sogenannten nationalen Parteien haben sich die Wahlen dies- 7. mal unter Verhältnissen vollzogen,, die eine ziffernmäßige Vergleichung mit früheren. Wahlgängen ausschließen. Die „Welt", die bei ihren Betrachtungen über das Wahlergebnis in die. gleiche Kerbe haut, schreibt u. a. folgendes: „Aber auf eines möchten mir doch noch Hinweise», das vielleicht auch die Herren des Zentralvereins einmal zum Nachdenken veranlassen wird. Die Antisemiten haben diesmal 119 000 Stimmen mehr aufgebracht als früher und haben im ganzen hinter sich mehr als eine halbe Million Wähler. 500 000 deutsche Reichstagswähler haben schon in der Hauptwahl antisemitisch gestimmt. Wenn wir rechnen, daß von den 600 000 deutschen Juden 250 000 Rcichstagswähler sind, so haben mir das Resultat, daß auf jeden jüdischen Reichstagswähler zwei antisemitische kommen, und auf jeden Juden überhaupt ein antisemitischer Wähler. Und dabei sind die Zentrumswähler.nnd die konservativen Wähler, die Antisemiten, sind (und die letzteren sind es fast alle), gar nicht mitgerechnet, und nicht mitgerechnet sind auch die nationalliberalcn und freisinnigen Antisemiten.“ Man sieht, hier verringert sich der antisemitische Zuwachs von 150 000 auf 119 000. Die angeschlossene Berechnung, nach der unter den 600 000 deutschen Juden 250 000 Reichstagswähler sein sollen, leidet an einem kleinen Fehler: Es gibt nämlich unter diesen 600 000 Juden auch Frauen, Minderjährige und Ausländer, welche Kleinigkeit der Wahlstatistiker der „Welt“ übersehen zu haben scheint. Nach der Statistik von 1900 waren nur 46,72°/« der Bevölkerung über 25 Jahre alt;, ziehen wir noch die Ausländer mit etwa 5 o/o und die Frauen ab, so bleiben als stimmberechtigt nur 130000 jüd. Wähler übrig. Wir wiederholen, der Ausfall der Wahlen ist für uns unerfreulich, aber zu Kleinmut und Befürchtungen ist kein Anlaß, noch weniger freilich zu Uebertreibungen, wie die hier erwähnten. M. L. Die Woche. Es ist eine längst bekannte Krankheit mancher Schriftsteller, stets orginell sein zu wollen. So vertreten denn drei Schriftsteller bezüglich des Verhaltens der osteuropäischen Juden zur russischen Revolution grade das Gegenteil der allgemeinen Ansicht, und zwar sind dies die nicht unpopulären Schriftsteller: „Achad Hoom“, „Dr. Klausner“ und „Dr. S. Bernfeld“, deren Ansicht dahin geht: Die russischen Inden dürfen sich an der Revolution nicht beteiligen. Unseren Lesern ist unser Standpunkt in dieser Frage bekannt, und vielleicht werden noch manchen unsere Worte, die wir bereits in unseren Spalten demselben Dr. Bernfeld zur selben Frage entgegneten, erinnerlich sein; doch erachten wir es für angebracht, wiederum auf diese Frage näher einzugehen. Aus zwei Gründen kann man einen aktiven Anteil der Juden an der Revolution verurteile»: 1. Ans einer Verurteilung einer Revolution überhaupt. 2. Aus besonderer Rücksicht der prekären Lage der Juden unter den Völkern. Aus welchen dieser Erwägungen heraus ist nun Herr Bernfeld gegen eine Anteilnahme der Juden an der Revolution? „Ich bin kein prinzipieller Gegner jeder Revolution; der Abfall der Niederlande, die Entthronung der Stuarts und die Unabhängig keitserklärung der Vereinigten Staaten waren zweifellos revolutionäre Akte, aber von sittlicher Berechtigung und der Menschheit s e g e n b r i n g e n d.“ — Und welche Revolution war denn für die Menschheit nicht segenbriugend? Etwa die französische? — Herr Bernfeld steht auf dem Standpunkt Taincs, ohne jedoch außer acht zu. lassen, was auch Tainc niemals getan hat, daß dieses Ereignis in der Folge einen „in ä ch t i g e n K ultnrfort sch ritt bedeutete“. — Vielleicht aber ist die russische Revolution unsittlich, da zwecklos? — „Die gegenwärtige russische Revolution war'(man behalte das genaue Datum!' Anmerkung des.Schreibers.) bis zum 30. O k t ö b e r ,1905 ‘ * e l> e n s o ethisch tu i e ersprießl i ch." — Also Herr Bernfeld ist kein Gegner der Revolution, auch nicht

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