Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692518--03021-2697676
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

« > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementspreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. All. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— L.. .. 9 Ke-aKttorr mrd HsfchäfisstMe: SranKfurt a. M.. Lleichstraße 2, Lcke vilbelerstraße Vttefon 10507. t -M! Heratt-gevep: AalU Heis. Jnserttonspreise: Die diergefpaltene Petttzeile. *5<Pfe. Die Reklamezeile .. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ö. Jahrgang. Freitag, den 1. Läar 5667 (15. Febrnar 1967). No. 7. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Alte und neue Juden, von Dr. F. Frankel, Bem. — Antiklerikale und Juden in Frankreich. — Reichstagswahlen und Antisemiten. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Ein Jomkippur, von Ernst Schwarz. — Sprechsaal. — Wochen- Kalender. — Kunst und Literatur. — Familiennachrichten. Alte und neue Juden. Ein Kapitel aus der jüd. Soziologie. Von Dr. F. Frankel (Bern). 1. Bnckle über die Juden g csch ich te. (Fortsetzung.) Georg Förster, der — im Gegensatz zu Buckle — blos die direkten 'Einflüsse des Klimas, besonders der Nahrung, auf die Menschen ins Auge gefaßt Ijat»* * * * * * 8), wurde in dieser Meinung erschüttert, als er auf folgende auffallende Tatsache gestoßen war. Er bemerkte nämlich, daß die Neu- Caledonier trotz der Dürre des Landes an Größe und Körperkraft die. Tanesen überragen, welche doch die Bewohner eines günstigen Klimas sind und also auch: bessere und mannigfaltigere 'Nahrung bekommen.»8) Er konnte sich daher nicht mehr „mit Buffon entschließen, den Gemütscharakter, die Sitten und den Geist der Völker lediglich vom Klima abhängig machen zu lassen."-8) Er fühlte sich vielmehr zu der Annahme gezwungen, daß „die Wirkung der Nahrung durch ursprüngliche Stammesverschiedenheit zwar nie vernichtet aber leicht verdeckt oder überwunden werden könne."-») Nach Buckle, müßte man umgekehrt sagen: Die „ursprüngliche Stammesverschiedcnheit" könne durch Wirkung neuer Nahrung, neuer Lebensbebedingungen überhaupt, — allerdings nicht leicht — „verdeckt", im gewissen Sinne auch „überwunden" werden, wenn auch vielleicht nicht gänzlich. So habe es nach Buckle der Jude durch seine Uebersiedelung nach Europa erreicht, daß er sich von der „barbarischen" Kultur befreit, den Götzendienst aufgeben und seinen eigenen Deismus, welchen er in der Heimat nicht zu begreifen vermochte, verstehen lernen konnte. Nun aber ließ Buckle in seinen flüchtigen Bemerkungen über Israels Geschichte folgende Frage, . die er. doch notwendig stellen mußte, offen: Ja nach ihn: in Palästina gar keine Bedingungen gewesen wären, um die Annahme des „Deismus" möglich zu machen, da nun ferner diese Bedingungen in Europa gegeben seien, wie kam es denn, daß jener gerade in Palästina entstanden und von dort nach. Europa — nicht aber umgekehrt — gebracht worden ist? »*) Vergleiche Georg Forster's Aufsatz über die Leckereien, zitiert bei Hettner (Geschichte der deutschen Literatur, Braunschweig, 1869, S. 361 — 362). »9) S. Jacob Moleschott: G. F. der Naturforscher des Volkes (F. a. M. 1857, S. 43). - "- Ibidem (S. 57). Ibidem (S. 43). ' Buckle, müßte aber von seinem Standpunkte aus noch weiter fragen: Woher kam in die altjüdische Theologie nicht nur der für Europa vassende Deismus, sondern noch eine ganze Reihe von rein demokratischen Ideen, die nach ihm ausschließlich in Europa entstehen können? Wie drang dahin das Postulat von der Gleichberechtigung der Einheimischen wie auch der Fremden hinein? — Ein Postulat, das selbst in der heutigen europäischen Gesellschaft nicht ohne Beschränkungen durchgesührt worden ist. In Wirklichkeit war aber der fortgeschrittene Gedanke des Judentums nicht — wie man etwa nach Bnckle annehmen müßte — ein fremdartiges Element in dem sozialen Organismus, in dem er entstanden ist: er ist vielmehr das innere Wesen des ganzen demokratische,l Gesetzgebung, die bis zum Kommunismus reicht, aber sich aus Mangel an gegebenen Bedingungen nicht realisieren konnte. Denn um die materiellen Güter demokratisieren und eine kommunistische Wirtschaft organisieren zu können, fehlte damals neben anderen sekundären Bedingungen auch die Hanptbedingung, und zwar — die dazu notwendige Entwickelung der Produktionsmittel. Der.Monotheismus hing — wie schon hier und da beinerkt worden ist — mit der sozialen Gleichheit zusammen. In den alten aristokratischen Gesellschaften, wo die Klassengegensätze bis auf's äußerste getrieben wurden, ist der Politheismus, wenigstens der Dualismus, vorherrschend gewesen. Die soziale Einheit, mit der göttlichen Einheit an der Spitze, für welche das Prophetentum kämvfte, waren einerseits mit den Traditionen des Judentums, die sich wenigstens teilweise auf den, Lande lange genug erhalten hatten, verbunden, andererseits mit den Bestrebungen des Landvolkes, dieselben wieder ausleben zu lassen und wieder herzustellen. Die aufkommendc Geldwirtschaft untergrub fortwährend die Ueberbleibsel des agrarischen Kommunismus. Die Juden — die alten nicht minder als die neuen — gehören zu den Nomadenvölkern, welche — nach Karl Marx — „zuerst die Geldform entwickelt haben.--) Sind auch im alten Judäa Handel und Industrie noch wenig verbreitet gewesen, entstanden trotzdem hier schon früh — wie Letournean nachwies-8) — Privateigentum, der Gebrauch des Geldes und Gesellschaftsdifferenzierung. Damit stimmt auch der Schluß, zu dem Karl Kautsky in seinen Untersuchungen gelangte, überein.8») Es war also diesen vorgerückten ökononiischen Beziehungen gemäß, daß schon vor dem politischen Verfall des jüdischen Volkes sich innerhalb desselben eine bedeutende Proletariatsarmee herausgebildet hat,88) deren Reihen nicht ausschließlich aus Lumpenproletariern, sondern auch: aus Lohn- M) Kapital (Hamburg 1872, Bd. 1, S. 67). , *3) L’evautiop de la propriete (C. 12). 2t) Geschichte des Sozialismus (Bd. 1, S. ). as) S. Moreau Christophe : Du probleme de la misire (II. 85 u. f.); R6nan: Das Leben Jesu (C. 10); KaUtSky'(ibiäeui). arbeitern bestanden. Finden wir doch schon in Deuteuronomium88) und dann im der Mischna8») — von dem Talmud und. der spätern jüdischen Literatur zn schweigen;— eine ganze Serie von Gesetzen, welche dazu bestimmt waren, die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Lohnarbeitern zu regulieren, und zwar fast immer zn Gunsten der letzteren. Rabbi I o ch a n a n und R a b — jener der erste Begründer des jerusalemischen Talmuds, dieser des babylonischen — blieben der angedeuteten Richtung treu. Rabbi Jochanan lehrte: Entsteht bei der Miete von Arbeitern ein Mißverständnis, so kann der Arbeiter kündigen, nicht, aber der 'Arbeitgeber.88) Und Rab sagte, als die Rede von den Lohnarbeitern ging: Es steht geschrieben: Denn die Kinder Israels sind meine Knechte,88) — also können die Israeliten einander nicht kaufen.88) Schon zur Zeit des zweiten Teinpels finden wir streng kommunistisch organisierte Sekten, unter denen die Essäcr und die Therapeuten besonders bekannt geworden sind.8») Ohne Zweifel unter dem Einfluß derselben gründeten sich auch die ersten christlichen Gemeinden auf kommunistischer Basis.»») In der Gemeinde zu Jerusalem ging man sogar so weit, daß man kein Bedenken trug, gegen diejenigen, welche etwas zurückbehielten, was der Genieinde gewidmet war, den Terror nicht nur zn proklamieren, sondern — einer nicht unglaubwürdigen Tradition nach — auch zu praktizieren.88) Findet nun Dr. Fr. Straus, daß die ganze Richtung der Essäer der sonstigen Art des Judentums ganz und gar fremd sei,88), so meint dagegen Er. Renan, daß die kommunistische „Lebensweise" „in höchst berechtigter Weise aus dem Mosaismns hervorging".8») Fragt man nun: Wieso? so lautet die Antwort: „Da die mosaische Gesetzgebung wesentlich moralisch und nicht politisch war, so war ihr natürliches Produkt die soziale Utopie, die Gemeinde, die Synagoge, das Kloster, und nicht der bürgerliche Staat, .die Nation, die Stadt".88) Hier spricht aber aus Rsnan das Verschwommene, Zerfahrene und Unreale in seinem eigenen Geiste, die Renan in den Mosaismus verlegen wollte, welcher so gerade präzis und tief im realen Leben wurzelt. Andererseits aber hört sich in der ange- 8«) 24 (14—15). 8») Vergleiche: Dmai (3, 1; 7, 3); Kilaim (7, 6); Schwüt (5, 8); Baba-Mezia (6, 7); Aboda» Soro (5, 1, 9). * 22) Talmud Jeruschalmi (Baba-Mezia 6, 2). 88) Talmud Jeruschalmi (ibidem). 8°) S. Philonis Judaei opera (Franforti, 1691, S. 876—78 : 889 nsw.); Josephus: Geschichte des jüdischen Krieges (Bd. II, 8, 3—4); Kautsky (ibidem). 8l) S. Renan: Die Apostel (C. 5); Kautsky (ibidem). 22) Apostelgeschichte (V, 1—11). 8S) Das Leben Jesu (Stuttgart, Emil Straus Verlag, T. 1, S. 88). 2») Die Apostel (C. 5).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.