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Neue jüdische Presse · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 5. Seite 4. FrMkfmkep Israelitisches Familienblatk. ' Frankfurt a. M. Sorgfältig werden die Reichstagrwahl-Ergebnisse in bezug auf antisemitische Kandidaturen gesichtet,. ausgestellt und verglichen, als wenn davon das Heil der deutschen Judenheit abhänge. Wir haben diesen Sport der meisten jüdischen Blätter nicht mitgemacht, wir haben uns auch nicht über ■ das Anwachsen der antisemitischen Stimmen und über die Wahlsiege der Antisemiten entsetzt, deün wir wissen, daß der Antisemitismus ausnahmslos bei allen Parteien würdig vertreten ist. Sogar die „Proletarier aller Länder", die Sozialdemokraten entpuppen sich, wenn sie schlechter Laune sind, als waschechre Antisemiten. Auf die antisemitische Wählpropaganda in Fürth haben wir bereits aufmerksam gemacht, heute können wir einen antisemitischen Erguß der hiesigen „Volksstimme" verzeichnen. Das Blatt läßt sich nämlich in seiner letzten Zkwnmer über das „Franksurter Ttichwahlergebnis" wie folgt vernehmen: „Es gibt kaum eine herrschsüchtigere Gesellschaft, wie die jüdisch-kapitalistische Demokratie". Darmstadt. In Sachen des Gesetzentwurfes betreffend die Verfassung und Verwaltung der israel. Religionsgenieinden des Großherzogtums Hessen haben die Vorstände der israel. Religionsgemeinden zu Mainz, Darmstadt, Bingen und Gießen eine Antwort auf die Gegenvorstellungen der orthod. Religionsgcscllschasten der gleichen Orte gerichtet, in der sie sich bemühen, das Unberechtigte der Befürchtungen seitens der Orthodoxen klarzulegcn. In dieser Antwort heißt es nun: „Da jede israelitische Religionsgemeinde gewisse Kosten verursachende Einrichtungen voranssetzt (Synagoge, Rabbiner, Vorsänger, Religionslehrer, Schächter, Friedhof usw.j, so verlangt auch der Entwurf ÄS'Voraussetzung für die Neubegründung einer neuen Reliaionsgeineinde, daß mindestens ein Viertel der selbständigen, einen eigenen Haushalt führenden Angehörigen der bisherigen Religionsgemcinde diese Hieügrundung verlangen." Auf Grund einer derartigen Bestimmung hätten die orthod. Religionsgcsellschasten in Mainz, Darmstadt, Bingen und Gießen nicht entstehen können und würde sich wahrscheinlich nie, eine Separatgemeinde bilden können. — Also sind die Befürchtungen der Orthodoxie doch berechtigt! '.' Cassel. Wie sich herausstellt, ist in mehreren Wahlkreisen der Antisemit nur mit Hülfe der freisinnigen Parteien gewählt worden. — Im Wahlkreise E s ch w e ge - S ch in al k a ld en erhielten in der Hauptwahl: Raab (A.) 8946 St., Eckhardt (Soz.) 7262 St., Kimpcl (Frs.-Bpt.) .5424 Stimmen. — In der Stichwahl geivählt: Raab (9t.), Im Wahlkreise Weimar-Apolda erhielten in der Hauptwahl: Gräf (A.) 8982 St., Bändert (Soz.) 11432 St., Weiß (Frs. Vpt.) 7277 St. — In der Stichwahl gewählt: Gräf (A.). Im Wahlkreise Lanterbach-Alsscld erhielten in der Hauptwahl: Bindewald (A.) 6455 St., Dr. Wallau (Ntl.) 6200 St., Reh (Frs. Vpt.) 4340 Stimmen, Orbig (Soz.) 4194 &t. — In der Stichwahl gewählt: Bindewald (21.). Berlin. Stiftungen. Der vorgestern verstorb--ne frühere Mitinhaber der Bankfirma Jacguier u. Securius. Herr Sigismund Samuel, hat testamentarisch je eine halbe Million der Stadt Berlin, der Korporation der Kaufmannschaft von Berlin und der hiesigen jüdischen Gemeinde vermacht Berlin. Eine intereffante Statistik über die _ auf dem jüdischen Friedhöfe in W c i ß e n s e e erfolgten Beerdigungen ist für die Zeit vom 1. April 1905 bis 31. März 1906 von den beiden Friedhofsbeamten Wcidcnreich und Moses zusammengestellt worden. Ter Bericht enthält gleichzeitig bemerkenswertes Material aus dem Vcrwaltungsgebiete des Friedhofes und gibt in trockenen Zahlen, die vielfach' auch die ganze Periode der nunmehr 26'Jahre bestehenden Ruhestätte umfassen, ein deutliches Bild über alle in diesem Ressort vorkommenden Fragen. Wir entnehmen aus dem Berichte folgendes: In dem Berichtsjahre wurden 1723 Leichen bestattet (1325 Erwachsene, davon 728 männlichen und 597 weiblichen Geschlechts: unter den 398 Kindern bis zum 12. bezw. 13. Jahre befanden sich 72 totgeborene und 207 unter einem Jahr). — Bei 645 Beerdigungen waren Prediger zugegen, 931 fanden mit liturgischer Andacht statt; 147 Kinder (unter 30 Tage alt) wurden ohne Zeremonie beigesetzt. Chorgesänge fanden bei 295, Harmoniumbegleitung bei 3 Beerdigungen statt. Von der Eröffnung des Friedhofes am 9. Sept. 1880 bis zum Schluß des Berichtsjahres sind in Weißensee 29 827 Leichen beerdigt worden. Berlin. Die Zahl der taubstummen I n b en Deutschlands betrug nach den „Medizinalstatistischen Mitteilungen aus dem Kaiser!. Gesundheitsamt" im Jahre 1902: 757 — 1,36 ans tausend Juden, während auf 1000 Katholiken nur 0,92 und auf 1000 Evangelische sogar nur 0,83 Taubstumme kommen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 2. Febr. In der gärigen Gemeinderats-Sitzung gelangte ein Schreiben der Herren Max, Julius und Hofrat Dr. Theodor Ritter von G o m p e r z zur Verlesung, in dem sie als Verwandte der am 19. Januar verstorbenen Fräulein Franziska von Wertheimstein Mitteilen, daß ihre Verwandte ihr in Oberdöbling gelegenes Besitztum der Stadt Wien vermacht habe: her Garten, der einer 8er größten Privatgärten Wiens ist, solle unter dem Namen „Wertheimstein-Park" als öffentlicher Garten und das Haus als Volksbibliothek Verwendung jinden. In der gleichen Sitzung wurde Kenntnis von mehreren bedeutende» Spenden jüdischer Geber an Arme ohne Unterschied der Konfession gegeben, d. h. — bei der Wiener Stadtleitung — mit Ausschluß der Juden. Die antisemitischen Stadtväter Wiens, die in ihrem Bereiche einem Inden nicht einmal die bescheidenste Stelle gönnen, akzeptieren selbstverständlich jüdische Spenden skrupellos mit'Bravorufen; die edlen Spender aber verdienen, eine Tracht Prügel dafür, daß sie als .Juden ihre eigenen Glaubensgenossen ausschließen, Wien. Nach dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Wien betrugen i» Wien die Zahl der Austritte aus dem Indent u m c 1903 582 und 1904 590. Unter diesen Fahnenflüchtigen sind alle Bevölkernngsklassen und alle Altersstufen vertreten. Brüx. Bei dem hiesigen Sckwurgerickte findet gegenwärtig die voraussichtlich eine Woche in Anspruch nehmende Verhandlung gegen die Direktoren der „judenreincii" landwirtschaftlichen Spar- und Vorschußkasse statt, bei deren Revision sich ein ungedecktes Defizit von über 3 Millionen Kronen heransgestellt hatte. Als einmal der Obmannstellvertreter den kaiserl. Rat Black, einen Juden, zur Wahl Vorschlag, da opponierte die Direktion aufs heftigste und erklärte, die Kasse müsse „judcnrein" bleiben, und so sind nun Juden von Ver.'usten verschont geblieben. Nntzland. Petersburg. Am 27. Januar legte der siebenjährige Eli A m o k o l s k i, der Sohn einer armen Witwe, auf dem hiesigen K o-n s e r v a t o r i u m d.ie Eintrittsprüfung ab. Der Junge spielte auf der Violine einige schwere Stücke mit so viel Takt, Gefühl und Geschick, daß die Professoren vor Ueberraschung starr wäre» und sich darum stritten, wer von ihnen das Wunderkind als Schüler bekommen solle. Warschau. »Der Weg" beschäftigt sich seit einiger Zeit eingehend mit Mißständen an der „L o in s e r I e s ch i w o h". Trotzdem die Jeschiwoh in Louis nur 60—70 Schüler habe, .seien 42 Meschulchim (Geldsanimler! für sic unterwegs; und dabei werde für den Unterhalt der Schüler nicht einmal das Notwendige getan. Moskau. Der Kriegsminister beabsichtigt, einen Feld-Rabbiner für die jüdischen Soldaten anznstellen. Besser wäre, den jüdischen Soldaten die Wahrung ihrer Rechte zu gewährleisten. So ist eincni Inden, der den russisch-japanischen Krieg mitgemacht hatte, trotz aller Bemühungen das Wohnrecht in Moskau nicht bewilligt worden. Odessa. Die bebräische Zeitschrift »Haschil o a ch erscheint wieder. Odessa, 3. Febr. In einigen Bczi'ken der Stadt kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen der jüdischen Selbstverteidigung und bewaffneten Holigans, welche die jüdischen Läden zu zerstören begannen. — Die gefangenen Mitglieder der Selbstverteidigung wurden dem Kriegsgerichte übergeben! Ldeffa, 5. Febr. Es erschienen Proklamationen mit der Unterschrift: »Die weiße Garde". Diese droht in den Proklamationen Pogrome auf Juden an. Die Lage ist sehr beunruhigend. Türkei. Konstantinopel. „Le Moniteur Oriental" bringt in seiner Nummer vom 9. Januar unter dem Titel „Israelitischer T u r n v e r e i n" eine lange : Notiz, der folgendes Wesentliche entnommen sei: „Der sportlich-artistische Abend, den der I. T.- B. am Samstag veranstaltete, hatte in diesem Jahre einen ganz besonderen Erfolg. Alle Sportvereine Konstantinopcls waren vertreten, und kein Turnlehrer fehlte. Das Schauspiel eröffncte eine Pyramydc, gestellt von 20 sechsbiS zwölfjährigen Knaben. Dann folgten „Karneval - Ucbungen", ausgearbeitet von M. H. Abraham, die ebenso amüsant, wie kompliziert und schwierig waren und ohne den geringsten Zwischenfall verliefen. Die Reck- und Barren-Uebungen der Männerriege und der Knabenabteilnng zeigten die lleberlegenheit des Israelitischen Tnrnvereins über alle anderen unserer Stadt. Ein griechisch-römischer Ringkampf — als Intermezzo — erheiterte das Publikum auf ein Viertelstündchen. Die zwei jüngsten „Athleten" des Vereins, Samy Baumgarten (7 Jahre) und Richard Ludwigsohn (8 Jahre) waren diesmal die Helden. Die Mädchenabteilung unter Leitung der Tnrnlrhrerin, Frl. Wcißenberg, verdient alle Achtung; ihre Stab- und Keulen-Uebungen waren vorzüglich. — Gemischte Chöre und ein Theaterstück vervollständigten im übrigen das Programm. — Das Ganze verlief glänzend, auch' die Kasse hat sehr gut abgeschuitten. Besten Erfolg fürs nächste Jahr!" Persouirtteru Frankfurt a. M. Unbeugsame, eiserne Kraft Ivar es in erster Linie, die den am letzten Sonntag hier zur ewigen Ruhestätte geleiteten Herrn Seligmann Oppenheimer s. A. auszeichnete. Sein ganzes, an Mühsal und Arbeit reiches Leben war ein unablässiges Ringen nach Selbstvervollkommnung, : nach jüdischer Selbstvervollkommnung, und ein -unablässiges Streben danach, das rein und voll Errungene seinen zahlreichen Kindern zu vererben. Er war in seiner mächtigen jüdischen Begeisterung aus dem Holze unserer. Altvorderen geschnitzt, er wäre im stände gewesen, alles ruhigen, freudigen Sinnes dahinzugeben, um nur der Lehre unseres Gottes bis ins Kleinste treu zu bleiben. Dabei lebte trotz dieser rastlosen, energischen Tätigkeit im Grunde , seines Wesens ein Kinderherz, das allem Leid und Elend zugetan war und das sich am sonnigsten und wärmsten seiner Gattin .gegenüber — l'hawdil bei»/ lachajim, wlameisim — aufschloß, einer Frau von " unendlicher, grenzenloser Güte und Aufopferungsfähigkeit. Geliebt; verehrt und.betrauert von allen,,, die je zu ihm in Beziehung traten, schmerzvoll beweint von seinen Angehörigen, ist er heimgegangen. Möge der tiefgebeugten Gattin das Bewußtsein Trost ' werden, daß aller Lippen und Seelen der Bewunderung und des Lobes voll waren, da er "die Auge» schloß, möge den ernst und stark herangeblühten Kindern der Gedanke an sein gesegnetes Erdenwallen Trost und Ansporn werden. Berlin. Den Titel Professor erhielten die Oberlehrer Dr. Philipp A r o n st e i n - Mislowitz, Heinrich Oppler -Berlin und Dr. M oritz G o l d s ch m i d t - Kattowitz. Unter den 74 jüdischen Oberlehrern an nichtjüdischen Anstalten in Preußen führen nunmehr 38 den Titel Professor. Brandenburg. Geh. Kommerzienrat Gumpert, Ehrenbürger der Stadt Brandenburg und Repräsentautenvorsteher der jüdischen Gemeinde, feierte mit seiner Gattin Anna geb. Cahu das Fest der g olde n e n H o ch z e i t. Köln a. M. Im Alter von 61 Jahren verschied der Fabrikant Louis Gotisch alk, Ritter des. Eisernen Kreuzes 2. Klasse. Köln a. Rh. Rabbiner Dr. Frank wurde der Rote Adlcrorde» 4. Klasse verliehen. Thor«. Das allgemein geschätzte David F r i e d l ä n d e r' sche Ehepaar feierte in Rüstigkeit das Fest der g o l d e n e n H o ch z e i t. Wien. Die Hochzeit des Raron Nathaniel von Rothschild- London mit Fräulein R o s s i k a von W e r t h e i in st e i n - Großwardein findet hier am 6. Februar statt. Entgegen früheren Berichte» stellt sich jetzt heraus,' daß die Wertheimstein's nicht getauft sind. ' l Zürich. Das frühere Vorstandsmitglied der jüd. Gemeinde A l b e r t L i e b m a n it, Teilhaber der Gctreidcfirma L. Lieömann's Söhne, ist g e st o r b e n. Liebmann war einer der angesehensten Juden Zürichs. In Genf wurde der aus Rußland cingewanderte Professor der Mathematik, Dr. I. L Y o n von der Straßenbahn überfahren und tödlich verletzt. Schon nach wenigen Tagen erlag er seinen Wunden. Leiden (Holland) Der jüngst verstorbene Professor der hebräischen Literatur und der jüdischen Altertümer Dr. H. Ort h hatte besonders das Judentum in den letzten vier Jahren vor der Zerstörung des Tempels erforscht. Großes Aufsehen erregte im Jahre 1880 ein zwischen ihm und Oberrabbiner Tal geführter Streit über eine schwierige Stelle im Talmud; eine Frucht dieses Streites war die 1881 erschienene Schrift „Evangelium und Talmnd vom Standpunkt der Sittlichkeit verglichen." 1883 hielt Orth auf dein 6. Oricntalistenkongreß einen Vortrag: „Ursprung der Blütbeschuldignng gegen die Juden." Mailand. Jesaija Graziado As coli, der große Meister der Sprachforschung, ist nicht mehr. Die Wissenschaft der vergleichenden Sprachforschung hat einen ihrer scharfsinnigsten und vielseiligsten Vertreter, Italien einen seiner berühmtesten, auch ini Auslande bekanntesten und anerkanntesten Gelehrten verloren. Geboren am 16. Juli 1829 in Görz, war Ascoli ursprünglich für den Kaufmannsstand bestimmt, wandte sich aber schon sehr früh dein Studium der Sprachwissenschaft zu und brachte es auf autodidaktischem Wege dahin, daß er bereits im 16. Lebensjahre eine Aufsehen erregende Arbeit über die Verwandtschaft des walachischen Dialekts mit dem von Friaul veröffentlichen konnte. Er befestigte seinen wissenschaftlichen Ruf durch das bedeutende Werk „Studii orientali e linguistici" (1854 ff.), eine Sammlung von sprachwissenschaftlichen Abhandlungen, die manche originelle und beachtenswerte Ansicht aussprcchen; u. a. behauptet er das Vorhandensein zahlreicher semitischer Elemente im Etruskischen. Dieses Werk trug ihnr, der weder Gymnasium noch Universität besucht hatte, 1860 die Berufung auf den Lehrstuhl der'Sprachwissenschaft an der Academia scientificolettcraria in Mailand ein, deren Präsident er später wurde. Ascoli hat das Interesse für Sanskrit und Sprachvergleichung, für romantische Philologie und für tiefere wissenschaftliche Erkenntnis des Sprachgeistes in Italien wirksam und nachhaltig gefördert, eine große Anzahl der namhaftesten jüngeren Sprachforscher seiner Landes, wie Morosi, Mussani,

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