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Neue jüdische Presse · 1907-02-08 · Heft 6 (8.2.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 6 (8.2.1907)
Date
1907-02-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Seite 5. Nr. 6. Frankfmkter Jscaelitisckjes Familienblatt.' Dall'Oca, «ubernat» u. r. sind puf seiner Schule hervorgegangen. 1888 ehrte die italienische Regierung seine Verdienste durch Ernennung zum Senator. 1902 trat er von seinem akademischen Lehramt zurück. Die Zahl seiner wissenschaftlichen Publikationen ist sehr bedeutend. Die meisten davon haben auch im Auslande, speziell bei den deutschen Fachgenossen, rückhaltlose Anerkennung gefunden und ihm namentlich den Ruf eines der ersten Kenner der romanischen Mundarten und des Lautwandels in den indogermanischen Sprachen verschafft. Äscoli war Mitglied fast aller wichtigeren gelehrten Gesellschaften des Jn- und Auslandes. Vor wenigen Jahren wurde er mit der. höchsten preußischen Auszeichnung für Gelehrte, dem Orden Pour le mvrilc ausgezeichnet. „Nein," wiederholte er, indein er sich Mit den Fingern durch den dunkeln Vollbart fuhr; er wußte nicht, wie er's Vorbringen sollte, was ihm doch auf dem Herzen lag. Besorgt blickte sie zu ihm auf. „Mir scheint. Dir ist nicht gut." „Ach, Schtus — mir ist schon gut — aber — aber — mir scheint — Tini — ich bin manches Mal nicht gut zu Dir gewesen." - „Unsinn, wie kommst Du auf solche Geschichten?" „Also ist es nicht wahr? — hast Du nicht manches Mal durch mich geweint?" „Wer wird davon reden, — ein bischen weinen, das schadet nichts, das macht das Herz nur leichter." Er atmete schwer auf. „Also habe'ich Dir doch das Herz oft schwer geinacht. — Trage es mir nicht nach, Tim — und gut Jomtof! — bitte Dir viel Ein Jomkippnr. Bon Ernst Schwarz. (Fortsetzung). Ein lauter Krach. Reb Meier fuhr auf, das Gebetbuch war seinen Händen entglitten und polternd auf den Fußboden gefallen. Rasch bückte er sich, hob es auf und drückte es an die Lippe», ehe er es auf den Tisch legte. 1 Aber — wo war er denn? — hing dort am Fenster nicht sein Kittel? — und er hatte ihn doch angehabt, als er beim Minchagebet vor dem Bet-' pult gestanden — und die Jomkippurkerze war zwar schon ein beträchtliches Stück herunter gebrannt, aber nach Minchah mußte sie doch schon viel kleiner sein — und wie war er denn eigentlich von der Synagoge nach Hause in sein Zimmer gekommen? — er konnte sich nicht daran erinnern. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, ihm war so seltsam zu Mute wie noch nie in seinem Leben. — Und plötzlich tvard es ihm klar, er war noch gar nicht vor dem Betpult gestanden, er hatte sich erst auf sein morgiges Beten vorbereiten wollen, und dabei war er eiugeschlasen und hatte solch Entsetzliches geträumt. — Gott sei Lob und Dank, daß cs nur ein Traum gewesen! — Noch lief es ihm kalt über den Rücken, wenn er sich das Entsetzliche vergegenwärtigte, ^wie er vor dem Betpult gestanden und stecken geblieben Ivar, und wie alle gelacht und ihm nachgespottct hatten. — Wie man nur solch tolles Zeug träumen kann! — Aber es sollte ihm doch eine Warnung sei», er mußte sich ernstlich vorberciten, damit ihm nicht morgen in Wirklichkeit begegne, was ihm heute im Traunre zugestoßen war. Abermals griff er nach dem Gebetbuchc, und abermals durchschauerte es ihn kalt. — Es ging doch nicht, — die Nacht war schon ziemlich weit vorgeschritten, die Natur forderte ihr Recht, er mutzte sich niederlegen, sonst hätte er am Ende gar am Jomkippur verschlafen und zu spät in die Synagoge kommen können. Hoffentlich würde er morgen während der sog. Slichos sich im Stillen vorbereiten können. Er begab sich hinüber in das Schlafzimmer. Seine Frau lag schon längst in ruhigem Schlummer, unwillkürlich blieb er vor ihrein Bette stehen. Der Schein des flackernden Nachtlichtes fiel ihr grade in's Gesicht, inerkwürdig, wie schön sie noch tvar, sie hatte doch schon einen erwachsenen Sohn und sah noch so jugendlich aus, so keusch, so rein, so mädchenhaft schön. — Nie war ihm das so ausgefallen. — Ob es wahr Ivar, was ihm geträumt hatte, ob auch sie oft über ihn geweint hatte? — Er kam sich selbst plötzlich hassenstvert vor, wenn er der Möglichkeit gedachte, daß diese sanfte, schöne Frau seinetwegen Tränen vergossen haben sollte. — Es war vermutlich auch nicht wahr — und doch, schroff war er sehr häufig gegen sie gewesen, das konnte er sich nicht verhehlen. .Schwer ausatmend entkleidete er sich und legte sich nieder. Spät war er zu Bett gegangen, doch frühzeitig war er wieder auf. Als seine Frau am folgenden Morgen erwachte, war er bereits vollständig angekleidet und stand an dem Fußende ihres Bettes. „Wünschest Du etwas?" fragte sie. „Nein," erwiderte er mit seltsam belegter Stimme.' > „Du scheinist doch etwas zu suchen." Gutes ans." Sie erwiderte seinen Wunsch und blickte ihm kopfschüttelnd nach. Sie war ernstlich beunruhigt, in solch weicher, milder Stimmung hatte sie ihren Mann noch nie gesehen. Der Tag schritt vor, in tiefster Andacht verrichtete Reb'Meier Löwi die vorgeschriebencn Gebete, trotzdem toich der Traum der rwrwichenen Nacht nicht aus seinem Kops. Beständig glaubte er sich vor dem Betpult stehend, nach dem Worte ringend, dasselbe beginnend — und doch außerstande, cs zu beenden. Wenn er sich wenigstens wie sonst vorbereitet hätte, dann, glaubte er, wäre es ihm nicht angst gewesen, aber so — Gott im Himmel, wenn ihm das in Wirklichkeit geschehen würde, sich zu blamieren vor der ganzen Gemeinde! — ihm, Reb Meier Löwi! Ob sic in Wirklichkeit über ihn lachen, ihm nachäfscn würden? Er fuhr sich mit dem Tuche über die Stirn, die von kalten Schweißtropfen perlte. Je weiter der Tag vorrückte, je mehr die Zeit des Minchahgottesdienstes nahte, desto inehr stieg seine Angst. Vergebens hatte er versucht, sich während der Slichos vorzubereiten, es war ihm nicht gelungen. Das Herz pochte ihm, er fühlte es bis hoch hinauf zum Hals, oft war er kaum imstande zu atmen durch diese entsetzliche Angst, nie im Leben hatte er dieses Gefühl gekannt. — Warum konnte ihn Gott nur so strafen? — er war doch stets fron»» gewesen, hatte nie den Sabbat entweiht, hatte nie eine unerlaubte Speise genossen, und den zehuteir Teil seines Einkommens hatte er nie für sich verwendet. Aber — aber — er glaubte die tiefe, machtvolle Stimme zu hören, die er in der verwichenen Nacht vernommen hatte. — Sollte es denn wahr sein, hatten in Wirklichkeit so viele Menschen über ihn geweint? — Er konnte es nicht glauben, — und doch — er liebte seine«: Sohn doch aufrichtig und war dennoch im Begriff, das, tvas derselbe als Glück seines Lebens betrachtete, durch seine Unversöhnlichkeit, durch seine Rachsucht zu zerstören. — Er wußte cs doch aus eigener Erfahrung, was es heißt, die zu verlieren, aic der das Herz des Mannes in der Glut der ersten Liebe hängt. -- Ein halblautes Acchzeu entrang sich seiner Brust. Doch weil sein Vetter sein Lebensglück zertrümmert hatte, . darum wollte er aus Rache das Lebensglück seines Sohnes zertrümmern? — seines einzigen Sohnes? — Das hatte doch keinen . Sinn, das war der reinste Wahnsinn! Aber an dergleichen durfte er jetzt nicht denken, jetzt mußte er alle seine Gedanken darauf richten, daß er beim Minchagebet nicht stecken bleibe. — Herrgott, stecken bleiben! — Wie das Herz ihm pochte, so laut, so überlaut. — Er glaubte, sein Nachbar müsse es hören, denn eben hatte ihn derselbe mit solch eigentümlichem Blicke angeschaut. — Ob er Unwohlsein vorschützend erklären sollte, daß er heute nicht vorbeten könne? — Aber nein, an: Jomkippur lügen! — unmöglich! Aber es war doch eigentlich keine Lüge, er fühlte sich in der Tat durchaus nicht wohl. — Aber die Zeit war bereits zu weit vorgeschritten, die Slichos des Mussafgebetes waren bereits beendet,' er konnte nicht mehr zurücktreten. „Barmherziger Gott im Himmel, stehe mir bei! lasse mich nicht zu Schanden werden vor deiner Gemeinde!" Nicht ohne Anstrengung richtete er sich auf zu seiner vollen Höhe, seine Haltung war vielleicht noch strammer als sonst, aber sein Gang war nicht so ganz sicher, als er zu dem Betpult hintrat. „Herr Gott im Himmel, erbarme dich meiner!" Der Minchagottesdienst begann, sein Herz pochte lauter und lauter, seine Angst stieg mit jedem Satz, den er vorzutragen hafte, und grade dadurch erhielt sein Vortrag eine Innigkeit wie nie zuvor. In tiefster Andacht lauschte alles seiner Worte. Ein Weilchen fühlte er sich sicherer, dann aber steigerte sich seine Aufregung wieder, mehr und mehr, je näher er dem Satze kam, bei dem er im Traum der Nacht gestockt hatte. — Wie würde es gehen? — „Erbarmen! Erbarmen!" (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Löbliche Redaktion! In letzter Zeit werden an mich aus verschiedenen Gegenden Deutschlands, in ivelchen der sattsam bekannte S i m o n Trompeter aus T e m b i c a in Polen (Galizien) sich als Landstreicher herumtreibt und die jüdischen Armenkassen abschnorrt, Anfragen gerichtet, ob es wahr sei, daß ich diesem Individuum ein Zeugnis ausgestellt habe, daß er ein anständiger Mensch sei. Demgegenüber sei mir gestattet, der Wahrheit gemäß vor der breiten jüdischen Oesfentlichkeit zu bekunden, daß ich dem Simon Trompeter, der — zu unserer Schande sei es gesagt — kurze Zeit hier Kantor tvar, nie ein Zeugnis ausgefolgt habe. Bevor seine Schwindeleien und antisemitischen Treibereien an das Tageslicht gefördert worden sind, habe ich ihn auf sein flehentliches Bitten an einige Herren in fremden Gemeinden empfohlen. Diese Empfehlungen, die ich privatim an die betreffenden Herren schickte, waren ganz privater Natur. Simon Trompeter kann in regulärer Weise nicht in den Besitz dieser Empfehlungsschreiben gelangt sein, die ich übrigens ini „Israelit", in der „llng. Wochenschrift", in der „Oesterr. Wochenschrift", in der „Welt" und im „Birovitican" widerrufen und den guten Mann entsprechend charakterisiert habe. In Pozega (Slavouien), wo er Kantor war, hat er in dieser Eigenschaft die Judengemeinde und ihren Rabbiner bei den dortigen Franziskanern verleumdet, daß in der Synagoge allsabbatlich gegen das Christentum Brandreden gehalten werden. Ebenso hat er. dieser Mensch, hier eine schamlose antisemitische Hetze tu Szene setzen wollen, was ihm aber bei der friedliebenden christlichen Bevölkerung des hiesigen Ortes nicht gelingen konnte. — Sehr interessant ist noch die Tatsache, daß dieser, wenn auch äußerst raffinierte, dennoch in gewissem Sinne plumpe und ungebildete „Am ha-arez" sich als hiesiger und Pakracer Rabbiner ausgegcben hat. Im Interesse der jüdischen Sache sehe ich mich schon zum wiederholten Male verpflichtet, unsere Brüder im deutschen gleiche vor dem in Rede stehenden Landstreicher ernstlich zu warnen. Birovitica. Dr. H. E. Kansmann. Rabbiner und Präsident des jüdisch-nationalen Literatur-Vereins Zerubabel in Birovitica. Wocheu-Kalender. (Zettangaben nach dem buncb.) Samstag, den 9. Februar (— 25. Schwat): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M 5 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frank'nrt a. M 6 Uhr 20'Min. Berlin 5 Uhr 55 Min. Der dieswöcheatlicho Sabbat ist Schabbos- P a r s ch a s - S ch e k o l i m , d. h. der Sabbat, an dem außer den: laufenden Wochenabschnitt noch der Abschnitt von den Schekelspenden verlesen wird. Es werden also zwei Thorarollen ausgehoben. Der Bollsmund nennt den Schabbos einen „g nie n" (d. h. besseren) Schabbos. In den nächsten Wochen folgen vier solcher „besseren" Sabbate, die durch Vorlesung eines besonderen Thoraabschnittes ausgezeichnet sind. Der laufende Thora-Abschuitt Mischpot im ist der e r st e, der ein größeres Kompendium von eigentlichen „Gesetzen" vorführt. Bisher war dcr Pentateuch fast ausschließlich geschichtlichen Inhalts. Mischpotim führt uns in das jüdische Zivil- und K r i m i n a l r e ch t ein. Wir hören von Rechten und Pflichten des Dienstherrn, des Sklaven, der Magd, von Vergehen gegen Person und Eigentum des Rebcnnienschen, Verwundung, Beschädigung, Tötung des Nebenmenschen, Verantwortung für Schaden, der durch Absichtlichkeit, Leichtsinn und Unvorsichtigkeit entsteht, durch Menschen und Tiere, an Menschen, an Tieren und leblosem Eigentum, bei geliehenem und aufbewahrtem Gut, Veruntreu-

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